Die Idee klingt schön:

Sie lautet, dass durch die Digitalisierung der Arbeitswelt und die Entwicklung von digitalen, unabhängigen Währungen eine neue, gerechtere Welt entstehe.

Die Wirtschaft werde einerseits dem Menschen dienen, weil weniger menschliche Arbeitskraft nötig ist und andererseits werde die Mitbestimmung jedes Einzelnen dadurch gestärkt, dass alles, was zwischen Produzenten und Konsumenten steht, überflüssig wird. Das werde die Macht der Monopole schwächen und insbesondere die des Staates, der dann weniger Möglichkeiten hat, Handel und Wirtschaft zu kontrollieren.

Nun, wie das tatsächlich verlaufen könnte und wie es dann real verlaufen wird, lässt sich schwer voraussagen. Es lohnt sich aber sicher, sich die Spieler auf diesem Feld einmal genau anzusehen.

Digitalisierung

Das meint im Wesentlichen die schrittweise Ablösung menschlicher Arbeitsleistung durch Maschinen, die in Zukunft „intelligenter“ werden und so auch komplexe Aufgaben übernehmen können.
Das marktwirtschaftliche System – in dem diese Digitalisierung ja stattfinden wird –  basiert (vereinfacht dargestellt) darauf, dass eine Arbeitskraft nicht nach dem Wert bezahlt wird, den sie erschafft, sondern nach dem, was der Mensch zum Leben braucht. Dieser Wert kann je nach Branche und Position sehr unterschiedlich ausfallen. Klar ist in jedem Fall, dass das, was der Arbeitgeber durch die Arbeit des Arbeitnehmers real einnimmt, mehr ist als der gezahlte Lohn. Die Differenz gehört dem Arbeitgeber, der es an seine Aktionäre ausschütten oder investieren kann.
Übernehmen nun Maschinen einen Teil der Arbeit, wird diese Rechnung für den Arbeitgeber lukrativer. Es wird möglich sein, mit weniger menschlicher Arbeit die selben Werte zu schaffen. Da der Arbeitgeber seine Leute wie gesagt nicht nach dem bezahlt, was sie erarbeiten, wird die Produktion nur dann billiger, wenn er weniger Leute beschäftigt. Es liegt also nicht im eigentlichen Interesse des einzelnen Arbeitgebers, weniger Arbeit auf gleich viele Menschen zu verteilen, weil dadurch der Gewinn nicht steigen wird. Der Gewinn eines Unternehmens lässt sich im Zuge der Digitalisierung nur durch Entlassungen steigern. Kein Unternehmer wird sich indes leisten können, auf diesen Mehrwert zu verzichten, solange es Konkurrenten gibt, die ihn damit überholen können. Es kann sich also nur eine Entwicklung ergeben:
weniger Leute arbeiten in ähnlichen Arbeitsverhältnissen wie vorher, die anderen sind auf Hilfe angewiesen.
Das Interesse der Gesellschaft wäre natürlich, diese Entwicklung zu beeinflussen. Vertreten wird dieses Interesse durch den Staat.

Der Staat

taucht in der Fantasie der digitalen Zukunft möglichst nicht auf. Er ist irgendwie unsexy, gilt als Synonym für Knebelung. Es herrscht offenbar die Meinung, dass Einflussnahme schädlich sei und die Welt eine bessere, wenn der freie Markt der Waren und der freie Markt der Arbeitskräfte unkontrolliert regiert.
Ich finde an dieser Stelle einen kurzen Blick darauf sinnvoll, wer dieser Staat eigentlich ist und wo er herkommt.
Der bürgerliche Staat lässt sich meiner Ansicht nach grob zusammenfassen als ein Instrument der bürgerlichen Gesellschaft, die Gewalt, die nötig ist, um sie stabil zu halten, zu delegieren. Es ist eine Art Outsourcing. Haben früher die Besitzenden, also Könige, Fürsten, Warlords undsoweiter selbst eine Privatarmee unterhalten müssen und ihre jeweilige Privatwährung und selbstgebackene Gerichtsbarkeit gepflegt, entspricht die Konstruktion des bürgerlichen Staates einer Professionalisierung. Hier übernehmen drei unabhängige Instanzen die Aufgabe, das Interesse derer, die die wirtschaftliche Macht haben, in allgemeiner Form zu vertreten.
Nicht umsonst ist der bürgerliche Staat durchgesetzt worden, als die Macht des Adels verfiel während das Bürgertum nach politischem Einfluss strebte.
Eine wesentliche Funktion des bürgerlichen Staates besteht also darin, den neuen Besitzenden, den Bürgern, die lästige Verteidigung der eigenen Besitzstände abzunehmen. Das Gewaltmonopol sorgt zusammen mit der als Grundrecht formulierten Verpflichtung des Staates auf den Schutz des Eigentums für eine dementsprechende Garantie.

Der Wunsch, der Staat möge sich aus der Wirtschaft heraus halten betrifft selbstverständlich nicht diese Aufgabe des Staates, sondern eine andere, die ihm erst später zufiel. Die Erkenntnis nämlich, dass eine entfesselte Wirtschaft mitunter Dynamiken entwickelt, die ihr selbst schaden, hat dazu geführt, dass der bürgerliche Staat im Laufe der Geschichte die Aufgabe übernommen hat, die Wirtschaft in bestimmten Fällen vor sich selbst zu schützen. Klassisches Beispiel: die Sozialgesetzgebung des deutschen Reiches unter Bismarck, die zwar einen regelnden Eingriff in den Arbeitsmarkt bedeutet, aber nötig wurde, um eine Verelendung des Proletariats zu begrenzen – also einem revolutionären Umsturz vorzubeugen.
Moderne bürgerliche Staaten verstehen sich weniger als Instrumente des Bürgertums, sondern im Sinne der sozialen Marktwirtschaft als Repräsentanten der gesamten Gesellschaft. In dem Maße, in dem der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeiterschaft innerhalb der Industriestaaten verschwimmt (sei es, weil er tatsächlich im Zuge der Beteiligung Vieler an Aktiengesellschaften undurchschaubar wird oder weil er einfach nicht als solcher wahrgenommen wird) fühlt sich auch der Teil der Bevölkerung, der über keinerlei wirtschaftliche Macht verfügt ebenfalls mehr oder weniger vom Staat vertreten. Die Ausbeutung – also das Erwirtschaften eines Profits auf Kosten anderer – wird nur noch in der Nutzung billiger Arbeitskräfte im Ausland deutlich sichtbar, so wie auch die staatliche Gewalt hauptsächlich dort sichtbar wird.

Wir können also den Eindruck haben, dass der Staat für die Wirtschaft eigentlich nicht nötig sei. Es ist aber gerade im Interesse der freien Wirtschaft ebenso nötig, dass der Staat mit seiner Gewalt für den Schutz des Eigentums garantiert wie dass er die (für die Gesamtwirtschaft) schädlichen Folgen der Interessen einzelner Unternehmer begrenzt. Eine dieser schädlichen Folgen ist:

das Monopol.

Solange eine Volkswirtschaft auf Konkurrenz beruht ist das wichtigste Kriterium für den Einzelnen, effektiver zu wirtschaften, als es potentiell andere könnten. Diejenigen, die sich in diesem Wettbewerb durchsetzen, wachsen, was ihnen mehr Möglichkeiten verschafft, weitere Konkurrenten auszubooten. Dieser Prozess, der in der Realwirtschaft schon zu wirtschaftsbedrohenden Monopolen geführt hat, gewinnt an Schärfe, sobald es um die Macht über eine Infrastruktur geht – wie beispielsweise bei einem Betriebssystem. Hier bietet das mächtigste Betriebssystem, die mächtigste Suchmaschine, das größte soziale Netzwerk eine Qualität, die allein aus ihrer Größe hervorgeht. Wenn ich einen Kopfsalat beim Bauern kaufe, anstatt ihn bei Rewe zu bestellen, ist der mit ziemlicher Sicherheit sogar leckerer. Wenn ich anstelle von Android lieber Linux auf meinem Smartphone installiere, bedeutet das hingegen einen Verlust an Komfort. Das Monopol hat eine größere Sogwirkung als je zuvor.
Warum ein solches Monopol, das in der Herrschaft über eine Schnittstelle besteht, einen Schaden daran nehmen sollte, dass bestehende Zwischenhändlerstrukturen zusammen brechen, erschließt sich mir überhaupt nicht.

Ein Monopol bedeutet allerdings, logisch betrachtet, zweierlei: es befreit den Monopolisten vom Druck der Konkurrenz, bessere Waren oder Dienstleistungen günstiger anzubieten, was die Möglichkeit eröffnet, sehr viel höhere Gewinne zu erwirtschaften als zuvor. Andererseits ergibt sich daraus auch theoretisch die Möglichkeit, Entscheidungen an anderen Maßstäben als an der reinen Wirtschaftlichkeit auszurichten. Der unter Konkurrenzdruck stehende Unternehmer kann es sich nur dann leisten, nach moralischen oder politischen Kriterien zu handeln, wenn das ihm keinen wirtschaftlichen Nachteil verschafft – der Monopolist kann das unabhängig tun, solange die Gefahr, durch aufstrebende Mitstreiter seines Monopols beraubt zu werden, gebannt ist. Rein theoretisch ist das Staatsmonopol die Konstruktion, die die meisten Möglichkeiten bietet, im Interesse der Allgemeinheit zu handeln, weil dem Staat keine Konkurrenz droht.
Die Tatsache, dass sich etliche Beispiele dafür finden lassen, wie so ein Staatsmonopol zur Bereicherung Einzelner missbraucht wurde, könnte den Blick darauf verdecken, dass privatwirtschaftliche Monopole nur deswegen nicht zur Bereicherung „missbraucht“ werden können, weil eben diese Bereicherung ihr eigentlicher Zweck ist. Das macht sie freilich nicht besser.

Ich bleibe also ein bisschen ratlos zurück.

Einerseits wünsche ich mir, ich könnte einfach an die positive Kraft der Entwicklungen glauben, die sich da abzeichnen. Ich bin da aber irgendwie einfach gestrickt. Ich brauche, um an etwas zu glauben, einen Grund, irgend etwas, das mir plausibel erscheinen lässt, dass es auch so ist, sein wird oder sein könnte.
Und diesen Grund sehe ich nicht, ich sehe nur den frommen Wunsch.

Ich weiß, dass man mir vorwerfen wird, ich hinge in einer altmodischen Denkweise fest. Mir ist klar, dass sich die Begriffe, mit denen ich hier umgehe, seit vielen hundert Jahren nicht essentiell geändert haben. Ich glaube aber eben nicht, dass sich die Realität verändert, wenn man sich einfach neue Namen für sie ausdenkt. Ob das Zeug, mit dem wir bezahlen Bitcoin, Euro oder Mark heißt, ändert nichts daran, dass unser Wirtschafts- Staats- und Rechtssystem auf der Idee von Konkurrenz, Ausbeutung und Mehrwert basiert – oder eben Wettbewerb, Globalisierung und Dividende. Oder wie man das übermorgen nennen mag. Das sind nur andere Worte.
Sicher können wir mit so einer neu gestrichenen Fassade noch einige Zeit weiter machen. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass wir für eine längere Perspektive nicht umhin können, auch das zu ändern, was sich hinter der Fassade verbirgt. Irgendjemand wird irgendwann den Kapitalismus irgendwie überwinden müssen.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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2 Antworten zu Die Idee klingt schön:

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

    Gefällt mir

  2. endolex schreibt:

    Absolute Zustimmung.

    Gefällt mir

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