Wer hat Angst vor’m weißen Blatt?

Natürlich ist es ein Unterschied, ob es einen Text zu verfassen, eine Skulptur zu formen oder ein Lied zu komponieren gilt, aber die scheinbar schwer zu lösende Aufgabe des ersten Schrittes stellt sich überall. Im Kern ist es wohl die Angst, nichts zu erzählen zu haben. Zwei Dinge fallen mir in Zusammenhang mit dieser Befürchtung häufig auf.

Erstens stellt das sprichwörtliche leere Blatt den Anspruch in den Raum, dass eine Idee aus dem Nichts zu kommen habe. Stimmt das?

Wie Gott soll da ein Genius etwas buchstäblich erschaffen. Das scheint erst einmal logisch. Ein weißes Blatt ist schließlich leer und da soll ja was hin. Die Angst vor dem leeren Blatt als Angst vor der fehlenden Idee, im Grunde die Angst vor dem leeren Kopf.
Offenbar ist die Ansicht hier federführend, es gebe zwei Sorten Mensch:
1) die etwas zu sagen haben
2) die, denen diese Gabe nicht zuteil wurde.
Als sei ein Kopf ein Quell, aus dem Relevanz und kreative Leistung entweder nur so sprudelt oder nicht. Diese Leistung finde, so glaubt man offenbar, innerhalb des Kopfes statt. Sei die Idee dann fertig, purzele sie heraus wie Schokolade aus einem Snack-Automaten. Dieser Irrtum ist verständlich, sieht doch ein volles Blatt stets so aus, als hätte da ein schöpferischer Geist einfach was hin gemacht.
Sogar Menschen, die Erfahrung darin haben, Ideen zu entwickeln, übersehen den Weg dahin erstaunlich oft und erinnern häufig nur die verkürzte Version, ihnen sei etwas „eingefallen“.
Diese Teilanmesie begenete mir einmal besonders eindrucksvoll bei der Zusammenarbeit mit einer Band, die gerade eine beachtliche erste EP veröffentlicht hatte und auf der Suche nach Ideen für das geplante Album war. Die erste EP wirkte bereits gottgegeben und absolut, die vielen Sackgassen und Weggabelungen, die zum fertigen Ding geführt hatten, waren unsichtbar geworden. Verglichen damit erschienen alle Versuche, etwas gleichwertiges zu erfinden, matt. Die euphorische Ignoranz, die erste Schritte befeuern kann, war zudem hin. Ein Gefühl der fehlenden Inspiration beherrschte die Szenerie und ließ sich zum Glück vertreiben, indem ich den Musikern für eine Weile verbot, skeptisch zu sein. Es gibt eine Zeit für Erfindungen und eine Zeit für Kritik.
Die Angst, man hätte eben früher etwas zu sagen gehabt und nun nicht mehr, erwies sich dann natürlich als völlig unbegründet.

Den Ausdruck „etwas zu sagen haben“ finde ich aufschlussreich, weil er mit Sprechen zu tun hat. Ein Gespräch mit einem Gefäß voller „was zu sagen“, das über den Tisch ausgeschüttet wird, wäre aber ein Monolog, der nichts Neues bringt. Sobald ich mir aber Gefäße voller Fragen vorstelle, ist ein Weiterdenken, Spinnen, Ergänzen und Widerlegen denkbar, bei dem das „zu fragen“ am Ende zu etwas „zu sagen“ führt, das es vorher nicht gab.
Wenn wir uns Ideenfindung als die einsame Tätigkeit von weltabgewandten Genies vorstellen, werden wir dem Prozess nicht gerecht, bei dem aus einer Kette von Erfahrungen und Bewertungen ein Idee entsteht. Ideen „haben“ wir ja nicht einfach, wir entwickeln sie. Auch eine spontane Eingebung wächst heran, bis sie uns plötzlich gegenübersteht wie aus dem Nichts.

Die zweite, meiner Meinung nach ebenso wichtige Frage ist die, welche Rolle Ideen überhaupt im künstlerischen Prozess spielen.

Die ist zwar je nach Kunstform unterschiedlich zu bewerten, ich bin allerdings absolut überzeugt davon, dass sie in allen Fällen äußerst marginal ist.
Bei der Festivalkonferenz „Operation Ton“ sah ich ein Gespräch zwischen Frank Spilker (Die Sterne) und H.P.Baxxter (Scooter). Man könnte meinen, unterschiedlicher könnten Künstler nicht sein und das stimmt sicherlich, wenn man die Zielsetzung beider vergleicht. Über den Prozess selbst wurden sich die beiden allerdings schnell einig. H.P.Baxxter antwortete auf die Frage, wie er auf die Zeile „how much is the fish“ gekommen sei, das sei ihm „irgendwie eingefallen“ und er habe sofort gespürt, dass die Zeile eine große Kraft habe. Die Leistung, eine solche Zeile zu erdenken, ist sicherlich fragwürdig, er hätte sie ebenso gut würfeln können. Die anschließende Bewertungsleistung steht allerdings außer Frage: die Zeile war kommerziell gesehen ein überragender Erfolg. Es ist wohlfeil, kommerziellem Techno Banalität vorzuwerfen, weil es dessen Zielsetzung ist, banal zu sein. Ich halte es allerdings für arrogant, die künstlerische Leistung, die darin besteht, die Form zu finden, die dieser Zielsetzung perfekt entspricht, zu leugnen.
Ich finde, an diesem Beispiel ist gut zu erkennen, wie viel stärker ein künstlerischer Prozess von der Bewertung von Ideen geprägt ist als von den Ideen selbst. Wenn ein Werk nicht einfach nur Ausdruck einer momentanen subjektiven Befindlichkeit, sondern allgemein sein soll (wodurch es einem Publikum möglich wird, es als Kunst zu empfinden) ist es nicht gar so wichtig, ob ein Mensch, ein Pflanze oder der reine Zufall die Idee hervorgebracht hat – wichtig ist die Auswahl der Idee. Die Leistung besteht nicht darin, eine einzelne gute Idee zu haben, sondern eine von vielen Ideen als gut zu erkennen.
Diese Bewertungsleistung erfolgt fast immer zu großen Teilen intuitiv, wie Intuition allgemein ist sie das Ergebnis von Erfahrung. Und das ist das Schöne daran:

Erfahrung ist uns nicht gegeben, wir können sie machen.

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P.S. in losem Zusammenhang sehe ich diesen Text.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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