Thema GEMA

Das Thema GEMA wird sehr kontrovers diskutiert.
Manche sind der Meinung, die GEMA sei überflüssig und gehöre abgeschafft. Andere finden, die Gema leiste einen sinnvollen Beitrag zur Finanzierung von Kultur¹. Eins verbindet dabei die meisten, welcher Ansicht sie auch sein mögen:
Zu oft fangen Sätze so an: „ich habe mal gehört, dass…“. Was die GEMA eigentlich genau macht und was man selbst tun oder lassen sollte, wenn man sich in Urheberrechts-Gefilden bewegt, das weiß irgendwie keiner im Detail.

Musikszene Bremen e.V. und das Studio Nord haben deshalb eine Info-Veranstaltung auf die Beine gestellt, auf der Eure Fragen zum Bereich unkommerzielle MusikerInnen und Veranstaltungen beantwortet werden.
Wir wollen nicht herausfinden, ob die GEMA gut oder böse ist, ob es sie zu Recht gibt oder nicht, das überlassen wir gerne den täglichen Diskussionen. Wir wollen aber mehr über sie wissen und wollen, dass Ihr auch die Möglichkeit bekommt, mehr zu erfahren. So diskutiert es sich besser.

INFORMATIONSVERANSTALTUNG
SAMSTAG 26.05.2018

14:00 – 18:00

Zollkantine
Hansator 1
Bremen

Eintritt nur per Vorkasse
€11,- (€8,80 für Vereinsmitglieder Musikszene Bremen e.V.)
Tickets gibt es hier:
love-your-artist.de/de/zollkantine/infoveranstaltung

Zeitplan:

14:00
Es wird zunächst einen Vortrag von Stefanie Willert geben.
Stefanie Willert arbeitet bei der GEMA und ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie hat im Vorfeld eine Liste mit Fragen bekommen, die wir im Internet gesammelt haben und die mit unkommerziellen UrheberInnen bzw. Veranstaltungen zu tun haben. Sie hat sich entlang der Fragen in das Themengebiet eingearbeitet und wird uns einen umfassenden Überblick geben.
14:30
Im Anschluss wird eine Podiumsdiskussion stattfinden, bei der Andrea Rothaug, Carol von Rautenkranz und Gregor Hennig die gesammelten Fragen mit Stefanie Willert im Einzelnen durchgehen und die Antworten aus Sicht von UrheberInnen und NutzerInnen hinterfragen.
Andrea Rothaug ist die treibende Kraft hinter RockCity Hamburg e.V., wo sie sich seit Jahrzehnten für MusikerInnen und VeranstalterInnen stark macht. RockCity Hamburg e.V. organisiert von Rechtsberatung für MusikerInnen über einen der relevantesten Nachwuchswettbewerbe Norddeutschlands bis hin zur einzigartigen Festivalkonferenz Operation Ton neben haufenweise Arbeit hinter den Kulissen der Kulturpolitik ein fulminantes Angebot für alle, die in Hamburg popkulturell tätig sind.
Carol von Rautenkranz hat als Gründer des Labels L‘Age d’Or mehr zur Entwicklucng der deutschsprachigen Popmusik beigetragen, als man in einem Satz zusammenfassen könnte und ist als Verleger (Gold Musikverlag, Nappa Songs) vertraut mit den meisten Fragestellungen, die UrheberInnen aus dem semiprofessionellen und professionellen Bereich betreffen.
Gregor Hennig ist Musikproduzent aus Bremen (Studio Nord Bremen) sowie selbst Musiker und diskutiert gern über den Sinn und Zweck der GEMA. Das wird er am 26.5. nicht tun, sondern in erster Linie Fragen stellen.

16:00
Nach einer kleinen Pause wird es die Möglichkeit geben, Fragen direkt zu stellen oder mit den Anwesenden zu diskutieren. Dazu lösen wir die Vortragssituation auf und bilden spontane Gruppen.
18:00
Ende der Veranstaltung

Wir freuen uns sehr auf alle, die ein offenes Ohr haben und würden uns besonders freuen, wenn gerade diejenigen, die der GEMA gegenüber skeptisch sind, kommen und unsere Fachleute ausquetschen!
Und falls Ihr Leute kennt, die sich für die Veranstaltung interessieren könnten, erzählt es denen!

Liebe Grüße,
euer Team von Musikszene Bremen e.V. und Studio Nord Bremen

 

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worum es eigentlich nicht geht

Ich war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als ich eine Frage hatte:

Wieso haben die Amerikaner in den zweiten Weltkrieg eingegriffen? Der war doch in Europa, also recht weit weg von denen. Mein Stiefvater bot mir eine moralische Erklärung an. Man habe gesehen, was die Deutschen in Europa anrichteten, also habe man im Namen des Guten einschreiten müssen. Mit dieser Erklärung bin ich aufgewachsen. Logisch, da passiert Schlimmes, also geht man dazwischen. Das tun Menschen. Aber tun Staaten das?

Moral und Politik 1940

Das tatsächliche damalige Handeln der US-amerikanischen Regierung erzählt eine andere Geschichte. Als Hitler an die Macht kommt, ist denen, die es nicht übersehen wollten, klar, dass Gräueltaten bevorstehen. Man beschließt, das hinzunehmen und lässt die neue deutsche Regierung machen. Die machen keinen Hehl daraus, dass sie gedenken, ganz Europa zu erobern und möglichst viele jüdische und anderweitig zum Feind erklärte Menschen umzubringen. Deutschland greift sich ein paar Nachbarländer ohne Gegenwehr und nimmt sich dann die Länder vor, von denen Gegenwehr zu erwarten ist. Die USA schauen weiter zu.

Nun kommt der Moment, an dem sich abzeichnet, dass das deutsche Vorhaben eventuell scheitert. Der Krieg hinterließe dann ein geschwächtes Europa, das einer bis dato siegreichen roten Armee gegenüber stünde. Erst an diesem Punkt beginnen die USA, einzugreifen.
Ich bin mir im Klaren darüber, dass solche Entscheidungsprozesse nicht gradlinig verlaufen, derlei Erwägungen sind sicher sehr komplex. Aber unterm Strich bleibt, dass die Streitkräfte der USA nicht auf den Plan treten, als Hitler droht, Europa zu erobern, wohl aber, als die Sovietunion sich als möglicher Sieger abzeichnet.

Ich will die Entscheidung der USA, in den zweiten Weltkrieg einzugreifen, nicht moralisch bewerten. Eine solche Bewertung ist sinnlos, wenn die Entscheidung offensichtlich nicht aus moralischen Gründen gefallen ist. Die USA wollten nicht den Holocaust, sondern ein kommunistisches Europa verhindern.
Man könnte deshalb die Handlungsweise der USA wenn schon nicht als moralisch, dann als ideologisch motiviert sehen. Was aber sollte ein Interesse, das die Enteignung der Produktionsmittelbesitzer zu verhindern sucht, anderes sein als ein wirtschaftliches Interesse?

Es ging offenbar nicht um die Rettung der Verfolgten des Nazi-Regimes, es ging auch nicht um die Wahrung der westlichen Demokratie – es ging um die Rettung des Profits.

Moral und Politik 2018

Und nun zu etwas gänzlich anderem. Der Nahe Osten ist seit dem Ende der akuten Kolonialzeit vom Kampf zweier Hegemonialmächte geprägt. Auf der einen Seite das Saudi-Arabien, auf der anderen Seite Iran. Dieser Konflikt hat viele Facetten und lässt sich sowohl religiös als auch ethnisch deuten. Der Graben zwischen Persern und Arabern ist tief und der zwischen Sunniten und Schiiten womöglich noch tiefer. Doch gibt es genügend Beipiele, dass er überwunden werden kann, wenn man denn will. Ohne ein wirtschaftliches Interesse, das sie instrumentalisiert, ist noch nie ein handfestes Gemetzel aus solchen kulturellen Gegensätzen entstanden.

Im Fall der beiden Platzhirsche des Orient sind es vermutlich deren eigenen wirtschaftlichen Interessen, an denen sich der Konflikt entzündet. Es wäre auch denkbar, dass die Stärke, die eine friedliche Koexistenz beider Hegemonialmächte bedeuten könnte, eine Motivation für Außenstehende darstellt, sie zu entzweien. Das ist natürlich Spekulation und deswegen als Argument nicht viel wert. Sicher bleibt: es gäbe sie, die wirtschaftliche Motivation, den als kulturell auftretenden Konflikt zu schüren.

Ach so, ja, stimmt, da war ja noch was.

Man könnte fragen, was ist denn mit Israel? Geht es denn nicht eigentlich um Israel? Nein. Ich glaube, darum geht es nicht. Israelische Politiker mögen sich, wie bis in die Neunziger, als natürliche Verbündete Irans gegen die arabische Welt sehen oder, wie seit den Neunzigern, als natürlicher Feind der Iraner – das hat den Konflikt nicht einmal tangiert. Und doch wird die Existenz Israels stets als der Dreh- und Angelpunkt der Nahost-Politik kolportiert.

Im vorangegangen Abschnitt habe ich vermutet, dass die geläufige Sicht, man habe Europa von den Nazis befreien wollen und dabei habe sozusagen nebenbei auch der Siegeszug der roten Armee ein bisschen gelitten, dem Gegenteil der Wahrheit entspricht. Es ist wahrscheinlicher, dass der Sieg über das Naziregime ein Beiwerk der Bestrebungen war, ein kommunistisches Europa zu verhindern.
Ebenso glaube ich nicht, dass die Sicherheit Israels ein Grund sein könnte, Saudi Arabien zu stärken.
Es klänge grotesk, wenn tatsächlich jemand glauben würde, der Nahe Osten ließe sich befrieden, indem man einerseits den ärgsten Feind der iranischen Republik mit modernen Waffensystemen ausstattet und andererseits das Abkommen aufkündigt, das die iranische Regierung zur Zeit noch daran hindert, sich selbst mit der ultimativen Waffe zu versorgen. Was kann man da erwarten? Dass die Iraner sich in einer Anwandlung von selbstzerstörerischem Pazifismus den Saudis unterordnen? Das wäre eine absurde Erwartung, noch dazu an ein schiitisch geprägtes Land. Selbst wenn das geschähe, wäre die nächste Frage: Was passiert, wenn man ein Gleichgewicht verschiebt? Es kippt. Wohin? Was wäre das für eine Region, in der ein totalitäres Regime dominiert, das weltweit religiös-rechtsradikale Fanatiker unterstützt?
Es geht offensichtlich nicht um die Förderung der Demokratie im nahen Osten, so schön das wäre. Es geht offenbar auch nicht um eine Befriedung der Region. Was auch immer der eigentliche Grund für die Bestrebungen der US-Regierung ist, das Kräfteverhältnis zugunsten der wahhabitischen Sunniten zu verschieben, er kann nur ein anderer sein. Der Begründung, man wolle Israel vor einer iranischen Aggression schützen, mangelt es an einer Vorstellung, was der machtpolitische Gewinn sein könnte, den Iran aus einer solchen Aggression ziehen könnte. Die Folge wäre allenfalls, dass sowohl Iran als auch Israel ihre Kräfte in einem sinnlosen Gemetzel verschwenden, das sie in ihrer Existenz gefährdet, und zwar beide. Einen derartigen politischen Unsinn würde ich nicht einmal Trump zutrauen und Rohani schon lange nicht.

Und?

Nun. Die Konstellationen 1941 und 2018 so nebeneinander zu stellen, hat natürlich etwas Pikantes, aber das soll keine Gleichsetzung der jeweiligen politischen Gemengelage sein. Der Umstand, dass jeweils jüdische Interessen eine Rolle spielen, legt nahe, Parallelen zu ziehen und die meisten dieser Parallelen sind Unsinn. Eine nicht: in beiden Fällen sieht es so aus, als gelte da ein Kampf der Verteidigung des Lebens bedrohter Menschen, in beiden Fällen ist es bei näherem Hinsehen den maßgeblichen Akteuren aber tatsächlich scheißegal, was diesen Menschen droht. Man hätte nicht solange tatenlos zugesehen und massenweise jüdische Flüchtlinge abgewiesen, wenn man hätte helfen wollen. Und man würde nicht die Kriegsgefahr im Nahen Osten mutwillig eskalieren, wenn es jetzt um den Schutz von irgendwem ginge, der dort wohnt. Eine Politik im Sinne Israels wäre, allen Beteiligten einen Grund und eine Perspektive zu geben, friedlich miteinander zu verfahren. Das ist der Kern des Atomdeals. Dessen Kündigung ist ein Schritt zurück in die Gefährdung Irans und der gesamten Region und damit auch Israels.
Es sollte also klar sein, dass die Gründe für die US-amerikanische Politik auch hier nicht mit dem Interesse der Betroffenen verwechselt werden sollten.

Sich konsequent für die Sache Israels einzusetzen, ist gerade ja ein bisschen en Vogue. Ich finde das gut. Nicht so gut finde ich, dass es dazu verführt zu glauben, die Außenpolitik irgendeines Staates (außer des israelischen natürlich) habe die Existenz Israels zum Zweck und Inhalt, im guten wie im Schlechten Sinne. Das verstellt den Blick auf die wirtschaftlichen Gründe, die am Ende ganz sicher der Antrieb sind für was immer dort geschehen ist und geschehen wird.
Es ist natürlich schön, sich über Ländergrenzen hinweg aus zum Anwalt derer zu machen, von denen man glaubt, ihnen gelte das Interesse der guten Akteure der Politik und der Hass der schlechten. Es gibt einem das Gefühl, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Ich verstehe das. Gerade in Deutschland kann man leicht eine Sehnsucht nach so etwas entwickeln.
Es ist nur eben eine Einladung zur Instrumentalisierung durch Leute, die im Grunde ganz andere Interessen verfolgen. Ich finde, da sollte man ruhig ein bisschen wachsam sein. Die Frage nun, welche Interessen das sind, war leider schon immer der Beginn der absurdesten Verschörungtheorien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Frage nach den eigentlichen Gründen keine kurzen Antworten verträgt. Aber eine Frage lohnt es sich immer zu stellen:

worum geht es wohl gerade nicht?

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Studiomythen Teil2

hier ein kleiner Text zu mir zum Irrtum, dass große Räume besonders räumlich klingen müssen:

https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/studiomythen-widerlegt-grosse-raeume-klingen-gross.html

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Sisyphos und die Integrationslüge

Es ist Frühling. Deine beste Freundin aus Kindergartenzeiten geht mit ihren Kindern durch den Park. Sie ist im Hamburger Westen aufgewachsen, der Vater der Kinder in Marokko. Sie begegnet einer freundlichen älteren Dame, die ihrem Entzücken darüber Ausdruck gibt, wie niedlich die Kleinen sind und zum Abschied ergänzt: jetzt reiche es aber auch mal mit der Vermehrung, oder?
Dein Mitbewohner, dessen Mutter in der Türkei geboren wurde, antwortet auf die Frage, die ihm sein Zahnarzt stellt, selbstverständlich und wahrheitsgemäß mit „Vechta“. Der Zahnarzt daraufhin irritiert, Nein, wo er „wirklich“ her komme.
Der in Deutschland geborene Philipp Awounou posiert mit seiner in Deutschland geborenen Freundin für ein Werbefoto, das die beiden als werdende Familie zeigt. Seine Freundin hat einen deutschen Nachnamen, das sieht man ihr an. Philipp sieht man seinen Nachnamen auch an. „Mörder.“ „Vergewaltiger.“ „Neger.“ „Zum Kotzen!“ sind noch harmlose Kommentare im Vergleich zu vielen andern, die er daraufhin bekommt.

„Wir Deutschen“ sagen: „wir haben nichts gegen Ausländer, sobald die den Willen mitbringen, sich zu integrieren.“

Und wir lügen. Das ist nichts anderes als eine krasse und dreiste Lüge.

Ein Freundin von mir sagt, sie fahre nicht gern mit den Öffentlichen, weil sie dort Angst hat, wegen der fremd aussehenden Menschen. Eine der Kommentatorinnen, des Werbefotos von Philipp A. schreibt ihm, es täte ihr leid, dass sie ausländerfeindlich sei, aber das sei die Folge ihrer Erfahrungen mit Gruppen von Männern, die sie wiederholt belästigt haben. Sie fühle sich nicht mehr sicher. Ich selbst meide in der Regel Zusammenstöße mit Gruppen von Männern, die nach Migrationshintergrund aussehen. Früher haben genau solche Gruppen von Jungs mich etwas zu oft bespuckt und tätlich angegriffen, weil ich in ihren Augen zu hippiemäßig herumlief. Das sitzt drin. Also: ja. Wir haben da ein Problem.

„Wir Deutschen“ sagen: „die sind aggressiv, die integrieren sich nicht, also sollten wir sie auch nicht hereinlassen.“

Und wir irren uns. Wir vertauschen Ursache und Wirkung. Die Gruppen von Jungs, die mich früher angegriffen haben, waren in erster Linie eines: Gruppen von Arschlöchern. Ich wurde auch von Nazis angegriffen, wenn ich welche traf, nur dass die Nazis nicht bei mir um die Ecke wohnten. Die Jungs, die mich bespuckt haben, waren genau so deutsch und genau so scheiße wie manche Jungs nun eben sind. Es gibt auch irgendwie zu denken, dass die Aggressivität von Männergruppen gegen Frauen meist eben nicht dazu führt, dass Frauen Angst vor Männern haben. Solange diese Männer deutsch aussehen. Wo liegt da die Aktion und wo die Reaktion? In einem Land, in dem einem laufend suggeriert wird, nicht dazu zu gehören (da gibt es ein prominentes Zitat eines Innenministers) ist es eine Sisyphos-Aufgabe, sich zu integrieren. Eigentlich nicht zu stemmen.

Ich bin überzeugt: Menschen, ob mit Migrationshintergrund oder ohne, teilen zwei ganz zentrale Grundbedürfnisse. Das nach Individueller Abgrenzung und das, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Menschen wollen sich integrieren. Man kann sich aber nur integrieren, wenn eine Gruppe bereit ist, einen aufzunehmen. Wenn wir eine Gesellschaft vorfinden, die bestimmten Gruppierungen ihre individuelle Abgrenzung selbstverständlich zugesteht, ohne je die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Frage zu stellen und anderen Gruppen wiederum jegliche Form der Abweichung übel nimmt und sie selbst bei vollständiger Assimilation noch immerzu daran erinnert, dass sie „eigentlich“ nicht dazu gehören, dann kann ich darin keinen Willen zur Integration erkennen. Und zwar erst einmal auf Seiten der Gesellschaft nicht.

In Deutschland leben zig Millionen Menschen, die aus voller Überzeugung grundsätzliche Werte ablehnen, die das Fundament eines gewaltfreien Zusammenlebens bilden. Etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung hält es beispielsweise für möglich, dass Juden durchtriebener sind als andere Menschen (thematisiert wird Antisemitismus jedoch, als wäre es ein importiertes Problem). 13% der Deutschen sind rechtsextrem, die Hälfte davon gewaltbereit. Selbst diese radikale und militante Gruppe ist zahlenmäßig größer als die sämtlicher Muslime in Deutschland. Die 0,012% radikalen Muslime hingegen sind (auch wenn auch sie nicht alle militant sind) sicherlich eine Herausforderung, aber ich finde es schon irgendwie wichtig, vor Augen zu behalten, dass hier 11000 schwer integrierbaren Salafisten etwa 11 Millionen Rechtsradikale gegenüber stehen, bei denen eine Integration noch viel schwerer sein dürfte. Das macht nach Adam Riese eintausend gewaltbereite Nazis auf einen muslimischen Eiferer.
Wie wollen wir Menschen dazu ermuntern, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, in der es normal klingt, zu fordern, man solle Kinder, die in antisemitischen Milieus aufwachsen, von ihren Eltern trennen und dabei natürlich allen klar ist, dass sich das nicht auf deutsche antisemitische Milieus bezieht?

Wir sollten stattdessen anfangen, darüber nachzudenken, wie wir 33 Millionen Menschen, die für rechtsextreme Denkinhalte empfänglich sind, in eine Gesellschaft integrieren, die frei von Rassismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit sein soll. Was die militanten Nazis betrifft, ist die Frage angebracht, ob wir sie überhaupt integrieren wollen. Leider bleibt uns wohl nicht anderes übrig. Ganz sicher ist es nötig, darauf zu bestehen, dass diese Menschen sich erst einmal zu einem respektvollen Zusammenleben bekennen, bevor wir sie als Teil von uns betrachten. Toleranz wäre absolut deplatziert. Hier liegt das größte Integrationsproblem unserer Zeit. Das packen wir nicht an. Wir sprechen nicht einmal darüber. Warum? Es gibt nur eine Antwort. Weil es offenbar doch gar nicht um die Werte geht. Es geht um die Hautfarbe. „Wir Deutschen“ sind eine Integrationslüge auf zwei Beinen. Umgekehrt wird nämlich ein Schuh draus:

Wir Deutschen haben nichts gegen Ausländer, sobald wir den Willen mitbringen, sie zu integrieren.

Bis dahin gerät schon der Versuch, sich anzupassen, zur Farce. Das wissen wir eigentlich ganz genau. Und wir tun trotzdem so, als läge die Verantwortung für die zwangsläufig auftretenden Schwierigkeiten bei denen, die wir nicht rein lassen.

Deutschland passiv aggressives Vaterland.

P.S. die Zahlen zum rechtsextremen Gedankengut stammen aus der bereits hier erwähnten Sinus Studie, die zwar nicht aktuell ist, aber zeigt, dass sich die Proportionen zwischen 1980 und 2010 nicht signifikant geändert haben. Wenn überhaupt, dann mit Tendenz in Richtung rechts. Ich gehe also für meine Betrachtungen davon aus, dass sie auch heute ungefähr gültig sind.
P.P.S. ja, ich weiß, dass es diese „wir Deutschen“ nicht gibt. Ich übernehme hier den Blickwinkel der Leute, die sich als „die Deutschen“ fühlen. Das sollte nicht damit verwechselt werden, dass ich diesen Blickwinkel teile oder irgendwie für richtig halte.
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Studiomythen Teil 1

Ich schreibe jetzt auch woanders:
Studiomythen Teil1 (bonedo)

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Habe ich eigentlich Angst vor der Zukunft?

Das wäre ja durchaus begründbar.

Vielerorts häufen sich Anzeichen dafür, dass totalitäre, nationalistische und menschenfeindliche Haltungen im Trend sind. In den USA, in Russland, in China sowie mehreren osteuropäischen Staaten und der Türkei sind Einzelpersonen und Gruppen an Macht und Einfluss gelangt und zementieren diese mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Das tun sie, indem sie Nationalismus und Hass auf verschiedene Minderheiten schüren und gehen dabei strategisch so viel geschickter und skrupelloser vor als jene, die sich gegen sie stellen, dass es aussichtslos scheint.

Da fehlt aber was.

Es sieht, wenn man der Angst folgt, so aus, als läge die Wurzel des Problems in den totalitären, nationalistischen und menschenfeindlichen Haltungen der aufstrebenden Gruppen und dem damit verbundenen Populismus, der die Diskussionskultur ganzer Gesellschaften vergiftet. Das führt zu so absurden Argumenten wie dem, dass es ein Fehler sei, Ausländern überhaupt Zutritt zum deutschen Gemeinwesen zu gewähren, weil man damit Ausländerhass stärke. Die Ursache für die Vergiftung der Gesellschaft sind aber nicht die Menschen, die von außen herein kommen. Die Ursache für die Vergiftung der Gesellschaft sind nicht einmal diejenigen, die sie aktiv von innen vergiften.

Ich finde es wichtig, zu betonen, dass der Kampf für eine offene Gesellschaft (so richtig er ist) ebenso wenig die Lösung unserer Probleme sein kann wie Nationalismus und Hass deren eigentliche Ursachen sind.

Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht einmal mehr Alternativen zu einem Zusammenleben ernsthaft diskutiert, das auf Verknappung, Übervorteilung und Ausbeutung anderer und einem als Grundkonstante jeglicher Motivation irrtümlich angenommenen „natürlichen“ Egoismus basiert. Dass in Wirklichkeit der weitaus größte Teil aller Menschen subjektiv Glück und Erfüllung darin findet, für andere, für die Gemeinschaft oder wenigstens für irgendein Ideal seine praktischen Interessen mehr oder weniger vollständig aufzugeben, ist zwar ganz klar erkennbar der eigentlich zentrale Grundpfeiler der gesamten Wirtschaft, wird aber erstaunlich geflissentlich übersehen¹.
Es ist nicht besonders schwer, herauszufinden, dass die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte zwar von einer zunehmenden Freisetzung enormer Kräfte begleitet war, die inzwischen die technische Möglichkeiten bieten auch eine schnell wachsende Weltbevölkerung mit allen zu versorgen, was für ein glückliches Leben nötig wäre.
Ebenso offensichtlich ist allerdings auch, dass dies nicht passiert.
Nun könnte man sagen: prima, dann machen wir das jetzt.

Wir haben es aber nicht mit einem Lapsus zu tun, bei dem eine Korrektur genügen könnte, Fehler erkannt, korrigiert, alle glücklich und satt.

Nein. Der Fehler ist nicht im System, der Fehler ist das System selbst.
Und wir fallen auf einen Trick der Rechten herein.
Wenn der Gedanke formuliert wird, Zuwanderung müsse zahlenmäßig begrenzt werden, weil sonst Überfremdung und Verknappung drohe, werden damit zwei Grundannahmen als gegeben hingestellt.

Erste Grundannahme:
Menschen aus anderen Kulturen = Gefahr für die eigene Kultur.

Das ist theoretisch und praktisch falsch. Zunächst zum praktischen Aspekt ein Beispiel.
Natürlich ist jede Form von Diskriminierung, auch importierte, abzulehnen. Allerdings ist, so sehr die deutsche Geschichte vom Export diskriminierender Ideologien geprägt ist, bisher kein Fall bekannt, wo eine solche tatsächlich in nennenswerter Größe importiert wurde. Auch eine rein theoretische Zuwanderung von, sagen wir, einer Million antisemitischer Hardliner könnte die Zahl der Antisemiten in Deutschland kaum signifikant steigern.
1980 gab Helmut Schmidt die „Sinus“-Studie in Auftrag. Sie kam aufgrund der Befragung von 7.000 Wahlberechtigten zum Ergebnis, dass 13 oder mehr Prozent der westdeutschen Bevölkerung über ein sogenanntes „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“ verfügten. Etwa 6-7% der Westdeutschen hielt sogar Gewalt für ein probates Mittel, um dieses rechtsextreme Weltbild durchzusetzen. Weitere 37 Prozent der Befragten waren zwar laut Studie durchaus empfänglich für rechtsextreme Inhalte, positionierten sich aber allgemein gegen Antisemitismus. Eine Neuauflage dieser Studie im Jahr 2002² zeigte, dass sich das geändert hatte. Nun stimmte ein ganzes Drittel der Befragten der These zu, dass der Einfluss „der Juden“ „zu groß“ sei und etwas mehr als die Hälfte mochte der Annahme nicht widersprechen, dass Juden irgendwie hinterhältiger seien als andere Menschen. Das sind hochgerechnet mindestens 40 Millionen Menschen.
Vierzig.
Millionen.
Antisemiten.

Warum denken wir aber, die Gefahr käme von Außen?

Der theoretische Teil. Hier hilft ein bisschen (zugegeben grob zusammengefasste) Kapitalismuskritik. Der Kern der kapitalistischen Wirtschaft liegt in der Erzeugung von Profit durch die Abschöpfung des Mehrwertes. Der Mehrwert ist das, was ein Produkt mehr einbringt als es die Produzierenden kostet. Die Produzierenden investieren Lebenszeit in die Erschaffung des Produkts, diese Lebenszeit kostet soviel Geld, wie nun mal zum Leben gebraucht wird, einfache Rechnung also. Die sogenannten „Arbeitgeber“ profitieren davon, dass die Lebenszeit der Produzierenden ein gutes Stück günstiger zu haben ist als das, was ihnen der Verkauf des Produktes einbringt. Und zwar in dem Maße, in dem die Produzierenden bereit sind, ihre Lebenszeit günstiger zu verkaufen. Wären die Produzierenden allesamt Egoisten, wäre mit ihnen schwer Profit zu machen. Sobald aus Egoisten nun aber Nationalisten werden, greifen Argumente wie die „Konkurrenzfähigkeit der Deutschen“ – sie sind also eher geneigt, den Gürtel noch etwas enger zu schnallen und genau deswegen ist der Nationalismus eine wichtige Bedingung des Profits. Erstaunlicherweise geschah die Erfindung des Nationalismus rein zufällig gleichzeitig mit der Ausbreitung des industriellen Kapitalismus. Es ist nun für Unternehmer enorm wichtig, dass ihre Angestellten solidarisch sind, und zwar nicht kleinlich mit ihresgleichen, sondern ganz großzügig gleich mit der ganzen Nation.
Mit den Unternehmern also auch.
Und ebenso misstrauisch gegenüber allem Importiertem wie gnädig gegenüber allem Deutschen. So kann es passieren, dass sich viele über Monsanto aufregen und keiner über Bayer. So kann es auch passieren, dass uns ein paar tausend Antisemiten aus dem Ausland in Angst versetzen, während wir zig Millionen biodeutsche Antisemiten für nette Mitbürger mit etwas merkwürdigen Ansichten halten.

Die These, Zuwanderung bringe die Gefahr der Verknappung, stellt eine zweite angenommene Kausalität in den Raum:
zu viele Menschen = Versorgungsengpass.

Das ergibt nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass das Angebot gottgegeben sei und lediglich die Nachfrage kontrollierbar. Tatsächlich ist das vielleicht in der Jungsteinzeit so gewesen, heute verhält es sich ziemlich genau andersherum.
Mehr noch als die solidarische Volksgemeinschaft ist nämlich die Konkurrenz das Mittel, Profit zu steigern. Konkurrenz wiederum basiert auf Verknappung. Beispiel. Es gäbe mehr als genug Arbeit für alle arbeitsfähigen Mitglieder der Gesellschaft, wenn man nur willens wäre, sie gleichmäßig zu verteilen. Das geschieht nicht. Warum? Da ist man erstaunlich ehrlich. Weil es dem Profit schadet. Nur solange eine Grundsicherung unterhalb des Erträglichen die einzige Alternative bleibt, sind Menschen auch bereit, ihre Lebenszeit zu einem Tarif herzugeben, der einen Witz darstellt im Vergleich zu dem, was sie in dieser Zeit an Werten durch ihre Arbeit erschaffen. Würden wir alle Vollzeitstellen der Republik in Teilzeitstellen umwandeln, müsste die Gesamtheit der sogenannten Arbeitgeber ein paar Millionen mehr Menschen mit so viel Geld versorgen, wie diese zum Leben brauchen. Tun wir nicht, also sparen die das.
Man kann insofern das „Problem“ Arbeitslosigkeit als doppeltes Geschenk an Unternehmer begreifen:
Erstens steigt durch Verknappung der Arbeitsplätze die Bereitschaft, für weniger Geld zu arbeiten. Zweitens zahlt praktischerweise die Gesamtheit der Steuerzahler (also die Arbeitenden selbst) die spärliche Grundversorgung derjenigen, die für den erwünschten Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt sorgen.

Auf dem Warenmarkt ist die Verknappung ebenso künstlich. Sobald die „Gefahr“ droht, dass eine bestimmte Ware in so großen Stückzahlen produziert wird, dass daran keinerlei Mangel herrscht, also der Preis leidet (auch da ist man beeindruckend ehrlich), gilt die Vernichtung ganzer Berge von Waren ganz selbstverständlich als geboten. Profit ist eben wichtiger als Versorgung. Wo es keinen Engpass gibt, gibt es keinen Verteilungskampf, also keinen Profit. Wir leben nicht in einer Überflussgesellschaft, sondern in einem System der künstlichen Verknappung. Beispiel. Wohnungen sind deswegen knapp, weil es sich nicht lohnt, sie in genügender Stückzahl zu bauen. Die Mieten würden ja sinken. Wenn nun die Nachfrage steigt, weil mehr Menschen eine Wohnung brauchen, bewirkt das, dass die künstliche Verknappung sich noch günstiger für die Eigentümer bzw. ungünstiger für die Wohnungssuchenden auswirkt. Die Schuld dann den Wohnungssuchenden zu geben ist zwar freundlich gegenüber den Eigentümern, aber schon irgendwie sachlich falsch.

Was tun wir aber, wenn wir dem Satz begegnen, dass die Zuwanderer eine Gefahr für unsere Kultur und für unseren Wohlstand darstellen?

Wir reagieren entrüstet, sagen, dass so etwas rassistisch sei und wohin Rassismus führe, habe man ja gesehen. Das ist so gut gemeint wie verheerend.

Wir haben in dem Moment, in dem wir diesen Satz überhaupt beantworten, schon der These zugestimmt, dass zwischen der Menge der Zuwanderer und der Existenz von Antisemitismus und Wohnungsnot so etwas wie ein ursächlicher Zusammenhang bestehe. Wir lassen zu, dass die wahren Gründe für diese Probleme fast vollständig verdeckt werden von einer Diskussion darüber, ob es menschlich sei, „deswegen“ Menschen im Mittelmeer ersaufen zu lassen oder nicht. Als ob sich diese Frage stellen würde.

Dass diese Menschen die Ursachen für alle diese Probleme seien, die man ihnen in die Schuhe schiebt – diese leicht widerlegbare These haben wir dadurch eigentlich gestärkt.

Deswegen also noch einmal in aller Deutlichkeit: Nein. Die Ursache für Fremdenfeindlichkeit, Mangel etc. sind nicht die Zuwanderer. Die Ursache liegt im kapitalistischen Konkurrenzmodell, dessen Opfer wir alle sind.

Habe ich also Angst vor der Zukunft?

Nein und Ja. Ich habe nicht so sehr Angst vor denen, die da gerade auf der Angst reiten. Es gibt immer wieder Wellenbewegungen. Erste Welle des Feminismus um 1900, erster Backlash 1933, zweite Welle des Feminismus in den 70ern, zweiter Backlash in den 90ern, dritte Welle gerade gewesen, nun kommt halt wieder ein Backlash. Beim Thema Gleichberechtigung der Geschlechter ist die Perspektive ja entspannt: es muss durchaus gekämpft werden, aber jede Welle startete bisher besser als die vorige. In Puncto Rassismus und Antisemitismus sind Wellenbewegungen weniger klar zu erkennen. Hier sieht es eher so aus, als läge der Hauptunterschied in der Frage, ob z.B. die 40 Millionen Menschen, denen Juden allgemein suspekt sind, dies laut sagen oder nicht. Es wird aber ja nicht dadurch besser, dass sie es nur leise denken.

Ich sehe die Angst auf dem Vormarsch. Rechte Populisten verbreiten Ängste unter ihresgleichen und versetzen damit wiederum alle in Angst, die nicht ihrer Meinung sind. Das ist eklig, wird aber vorbeigehen. Natürlich ist es unbedingt notwendig, mit aller Kraft zu kämpfen, in erster Linie gegen die Angst.
Ich finde also, wir sollten keine Angst haben. Wir sollten klar sagen, was an all dem, was die Rechten fordern und denken, falsch ist. Sie sind und waren schon immer eine Minderheit. Die Mehrheit aber ist stärker, wenn sie will.

Angst habe ich dennoch,

und zwar vor genau dieser Mehrheit, weil sie glaubt, dass das marktwirtschaftliche System in der Natur des Menschen liege.
Vor der Mehrheit, weil sie glaubt, eine Wirtschaft, in der sich alles nach dem größtmöglichen Profit ausrichtet, ließe sich so gestalten, dass sie Mensch und Natur nicht zu Grunde richtet.
Vor der Mehrheit, die denkt, man könne dem Kapitalismus einfach die Eigenschaften einer menschenfreundlichen Gesellschaft beifügen und die dabei übersieht, dass der Kapitalismus all jene Verhältnisse, unter denen Menschen weltweit leiden, überhaupt erst verursacht.
Diese Mehrheit ist es, vor der ich Angst habe.
Und zwar nicht deswegen, weil von ihr eine Gefahr ausgeht, sondern deshalb, weil sie die Gefahr womöglich zu spät erkennt.

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rape culture? me too

Eigentlich wollte ich gar nichts zu dem Thema schreiben, dachte, läuft ja.

Nun ist einige Zeit vergangen, viele Frauen haben ihren ganz persönlichen Bezug zu dem Thema öffentlich gemacht, wenige Männer sind dem Aufruf gefolgt, doch auch mal was zu schreiben. Was zunächst nachvollziehbar scheint. Was soll ein Mann schon dazu schreiben? Ja, ich bekenne mich schuldig? Ja, sexuelle Übergriffe sind scheiße? Ja, ich bin auch schon mal sexuell belästigt worden? Hätte alles irgendwie eine Berechtigung. Klingt alles ein bisschen scheinheilig.

Ich empfand es als einen großen Vorteil des #metoo-Hashtag, dass er so groß angelegt war. Das verbindet eine große Menge Menschen in ihrer persönlichen Erfahrung, was wichtig ist, weil es eben ein großes Thema ist. Macht es aber auch schwierig, eine Position zu finden, sobald es nicht um die eigene Betroffenheit geht. Die ist meist eine Sache der Frauen, Männer stehen stumm und dumm herum und fühlen sich unwohl. Man fühlt sich offenbar schuldig gemacht.
Ich finde, neben der Benennung der Schuld der Täter ist es wichtig zu betonen, wie tief sexuelle Übergriffe in unserer Gesellschaft verwurzelt sind, so tief, dass die Schuldfrage unter Umständen zu kurz greift.

Rape Culture

Deswegen finde ich es durchaus sinnvoll, verbale Angriffe mit Gewaltverbrechen in einen Hashtag zu werfen, nicht weil sie alle dasselbe sind. Nein. Weil sie die selbe Wurzel haben.
Die Tatsache, dass #metoo praktisch Frauensache war, legt nun aber wie von Geisterhand den theoretischen Schluss nahe, dass die Wurzel des Übels Männersache sei. Haben wir so gelernt. Mann Subjekt Täter, Frau Objekt Opfer, stimmt auch im Groben und Ganzen. Ich glaube aber, es ist komplizierter.

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass die Opfer sexueller Gewalt jeweils irgendetwas zu dieser Gewalt beigetragen haben. Ich würde nicht zögern, Leute wegen derlei Behauptungen direkt und in RL zu entfreunden. Zu sagen, was macht die sich auch hübsch, ist ungefähr so klug wie zu fragen, wieso jemand, der seine Fenster geputzt hat, sich eigentlich beschwert, wenn in sein Haus eingebrochen wird.

Ich bin von einer feministischen Mutter erzogen worden. Meine gesamte Pubertät habe ich in einer grotesken Angst verbracht, Mädchen etwas anzutun, das sie vielleicht nicht wünschen. Ich habe erst sehr, sehr spät gemerkt, dass Sexualität etwas ist, das auch mir als Mann Freude bereiten darf, noch als Zwanzigjähriger war mir diese Vorstellung irgendwie zuwider. Ich bin also ungefähr so weit weg von sexuellem Übergriff sexualisiert worden, wie ich mir nur vorstellen kann. Das hat mich nicht davor bewahrt, in gewissen Grenzen übergriffig zu werden.
Ich glaube, es hängt mit allem zusammen, was wir über Geschlechter gelernt haben:

Mann=Subjekt
Frau=Objekt.

Konzentriert man sich, wie #metoo, ausschließlich auf die Aussagen von Frauen, sieht es vielleicht tatsächlich so aus, als sei es einfach. Als sei dieses Grundmuster von Tätern in die Welt gesetzt worden punkt (Hier möchte ich das große Thema dann doch mal ganz entschieden in zwei Teile trennen. Sexualisierte Gewalt geht vom Täter aus und von niemandem sonst. Aber darauf komme ich später zurück. Andere, weniger handfeste sexuelle Übergriffe sind, denke ich, sehr unterschiedlich motiviert).
Für einen Moment möchte ich die Opfer und also die Perspektive derjenigen, die eine Situation als Übergriff erleben, einmal ausblenden. Was geht im Täter vor? Warum tut der Mann das, warum grapscht er an den Hintern, warum macht er die anzügliche Bemerkung? Zwei Möglichkeiten.
Es könnte aus einem Machtanspruch geschehen: eine solche Handlung setzt eine direkte und unmittelbare Hierarchie in die Welt. Vielleicht will der genau das. Das wäre genau wie sexualisierte Gewalt im Kern komplett unerotisch motiviert. Zweite Möglichkeit: er denkt, dass Kontaktaufnahme zwischen Männern und Frauen so anfangen kann. Ja, so anfangen muss. Da kann man dann zurecht einwenden: Falsch gedacht.
Aber ich finde, die Sache hat einen entscheidenden Haken. Das hat der Typ sich nämlich gar nicht selbst ausgedacht. Die ganze Gesellschaft schreit es ihm förmlich von Kindesbeinen am schon aus der niedlichen Fratze eines Disneyfilms entgegen: Frauen machen sich hübsch wie ein Blümchen und warten dann, bis ein Mann kommt, der schnallt, wann und wie diese Blume gepflückt werden will.
Wenn Kontaktaufnahme so gedacht wird, ist die Grenze zur Belästigung fließend. Jungs geraten in diese Situationen, kein Scheiß. Da ist ein Mädchen, es will was von Dir und ist verzweifelt, weil Du einfach nicht von Dir aus aktiv wirst. Wie sähe das denn aus, ein Mädchen kann doch nicht den ersten Schritt tun, es ist ja kein Flittchen. Warum tut der denn nichts? Ich war dieser Junge, habe im Zweifel lieber nichts getan und es nicht selten bereut. Ich war eben viel zu unsicher und habe andererseits, oder auch deswegen, manche der Übergriffe, auf die ich zurückblicke, im verzweifelten Versuch unternommen, Mädchen nicht zu enttäuschen. Aus dieser Zwickmühle führt nur eine sehr kleine Tür heraus. Wäre ich weniger unsicher gewesen, hätte womöglich nicht Unsicherheit sondern Überheblichkeit für einige Verfehlungen Pate gestanden. Ich bin überzeugt davon, dass eine ganze Reihe Männer solche Dinge nicht in dem Bewusstsein tut, etwas Schlechtes zu tun, sondern aus purer Hilflosigkeit. In diesen Situationen ist es schwierig, von Täterschaft zu reden, weil Mann und Frau sowohl Wiederkäuer als auch Opfer desselben Klischees sind. Mann aktiv, Frau passiv. Wir haben da eine Rape Culture in der Mitte unserer Gesellschaft, die genau dort ansetzt: Ein Mädchen ist nicht sexgeil. Und wenn, dann sollte es keiner wissen. Das ist unanständig und schmutzig, sowas sind nur Jungs. Bei denen ist es wiederum genau andersherum:

Ein gesunder Junge will ficken.

So gesehen ist der Grund weshalb manche sich darüber echauffieren, dass Beischlaf neuerdings nicht ohne gegenseitiges Einverständnis zu geschehen habe, zwar klar erkennbar. Der schwedische Gesetzentwurf beinhaltet übrigens die klare Formulierung „genötigt oder gezwungen“ – unter Strafe steht also ganz eindeutig nur der erzwungene Sex und das eben nur dann, wenn die Frau nicht signalisiert, dass sie gerne gezwungen werden möchte. Die Empörung ist also konkret vollständig fehl am Platz, das möchte ich nur nebenbei anmerken. Das Denken, das hinter ihr steht, ist aber durchaus einen genaueren Blick wert.

Es könnte ja durchaus sein, dass die Tatsache, dass eine Forderung als abwegig empfunden wird nicht die Forderung diskreditiert, sondern die Realität. Wieso gilt es denn als ausgemacht, dass der Mann schon irgendwie im Gefühl haben muss, wann er ihn reinstecken darf, weil die Vorstellung zu komisch ist, dass eine Frau vorab zustimmt? Kann es auch nur irgendwie ok sein, wenn der Wille einer Frau, sich auf Tätlichkeiten einzulassen, erraten werden muss?
Zum Glück habe ich in meinem Leben viele Frauen getroffen, die wissen und sagen, was sie wollen. Aber es ist im Prinzip immer noch so, dass ein Mann, der auf sexueller Ebene aktiv versucht, zu bekommen, was er will, als normal gilt, während eine Frau mit der selben Haltung bestenfalls als ganz schön verwegen durchgeht. Bestenfalls. Eigentlich ist sie verdorben.

Die eigentliche Wurzel des Problems liegt, da bin ich sicher, auf einer gesellschaftlichen Ebene, die mit Geschlechtsverkehr erst einmal nichts zu tun hat.

Eine durchaus verwandte tiefere Ebene hat sexualisierte Gewalt. Eine Vergewaltigung ist in erster Linie keine sexuelle Handlung, sondern eine Gewalttat. Hier geht es eben um die Steigerung der Passivität: Unterwerfung.
Sogar Prostitution lässt sich so lesen – bei Umfragen, weshalb sie zu Prostituierten gehen, antworten Freier mit überwältigender Mehrheit, das Geile daran sei, dass die gekaufte Frau alles machen muss, was man will. Es geht nicht um das beknackte Sperma. Alle Meldungen darüber, dass die Zahl der Sexualstraftaten statistisch steige, sobald man Sexkauf verbiete, lassen sich vollständig darauf zurückführen, dass die verbotene Prostitution eben genau ab diesem Zeitpunkt als Sexualdelikt in die Statistik eingeht. Überhaupt ist das gesamte Konzept des Triebstaus inzwischen widerlegt. Wenn man das Aggressionspotential von Menschen misst, bevor und nachdem sie auf Gegenstände eingeschlagen haben, ist das Ergebnis ausnahmslos, dass sie nachher aggressiver sind als vorher.
Das ganze blödsinnige Bild vom Dampfkessel hat nichts mit der menschlichen Psyche zu tun. Es ist nur eingängig, das ist alles.

Es geht nicht um das beknackte Sperma.

Das kann ein Mann leicht loswerden, wenn er will, dazu braucht er keine anderen Menschen zu erniedrigen oder zu nötigen. Es geht gewalttätigen Männern darum, Macht ins Werk zu setzen, zu beweisen, wer die Hosen anhat. Dass deshalb mehr Männer sexualisierte Gewalt ausüben als Frauen, weil Frauen eben keine Schwänze haben, die sie irgendwo reinstecken können, ist zwar schön bildhaft gedacht. Ich halte das aber für einen Trugschluss. Sexuelle Übergriffe gehen auch ganz ohne Penis. Aber sie gehen nicht ohne Gewalt. Männer üben ganz ungeachtet ihres Pimmels häufiger als Frauen sexualisierte Gewalt aus, weil es eben Gewalt ist. Es ist Macht in Reinform.

Wenn eine Gesellschaft Jungs beibringt, dass sie die Fahrer des Trucks sind und Mädchen, dass sie mit etwas Glück schön genug sind, um mitgenommen zu werden, kollidiert das krass mit einer Lebenswirklichkeit, in der auch die allermeisten Männer rein gar nichts zu melden haben. Eine Gewalttat hat das Potential, das als „eigentlich richtig“ erlernte Kräfteverhältnis zumindest momentweise herzustellen. Ich befürchte, am Ende ist es womöglich tatsächlich so deprimierend simpel. Männer erniedrigen Frauen, weil sie mit dem Anspruch aufwachsen, die Könige der Löwen zu werden und das Leben die frustrierende Botschaft bereithält, dass sie Versager sind. Dass sie es, gemessen an diesem Anspruch, niemals zu etwas bringen werden.

Es ist also überhaupt nicht jetzt mal gut.

Es ist unbedingt nötig, noch viel weiter zu gehen und den ganzen Mist mal auszukehren. Niemand braucht Vorstellungen wie die, dass Männer aktiv und Frauen passiv zu sein haben. Niemand braucht die Vorstellung, dass nur ein erfolgreicher Mann ein echter Mann ist. Genau solche Vorstellungen sind nämlich die Wurzel der ganzen Scheiße. Wir, Männer und Frauen, können diese Wurzel gemeinsam ausreißen.

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