rape culture? me too

Eigentlich wollte ich gar nichts zu dem Thema schreiben, dachte, läuft ja.

Nun ist einige Zeit vergangen, viele Frauen haben ihren ganz persönlichen Bezug zu dem Thema öffentlich gemacht, wenige Männer sind dem Aufruf gefolgt, doch auch mal was zu schreiben. Was zunächst nachvollziehbar scheint. Was soll ein Mann schon dazu schreiben? Ja, ich bekenne mich schuldig? Ja, sexuelle Übergriffe sind scheiße? Ja, ich bin auch schon mal sexuell belästigt worden? Hätte alles irgendwie eine Berechtigung. Klingt alles ein bisschen scheinheilig.

Ich empfand es als einen großen Vorteil des #metoo-Hashtag, dass er so groß angelegt war. Das verbindet eine große Menge Menschen in ihrer persönlichen Erfahrung, was wichtig ist, weil es eben ein großes Thema ist. Macht es aber auch schwierig, eine Position zu finden, sobald es nicht um die eigene Betroffenheit geht. Die ist meist eine Sache der Frauen, Männer stehen stumm und dumm herum und fühlen sich unwohl. Man fühlt sich offenbar schuldig gemacht.
Ich finde, neben der Benennung der Schuld der Täter ist es wichtig zu betonen, wie tief sexuelle Übergriffe in unserer Gesellschaft verwurzelt sind, so tief, dass die Schuldfrage unter Umständen zu kurz greift.

Rape Culture

Deswegen finde ich es durchaus sinnvoll, verbale Angriffe mit Gewaltverbrechen in einen Hashtag zu werfen, nicht weil sie alle dasselbe sind. Nein. Weil sie die selbe Wurzel haben.
Die Tatsache, dass #metoo praktisch Frauensache war, legt nun aber wie von Geisterhand den theoretischen Schluss nahe, dass die Wurzel des Übels Männersache sei. Haben wir so gelernt. Mann Subjekt Täter, Frau Objekt Opfer, stimmt auch im Groben und Ganzen. Ich glaube aber, es ist komplizierter.

Nein, ich möchte nicht behaupten, dass die Opfer sexueller Gewalt jeweils irgendetwas zu dieser Gewalt beigetragen haben. Ich würde nicht zögern, Leute wegen derlei Behauptungen direkt und in RL zu entfreunden. Zu sagen, was macht die sich auch hübsch, ist ungefähr so klug wie zu fragen, wieso jemand, der seine Fenster geputzt hat, sich eigentlich beschwert, wenn in sein Haus eingebrochen wird.

Ich bin von einer feministischen Mutter erzogen worden. Meine gesamte Pubertät habe ich in einer grotesken Angst verbracht, Mädchen etwas anzutun, das sie vielleicht nicht wünschen. Ich habe erst sehr, sehr spät gemerkt, dass Sexualität etwas ist, das auch mir als Mann Freude bereiten darf, noch als Zwanzigjähriger war mir diese Vorstellung irgendwie zuwider. Ich bin also ungefähr so weit weg von sexuellem Übergriff sexualisiert worden, wie ich mir nur vorstellen kann. Das hat mich nicht davor bewahrt, in gewissen Grenzen übergriffig zu werden.
Ich glaube, es hängt mit allem zusammen, was wir über Geschlechter gelernt haben:

Mann=Subjekt
Frau=Objekt.

Konzentriert man sich, wie #metoo, ausschließlich auf die Aussagen von Frauen, sieht es vielleicht tatsächlich so aus, als sei es einfach. Als sei dieses Grundmuster von Tätern in die Welt gesetzt worden punkt (Hier möchte ich das große Thema dann doch mal ganz entschieden in zwei Teile trennen. Sexualisierte Gewalt geht vom Täter aus und von niemandem sonst. Aber darauf komme ich später zurück. Andere, weniger handfeste sexuelle Übergriffe sind, denke ich, sehr unterschiedlich motiviert).
Für einen Moment möchte ich die Opfer und also die Perspektive derjenigen, die eine Situation als Übergriff erleben, einmal ausblenden. Was geht im Täter vor? Warum tut der Mann das, warum grapscht er an den Hintern, warum macht er die anzügliche Bemerkung? Zwei Möglichkeiten.
Es könnte aus einem Machtanspruch geschehen: eine solche Handlung setzt eine direkte und unmittelbare Hierarchie in die Welt. Vielleicht will der genau das. Das wäre genau wie sexualisierte Gewalt im Kern komplett unerotisch motiviert. Zweite Möglichkeit: er denkt, dass Kontaktaufnahme zwischen Männern und Frauen so anfangen kann. Ja, so anfangen muss. Da kann man dann zurecht einwenden: Falsch gedacht.
Aber ich finde, die Sache hat einen entscheidenden Haken. Das hat der Typ sich nämlich gar nicht selbst ausgedacht. Die ganze Gesellschaft schreit es ihm förmlich von Kindesbeinen am schon aus der niedlichen Fratze eines Disneyfilms entgegen: Frauen machen sich hübsch wie ein Blümchen und warten dann, bis ein Mann kommt, der schnallt, wann und wie diese Blume gepflückt werden will.
Wenn Kontaktaufnahme so gedacht wird, ist die Grenze zur Belästigung fließend. Jungs geraten in diese Situationen, kein Scheiß. Da ist ein Mädchen, es will was von Dir und ist verzweifelt, weil Du einfach nicht von Dir aus aktiv wirst. Wie sähe das denn aus, ein Mädchen kann doch nicht den ersten Schritt tun, es ist ja kein Flittchen. Warum tut der denn nichts? Ich war dieser Junge, habe im Zweifel lieber nichts getan und es nicht selten bereut. Ich war eben viel zu unsicher und habe andererseits, oder auch deswegen, manche der Übergriffe, auf die ich zurückblicke, im verzweifelten Versuch unternommen, Mädchen nicht zu enttäuschen. Aus dieser Zwickmühle führt nur eine sehr kleine Tür heraus. Wäre ich weniger unsicher gewesen, hätte womöglich nicht Unsicherheit sondern Überheblichkeit für einige Verfehlungen Pate gestanden. Ich bin überzeugt davon, dass eine ganze Reihe Männer solche Dinge nicht in dem Bewusstsein tut, etwas Schlechtes zu tun, sondern aus purer Hilflosigkeit. In diesen Situationen ist es schwierig, von Täterschaft zu reden, weil Mann und Frau sowohl Wiederkäuer als auch Opfer desselben Klischees sind. Mann aktiv, Frau passiv. Wir haben da eine Rape Culture in der Mitte unserer Gesellschaft, die genau dort ansetzt: Ein Mädchen ist nicht sexgeil. Und wenn, dann sollte es keiner wissen. Das ist unanständig und schmutzig, sowas sind nur Jungs. Bei denen ist es wiederum genau andersherum:

Ein gesunder Junge will ficken.

So gesehen ist der Grund weshalb manche sich darüber echauffieren, dass Beischlaf neuerdings nicht ohne gegenseitiges Einverständnis zu geschehen habe, zwar klar erkennbar. Der schwedische Gesetzentwurf beinhaltet übrigens die klare Formulierung „genötigt oder gezwungen“ – unter Strafe steht also ganz eindeutig nur der erzwungene Sex und das eben nur dann, wenn die Frau nicht signalisiert, dass sie gerne gezwungen werden möchte. Die Empörung ist also konkret vollständig fehl am Platz, das möchte ich nur nebenbei anmerken. Das Denken, das hinter ihr steht, ist aber durchaus einen genaueren Blick wert.

Es könnte ja durchaus sein, dass die Tatsache, dass eine Forderung als abwegig empfunden wird nicht die Forderung diskreditiert, sondern die Realität. Wieso gilt es denn als ausgemacht, dass der Mann schon irgendwie im Gefühl haben muss, wann er ihn reinstecken darf, weil die Vorstellung zu komisch ist, dass eine Frau vorab zustimmt? Kann es auch nur irgendwie ok sein, wenn der Wille einer Frau, sich auf Tätlichkeiten einzulassen, erraten werden muss?
Zum Glück habe ich in meinem Leben viele Frauen getroffen, die wissen und sagen, was sie wollen. Aber es ist im Prinzip immer noch so, dass ein Mann, der auf sexueller Ebene aktiv versucht, zu bekommen, was er will, als normal gilt, während eine Frau mit der selben Haltung bestenfalls als ganz schön verwegen durchgeht. Bestenfalls. Eigentlich ist sie verdorben.

Die eigentliche Wurzel des Problems liegt, da bin ich sicher, auf einer gesellschaftlichen Ebene, die mit Geschlechtsverkehr erst einmal nichts zu tun hat.

Eine durchaus verwandte tiefere Ebene hat sexualisierte Gewalt. Eine Vergewaltigung ist in erster Linie keine sexuelle Handlung, sondern eine Gewalttat. Hier geht es eben um die Steigerung der Passivität: Unterwerfung.
Sogar Prostitution lässt sich so lesen – bei Umfragen, weshalb sie zu Prostituierten gehen, antworten Freier mit überwältigender Mehrheit, das Geile daran sei, dass die gekaufte Frau alles machen muss, was man will. Es geht nicht um das beknackte Sperma. Alle Meldungen darüber, dass die Zahl der Sexualstraftaten statistisch steige, sobald man Sexkauf verbiete, lassen sich vollständig darauf zurückführen, dass die verbotene Prostitution eben genau ab diesem Zeitpunkt als Sexualdelikt in die Statistik eingeht. Überhaupt ist das gesamte Konzept des Triebstaus inzwischen widerlegt. Wenn man das Aggressionspotential von Menschen misst, bevor und nachdem sie auf Gegenstände eingeschlagen haben, ist das Ergebnis ausnahmslos, dass sie nachher aggressiver sind als vorher.
Das ganze blödsinnige Bild vom Dampfkessel hat nichts mit der menschlichen Psyche zu tun. Es ist nur eingängig, das ist alles.

Es geht nicht um das beknackte Sperma.

Das kann ein Mann leicht loswerden, wenn er will, dazu braucht er keine anderen Menschen zu erniedrigen oder zu nötigen. Es geht gewalttätigen Männern darum, Macht ins Werk zu setzen, zu beweisen, wer die Hosen anhat. Dass deshalb mehr Männer sexualisierte Gewalt ausüben als Frauen, weil Frauen eben keine Schwänze haben, die sie irgendwo reinstecken können, ist zwar schön bildhaft gedacht. Ich halte das aber für einen Trugschluss. Sexuelle Übergriffe gehen auch ganz ohne Penis. Aber sie gehen nicht ohne Gewalt. Männer üben ganz ungeachtet ihres Pimmels häufiger als Frauen sexualisierte Gewalt aus, weil es eben Gewalt ist. Es ist Macht in Reinform.

Wenn eine Gesellschaft Jungs beibringt, dass sie die Fahrer des Trucks sind und Mädchen, dass sie mit etwas Glück schön genug sind, um mitgenommen zu werden, kollidiert das krass mit einer Lebenswirklichkeit, in der auch die allermeisten Männer rein gar nichts zu melden haben. Eine Gewalttat hat das Potential, das als „eigentlich richtig“ erlernte Kräfteverhältnis zumindest momentweise herzustellen. Ich befürchte, am Ende ist es womöglich tatsächlich so deprimierend simpel. Männer erniedrigen Frauen, weil sie mit dem Anspruch aufwachsen, die Könige der Löwen zu werden und das Leben die frustrierende Botschaft bereithält, dass sie Versager sind. Dass sie es, gemessen an diesem Anspruch, niemals zu etwas bringen werden.

Es ist also überhaupt nicht jetzt mal gut.

Es ist unbedingt nötig, noch viel weiter zu gehen und den ganzen Mist mal auszukehren. Niemand braucht Vorstellungen wie die, dass Männer aktiv und Frauen passiv zu sein haben. Niemand braucht die Vorstellung, dass nur ein erfolgreicher Mann ein echter Mann ist. Genau solche Vorstellungen sind nämlich die Wurzel der ganzen Scheiße. Wir, Männer und Frauen, können diese Wurzel gemeinsam ausreißen.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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2 Antworten zu rape culture? me too

  1. endolex schreibt:

    So viel ja ❤

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  2. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt und kommentierte:
    100% Zustimmung

    Gefällt mir

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