Warum Denkverbote nichts taugen

Erstens ist Denken nützlich.

Wer nicht denkt, bleibt seinen Impulsen ausgeliefert.
Neid, Wohlwollen, Angst, Zuversicht, Hass, Liebe etc. gründen auf Urteilen. Diese Urteile übernehmen wir zu einem großen Teil völlig ungefiltert, während wir aufwachsen. Zu einem anderen Teil haben wir sie im Laufe des Lebens selbst gebildet. Urteile sind, auch wenn sie unbewusst wirken, zunächst einmal irgendwann gefällt oder akzeptiert, also mindestens wahrgenommen worden. Wir haben sie entweder selbst erdacht oder wir haben sie übernommen, indem wir nicht nachgedacht haben. Das Denken spielt in beiden Fällen eine absolut zentrale Rolle.

Es ist ja gut gemeint, wenn gefordert wird, man solle menschenfeindliche Gedanken nicht denken.

Das ist aber nicht eigentlich Kern der Forderung. Der lautet vielmehr, man solle menschenfeindliche Gefühle nicht fühlen. Psychologen wissen, dass Gefühle nur überwunden werden können, wenn sie erkannt, also gedacht werden. Sie sind nichts anderes als versteinerte Gedanken. Ich meine damit, dass eine Summe von Urteilen über viele Jahre eine emotionale Grundverfassung erzeugt, die im günstigsten Fall sehr stabil ist. Ein widerlegtes Urteil kann zwar vom Verstand schnell als falsch erkannt werden, die Emotion ändert sich aber zunächst nicht. Wenn wir nun fortfahren zu denken und wiederholt erkennen, dass unser neues Urteil richtiger ist als das alte, passt sich die Emotion langsam an, das zeigt die Erfahrung.
Wir können nur verhindern, dass unsere Emotionen uns beherrschen, indem wir sie denken und wieder denken.

Nun ist ein Denkverbot zwar theoretisch nur ein Verbot ganz bestimmter Gedanken und nicht eine Aufforderung, ganz mit dem Denken aufzuhören.

Leider funktioniert das in der Praxis aber nicht. Um zu erkennen, dass ein Gedankengang einen logischen oder faktischen Fehler enthält muss er ja erst einmal gedacht werden. Es bringt überhaupt nichts, wenn ich anhand eines Impulses wie zum Beispiel „die Ausländer sind schuld“ in Schockstarre verfalle und aus lauter Scham das bisschen Denken, das da stattgefunden hat, auch noch einstelle. Vielmehr wäre es wichtig, genau an diesem Punkt mit dem Denken anzufangen.
Wer sind die überhaupt, was ist es genau, woran sie schuld sein sollen, wie funktioniert dieses Verschulden wohl, was könnte eigentlich Ursache sein für das, was ich diesen Menschen gerne übel nehmen möchte, woher kommt überhaupt mein Interesse, ihnen etwas übel zu nehmen? Und so weiter.
Ich glaube, es ist ein sehr schwerwiegender Fehler, Gedanken zu verbieten. Wir verbauen uns damit die Option, sie zu widerlegen.
Stattdessen geschieht Folgendes:
eine Kritik, die einen abstrakten Gedanken sachlich hätte treffen können, wendet sich emotional gegen die reale Person, die ihn denkt. Die fühlt sich angegriffen, gerät in die Defensive, fordert für sich verständlicherweise das Recht, ja wohl eigenständig denken zu dürfen und meint damit aber leider das exakte Gegenteil: das Recht, einen falschen Gedanken nicht zu Ende zu denken, sondern darauf zu beharren. Das Recht also, nicht zu denken. Willkommen in der Quadratur des Kreises.

Zweitens ist Denken positiv.

Das Denkverbot folgt einer negativen Logik, die unter anständigen Mitbürgern grassiert. Was rechtsextreme Agitatoren äußern, sei abzulehnen, weil man ja gesehen habe, wohin das führt. Dieser Fokus lenkt fast vollständig davon ab, was da gelogen und zurechtgezimmert wird. Es geht überdies nicht mehr darum, eine Welt zu denken, in der wir uns wohl fühlen.
Die Vermeidung eines nächsten Faschismus ist ein in Buchstaben gegossenes Erstarren des Kaninchens vor der Schlange.
Wir sollten indes nicht annehmen, dass die Rechten nicht denken. Meiner Ansicht nach bestehen sie zum einen Teil aus Verbreitern der Botschaft, die es zwar besser wissen, aber einen Zweck verfolgen und zum anderen Teil Empfängern der Botschaft, die sich zwar emotional bestätigt fühlen, aber in der Sache irren.
Rechte Agitation lebt aber nicht von Logik, sondern von Angst. Die Emotion, derer sich die Rechten bedienen, ist Verunsicherung und das Gefühl bedroht zu sein. Sie folgt einem Radfahrerprinzip: nach oben buckeln, nach unten treten. Das rechte Weltbild phantasiert eine Bedrohung der „Volksgemeinschaft“ von außen, indem es bestimmte Gruppen willkürlich als nicht zugehörig und gefährlich einstuft. Angst wird als agitatorisches Kapital verwendet, während man andererseits selbst Schrecken verbreitet, sobald die Macht dazu ausreicht. Die Rechte surft auf der Angst, sie ist ihre stärkste Waffe: aus ihr folgt der Wunsch nach einer starken Führung, die sie dann netterweise gern übernehmen.

Denkverbote sind Angst.

Genau genommen sind Denkverbote die fleischgewordene Angst, einen Gedanken nicht widerlegen zu können oder gar zu wollen. Aber wir sollten es im eigenen Interesse wollen und wir können es.
Stattdessen wähnen wir uns in einer verzweifelten Lage. Scheinbar gibt es nichts Wichtigeres als Vermeidung. Wir müssen die Rechten bremsen, wir müssen verhindern, dass es wieder so weit kommt. In all dem steckt ein zutiefst negativer Ansatz. Es scheint als habe alle Welt vergessen, sich um die Gestaltung der Zukunft zu kümmern. Die Rechten geben vor, verhindern zu wollen, dass man „uns“ von „außen“ angreift, wir anderen wollen verhindern, dass die Rechten das tun, was sie so gern täten: Macht ausüben. Am Ende gelingt es Ihnen sogar noch, ihren Willen zur Macht als zukunftsweisende Vision darzustellen, und das nur, weil der Willen zur Gestaltung allerorten durch die viele Verhinderung blockiert ist.

Eine Zwickmühle.

Ich glaube nicht, dass wir da raus kommen, indem wir die Unanständigkeit dessen, was die Nazis taten und tun, wie eine Monstranz vor uns her tragen. Wir sehen, wohin dieser Hase läuft: sobald die NS-Vergangenheit das einzige Argument ist, wird es eine äußerst wirksame Waffe, sie einfach wieder und wieder zu relativieren. Und genau das tun sie. So richtig und wichtig Erinnerungskultur ist, wir sollten uns nicht davon abbringen lassen, selbst etwas zu wollen. Außerdem ist eine Argumentation, die darauf abzielt, rechte Standpunkte durch ihre Nähe zum Nationalsozialismus zu diffamieren, zwar wohlfeil, spart aber am falschen Ende.
Sie ist nur scheinbar eine Argumentation: inhaltlich wirksame Einwände kommen in ihr nicht vor.

Dabei wäre es natürlich auch dann nicht sinnvoll, Flüchtende in Lager einzusperren, wenn das die ersten Lager in der Geschichte wären. Die öffentliche Gleichsetzung Millionen friedlicher Menschen mit einer Handvoll Mördern aufgrund ihrer Religion wäre auch dann nicht richtig, wenn Göbbels niemals eine Rede gehalten hätte. Die These, die „deutsche Rasse“ sei durch Vielfalt dem Untergang geweiht, würde um keinen Deut begründbarer, wenn der Holocaust nicht stattgefunden hätte.

Niemand sollte aufhören zu denken, zu keiner Zeit und erst recht nicht jetzt.

Ich glaube nicht, dass wir aus der Zwickmühle heraus kommen, indem wir in der Defensive bleiben. Wenn wir uns darauf konzentrieren, den nächsten Schritt der anderen zu verhindern, bleiben sie uns immer einen Schritt voraus. Wir sollten selbst mehr Schritte tun. Es gibt schließlich eine Welt zu gestalten.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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