Schreien oder Schweigen

Kritische Positionen gegenüber israelischer Politik seien eine Verbrüderung mit Terroristen, diese Ansicht ist offenbar salonfähig.

Zu erkennen, dass es damit nicht weit her ist, dazu braucht es nicht viel. Mühelos lässt sich herausfinden, dass es so etwas wie eine einzig gültige israelische Position gar nicht gibt. Israel ist eine pluralistische Gesellschaft, innerhalb derer so manche tatsächlich den Wunsch hegen, sich mit ihren palästinensischen Nachbarn friedlich zu einigen. Diese wiederum würden sich mehrheitlich sicherlich freuen, wenn sie ihren Kindern eine schöne Zukunft ermöglichen könnten.
Selbst Iran ist eine pluralistische Gesellschaft. Die mächtige Revolutionsführung ist wesentlich stärker darauf angewiesen, das große Teile der Bevölkerung hinter ihr stehen, als ihr lieb ist und befindet sich in einem ständigen Tauziehen mit einflussreichen Gruppen, die weder besonders religiös noch kriegslüstern sind, sondern einfach möglichst unbeschwert ihren Geschäften nachgehen wollen.

Binsenweisheiten.

Wenn sich eine Gesellschaft von außen bedroht fühlt, gewinnen radikale Minderheiten an Kraft. Da mag Frieden und Wohlstand noch so sehr Kompass und Anker sein, ist die eigene Welt erst einmal scheinbar in Gefahr, geschieht es trotzdem schnell, dass sich große Teile der Bevölkerung hinter Hardliner stellen, die dann ihr ganz eigenes Süppchen auf der Angst kochen. Die reale Bedrohung, die in Israel seit Jahrzehnten Alltag ist, hat dazu geführt, dass sich eine Führungsriege an der Macht behaupten kann, die aus dem Konflikt ihre Kraft bezieht. Auf palästinensischer Seite hat die fortwährende Perspektivlosigkeit ebenfalls eine Elite gestärkt, der im Interesse des eigenen Machterhalts nicht viel daran gelegen sein dürfte, sich mit Israel zu vertragen. In Iran ist man noch nicht soweit. Die iranische Öffentlichkeit ist Lichtjahre davon entfernt, sich eine Konfrontation mit dem Ausland zu wünschen, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass sie sich im Fall eines Angriffs von außen mit einer Selbstverständlichkeit radikalisieren kann, die wir uns kaum vorstellen können.
Wir sehen also einen bunten Strauß von Mächtigen, die ihre Kraft jeweils daraus beziehen, dass nebenan eine andere Machtelite ihre Kraft ebenfalls daraus bezieht, dass man sich gegenseitig als Gefahr empfindet. Würden die den Konflikt deeskalieren, könnte sie es ihr Amt kosten.

Woher um alles in der Welt kommt die Vorstellung, die einfachen Menschen, die am meisten unter diesem System der gegenseitigen Verteufelung zu leiden haben, seien die Wurzel des Problems?

– Es wird gesagt, „die Palästinenser“ wollten ja keinen eigenen Staat, sie hätten einzig und allein das Interesse, Israel zu vernichten. Ich nehme nun mein bisschen Phanatasie zusammen und stelle mir einen jungen Menschen vor, der in einer Welt mit passablen Perspektiven auf ein angenehmes Leben aufwächst und statt dem Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, zu lernen, eine Familie zu gründen, in Frieden und glücklich alt zu werden, sich lieber dafür entscheidet, einen benachbarten Staat zu zerstören. Ich weiß, dass es sogar das gibt. Aber derart massenhaft, dass ein Satz, der mit „die Palästinenser…“ anfängt, irgendwie Sinn ergäbe?
– Die Israelis haben die Terroristen, von denen sie sich zurecht bedroht fühlen, nicht einer Laune der Natur zu verdanken, die ihnen ein mordlüsternes Nachbarvolk vor die Tür gesetzt hat, sondern der Politik verschiedener Eliten auf allen Seiten. Auch hier findet eine Gleichsetzung einer Machtclique mit der ihr unterworfenen Bevölkerung statt, die ich äußerst fragwürdig finde. Ich mag mir die Juden nicht als ein Volk von Hardlinern vorstellen, die allesamt Eskalation für das einzig Richtige halten.
– Die iranische Regierung verfolgt verschiedene Ziele. Neben der Durchsetzung islamischer Moralvorstellungen innerhalb der eigenen Gesellschaft, der sich der klerikale Teil der Regierung verpflichtet fühlt, hat sie zusammen mit dem säkularen Teil der Regierung das Interesse, die Ressourcen Irans zu nutzen, um außenpolitischen Einfluss zu erlangen, der wiederum zu Wohlstand führen soll. Irans Gegner in diesem Spiel ist Saudi-Arabien: die haben dasselbe vor. Ziel der iranischen Regierung ist es sicherlich nicht, das eigene Land zu ruinieren, also gibt es keine glaubwürdige Veranlassung, den Konflikt mit den USA zu suchen. Aber auch die iranischen Hardliner wissen sehr gut, dass eine Bedrohung von außen ihre Existenzgrundlage ist, also gehört es wie das Klappern zu ihrem Handwerk, ein handzahmes Bedrohungsszenario aufrecht zu erhalten.

Ich kann also, auch ohne die Länder selbst alle gesehen zu haben, erst einmal Folgendes feststellen: die Vorstellung, da gebe es massenhaft Menschen, die sich nichts Besseres vorstellen können als Israel zu zerstören, ist abwegig. Die Vorstellung, ein Land wie Iran entscheide sich einfach mal, seinen beträchtlichen Reichtum (Öl, Bildung und Wasser) komplett der Vernichtung eines Nachbarstaates zu opfern, ist ebenso absurd. Hier wird die Rhetorik von Hardlinern mit dem Interesse ganzer Staatsbevölkerungen gleichgesetzt und das ist nicht nur sachlich falsch.

Es ist schon rein logisch klar ersichtlich, dass die Lage des nahen Ostens nur verstehbar ist, wenn man annimmt, dass dort Zivilbevölkerungen in einer Art Geiselhaft der Hardliner verstummen, die daraus ihre Macht beziehen, dass sie Angst schüren.

Dies ist im Kern eine rechtsradikale Strategie.

Taktisch bedienen sich sowohl das Ayatollah-Regime als auch Palästinenserführer und israelische Nationalisten eines rechtsradikalen Erfolgsrezepts und damit stehen sie weltweit nicht alleine.
Ich bin kein Freund des Wortes „Extremismus“. Kurz gesagt ist dieser Begriff ein Vehikel, um eine Politik, die auf die Durchsetzung einer Wirtschaftsordnung abzielt, die im Namen des Profits unvorstellbare Zerstörungen anrichtet als „gemäßigt“ zu bezeichnen und den Willen, diese Politik zu ändern als „extrem“. Es geht mir also nicht darum, dass die Positionen der Hardliner extrem sind, das sind politische Positionen immer, wenn sie nicht wirkungslos sind. Es geht mir um die Strategie der Angst, die im Endeffekt lebensfeindlich ist.

Die Antideutschen erheben die Rhetorik der Hardliner zum Maß aller Dinge. Den radikalen Nationalisten und den religiösen Eiferern wird damit die Ehre zuteil, die gesamte Bühne zu besitzen. Es wird ja keine andere Position geduldet. Nicht nur die deutsche Linke wird im Zuge dessen in zwei Lager geteilt: nationalistisch oder islamistisch. Schon der Vorschlag, mit Muslimen zu reden wird als Pakt mit dem Terror gedeutet. Die einzig gültige Position ist die der Feindschaft. Der Wunsch scheint zu sein, alle Stimmen, die nicht einer Rhetorik der Angst und der Eskalation folgen, mögen verstummen. Schreien oder Schweigen.

Ich möchte mir die Welt nicht ausmalen, die entsteht, wenn diese Saat aufgeht.

P.S. Antisemitismus ist wie Rassismus und Sexismus ein Phänomen mit mehreren Facetten. Neben dem Grundkonzept des Rassismus, von der körperliche Erscheinung auf geistige Fähigkeiten und Charaktereigenschaften zu schließen, ist er hauptsächlich vom Mechanismus bestimmt, jeweils eine Gruppe mit Handlungen einzelner ihrer Mitglieder zu identifizieren und kollektiv in Verantwortung zu nehmen. Diese werden nicht als Subjekte, sondern als Vertreter ihrer jeweiligen körperlichen Eigenschaft wahrgenommen, sind also nicht Mensch, sondern schwarz, weiß, weiblich, etc.
Ich finde es mehr als bedenklich, dass der antideutsche Imperativ, jede Kritik an Forderungen orthodoxer Fundamentalisten oder an Handlungen des israelischen Präsidenten sei als Kritik an allen Juden zu verstehen, genau dieser beknackten Logik folgt.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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