Die Story von der gefährdeten deutschen Frau

Meist beginnt es mit der Unterstellung, „die Linke“ habe Scheuklappen.

Man solle sich der Thematik mal ohne Denkverbote nähern heißt es.
Frauen seien nun mal seit 2015 in Deutschland einer größeren Gefahr ausgesetzt, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden als zuvor.

Dumm nur, dass sich das nicht durch Zahlen belegen lässt¹. Macht nichts, dann geht der Nachweis eben so: Wer aus einer Gesellschaft komme, in der Frauen weniger gelten, behandle sicherlich deutsche Frauen gewalttätiger.
Es handelt sich also mindestens um eine Projektion in die Zukunft. Was nicht messbar ist, kann ja noch messbar werden. Eine solche Vermutung ist naturgemäß nicht leicht vom Ressentiment abzugrenzen. Gerade in Zusammanhang mit der Forderung, sich an Fakten zu halten, finde ich das fragwürdig – aber natürlich lässt sich nicht widerlegen, was noch nicht stattfindet.
Daher möchte ich hier lediglich die Logik unter die Lupe nehmen.

Die Grundannahme lautet offenbar, dass Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis nach Deutschland kommen, selbstverständlich vorhaben, ihre Kultur hier allgemein durchzusetzen.

Dabei geht es nicht um irgendwelche Folklore, sondern ums Eingemachte: den Platz der Frau in der Gesellschaft. Obwohl eine ungleiche Rollenverteilung der Geschlechter, wie sie der Koran vorgibt, überhaupt nicht bedeuten muss, dass eines der Geschlechter verachtet oder misshandelt wird, ist eine solche Trennung natürlich sexistisch und wird deswegen in Deutschland seit einigen Jahrzehnten zurecht als falsch angesehen.
Es ist uns geläufig, auf ferne Länder zu schauen und ganz selbstverständlich zu fordern, dass diese Gesellschaften sich besser heute als morgen zu ändern haben. Wir nehmen uns stets das Recht heraus, nicht nur deren Regeln zu missbilligen – was in Ordnung ist, es sind ja nicht unsere. Unsere Haltung ist darüber hinaus immer fest mit der Vorstellung verknüpft, dass kein Mensch ernsthaft eine andere gut finden könne als die, die wir aktuell gerade favorisieren. Wir können uns nicht ausmalen, dass Menschen zu derart grundlegenden moralischen Fragen eine abweichende Meinung haben. Die müssen entweder krank oder unterdrückt sein. Wir wollen dann natürlich helfen.
Das ist die Haltung, mit der wir unsere „westlichen“ Werte in die Welt tragen. Dass der Export dieser Ideen vermutlich nicht funktioniert, wenn wir ihre Umsetzung einfach mit der Arroganz einer Weltpolizei verlangen, sei mal dahingestellt.

Das westliche Weltbild ist an Überheblichkeit ja kaum zu überbieten: unsere Moralvorstellungen sind universell, andere sind falsch. Selbstverständlich fordern wir also, dass alle Welt sich fügt.

So gesehen ist es verstehbar, wenn die Angst aufkeimt, dass auch Orientalen sich in Europa so aufführen könnten. Falsch gedacht. Es gibt nämlich keine Hinweise darauf, dass die das wollen. Die paar missionarischen Eiferer, die alle Religionen hervorbringen, als Maßstab zu nehmen, halte ich angesichts dessen, dass wir über Kriegsflüchtlinge sprechen, für nicht angemessen. Wenn wir im Gegenzug auch den Teil der Zugezogenen außen vor lassen, die ihre Religion überhaupt nicht zum Maßstab ihrer Handlungen macht, können wir uns vielleicht mal einen Blick auf die sehr große Gruppe erlauben, die im Privaten muslimisch geprägt ist und sich dem Generalverdacht ausgesetzt sieht, sie wolle uns islamisieren. Das sprichwörtliche Kopftuchmädchen. Das tut nichts, außer eine Regel zu befolgen, die nicht die unsere ist. Eine Missachtung unseres Anspruches, dass unser aktueller Zeitgeist universell und absolut gültig zu sein habe. Mehr ist das nicht. Wir wollen dieses Mädchen gerne barhäuptig sehen und sind erbost, dass es sich nicht fügt. Übergriffig ist in diesem Fall nicht das Mädchen, wir sind es, und wir sollten es in gewissen Grenzen auch sein. Wir wollen ja, dass unsere Vorstellung von Weiblichkeit in Deutschland allgemein gilt. Deswegen halte ich es persönlich durchaus für sinnvoll, das Tragen von Kopftüchern zum Beispiel an Schulen zu untersagen, das fördert die Idee der Gleichberechtigung. Wir haben also Recht und Grund, unsere Moralvorstellung durchzusetzen – und wenn wir dabei nicht zu rabiat vorgehen, klappt es auch. Die MigrantInnen haben dieses Recht nicht, sie können nur fordern, dass die Gesellschaft ihnen gestattet, bestimmte Traditionen zu bewahren. Allen voran ihnen selbst ist klar, dass genau dort ihre Gestaltungsmöglichkeit aufhört. Wie sollte ihnen das auch entgehen.

Eine Gefahr ist also weder praktisch noch theoretisch zu greifen.

Noch nicht einmal wir, die wir so überzeugt von unserem momentanen willkürlichen Stand der Ethik sind, würden in ein muslimisches Land einwandern und einfach anfangen, den Frauen die Tücher vom Kopf zu zerren. Wir würden das zwar für richtig und nötig halten (weil wir es uns durchaus niemals nehmen lassen, andere Kulturen zu bevormunden), aber wir würden es nicht tun. Weil wir es sehr wahrscheinlich trotzdem vorziehen, das dortige Gesetz zu achten. Sogar die durch lange koloniale Tradition übermächtige europäische Selbstherrlichkeit taugt nicht zu einem derart praktischen missionarischen Eifer. In Deutschland ansässigen Muslimen unterstellen wir aber, dass sie weder schnallen noch würdigen, dass die hiesigen Gesetze eine Gleichberechtigung vorsehen? Wie kommen wir darauf, dass schon eine nicht hundertprozentige Assimilation gleichbedeutend sein soll mit Ignoranz anderen Vorstellungen gegenüber und dem Eifer, alle zu bekehren?

Der Islam lehnt eine Gleichstellung ab und das entspricht nicht unserer Vorstellung. Das ist im Grunde schon die ganze Story.

Gewalt gegen Frauen folgt daraus noch lange nicht.
Es ist ja klar erkennbar, dass aus muslimischen Regionen zugewanderte Menschen zu einem großen Teil der im Koran vorgezeichneten Ungleichbehandlung von Mann und Frau folgen. Diese Ungleichheit wurde in Deutschland erst vor etwas mehr als einer Generation rechtlich, wenn auch nicht unbedingt praktisch abgeschafft. Inzwischen können sich alle außer der AfD auf die Gleichstellung von Mann und Frau als Ziel einigen. Und das, obwohl unzählige deutsche Männer (und einige deutsche Frauen) in einflussreichen Positionen viel dran gesetzt haben, das zu verhindern.

Indes gibt es keine Hinweise darauf, dass auch nur eine halbwegs nennenswerte Anzahl Nichtdeutscher dasselbe vorhat. Auch muslimische Männer werden zwar nicht freiwillig auf ihre persönlichen Privilegien verzichten. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass sie vorhaben, die deutsche Gesellschaft zu unterwandern. Sie wollen eben selbst nicht so gerne unterwandert werden, wer will das schon. Wir sollten und werden sie aber unterwandern und das ist gut so. Ich sehe überhaupt kein Problem darin, die gegen Frauen gerichteten Bestrebungen auch des muslimischen Teils der patriarchalen Männlichkeit in die Schranken zu weisen. Da gibt es Einiges zu tun. Das wäre im Interesse der Frauen, die Opfer von Gewalt durch muslimische Männer werden können: nämlich der muslimischen Frauen.
Ich finde aber, wir könnten ruhig mal aufhören uns darüber zu belügen, wer hier wessen Kultur ändern will und wird.

Es gibt weder faktisch noch logisch eine Veranlassung, eine Gefährdung „der deutschen Frau“ durch „den Islam“ zu fantasieren.

Es sei denn, man bezweckt damit etwas.

Fußnote:
¹) Gewalt gegen Frauen findet fast ausschließlich zu Hause statt. Misshandelt werden Frauen nahezu immer vom eigenen Partner. Die Gewalt geht zu etwa zwei Dritteln von deutschen Staatsbürgern aus, zu etwa einem Drittel sind es Täter ohne deutschen Pass. Das ist mehr als der Anteil der ausländischen Staatsbürger an der Gesamtbevölkerung, gibt also Anlass zur Sorge. Allerdings sind auch die Opfer von Gewalttaten zu einem ganzen Drittel keine deutschen Staatsbürgerinnen, was genau so hoch über dem Schnitt liegt. Kombiniert mit der Tatsache, dass Gewalttaten an Frauen in der Regel innerhalb der Familie verübt werden, ergibt das Sinn. Männer ohne deutschen Pass schlagen Frauen also häufiger als Männer mit deutschen Pass. Soweit so schlecht. Sie schlagen aber fast nie deutsche Staatsbürgerinnen, die werden in guter deutscher Tradition immer noch von ihren eigenen Männern misshandelt.
Seit Jahrzehnten werden (leicht rückläufig) jedes Jahr etwa 300 Frauen getötet, das ist immerhin fast eine pro Tag. Die meisten sind, wen wundert’s, deutsch und werden von deutschen Männern getötet. Unter den Opfern sind aber auch (gemessen am Geamtbevölkerungsanteil) überproportional viele ausländische Staatsbürgerinnen, die mehr oder weniger alle von ihren ausländischen Ehemännern getötet werden. Diese Opfer sind der Öffentlichkeit meist egal. Dass eine deutsche Frau von einem ausländischen Staatsbürger getötet wird, kommt außerordentlich selten vor – diese wenigen Fälle landen aber stets auf den Titelseiten der Boulevardpresse. Das Klima der Angst, das dadurch entsteht, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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Eine Antwort zu Die Story von der gefährdeten deutschen Frau

  1. Jonas schreibt:

    Gute Beobachtung: Gerade der Westen ist es, der dazu neigt, andere Kulturen zu „islamisieren“, also ihnen seine Moralvorstellungen und Ideologien aufzunötigen. Umgekehrt teilen muslimische Einwanderer diesen missionarischen Eifer in der Regel nicht. Es entspricht auch exakt meiner persönlichen Erfahrung, die ich mit vielen syrischen Freunden habe. Sie halten zwar wenig von unseren Wertvorstellungen, verhalten sich aber trotzdem tolerant und haben kein Interesse daran, anderen Völkern ihre Kultur aufzwingen zu wollen. Ich bin oft geradezu erstaunt, wie gleichmütig sie der modernen westlichen Kultur gegenüberstehen, obwohl sie für die konservativen Syrer t.w. eine Hölle auf Erden darstellen muss. Aber sie stören sich nicht daran, denn sie leben nach dem Motto, leben und leben lassen.
    Auch was die angebliche Frauenverachtung im Islam angeht, habe ich eine deutlich andere Ansicht. Es gibt zwar in der traditionellen arabischen, türkischen etc.. Kultur eine Geschlechtertrennung und ziemlich klare Rollenaufteilung aber deswegen noch lange keine Frauenverachtung. Ich persönlich tendiere eher zu der Ansicht, dass die westliche Gleichstellung der Geschlechter auf Verachtung basiert; nämlich auf der Verachtung des Geschlechtsunterschieds und der menschlichen Natur. Es ist ein materialistisches und prüdes Weltbild, eine Art Selbstverachtung und Selbstverleugnung, die in der westlichen Geistesgeschichte nicht gerade selten ist.
    Daher gehe ich hier auch definitiv nicht mit:
    „Wir sollten und werden sie aber unterwandern und das ist gut so. Ich sehe überhaupt kein Problem darin, die gegen Frauen gerichteten Bestrebungen auch des muslimischen Teils der patriarchalen Männlichkeit in die Schranken zu weisen. Da gibt es Einiges zu tun. Das wäre im Interesse der Frauen, die Opfer von Gewalt durch muslimische Männer werden können: nämlich der muslimischen Frauen.“
    lass das lieber. Leben und leben lassen. Die muslimische Frau ist nicht bedroht; zumnidest nicht bedrohter als der muslimische Mann. Man sollte sich eher Gedanken über das -sagen wir mal eigentümliche- Geschlechterverhältnis und und den damit im Zusammenhang stehenden desolaten Zustand der Familie in unserer Gesellschaft machen. Denn was das angeht, sind uns die musl. Einwanderer eher voraus. Mit welchem Recht und vorallem zu welchem Zweck willst du „patriarchale Männlichkeit“ überhaupt bekämpfen und was ist das eigentlich?
    „Inzwischen können sich alle außer der AfD auf die Gleichstellung von Mann und Frau als Ziel einigen.“
    und die FDP schwankt hier auch etwas. Und Feminismuskritiker wie ich, die mit der AfD nichts am Hut haben sind sogar strikt gegen jede Gleichstellungspolitik. Trennst du eigentlich zwischen Gleichberechtigung und Gleichstellung? Ein sehr wichtiger Unterschied: Erstere ist durch GG Art. 3 vorgeschrieben und zweitere verstößt gegen diesen Artikel und ist tendenziell bevormundend bis autoritär.
    Zum Thema Patriarchat empfehlte ich dir übrigens die äußerst sachliche (und umfangreiche) Diskussion zu dem Thema, die ich mit dem Blogger Djadmoros hatte:
    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/04/15/warum-ich-den-patriarchatsbegriff-fuer-historisch-irrefuehrend-halte/
    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/04/18/das-patriarchat-schlaegt-zurueck-antwort-auf-djadmoros/
    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/04/22/patriarchat-debattiert-iii/
    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/04/23/patriarchat-haelt-angriff-der-irokesen-stand-iv/
    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/04/23/patriarchat-nochmals-zur-begriffsbestimmung-v/

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