Studiomythen Teil2

hier ein kleiner Text zu mir zum Irrtum, dass große Räume besonders räumlich klingen müssen:

https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/studiomythen-widerlegt-grosse-raeume-klingen-gross.html

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Sisyphos und die Integrationslüge

Es ist Frühling. Deine beste Freundin aus Kindergartenzeiten geht mit ihren Kindern durch den Park. Sie ist im Hamburger Westen aufgewachsen, der Vater der Kinder in Marokko. Sie begegnet einer freundlichen älteren Dame, die ihrem Entzücken darüber Ausdruck gibt, wie niedlich die Kleinen sind und zum Abschied ergänzt: jetzt reiche es aber auch mal mit der Vermehrung, oder?
Dein Mitbewohner, dessen Mutter in der Türkei geboren wurde, antwortet auf die Frage, die ihm sein Zahnarzt stellt, selbstverständlich und wahrheitsgemäß mit „Vechta“. Der Zahnarzt daraufhin irritiert, Nein, wo er „wirklich“ her komme.
Der in Deutschland geborene Philipp Awounou posiert mit seiner in Deutschland geborenen Freundin für ein Werbefoto, das die beiden als werdende Familie zeigt. Seine Freundin hat einen deutschen Nachnamen, das sieht man ihr an. Philipp sieht man seinen Nachnamen auch an. „Mörder.“ „Vergewaltiger.“ „Neger.“ „Zum Kotzen!“ sind noch harmlose Kommentare im Vergleich zu vielen andern, die er daraufhin bekommt.

„Wir Deutschen“ sagen: „wir haben nichts gegen Ausländer, sobald die den Willen mitbringen, sich zu integrieren.“

Und wir lügen. Das ist nichts anderes als eine krasse und dreiste Lüge.

Ein Freundin von mir sagt, sie fahre nicht gern mit den Öffentlichen, weil sie dort Angst hat, wegen der fremd aussehenden Menschen. Eine der Kommentatorinnen, des Werbefotos von Philipp A. schreibt ihm, es täte ihr leid, dass sie ausländerfeindlich sei, aber das sei die Folge ihrer Erfahrungen mit Gruppen von Männern, die sie wiederholt belästigt haben. Sie fühle sich nicht mehr sicher. Ich selbst meide in der Regel Zusammenstöße mit Gruppen von Männern, die nach Migrationshintergrund aussehen. Früher haben genau solche Gruppen von Jungs mich etwas zu oft bespuckt und tätlich angegriffen, weil ich in ihren Augen zu hippiemäßig herumlief. Das sitzt drin. Also: ja. Wir haben da ein Problem.

„Wir Deutschen“ sagen: „die sind aggressiv, die integrieren sich nicht, also sollten wir sie auch nicht hereinlassen.“

Und wir irren uns. Wir vertauschen Ursache und Wirkung. Die Gruppen von Jungs, die mich früher angegriffen haben, waren in erster Linie eines: Gruppen von Arschlöchern. Ich wurde auch von Nazis angegriffen, wenn ich welche traf, nur dass die Nazis nicht bei mir um die Ecke wohnten. Die Jungs, die mich bespuckt haben, waren genau so deutsch und genau so scheiße wie manche Jungs nun eben sind. Es gibt auch irgendwie zu denken, dass die Aggressivität von Männergruppen gegen Frauen meist eben nicht dazu führt, dass Frauen Angst vor Männern haben. Solange diese Männer deutsch aussehen. Wo liegt da die Aktion und wo die Reaktion? In einem Land, in dem einem laufend suggeriert wird, nicht dazu zu gehören (da gibt es ein prominentes Zitat eines Innenministers) ist es eine Sisyphos-Aufgabe, sich zu integrieren. Eigentlich nicht zu stemmen.

Ich bin überzeugt: Menschen, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, teilen zwei ganz zentrale Grundbedürfnisse. Das nach Individueller Abgrenzung und das, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Menschen wollen sich integrieren. Man kann sich aber nur integrieren, wenn eine Gruppe bereit ist, einen aufzunehmen. Wenn wir eine Gesellschaft vorfinden, die bestimmten Gruppierungen ihre individuelle Abgrenzung selbstverständlich zugesteht, ohne je die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Frage zu stellen und anderen Gruppen wiederum jegliche Form der Abweichung übel nimmt und sie selbst bei vollständiger Assimilation noch immerzu daran erinnert, dass sie „eigentlich“ nicht dazu gehören, dann kann ich darin keinen Willen zur Integration erkennen. Und zwar erst einmal auf Seiten der Gesellschaft nicht.

In Deutschland leben zig Millionen Menschen, die aus voller Überzeugung grundsätzliche Werte ablehnen, die das Fundament eines gewaltfreien Zusammenlebens bilden. Etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung hält es beispielsweise für möglich, dass Juden durchtriebener sind als andere Menschen (thematisiert wird Antisemitismus jedoch, als wäre es ein importiertes Problem). 13% der Deutschen sind rechtsextrem, die Hälfte davon gewaltbereit. Selbst diese radikale und militante Gruppe ist zahlenmäßig größer als die sämtlicher Muslime in Deutschland. Die 0,012% radikalen Muslime hingegen sind (auch wenn auch sie nicht alle militant sind) sicherlich eine Herausforderung, aber ich finde es schon irgendwie wichtig, vor Augen zu behalten, dass hier 11000 schwer integrierbaren Salafisten etwa 11 Millionen Rechtsradikale gegenüber stehen, bei denen eine Integration noch viel schwerer sein dürfte. Das macht nach Adam Riese eintausend gewaltbereite Nazis auf einen muslimischen Eiferer.
Wie wollen wir Menschen dazu ermuntern, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, in der es normal klingt, zu fordern, man solle Kinder, die in antisemitischen Milieus aufwachsen, von ihren Eltern trennen und dabei natürlich allen klar ist, dass sich das nicht auf deutsche antisemitische Milieus bezieht?

Wir sollten stattdessen anfangen, darüber nachzudenken, wie wir 33 Millionen Menschen, die für rechtsextreme Denkinhalte empfänglich sind, in eine Gesellschaft integrieren, die frei von Rassismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit sein soll. Was die militanten Nazis betrifft, ist die Frage angebracht, ob wir sie überhaupt integrieren wollen. Leider bleibt uns wohl nicht anderes übrig. Ganz sicher ist es nötig, darauf zu bestehen, dass diese Menschen sich erst einmal zu einem respektvollen Zusammenleben bekennen, bevor wir sie als Teil von uns betrachten. Toleranz wäre absolut deplatziert. Hier liegt das größte Integrationsproblem unserer Zeit. Das packen wir nicht an. Wir sprechen nicht einmal darüber. Warum? Es gibt nur eine Antwort. Weil es offenbar doch gar nicht um die Werte geht. Es geht um die Hautfarbe. „Wir Deutschen“ sind eine Integrationslüge auf zwei Beinen. Umgekehrt wird nämlich ein Schuh draus:

Wir Deutschen haben nichts gegen Ausländer, sobald wir den Willen mitbringen, sie zu integrieren.

Bis dahin gerät schon der Versuch, sich anzupassen, zur Farce. Das wissen wir eigentlich ganz genau. Und wir tun trotzdem so, als läge die Verantwortung für die zwangsläufig auftretenden Schwierigkeiten bei denen, die wir nicht rein lassen.

Deutschland passiv aggressives Vaterland.

P.S. die Zahlen zum rechtsextremen Gedankengut stammen aus der bereits hier erwähnten Sinus Studie, die zwar nicht aktuell ist, aber zeigt, dass sich die Proportionen zwischen 1980 und 2010 nicht signifikant geändert haben. Wenn überhaupt, dann mit Tendenz in Richtung rechts. Ich gehe also für meine Betrachtungen davon aus, dass sie auch heute ungefähr gültig sind.
P.P.S. ja, ich weiß, dass es diese „wir Deutschen“ nicht gibt. Ich übernehme hier den Blickwinkel der Leute, die sich als „die Deutschen“ fühlen. Das sollte nicht damit verwechselt werden, dass ich diesen Blickwinkel teile oder irgendwie für richtig halte.
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Studiomythen Teil 1

Ich schreibe jetzt auch woanders:
Studiomythen Teil1 (bonedo)

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Habe ich eigentlich Angst vor der Zukunft?

Das wäre ja durchaus begründbar.

Vielerorts häufen sich Anzeichen dafür, dass totalitäre, nationalistische und menschenfeindliche Haltungen im Trend sind. In den USA, in Russland, in China sowie mehreren osteuropäischen Staaten und der Türkei sind Einzelpersonen und Gruppen an Macht und Einfluss gelangt und zementieren diese mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Das tun sie, indem sie Nationalismus und Hass auf verschiedene Minderheiten schüren und gehen dabei strategisch so viel geschickter und skrupelloser vor als jene, die sich gegen sie stellen, dass es aussichtslos scheint.

Da fehlt aber was.

Es sieht, wenn man der Angst folgt, so aus, als läge die Wurzel des Problems in den totalitären, nationalistischen und menschenfeindlichen Haltungen der aufstrebenden Gruppen und dem damit verbundenen Populismus, der die Diskussionskultur ganzer Gesellschaften vergiftet. Das führt zu so absurden Argumenten wie dem, dass es ein Fehler sei, Ausländern überhaupt Zutritt zum deutschen Gemeinwesen zu gewähren, weil man damit Ausländerhass stärke. Die Ursache für die Vergiftung der Gesellschaft sind aber nicht die Menschen, die von außen herein kommen. Die Ursache für die Vergiftung der Gesellschaft sind nicht einmal diejenigen, die sie aktiv von innen vergiften.

Ich finde es wichtig, zu betonen, dass der Kampf für eine offene Gesellschaft (so richtig er ist) ebenso wenig die Lösung unserer Probleme sein kann wie Nationalismus und Hass deren eigentliche Ursachen sind.

Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht einmal mehr Alternativen zu einem Zusammenleben ernsthaft diskutiert, das auf Verknappung, Übervorteilung und Ausbeutung anderer und einem als Grundkonstante jeglicher Motivation irrtümlich angenommenen „natürlichen“ Egoismus basiert. Dass in Wirklichkeit der weitaus größte Teil aller Menschen subjektiv Glück und Erfüllung darin findet, für andere, für die Gemeinschaft oder wenigstens für irgendein Ideal seine praktischen Interessen mehr oder weniger vollständig aufzugeben, ist zwar ganz klar erkennbar der eigentlich zentrale Grundpfeiler der gesamten Wirtschaft, wird aber erstaunlich geflissentlich übersehen¹.
Es ist nicht besonders schwer, herauszufinden, dass die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte zwar von einer zunehmenden Freisetzung enormer Kräfte begleitet war, die inzwischen die technische Möglichkeiten bieten auch eine schnell wachsende Weltbevölkerung mit allen zu versorgen, was für ein glückliches Leben nötig wäre.
Ebenso offensichtlich ist allerdings auch, dass dies nicht passiert.
Nun könnte man sagen: prima, dann machen wir das jetzt.

Wir haben es aber nicht mit einem Lapsus zu tun, bei dem eine Korrektur genügen könnte, Fehler erkannt, korrigiert, alle glücklich und satt.

Nein. Der Fehler ist nicht im System, der Fehler ist das System selbst.
Und wir fallen auf einen Trick der Rechten herein.
Wenn der Gedanke formuliert wird, Zuwanderung müsse zahlenmäßig begrenzt werden, weil sonst Überfremdung und Verknappung drohe, werden damit zwei Grundannahmen als gegeben hingestellt.

Erste Grundannahme:
Menschen aus anderen Kulturen = Gefahr für die eigene Kultur.

Das ist theoretisch und praktisch falsch. Zunächst zum praktischen Aspekt ein Beispiel.
Natürlich ist jede Form von Diskriminierung, auch importierte, abzulehnen. Allerdings ist, so sehr die deutsche Geschichte vom Export diskriminierender Ideologien geprägt ist, bisher kein Fall bekannt, wo eine solche tatsächlich in nennenswerter Größe importiert wurde. Auch eine rein theoretische Zuwanderung von, sagen wir, einer Million antisemitischer Hardliner könnte die Zahl der Antisemiten in Deutschland kaum signifikant steigern.
1980 gab Helmut Schmidt die „Sinus“-Studie in Auftrag. Sie kam aufgrund der Befragung von 7.000 Wahlberechtigten zum Ergebnis, dass 13 oder mehr Prozent der westdeutschen Bevölkerung über ein sogenanntes „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ verfügten. Etwa 6-7% der Westdeutschen hielt sogar Gewalt für ein probates Mittel, um dieses rechtsextreme Weltbild durchzusetzen. Weitere 37 Prozent der Befragten waren zwar laut Studie durchaus empfänglich für rechtsextreme Inhalte, positionierten sich aber allgemein gegen Antisemitismus. Eine Neuauflage dieser Studie im Jahr 2002² zeigte, dass sich das geändert hatte. Nun stimmte ein ganzes Drittel der Befragten der These zu, dass der Einfluss „der Juden“ „zu groß“ sei und etwas mehr als die Hälfte mochte der Annahme nicht widersprechen, dass Juden irgendwie hinterhältiger seien als andere Menschen. Das sind hochgerechnet mindestens 40 Millionen Menschen.
Vierzig.
Millionen.
Antisemiten.

Warum denken wir aber, die Gefahr käme von Außen?

Der theoretische Teil. Hier hilft ein bisschen (zugegeben grob zusammengefasste) Kapitalismuskritik. Der Kern der kapitalistischen Wirtschaft liegt in der Erzeugung von Profit durch die Abschöpfung des Mehrwertes. Der Mehrwert ist das, was ein Produkt mehr einbringt als es die Produzierenden kostet. Die Produzierenden investieren Lebenszeit in die Erschaffung des Produkts, diese Lebenszeit kostet soviel Geld, wie nun mal zum Leben gebraucht wird, einfache Rechnung also. Die sogenannten „Arbeitgeber“ profitieren davon, dass die Lebenszeit der Produzierenden ein gutes Stück günstiger zu haben ist als das, was ihnen der Verkauf des Produktes einbringt. Und zwar in dem Maße, in dem die Produzierenden bereit sind, ihre Lebenszeit günstiger zu verkaufen. Wären die Produzierenden allesamt Egoisten, wäre mit ihnen schwer Profit zu machen. Sobald aus Egoisten nun aber Nationalisten werden, greifen Argumente wie die „Konkurrenzfähigkeit der Deutschen“ – sie sind also eher geneigt, den Gürtel noch etwas enger zu schnallen und genau deswegen ist der Nationalismus eine wichtige Bedingung des Profits. Erstaunlicherweise geschah die Erfindung des Nationalismus rein zufällig gleichzeitig mit der Ausbreitung des industriellen Kapitalismus. Es ist nun für Unternehmer enorm wichtig, dass ihre Angestellten solidarisch sind, und zwar nicht kleinlich mit ihresgleichen, sondern ganz großzügig gleich mit der ganzen Nation.
Mit den Unternehmern also auch.
Und ebenso misstrauisch gegenüber allem Importiertem wie gnädig gegenüber allem Deutschen. So kann es passieren, dass sich viele über Monsanto aufregen und keiner über Bayer. So kann es auch passieren, dass uns ein paar tausend Antisemiten aus dem Ausland in Angst versetzen, während wir zig Millionen biodeutsche Antisemiten für nette Mitbürger mit etwas merkwürdigen Ansichten halten.

Die These, Zuwanderung bringe die Gefahr der Verknappung, stellt eine zweite angenommene Kausalität in den Raum:
zu viele Menschen = Versorgungsengpass.

Das ergibt nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass das Angebot gottgegeben sei und lediglich die Nachfrage kontrollierbar. Tatsächlich ist das vielleicht in der Jungsteinzeit so gewesen, heute verhält es sich ziemlich genau andersherum.
Mehr noch als die solidarische Volksgemeinschaft ist nämlich die Konkurrenz das Mittel, Profit zu steigern. Konkurrenz wiederum basiert auf Verknappung. Beispiel. Es gäbe mehr als genug Arbeit für alle arbeitsfähigen Mitglieder der Gesellschaft, wenn man nur willens wäre, sie gleichmäßig zu verteilen. Das geschieht nicht. Warum? Da ist man erstaunlich ehrlich. Weil es dem Profit schadet. Nur solange eine Grundsicherung unterhalb des Erträglichen die einzige Alternative bleibt, sind Menschen auch bereit, ihre Lebenszeit zu einem Tarif herzugeben, der einen Witz darstellt im Vergleich zu dem, was sie in dieser Zeit an Werten durch ihre Arbeit erschaffen. Würden wir alle Vollzeitstellen der Republik in Teilzeitstellen umwandeln, müsste die Gesamtheit der sogenannten Arbeitgeber ein paar Millionen mehr Menschen mit so viel Geld versorgen, wie diese zum Leben brauchen. Tun wir nicht, also sparen die das.
Man kann insofern das „Problem“ Arbeitslosigkeit als doppeltes Geschenk an Unternehmer begreifen:
Erstens steigt durch Verknappung der Arbeitsplätze die Bereitschaft, für weniger Geld zu arbeiten. Zweitens zahlt praktischerweise die Gesamtheit der Steuerzahler (also die Arbeitenden selbst) die spärliche Grundversorgung derjenigen, die für den erwünschten Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt sorgen.

Auf dem Warenmarkt ist die Verknappung ebenso künstlich. Sobald die „Gefahr“ droht, dass eine bestimmte Ware in so großen Stückzahlen produziert wird, dass daran keinerlei Mangel herrscht, also der Preis leidet (auch da ist man beeindruckend ehrlich), gilt die Vernichtung ganzer Berge von Waren ganz selbstverständlich als geboten. Profit ist eben wichtiger als Versorgung. Wo es keinen Engpass gibt, gibt es keinen Verteilungskampf, also keinen Profit. Wir leben nicht in einer Überflussgesellschaft, sondern in einem System der künstlichen Verknappung. Beispiel. Wohnungen sind deswegen knapp, weil es sich nicht lohnt, sie in genügender Stückzahl zu bauen. Die Mieten würden ja sinken. Wenn nun die Nachfrage steigt, weil mehr Menschen eine Wohnung brauchen, bewirkt das, dass die künstliche Verknappung sich noch günstiger für die Eigentümer bzw. ungünstiger für die Wohnungssuchenden auswirkt. Die Schuld dann den Wohnungssuchenden zu geben ist zwar freundlich gegenüber den Eigentümern, aber schon irgendwie sachlich falsch.

Was tun wir aber, wenn wir dem Satz begegnen, dass die Zuwanderer eine Gefahr für unsere Kultur und für unseren Wohlstand darstellen?

Wir reagieren entrüstet, sagen, dass so etwas rassistisch sei und wohin Rassismus führe, habe man ja gesehen. Das ist so gut gemeint wie verheerend.

Wir haben in dem Moment, in dem wir diesen Satz überhaupt beantworten, schon der These zugestimmt, dass zwischen der Menge der Zuwanderer und der Existenz von Antisemitismus und Wohnungsnot so etwas wie ein ursächlicher Zusammenhang bestehe. Wir lassen zu, dass die wahren Gründe für diese Probleme fast vollständig verdeckt werden von einer Diskussion darüber, ob es menschlich sei, „deswegen“ Menschen im Mittelmeer ersaufen zu lassen oder nicht. Als ob sich diese Frage stellen würde.

Dass diese Menschen die Ursachen für alle diese Probleme seien, die man ihnen in die Schuhe schiebt – diese leicht widerlegbare These haben wir dadurch eigentlich gestärkt.

Deswegen also noch einmal in aller Deutlichkeit: Nein. Die Ursache für Fremdenfeindlichkeit, Mangel etc. sind nicht die Zuwanderer. Die Ursache liegt im kapitalistischen Konkurrenzmodell, dessen Opfer wir alle sind.

Habe ich also Angst vor der Zukunft?

Nein und Ja. Ich habe nicht so sehr Angst vor denen, die da gerade auf der Angst reiten. Es gibt immer wieder Wellenbewegungen. Erste Welle des Feminismus um 1900, erster Backlash 1933, zweite Welle des Feminismus in den 70ern, zweiter Backlash in den 90ern, dritte Welle gerade gewesen, nun kommt halt wieder ein Backlash. Beim Thema Gleichberechtigung der Geschlechter ist die Perspektive ja entspannt: es muss durchaus gekämpft werden, aber jede Welle startete bisher besser als die vorige. In Puncto Rassismus und Antisemitismus sind Wellenbewegungen weniger klar zu erkennen. Hier sieht es eher so aus, als läge der Hauptunterschied in der Frage, ob z.B. die 40 Millionen Menschen, denen Juden allgemein suspekt sind, dies laut sagen oder nicht. Es wird aber ja nicht dadurch besser, dass sie es nur leise denken.

Ich sehe die Angst auf dem Vormarsch. Rechte Populisten verbreiten Ängste unter ihresgleichen und versetzen damit wiederum alle in Angst, die nicht ihrer Meinung sind. Das ist eklig, wird aber vorbeigehen. Natürlich ist es unbedingt notwendig, mit aller Kraft zu kämpfen, in erster Linie gegen die Angst.
Ich finde also, wir sollten keine Angst haben. Wir sollten klar sagen, was an all dem, was die Rechten fordern und denken, falsch ist. Sie sind und waren schon immer eine Minderheit. Die Mehrheit aber ist stärker, wenn sie will.

Angst habe ich dennoch,

und zwar vor genau dieser Mehrheit, weil sie glaubt, dass das marktwirtschaftliche System in der Natur des Menschen liege.
Vor der Mehrheit, weil sie glaubt, eine Wirtschaft, in der sich alles nach dem größtmöglichen Profit ausrichtet, ließe sich so gestalten, dass sie Mensch und Natur nicht zu Grunde richtet.
Vor der Mehrheit, die denkt, man könne dem Kapitalismus einfach die Eigenschaften einer menschenfreundlichen Gesellschaft beifügen und die dabei übersieht, dass der Kapitalismus all jene Verhältnisse, unter denen Menschen weltweit leiden, überhaupt erst verursacht.
Diese Mehrheit ist es, vor der ich Angst habe.
Und zwar nicht deswegen, weil von ihr eine Gefahr ausgeht, sondern deshalb, weil sie die Gefahr womöglich zu spät erkennt.

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rape culture? me too

Eigentlich wollte ich gar nichts zu dem Thema schreiben, dachte, läuft ja.

Nun ist einige Zeit vergangen, viele Frauen haben ihren ganz persönlichen Bezug zu dem Thema öffentlich gemacht, wenige Männer sind dem Aufruf gefolgt, doch auch mal was zu schreiben. Was zunächst nachvollziehbar scheint. Was soll ein Mann schon dazu schreiben? Ja, ich bekenne mich schuldig? Ja, sexuelle Übergriffe sind scheiße? Ja, ich bin auch schon mal sexuell belästigt worden? Hätte alles irgendwie eine Berechtigung. Klingt alles ein bisschen scheinheilig.

Ich empfand es als einen großen Vorteil des #metoo-Hashtag, dass er so groß angelegt war. Das verbindet eine große Menge Menschen in ihrer persönlichen Erfahrung, was wichtig ist, weil es eben ein großes Thema ist. Macht es aber auch schwierig, eine Position zu finden, sobald es nicht um die eigene Betroffenheit geht. Die ist meist eine Sache der Frauen, Männer stehen stumm und dumm herum und fühlen sich unwohl. Man fühlt sich offenbar schuldig gemacht.
Ich finde, neben der Benennung der Schuld der Täter ist es wichtig zu betonen, wie tief sexuelle Übergriffe in unserer Gesellschaft verwurzelt sind, so tief, dass die Schuldfrage unter Umständen zu kurz greift.

Rape Culture

Deswegen finde ich es durchaus sinnvoll, verbale Angriffe mit Gewaltverbrechen in einen Hashtag zu werfen, nicht weil sie alle dasselbe sind. Nein. Weil sie die selbe Wurzel haben.
Die Tatsache, dass #metoo praktisch Frauensache war, legt nun aber wie von Geisterhand den theoretischen Schluss nahe, dass die Wurzel des Übels Männersache sei. Haben wir so gelernt. Mann Subjekt Täter, Frau Objekt Opfer, stimmt auch im Groben und Ganzen. Ich glaube aber, es ist komplizierter.

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass die Opfer sexueller Gewalt jeweils irgendetwas zu dieser Gewalt beigetragen haben. Ich würde nicht zögern, Leute wegen derlei Behauptungen direkt und in RL zu entfreunden. Zu sagen, was macht die sich auch hübsch, ist ungefähr so klug wie zu fragen, wieso jemand, der seine Fenster geputzt hat, sich eigentlich beschwert, wenn in sein Haus eingebrochen wird.

Ich bin von einer feministischen Mutter erzogen worden. Meine gesamte Pubertät habe ich in einer grotesken Angst verbracht, Mädchen etwas anzutun, das sie vielleicht nicht wünschen. Ich habe erst sehr, sehr spät gemerkt, dass Sexualität etwas ist, das auch mir als Mann Freude bereiten darf, noch als Zwanzigjähriger war mir diese Vorstellung irgendwie zuwider. Ich bin also ungefähr so weit weg von sexuellem Übergriff sexualisiert worden, wie ich mir nur vorstellen kann. Das hat mich nicht davor bewahrt, in gewissen Grenzen übergriffig zu werden.
Ich glaube, es hängt mit allem zusammen, was wir über Geschlechter gelernt haben:

Mann=Subjekt
Frau=Objekt.

Konzentriert man sich, wie #metoo, ausschließlich auf die Aussagen von Frauen, sieht es vielleicht tatsächlich so aus, als sei es einfach. Als sei dieses Grundmuster von Tätern in die Welt gesetzt worden punkt (Hier möchte ich das große Thema dann doch mal ganz entschieden in zwei Teile trennen. Sexualisierte Gewalt geht vom Täter aus und von niemandem sonst. Aber darauf komme ich später zurück. Andere, weniger handfeste sexuelle Übergriffe sind, denke ich, sehr unterschiedlich motiviert).
Für einen Moment möchte ich die Opfer und also die Perspektive derjenigen, die eine Situation als Übergriff erleben, einmal ausblenden. Was geht im Täter vor? Warum tut der Mann das, warum grapscht er an den Hintern, warum macht er die anzügliche Bemerkung? Zwei Möglichkeiten.
Es könnte aus einem Machtanspruch geschehen: eine solche Handlung setzt eine direkte und unmittelbare Hierarchie in die Welt. Vielleicht will der genau das. Das wäre genau wie sexualisierte Gewalt im Kern komplett unerotisch motiviert. Zweite Möglichkeit: er denkt, dass Kontaktaufnahme zwischen Männern und Frauen so anfangen kann. Ja, so anfangen muss. Da kann man dann zurecht einwenden: Falsch gedacht.
Aber ich finde, die Sache hat einen entscheidenden Haken. Das hat der Typ sich nämlich gar nicht selbst ausgedacht. Die ganze Gesellschaft schreit es ihm förmlich von Kindesbeinen am schon aus der niedlichen Fratze eines Disneyfilms entgegen: Frauen machen sich hübsch wie ein Blümchen und warten dann, bis ein Mann kommt, der schnallt, wann und wie diese Blume gepflückt werden will.
Wenn Kontaktaufnahme so gedacht wird, ist die Grenze zur Belästigung fließend. Jungs geraten in diese Situationen, kein Scheiß. Da ist ein Mädchen, es will was von Dir und ist verzweifelt, weil Du einfach nicht von Dir aus aktiv wirst. Wie sähe das denn aus, ein Mädchen kann doch nicht den ersten Schritt tun, es ist ja kein Flittchen. Warum tut der denn nichts? Ich war dieser Junge, habe im Zweifel lieber nichts getan und es nicht selten bereut. Ich war eben viel zu unsicher und habe andererseits, oder auch deswegen, manche der Übergriffe, auf die ich zurückblicke, im verzweifelten Versuch unternommen, Mädchen nicht zu enttäuschen. Aus dieser Zwickmühle führt nur eine sehr kleine Tür heraus. Wäre ich weniger unsicher gewesen, hätte womöglich nicht Unsicherheit sondern Überheblichkeit für einige Verfehlungen Pate gestanden. Ich bin überzeugt davon, dass eine ganze Reihe Männer solche Dinge nicht in dem Bewusstsein tut, etwas Schlechtes zu tun, sondern aus purer Hilflosigkeit. In diesen Situationen ist es schwierig, von Täterschaft zu reden, weil Mann und Frau sowohl Wiederkäuer als auch Opfer desselben Klischees sind. Mann aktiv, Frau passiv. Wir haben da eine Rape Culture in der Mitte unserer Gesellschaft, die genau dort ansetzt: Ein Mädchen ist nicht sexgeil. Und wenn, dann sollte es keiner wissen. Das ist unanständig und schmutzig, sowas sind nur Jungs. Bei denen ist es wiederum genau andersherum:

Ein gesunder Junge will ficken.

So gesehen ist der Grund weshalb manche sich darüber echauffieren, dass Beischlaf neuerdings nicht ohne gegenseitiges Einverständnis zu geschehen habe, zwar klar erkennbar. Der schwedische Gesetzentwurf beinhaltet übrigens die klare Formulierung „genötigt oder gezwungen“ – unter Strafe steht also ganz eindeutig nur der erzwungene Sex und das eben nur dann, wenn die Frau nicht signalisiert, dass sie gerne gezwungen werden möchte. Die Empörung ist also konkret vollständig fehl am Platz, das möchte ich nur nebenbei anmerken. Das Denken, das hinter ihr steht, ist aber durchaus einen genaueren Blick wert.

Es könnte ja durchaus sein, dass die Tatsache, dass eine Forderung als abwegig empfunden wird nicht die Forderung diskreditiert, sondern die Realität. Wieso gilt es denn als ausgemacht, dass der Mann schon irgendwie im Gefühl haben muss, wann er ihn reinstecken darf, weil die Vorstellung zu komisch ist, dass eine Frau vorab zustimmt? Kann es auch nur irgendwie ok sein, wenn der Wille einer Frau, sich auf Tätlichkeiten einzulassen, erraten werden muss?
Zum Glück habe ich in meinem Leben viele Frauen getroffen, die wissen und sagen, was sie wollen. Aber es ist im Prinzip immer noch so, dass ein Mann, der auf sexueller Ebene aktiv versucht, zu bekommen, was er will, als normal gilt, während eine Frau mit der selben Haltung bestenfalls als ganz schön verwegen durchgeht. Bestenfalls. Eigentlich ist sie verdorben.

Die eigentliche Wurzel des Problems liegt, da bin ich sicher, auf einer gesellschaftlichen Ebene, die mit Geschlechtsverkehr erst einmal nichts zu tun hat.

Eine durchaus verwandte tiefere Ebene hat sexualisierte Gewalt. Eine Vergewaltigung ist in erster Linie keine sexuelle Handlung, sondern eine Gewalttat. Hier geht es eben um die Steigerung der Passivität: Unterwerfung.
Sogar Prostitution lässt sich so lesen – bei Umfragen, weshalb sie zu Prostituierten gehen, antworten Freier mit überwältigender Mehrheit, das Geile daran sei, dass die gekaufte Frau alles machen muss, was man will. Es geht nicht um das beknackte Sperma. Alle Meldungen darüber, dass die Zahl der Sexualstraftaten statistisch steige, sobald man Sexkauf verbiete, lassen sich vollständig darauf zurückführen, dass die verbotene Prostitution eben genau ab diesem Zeitpunkt als Sexualdelikt in die Statistik eingeht. Überhaupt ist das gesamte Konzept des Triebstaus inzwischen widerlegt. Wenn man das Aggressionspotential von Menschen misst, bevor und nachdem sie auf Gegenstände eingeschlagen haben, ist das Ergebnis ausnahmslos, dass sie nachher aggressiver sind als vorher.
Das ganze blödsinnige Bild vom Dampfkessel hat nichts mit der menschlichen Psyche zu tun. Es ist nur eingängig, das ist alles.

Es geht nicht um das beknackte Sperma.

Das kann ein Mann leicht loswerden, wenn er will, dazu braucht er keine anderen Menschen zu erniedrigen oder zu nötigen. Es geht gewalttätigen Männern darum, Macht ins Werk zu setzen, zu beweisen, wer die Hosen anhat. Dass deshalb mehr Männer sexualisierte Gewalt ausüben als Frauen, weil Frauen eben keine Schwänze haben, die sie irgendwo reinstecken können, ist zwar schön bildhaft gedacht. Ich halte das aber für einen Trugschluss. Sexuelle Übergriffe gehen auch ganz ohne Penis. Aber sie gehen nicht ohne Gewalt. Männer üben ganz ungeachtet ihres Pimmels häufiger als Frauen sexualisierte Gewalt aus, weil es eben Gewalt ist. Es ist Macht in Reinform.

Wenn eine Gesellschaft Jungs beibringt, dass sie die Fahrer des Trucks sind und Mädchen, dass sie mit etwas Glück schön genug sind, um mitgenommen zu werden, kollidiert das krass mit einer Lebenswirklichkeit, in der auch die allermeisten Männer rein gar nichts zu melden haben. Eine Gewalttat hat das Potential, das als „eigentlich richtig“ erlernte Kräfteverhältnis zumindest momentweise herzustellen. Ich befürchte, am Ende ist es womöglich tatsächlich so deprimierend simpel. Männer erniedrigen Frauen, weil sie mit dem Anspruch aufwachsen, die Könige der Löwen zu werden und das Leben die frustrierende Botschaft bereithält, dass sie Versager sind. Dass sie es, gemessen an diesem Anspruch, niemals zu etwas bringen werden.

Es ist also überhaupt nicht jetzt mal gut.

Es ist unbedingt nötig, noch viel weiter zu gehen und den ganzen Mist mal auszukehren. Niemand braucht Vorstellungen wie die, dass Männer aktiv und Frauen passiv zu sein haben. Niemand braucht die Vorstellung, dass nur ein erfolgreicher Mann ein echter Mann ist. Genau solche Vorstellungen sind nämlich die Wurzel der ganzen Scheiße. Wir, Männer und Frauen, können diese Wurzel gemeinsam ausreißen.

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so alt, so voller Hass

Nein, ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn Leute Autos anderer Leute anzünden und sich dabei in einem politischen Kampf wähnen. Meinetwegen soll man auch versuchen, diese Leute zu finden und sie angemessen bestrafen, wenn man sie gefunden hat. Das wäre nur gerecht, schließlich macht man das mit anderen Randalierern auch.

Aber das ist nicht der Punkt.

Seit der G20 über die Bühne gebracht wurde, arbeitet die Hamburger Polizei, die Bild-Zeitung, Wutbürger aus den dunklen Tiefen der Republik und wer immer sich berufen fühlt, daran, ein Bild linker Terroristen zu erfinden und zu verbreiten.
Da machen dann Couchpotatoes in der ganzen Republik ihr eigenes Fantasy-Kopfkino auf und halluzinieren Bilder von Massen linker Chaoten, die alle eingesperrt gehören, weil sie „den schwarzen Block“ ja nicht daran gehindert haben, Straftaten zu begehen. Keiner von denen war wohl jemals auf einer Demo. Die Vorstellung, dass Teilnehmer sich allein schon schuldig gemacht hätten, weil sie mitgelaufen sind, während der Zug brandschatzend durch die ganze Stadt gezogen sei, ist an Realitätsferne kaum zu überbieten. Es ist zwar durchaus anzunehmen, dass die Autos von Menschen angezündet wurden, die sich teilweise dem schwarzen Block zurechnen. Das haben die aber nicht während der Demos gemacht, sondern in kleinen Gruppen, ganz ohne Mitläufer. Die schwersten Verstöße, die den eigentlichen Demonstrationsteilnehmern überhaupt zur Last gelegt werden können, sind Flaschenwürfe.
Es wird mit vereinten Kräften suggeriert, dass die Verantwortlichen für die Eskalation auf der Seite der Gipfelgegner stehen. Auch das ist nicht wahr.
Man muss nicht dabei gewesen sein, um das zu erkennen. Es reicht, sich anhand öffentlich verfügbarer Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte ein Bild zu machen.

Der absolut überwiegende Teil der Gipfelgegner hatte überhaupt nicht vor, in eine gewaltsame Auseinandersetzung zu geraten oder irgendetwas zu zerstören.

Das betrifft nicht nur die großen Demos, die von allen möglichen Verbänden getragen wurden und die vielen Aktionen, die friedlich und symbolisch angelegt waren, sondern auch und gerade die „Welcome to hell“. All jene genüsslich in der Presse breitgetretenen Taten, bei denen zum Teil beträchtlicher Sachschaden entstand, fanden nicht im Rahmen irgendeiner der Demonstrationen oder Aktionen statt, sondern sind fernab der großen Versammlungen von kleinen Gruppen verübt worden, die gezielt Schaden anrichten wollten. Seither wird versucht, diese Sachschäden direkt mit der Flora und der von ihr angemeldeten Demo in Verbindung zu setzen, obwohl nichts den Tatsachen weniger entspricht. Gerade die gesamte „Welcome To Hell“ Demo ist seitens der Demonstrationsleitung und der Demonstranten vom strikten Vorsatz geprägt gewesen, alles wenn es nur irgendwie geht gewaltfrei ablaufen zu lassen. Die Leute von der Flora sind ja  nicht blöd. Die wissen, dass das Bildzeitungsvolk danach geifert, Szenen der Gewalt zu sehen. Die wollte man denen nicht geben. Auf dieser Demo hat sich nicht einmal der schwarze Block schlimmerer Dinge schuldig gemacht als anfangs das Gesicht zu verdecken – auch diese Vermummung wurde nach Aufforderung der Polizei abgelegt. Die Entscheidung der Polizeiführung nun aber, die Demo dennoch aufzulösen, und zwar an einer Stelle, an der die Straße von hohen Mauern seitlich begrenzt war, indem sie von vorne und hinten mit Wasserwerfern und einem massiven Aufgebot in die Leute rein geht, hätte zu einer Massenpanik führen können oder zu einer Eskalation der Gewalt. Frühestens jetzt flogen vereinzelt Flaschen. Die eigentliche Demo indes verlief weiterhin friedlich. Diese Polizeiaktion war bei weitem nicht die Einzige, die darauf ausgelegt zu sein schien, ein Klima der Gewalt zu schaffen. Das war bei der „Welcome to Hell“ vorerst nicht gelungen, aber die Stimmung war angeheizt.
Es ist durchaus nicht abwegig, zu vermuten, dass die Polizeiführung genau das im sinn hatte.

Wir wissen nicht, warum später entschieden wurde, bei den Plünderungen, die nachts darauf im Schanzenviertel geschahen, nicht einzugreifen

Wir wissen nur, dass es den „Hinterhalt“, mit dem die Polizeiführung das Nichteingreifen begründete, nicht gegeben hat. Das wissen wir von der Polizeiführung selbst, sie hat es später zugeben müssen. An dem als „Hinterhalt“ bezeichneten Gebäude stand ein Baugerüst, deswegen hatte der Besitzer des Hauses den Schlüssel zur Eingangstür vorab bei der Polizei abgegeben, das ist belegt. Die hatte allerdings offenbar gar nicht vor, zu verhindern, dass Leute auf dieses Gerüst klettern. Stattdessen inszenierte man später eine filmreife Erstürmung mit Tür-Aufbrechen und allem, was dazu gehört, um ein paar Leute zu verhaften, die nicht das Geringste verbrochen hatten. Es ist vielleicht gewagt, der Polizeiführung zu unterstellen, sie hätten diese Bilder gezielt produzieren wollen. Wie dem auch sei, genutzt haben ihr diese Bilder. Die ganze Republik konnte sich an der Wahnvorstellung aufgeilen, wie linke Chaoten Hamburg anzünden. Das Wort „Mordbrenner“ macht die Runde, ungeachtet dessen, dass es geradezu grotesk unpassend ist. Klingt so schön reißerisch. Dass durchaus nicht ganz Hamburg brannte und die plündernden Kids in der Schanze laut etlichen übereinstimmenden Augenzeugenberichten beim besten Willen nicht der linken Szene zugeordnet werden können, geschenkt. Es kommt eben auf die Bilder an.

So. Jetzt denken all diese Menschen, die sich so sehr darin gefallen, gegen Gewalt zu sein, dass sie fordern, alle wegzusperren, die überhaupt da waren, der hat sie doch nicht alle. Die Autos in Othmarschen sind doch nicht von der Polizei angezündet worden. Und, nun ja, zumindest im letzten Punkt haben sie recht. Das haben Vermummte gemacht, aus seltsamen Motiven, die sie für politisch halten. Das ist scheiße. Nicht wegen der Merser. Sondern deswegen, weil die Polizeiführung genau das bekommen hat, was sie braucht.

Wenn jemand vorgehabt hätte, die Proteste gegen G20 so gewalttätig wie möglich ausufern zu lassen, folgende Strategie wäre vermutlich angemessen gewesen:

Anfangs möglichst viele friedliche Versammlungen möglichst gewaltsam auflösen und anschließend an allen Orten, wo die Saat dieser Aggression erwartbar sprießt, plakativ keinerlei Präsenz zeigen, bis die Situation droht, völlig aus dem Ruder zu laufen. Dann mit möglichst brutaler Gewalt medienwirksam da rein gehen. So geht Eskalation. Geliefert wie bestellt: die Kathedrale der Angst.

Es gibt sie. Strategien zur Deeskalation. Die sind erforscht, erprobt und auch der Hamburger Einsatzleitung sicherlich bekannt. Diese Strategien sind bis ins Detail das exakte Gegenteil von allem, was im Zuge des G20 getan wurde.
Ich möchte jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass die Polizei den Umgang mit den Medien besser beherrscht als die Gipfelgegner. Das braucht sie aber nicht. Die Polizei hat einfach das größere Besteck. Der Angriff der Polizei auf einen Bauwagenplatz am Rondenbarg, der mit zahlreichen zum Teil schwer verletzten Gipfelgegnern endete, wird inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Aggression der Linken empfunden, weil diese Darstellung der Polizei wieder und wieder in der Zeitung stand. Die können Zahlen von „beim G20 verletzten“ Polizisten veröffentlichen, die in Wirklichkeit die Summe aller Krankmeldungen in einem längeren Zeitraum vor, während und nach dem Gipfel sind und deswegen um einen absurden Faktor höher als die Wahrheit. Da schreiben dann erst einmal alle Käseblätter der Republik und die Zahl ist in der Welt.
Natürlich ist jeder verletzte Beamte einer zu viel. Das ist kein Punkt, über den ich diskutieren möchte. Es gibt aber genügend Hinweise darauf, dass die Polizeiführung sogar die meisten der tatsächlichen Verletzungen selbst verursacht hat: es handelt sich zum Großteil um Kreislaufprobleme und Dehydrierungen, die von den Einsatzbedingungen her rühren sowie um Wirkungen des eigenen Reizgases. Eine Deeskalation hätte die Beamten davor geschützt, war aber wohl nicht gewollt. Mit verletzten Polizisten lässt sich eben besser Stimmung machen.

All das lässt in mir die Ahnung aufkommen, dass es von Olaf Scholz doch recht geschickt war, anschließend zu sagen, er habe das wohl leider unterschätzt. Das klingt nach Fehler. Nach: ich wollte das nicht, die blöden Linken waren so aggressiv. Es klingt so, als hätte er nicht genau das bekommen, was er brauchte. So soll es auch klingen.
Ich glaube ihm nicht. Ich glaube, der Gipfel ist mit voller Absicht von der Polizeiführung zu einem Gipfel der Gewalt gemacht worden. Die Randalierer, ja, die waren da und sie haben gerne randaliert. Sie hätten den rechten Scharfmachern keinen größeren Dienst erweisen können.

Und es bleibt die bittere Angst, dass es womöglich nichts gibt, was diesen Rechtsruck aufhalten kann. Dass alles, egal ob man etwas tut oder nichts tut, am Ende nur dazu führt, dass das Zeitalter des Internet zu einem Zeitalter der stumpfsinnigen Menschenverachtung wird. Was das mit mir macht?
Ich fühle mich alt. Alt und voller Hass.

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Die Physik von Aufnahmeräumen (4):

Diffusion oder warum Größe doch zählt.

Zum Thema Schalldämmung und Raumakustik kursieren ein paar Missverständnisse. Wer einen Aufnahmeraum oder eine Aufnahme in einem bestehenden Raum plant, tut aber gut daran, zu begreifen, was mit Schall in Räumen geschieht. Diese Reihe von Texten ist ein Versuch, dabei zu helfen.
Im vierten Abschnitt geht es um Diffusion und Raumgröße.

Schallwiderstand an Grenzflächen ist Akustik.

Eine Welt ohne diesen Schallwiderstand wäre zwar eine Welt mit Klang, aber ohne Akustik.
In den letzten drei Abschnitten (1)(2)(3) habe ich erklärt, wie der Schallwiderstand, den die Wände eines Raums darstellen den Klang eines Raums erzeugt. Dabei ist der wichtigste Faktor der Raum selbst: ein mehr oder weniger geschlossenes System, das durch Wände begrenzt wird. Der Schall, der an diesen Wänden auf Widerstand stößt, wird zu einem großen Teil in den Raum zurückgeworfen und erzeugt durch mehrfache Reflexionen, die wiederum später und anderswo erneut auf die Wand treffen, den Charakter des Raums. Dabei leiten sich aus den Ausmaßen des Raums bestimmte Überlagerungen von Wellenfeldern ab, die als „stehende Wellen“ im unteren Frequenzbereich hörbar werden. Töne oberhalb einer von Raumgröße und Nachhallzeit abhängigen Frequenz (der „Großraumfrequenz“) werden dagegen diffus reflektiert.
Wir wissen, dass tiefe Frequenzen relativ ungerichtet reflektiert werden, so dass es im Bassbereich nur eine geringe Rolle spielt, ob Wände parallel sind oder nicht. Je höher eine Frequenz ist, desto genauer entspricht der Aufprallwinkel dem Abprallwinkel, so wie bei einem Ball. Bei sehr glatten Wänden, seien sie poliert oder mit Kacheln oder Spiegeln versehen, ist dieser Wert zumindest im Hochtonbereich recht exakt, so dass sich eine Art Abbild der Schallquelle ergibt, das einer echten Schallquelle zum Verwechseln ähnlich ist. Aufgrund der Schallgeschwindigkeit trifft dieses Bild mit einer Verzögerung an unseren Ohren ein, die Schallkennimpedanz der Luft bewirkt, dass es leiser ist: ein Echo. In kleinen Räumen wird dieses Echo jedoch häufig nicht als vom eigentlichen Schallimpuls getrenntes Ereignis wahrgenommen. Wenn ein Echo sehr schnell auf den Impuls folgt und leiser als dieser ist, wird es als Teil des Impulses wahrgenommen (Haas-Effekt). Unser Gehör ist sehr geschult darin, ein solches „Spiegelbild“ nicht mit der eigentlichen Schallquelle zu verwechseln und ortet die Herkunft des Schalls automatisch dort, wo der erste und lautere Impuls her stammt.

Die ursprünglichste Funktion unseres Gehörs ist nicht das eigentliche Hören von z.B. Sprache oder Musik.

Von Natur aus ist unser Gehör in erster Linie dazu gedacht, die Orientierung im Raum zu ermöglichen. Es ist unser Radarsystem. Deswegen reagieren wir sehr sensibel auf alles, was uns eine Information über Form, Größe und Beschaffenheit des Raums bietet, in dem wir uns aufhalten.

Mikrofone „denken“ freilich anders als unsere Ohren. Sie wandeln einfach nur den Schalldruck, der an einer bestimmten Stelle des Raums besteht, in Strom um. Bei einer sehr glatten Wandgestaltung entstehen Reflexionen, die der eigentlichen Klangquelle sehr ähnlich sind, also ergeben sich je nach Position Auslöschungen oder Betonungen (Kammfilter-Effekte), die wegen ihrer Regelmäßigkeit deutlich wahrnehmbar sind. Man kann sich das ähnlich wie einen Moiré-Effekt vorstellen: durch die Ähnlichkeit zweier versetzt überlagerter Muster ergibt sich ein neues Muster, das unnatürlich wirkt und deshalb besonders auffällt. Wenn eine Wand den Schall chaotisch in verschiedene Richtungen reflektiert, ergibt sich eine solche Regelmäßigkeit nicht, weil verschiedene Frequenzbereiche zu unterschiedlicher Zeit beim Mikrofon eintreffen. Wir erinnern uns, dass die Richtung der Reflexion frequenzabhängig ist. Ein Bücherregal diffundiert Frequenzen mit einer Wellenlänge, die ihm entspricht – bei einer Tiefe von 40cm sind das in etwa 900Hz. Das ist dann also schon einmal ein Anteil des Klangs, der eine Umleitung nimmt und nicht gleichzeitig mit dem Rest am Mikrofon eintrifft. Auslöschungen und Betonungen entstehen deswegen zwar nicht weniger, sie sind aber weniger regelmäßig und daher weniger auffällig.
Wir nehmen Räume als angenehmer wahr, wenn sie natürlich wirken, also ein hohes Maß an chaotischen Strukturen aufweisen. Diese chaotischen Strukturen entstehen durch Diffusion, also die Streuung der Reflexion in unterschiedliche Richtungen. Räume mit sehr glatten Wänden erscheinen uns wegen der geringen Diffusion als unangenehm deutlich, weil es in der Natur keine derart klaren Reflexionen gibt. Räume mit sehr wenig Reflexion dagegen machen uns tendenziell orientierungslos.

Daraus, und aus der Tatsache, dass störende Raummoden deutlicher werden, je kürzer die Nachhallzeit eines Raums ist, folgt, dass es nicht der Königsweg für einen Aufnahmeraum sein kann, ihn möglichst stark zu bedämpfen. Im Gegenteil: je chaotischer sich Schall in einem Raum ausbreiten kann, desto schöner klingt er. Diffusion ist tatsächlich mit Abstand das wichtigste Werkzeug, mit dem Innenakustik gestaltet werden kann.

Schön wäre die Welt freilich, wenn alles immer einfach wäre.

Leider muss ich einschränken, dass das Konzept der Diffusion am besten in großen Räumen greift, weil es bei einer Aufnahme ja meist darum geht, ein relativ klares Bild des Klangkörpers einzufangen. Es gibt nämlich grundsätzlich zwei Kategorien der Platzierung eines Mikrofons – es kann im Nahfeld stehen oder im Diffusfeld. Das Nahfeld ist der Bereich, innerhalb dessen der ursprüngliche Impuls lauter ist als die Reflexion der umgebenden Wände. Im Diffusfeld befinden wir uns, wenn wir die Reflexionen lauter hören als die Klangquelle selbst. Logischerweise ist die Größe des Nahfelds von der Kraft der Reflexionen und der Raumgröße abhängig. In einem Badezimmer sind schon in relativ geringem Abstand zur Schallquelle die Reflexionen vergleichsweise laut. Es gibt viele Gründe, sich ein großes Nahfeld zu wünschen – beispielsweise wenn wir den Nahbesprechungseffekt (von Mikrofonen mit Richtcharakteristik) vermeiden wollen und deswegen mit einem gewissen Abstand mikrofonieren oder wenn wir planen, mit einem Mikrofon mehrere Schallquellen gleichzeitig einzufangen. Wenn ich ein Drumset mit nur einem Mikrofon ausgewogen aufnehmen möchte, brauche ich einen gleichmäßigen Abstand zu allen Trommeln. Es wäre nicht gut, wenn dort schon das Diffusfeld anfinge.
Wir müssen also, wenn wir einen kleinen Raum gestalten, abwägen. Je trockener ich den Raum baue, desto stärker stechen stehende Wellen hervor und desto künstlicher klingt das Diffusfeld. Je „nasser“ der Raum wiederum ist, desto kleiner gerät mir das Nahfeld, in dem ich ein definiertes Signal bekomme.
Hier kommen wir zu einer ganz wesentlichen Eigenschaft von großen Räumen, die sehr häufig übersehen wird.

Das wesentliche Merkmal eines großen Raums ist nicht, dass er mehr Reflexionsfläche bietet.

Das tut er. Ein anderer Faktor ist aber viel entscheidender: die Wände sind relativ weit entfernt. Das bedeutet, dass ein großer Raum grundsätzlich trockener klingt als ein kleiner Raum.
Dass das unserer subjektiven Erfahrung krass widerspricht, hat einen einfachen Grund: Um die Akustik eines Raums wahrnehmbar zu beeinflussen, muss etwa ein Drittel der Gesamtoberfläche umgestaltet werden. Wenn ich einen nackten Raum mit Teppich auslege, bedeutet das faktisch nur die Umgestaltung eines ziemlich geringen Anteils der Oberfläche, der Raum wird in den meisten Fällen erst dann spürbar trockener klingen, wenn ich auch ein oder zwei Wände einbeziehe. In einem Raum befindliche Möbel streuen die Reflexion auch nur dann effektiv, wenn sie einen nennenswerten Anteil der Wandfläche abdecken. Um also den Schall in einem großen Saal effektiv zu kontrollieren, brauche ich wesentlich mehr Absorption und Diffusion als in den meisten Kirchen und Turnhallen (gemessen an qm Wandfläche) vorkommt. Ich müsste sozusagen meine Wohnzimmermöbel auf die Größe der Turnhalle skalieren. Sobald wir das tun – also einen großen Raum hinreichend „bekleiden“ – ist der Hall, den er erzeugt zwar länger. Dafür sorgen die längeren Laufzeiten zwischen den Wänden. Der Hall ist in diesem Raum dann aber nicht mehr lauter als in kleineren Räumen.
Daraus ergibt sich, dass es in einem großen Raum besser gelingt, den Eindruck von „Trockenheit“ einer Aufnahme zu erzeugen, als in kleinen Räumen, auch wenn diese stark bedämpft sind.
Nehme ich zum Beispiel Gesang in einer Gesangskabine auf, klingt er zwar scheinbar trocken. Das hat damit zu tun, dass die Wände sehr nah sind – also wird das, was sie zurückwerfen, mit der eigentlichen Schallquelle verwechselt.

Eine Gesangskabine hat einen dreifach verfälschenden Einfluss auf den Klang.

1) Sehr kurze Echos werden als Bestandteil des Ursprungsimpulses wahrgenommen. Das bedeutet nicht, dass sie keinen Einfluss auf den Klang der Stimme haben. Hier kommt der Überlagerungseffekt ins Spiel, den ich vorhin mit Moiré verglichen habe.
2) Außerdem befindet sich das Mikrofon zwar eigentlich im Nahfeld, aber nur aufgrund der starken Bedämpfung der Kabinenwand. Wenn wir bedenken, dass die Bedämpfung einer Wand ungleich aufwändiger und platzraubender gerät, je tiefer die zu absorbierende Frequenz ist (Die Materialdicke muss etwa der Wellenlänge der Frequenz entsprechen) stellt sich heraus, dass das Mikrofon nur die Präsenzen betreffend (4-6kHz) wirklich im Nahfeld steht, den tonalen Kern der Stimme nimmt es schon dann im Diffusfeld wahr, wenn der Mund eine mehr als minimale Entfernung zur Mebran hat.
3) Wenn ich die Großraumfrequnez einer Gesangskabine bestimme, die um so höher liegt, je kleiner und je trockener ein Raum ist, fällt sie geradezu unanständig hoch aus. Das heißt, dass in der Kabine stehende Wellen exponiert sind, die im Grundtonbereich der Stimme und darüber liegen. Wir bekommen also ein Gedröhne, das in größeren Räumen nicht auftritt.

Das alles spricht dafür, sich auch für Gesangsaufnahmen stets den größten Raum zu suchen, der verfügbar ist – vorausgesetzt, ich kann diesen Raum so gestalten, dass der Hallanteil gering genug ist. Sobald ich über ein hinreichend großes Nahfeld verfüge, spielen Reflexionen eine geringe Rolle und können bei Bedarf durch Vorhänge und Stellwände gesteuert werden.

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