so alt, so voller Hass

Nein, ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn Leute Autos anderer Leute anzünden und sich dabei in einem politischen Kampf wähnen. Meinetwegen soll man auch versuchen, diese Leute zu finden und sie angemessen bestrafen, wenn man sie gefunden hat. Das wäre nur gerecht, schließlich macht man das mit anderen Randalierern auch.

Aber das ist nicht der Punkt.

Seit der G20 über die Bühne gebracht wurde, arbeitet die Hamburger Polizei, die Bild-Zeitung, Wutbürger aus den dunklen Tiefen der Republik und wer immer sich berufen fühlt, daran, ein Bild linker Terroristen zu erfinden und zu verbreiten.
Da machen dann Couchpotatoes in der ganzen Republik ihr eigenes Fantasy-Kopfkino auf und halluzinieren Bilder von Massen linker Chaoten, die alle eingesperrt gehören, weil sie „den schwarzen Block“ ja nicht daran gehindert haben, Straftaten zu begehen. Keiner von denen war wohl jemals auf einer Demo. Die Vorstellung, dass Teilnehmer sich allein schon schuldig gemacht hätten, weil sie mitgelaufen sind, während der Zug brandschatzend durch die ganze Stadt gezogen sei, ist an Realitätsferne kaum zu überbieten. Es ist zwar durchaus anzunehmen, dass die Autos von Menschen angezündet wurden, die sich teilweise dem schwarzen Block zurechnen. Das haben die aber nicht während der Demos gemacht, sondern in kleinen Gruppen, ganz ohne Mitläufer. Die schwersten Verstöße, die den eigentlichen Demonstrationsteilnehmern überhaupt zur Last gelegt werden können, sind Flaschenwürfe.
Es wird mit vereinten Kräften suggeriert, dass die Verantwortlichen für die Eskalation auf der Seite der Gipfelgegner stehen. Auch das ist nicht wahr.
Man muss nicht dabei gewesen sein, um das zu erkennen. Es reicht, sich anhand öffentlich verfügbarer Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte ein Bild zu machen.

Der absolut überwiegende Teil der Gipfelgegner hatte überhaupt nicht vor, in eine gewaltsame Auseinandersetzung zu geraten oder irgendetwas zu zerstören.

Das betrifft nicht nur die großen Demos, die von allen möglichen Verbänden getragen wurden und die vielen Aktionen, die friedlich und symbolisch angelegt waren, sondern auch und gerade die „Welcome to hell“. All jene genüsslich in der Presse breitgetretenen Taten, bei denen zum Teil beträchtlicher Sachschaden entstand, fanden nicht im Rahmen irgendeiner der Demonstrationen oder Aktionen statt, sondern sind fernab der großen Versammlungen von kleinen Gruppen verübt worden, die gezielt Schaden anrichten wollten. Seither wird versucht, diese Sachschäden direkt mit der Flora und der von ihr angemeldeten Demo in Verbindung zu setzen, obwohl nichts den Tatsachen weniger entspricht. Gerade die gesamte „Welcome To Hell“ Demo ist seitens der Demonstrationsleitung und der Demonstranten vom strikten Vorsatz geprägt gewesen, alles wenn es nur irgendwie geht gewaltfrei ablaufen zu lassen. Die Leute von der Flora sind ja  nicht blöd. Die wissen, dass das Bildzeitungsvolk danach geifert, Szenen der Gewalt zu sehen. Die wollte man denen nicht geben. Auf dieser Demo hat sich nicht einmal der schwarze Block schlimmerer Dinge schuldig gemacht als anfangs das Gesicht zu verdecken – auch diese Vermummung wurde nach Aufforderung der Polizei abgelegt. Die Entscheidung der Polizeiführung nun aber, die Demo dennoch aufzulösen, und zwar an einer Stelle, an der die Straße von hohen Mauern seitlich begrenzt war, indem sie von vorne und hinten mit Wasserwerfern und einem massiven Aufgebot in die Leute rein geht, hätte zu einer Massenpanik führen können oder zu einer Eskalation der Gewalt. Frühestens jetzt flogen vereinzelt Flaschen. Die eigentliche Demo indes verlief weiterhin friedlich. Diese Polizeiaktion war bei weitem nicht die Einzige, die darauf ausgelegt zu sein schien, ein Klima der Gewalt zu schaffen. Das war bei der „Welcome to Hell“ vorerst nicht gelungen, aber die Stimmung war angeheizt.
Es ist durchaus nicht abwegig, zu vermuten, dass die Polizeiführung genau das im sinn hatte.

Wir wissen nicht, warum später entschieden wurde, bei den Plünderungen, die nachts darauf im Schanzenviertel geschahen, nicht einzugreifen

Wir wissen nur, dass es den „Hinterhalt“, mit dem die Polizeiführung das Nichteingreifen begründete, nicht gegeben hat. Das wissen wir von der Polizeiführung selbst, sie hat es später zugeben müssen. An dem als „Hinterhalt“ bezeichneten Gebäude stand ein Baugerüst, deswegen hatte der Besitzer des Hauses den Schlüssel zur Eingangstür vorab bei der Polizei abgegeben, das ist belegt. Die hatte allerdings offenbar gar nicht vor, zu verhindern, dass Leute auf dieses Gerüst klettern. Stattdessen inszenierte man später eine filmreife Erstürmung mit Tür-Aufbrechen und allem, was dazu gehört, um ein paar Leute zu verhaften, die nicht das Geringste verbrochen hatten. Es ist vielleicht gewagt, der Polizeiführung zu unterstellen, sie hätten diese Bilder gezielt produzieren wollen. Wie dem auch sei, genutzt haben ihr diese Bilder. Die ganze Republik konnte sich an der Wahnvorstellung aufgeilen, wie linke Chaoten Hamburg anzünden. Das Wort „Mordbrenner“ macht die Runde, ungeachtet dessen, dass es geradezu grotesk unpassend ist. Klingt so schön reißerisch. Dass durchaus nicht ganz Hamburg brannte und die plündernden Kids in der Schanze laut etlichen übereinstimmenden Augenzeugenberichten beim besten Willen nicht der linken Szene zugeordnet werden können, geschenkt. Es kommt eben auf die Bilder an.

So. Jetzt denken all diese Menschen, die sich so sehr darin gefallen, gegen Gewalt zu sein, dass sie fordern, alle wegzusperren, die überhaupt da waren, der hat sie doch nicht alle. Die Autos in Othmarschen sind doch nicht von der Polizei angezündet worden. Und, nun ja, zumindest im letzten Punkt haben sie recht. Das haben Vermummte gemacht, aus seltsamen Motiven, die sie für politisch halten. Das ist scheiße. Nicht wegen der Merser. Sondern deswegen, weil die Polizeiführung genau das bekommen hat, was sie braucht.

Wenn jemand vorgehabt hätte, die Proteste gegen G20 so gewalttätig wie möglich ausufern zu lassen, folgende Strategie wäre vermutlich angemessen gewesen:

Anfangs möglichst viele friedliche Versammlungen möglichst gewaltsam auflösen und anschließend an allen Orten, wo die Saat dieser Aggression erwartbar sprießt, plakativ keinerlei Präsenz zeigen, bis die Situation droht, völlig aus dem Ruder zu laufen. Dann mit möglichst brutaler Gewalt medienwirksam da rein gehen. So geht Eskalation. Geliefert wie bestellt: die Kathedrale der Angst.

Es gibt sie. Strategien zur Deeskalation. Die sind erforscht, erprobt und auch der Hamburger Einsatzleitung sicherlich bekannt. Diese Strategien sind bis ins Detail das exakte Gegenteil von allem, was im Zuge des G20 getan wurde.
Ich möchte jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass die Polizei den Umgang mit den Medien besser beherrscht als die Gipfelgegner. Das braucht sie aber nicht. Die Polizei hat einfach das größere Besteck. Der Angriff der Polizei auf einen Bauwagenplatz am Rondenbarg, der mit zahlreichen zum Teil schwer verletzten Gipfelgegnern endete, wird inzwischen in der öffentlichen Wahrnehmung als eine Aggression der Linken empfunden, weil diese Darstellung der Polizei wieder und wieder in der Zeitung stand. Die können Zahlen von „beim G20 verletzten“ Polizisten veröffentlichen, die in Wirklichkeit die Summe aller Krankmeldungen in einem längeren Zeitraum vor, während und nach dem Gipfel sind und deswegen um einen absurden Faktor höher als die Wahrheit. Da schreiben dann erst einmal alle Käseblätter der Republik und die Zahl ist in der Welt.
Natürlich ist jeder verletzte Beamte einer zu viel. Das ist kein Punkt, über den ich diskutieren möchte. Es gibt aber genügend Hinweise darauf, dass die Polizeiführung sogar die meisten der tatsächlichen Verletzungen selbst verursacht hat: es handelt sich zum Großteil um Kreislaufprobleme und Dehydrierungen, die von den Einsatzbedingungen her rühren sowie um Wirkungen des eigenen Reizgases. Eine Deeskalation hätte die Beamten davor geschützt, war aber wohl nicht gewollt. Mit verletzten Polizisten lässt sich eben besser Stimmung machen.

All das lässt in mir die Ahnung aufkommen, dass es von Olaf Scholz doch recht geschickt war, anschließend zu sagen, er habe das wohl leider unterschätzt. Das klingt nach Fehler. Nach: ich wollte das nicht, die blöden Linken waren so aggressiv. Es klingt so, als hätte er nicht genau das bekommen, was er brauchte. So soll es auch klingen.
Ich glaube ihm nicht. Ich glaube, der Gipfel ist mit voller Absicht von der Polizeiführung zu einem Gipfel der Gewalt gemacht worden. Die Randalierer, ja, die waren da und sie haben gerne randaliert. Sie hätten den rechten Scharfmachern keinen größeren Dienst erweisen können.

Und es bleibt die bittere Angst, dass es womöglich nichts gibt, was diesen Rechtsruck aufhalten kann. Dass alles, egal ob man etwas tut oder nichts tut, am Ende nur dazu führt, dass das Zeitalter des Internet zu einem Zeitalter der stumpfsinnigen Menschenverachtung wird. Was das mit mir macht?
Ich fühle mich alt. Alt und voller Hass.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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