worum es eigentlich nicht geht

Ich war wohl ungefähr zehn Jahre alt, als ich eine Frage hatte:

Wieso haben die Amerikaner in den zweiten Weltkrieg eingegriffen? Der war doch in Europa, also recht weit weg von denen. Mein Stiefvater bot mir eine moralische Erklärung an. Man habe gesehen, was die Deutschen in Europa anrichteten, also habe man im Namen des Guten einschreiten müssen. Mit dieser Erklärung bin ich aufgewachsen. Logisch, da passiert Schlimmes, also geht man dazwischen. Das tun Menschen. Aber tun Staaten das?

Moral und Politik 1940

Das tatsächliche damalige Handeln der US-amerikanischen Regierung erzählt eine andere Geschichte. Als Hitler an die Macht kommt, ist denen, die es nicht übersehen wollten, klar, dass Gräueltaten bevorstehen. Man beschließt, das hinzunehmen und lässt die neue deutsche Regierung machen. Die machen keinen Hehl daraus, dass sie gedenken, ganz Europa zu erobern und möglichst viele jüdische und anderweitig zum Feind erklärte Menschen umzubringen. Deutschland greift sich ein paar Nachbarländer ohne Gegenwehr und nimmt sich dann die Länder vor, von denen Gegenwehr zu erwarten ist. Die USA schauen weiter zu.

Nun kommt der Moment, an dem sich abzeichnet, dass das deutsche Vorhaben eventuell scheitert. Der Krieg hinterließe dann ein geschwächtes Europa, das einer bis dato siegreichen roten Armee gegenüber stünde. Erst an diesem Punkt beginnen die USA, einzugreifen.
Ich bin mir im Klaren darüber, dass solche Entscheidungsprozesse nicht gradlinig verlaufen, derlei Erwägungen sind sicher sehr komplex. Aber unterm Strich bleibt, dass die Streitkräfte der USA nicht auf den Plan treten, als Hitler droht, Europa zu erobern, wohl aber, als die Sovietunion sich als möglicher Sieger abzeichnet.

Ich will die Entscheidung der USA, in den zweiten Weltkrieg einzugreifen, nicht moralisch bewerten. Eine solche Bewertung ist sinnlos, wenn die Entscheidung offensichtlich nicht aus moralischen Gründen gefallen ist. Die USA wollten nicht den Holocaust, sondern ein kommunistisches Europa verhindern.
Man könnte deshalb die Handlungsweise der USA wenn schon nicht als moralisch, dann als ideologisch motiviert sehen. Was aber sollte ein Interesse, das die Enteignung der Produktionsmittelbesitzer zu verhindern sucht, anderes sein als ein wirtschaftliches Interesse?

Es ging offenbar nicht um die Rettung der Verfolgten des Nazi-Regimes, es ging auch nicht um die Wahrung der westlichen Demokratie – es ging um die Rettung des Profits.

Moral und Politik 2018

Und nun zu etwas gänzlich anderem. Der Nahe Osten ist seit dem Ende der akuten Kolonialzeit vom Kampf zweier Hegemonialmächte geprägt. Auf der einen Seite das Saudi-Arabien, auf der anderen Seite Iran. Dieser Konflikt hat viele Facetten und lässt sich sowohl religiös als auch ethnisch deuten. Der Graben zwischen Persern und Arabern ist tief und der zwischen Sunniten und Schiiten womöglich noch tiefer. Doch gibt es genügend Beipiele, dass er überwunden werden kann, wenn man denn will. Ohne ein wirtschaftliches Interesse, das sie instrumentalisiert, ist noch nie ein handfestes Gemetzel aus solchen kulturellen Gegensätzen entstanden.

Im Fall der beiden Platzhirsche des Orient sind es vermutlich deren eigenen wirtschaftlichen Interessen, an denen sich der Konflikt entzündet. Es wäre auch denkbar, dass die Stärke, die eine friedliche Koexistenz beider Hegemonialmächte bedeuten könnte, eine Motivation für Außenstehende darstellt, sie zu entzweien. Das ist natürlich Spekulation und deswegen als Argument nicht viel wert. Sicher bleibt: es gäbe sie, die wirtschaftliche Motivation, den als kulturell auftretenden Konflikt zu schüren.

Ach so, ja, stimmt, da war ja noch was.

Man könnte fragen, was ist denn mit Israel? Geht es denn nicht eigentlich um Israel? Nein. Ich glaube, darum geht es nicht. Israelische Politiker mögen sich, wie bis in die Neunziger, als natürliche Verbündete Irans gegen die arabische Welt sehen oder, wie seit den Neunzigern, als natürlicher Feind der Iraner – das hat den Konflikt nicht einmal tangiert. Und doch wird die Existenz Israels stets als der Dreh- und Angelpunkt der Nahost-Politik kolportiert.

Im vorangegangen Abschnitt habe ich vermutet, dass die geläufige Sicht, man habe Europa von den Nazis befreien wollen und dabei habe sozusagen nebenbei auch der Siegeszug der roten Armee ein bisschen gelitten, dem Gegenteil der Wahrheit entspricht. Es ist wahrscheinlicher, dass der Sieg über das Naziregime ein Beiwerk der Bestrebungen war, ein kommunistisches Europa zu verhindern.
Ebenso glaube ich nicht, dass die Sicherheit Israels ein Grund sein könnte, Saudi Arabien zu stärken.
Es klänge grotesk, wenn tatsächlich jemand glauben würde, der Nahe Osten ließe sich befrieden, indem man einerseits den ärgsten Feind der iranischen Republik mit modernen Waffensystemen ausstattet und andererseits das Abkommen aufkündigt, das die iranische Regierung zur Zeit noch daran hindert, sich selbst mit der ultimativen Waffe zu versorgen. Was kann man da erwarten? Dass die Iraner sich in einer Anwandlung von selbstzerstörerischem Pazifismus den Saudis unterordnen? Das wäre eine absurde Erwartung, noch dazu an ein schiitisch geprägtes Land. Selbst wenn das geschähe, wäre die nächste Frage: Was passiert, wenn man ein Gleichgewicht verschiebt? Es kippt. Wohin? Was wäre das für eine Region, in der ein totalitäres Regime dominiert, das weltweit religiös-rechtsradikale Fanatiker unterstützt?
Es geht offensichtlich nicht um die Förderung der Demokratie im nahen Osten, so schön das wäre. Es geht offenbar auch nicht um eine Befriedung der Region. Was auch immer der eigentliche Grund für die Bestrebungen der US-Regierung ist, das Kräfteverhältnis zugunsten der wahhabitischen Sunniten zu verschieben, er kann nur ein anderer sein. Der Begründung, man wolle Israel vor einer iranischen Aggression schützen, mangelt es an einer Vorstellung, was der machtpolitische Gewinn sein könnte, den Iran aus einer solchen Aggression ziehen könnte. Die Folge wäre allenfalls, dass sowohl Iran als auch Israel ihre Kräfte in einem sinnlosen Gemetzel verschwenden, das sie in ihrer Existenz gefährdet, und zwar beide. Einen derartigen politischen Unsinn würde ich nicht einmal Trump zutrauen und Rohani schon lange nicht.

Und?

Nun. Die Konstellationen 1941 und 2018 so nebeneinander zu stellen, hat natürlich etwas Pikantes, aber das soll keine Gleichsetzung der jeweiligen politischen Gemengelage sein. Der Umstand, dass jeweils jüdische Interessen eine Rolle spielen, legt nahe, Parallelen zu ziehen und die meisten dieser Parallelen sind Unsinn. Eine nicht: in beiden Fällen sieht es so aus, als gelte da ein Kampf der Verteidigung des Lebens bedrohter Menschen, in beiden Fällen ist es bei näherem Hinsehen den maßgeblichen Akteuren aber tatsächlich scheißegal, was diesen Menschen droht. Man hätte nicht solange tatenlos zugesehen und massenweise jüdische Flüchtlinge abgewiesen, wenn man hätte helfen wollen. Und man würde nicht die Kriegsgefahr im Nahen Osten mutwillig eskalieren, wenn es jetzt um den Schutz von irgendwem ginge, der dort wohnt. Eine Politik im Sinne Israels wäre, allen Beteiligten einen Grund und eine Perspektive zu geben, friedlich miteinander zu verfahren. Das ist der Kern des Atomdeals. Dessen Kündigung ist ein Schritt zurück in die Gefährdung Irans und der gesamten Region und damit auch Israels.
Es sollte also klar sein, dass die Gründe für die US-amerikanische Politik auch hier nicht mit dem Interesse der Betroffenen verwechselt werden sollten.

Sich konsequent für die Sache Israels einzusetzen, ist gerade ja ein bisschen en Vogue. Ich finde das gut. Nicht so gut finde ich, dass es dazu verführt zu glauben, die Außenpolitik irgendeines Staates (außer des israelischen natürlich) habe die Existenz Israels zum Zweck und Inhalt, im guten wie im Schlechten Sinne. Das verstellt den Blick auf die wirtschaftlichen Gründe, die am Ende ganz sicher der Antrieb sind für was immer dort geschehen ist und geschehen wird.
Es ist natürlich schön, sich über Ländergrenzen hinweg aus zum Anwalt derer zu machen, von denen man glaubt, ihnen gelte das Interesse der guten Akteure der Politik und der Hass der schlechten. Es gibt einem das Gefühl, für eine gerechte Sache zu kämpfen. Ich verstehe das. Gerade in Deutschland kann man leicht eine Sehnsucht nach so etwas entwickeln.
Es ist nur eben eine Einladung zur Instrumentalisierung durch Leute, die im Grunde ganz andere Interessen verfolgen. Ich finde, da sollte man ruhig ein bisschen wachsam sein. Die Frage nun, welche Interessen das sind, war leider schon immer der Beginn der absurdesten Verschörungtheorien. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Frage nach den eigentlichen Gründen keine kurzen Antworten verträgt. Aber eine Frage lohnt es sich immer zu stellen:

worum geht es wohl gerade nicht?

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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