G20

Ich finde, es reicht jetzt mal.

Die verbale Eskalation, die hier im Netz seit Tagen betrieben wird ist weder tragbar noch gerechtfertigt und dient ganz offenbar dem Ziel, die Sachbeschädigung, die in Hamburg geschehen ist, mit menschenfeindlichem und tödlichem Terrorismus gleichzusetzen. Das Wort der „Brandschatzung“ macht die Runde, von „Bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ ist die Rede, man gewinnt den Eindruck, hier sei eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt worden.

Freilich ist es verständlich, wenn man aufgrund der reißerischen Bilder, die im Netz kursieren, diesen Eindruck hat. Ich habe – gerade aufgrund dieser Bilder – sogar Verständnis dafür, dass man mir Verharmlosung vorwerfen wird, wenn ich jetzt Folgendes schreibe:

Nein. Es wurde in der Schanze nicht gebrandschatzt. Es gab Feuer auf der Straße, die Plünderung mehrerer Läden und etliche brennende Autos. Das ist je nach Standpunkt des Betrachters sinnlos, schlimm oder verheerend, aber es ist nicht einmal annähernd vergleichbar mit dem Anstecken von Häusern, in denen sich Menschen befinden oder dem Zünden einer Bombe auf einem Konzert.
Situationen wie am Wochenende in der Schanze sind bei Anlässen wie dem Schanzenfest oder dem 1. Mai in Berlin seit Jahrzehnten Tradition. Es handelt sich mitnichten um eine neue oder bisher unbekannte Stufe der Gewalt. Der Polizeiführung musste klar sein, dass im Zuge des G20 solche Dinge passieren werden und es war ganz offenbar ihre Entscheidung, zunächst zu provozieren und dann die Dinge laufen zu lassen. Dadurch wurden die Bilder möglich, mit denen alles was Rechts ist jetzt Werbung für den Polizeistaat macht.

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Ich zeige hier einen willkürlichen Schnappschuss von dem, was die „Welt“ gerade eine „Kathedrale der Angst“ genannt hat.

Man kann auf dem Bild eine große Ansammlung von friedlichen Menschen sehen, die sich weder aggressiv noch kriminell verhalten. Darunter befinden sich, wie der weitere Verlauf des Abends zeigte, offenbar einige mit kriminellen Absichten, unter denen wiederum ganz sicher auch etliche Linke. Rechts im Bild das Baugerüst – der „Hinterhalt“, der der Polizei später als Begründung dafür dient, etwa vier Stunden lang überhaupt nicht einzuschreiten, obwohl Einbruchsdiebstähle und Sachbeschädigungen verübt werden. Man kann auf dem Bild auch sehr gut erkennen, dass dieses Baugerüst an einer sehr breiten Kreuzung steht, auf der man problemlos in großem Abstand an der „Falle“ einfach hätte vorbeifahren können.

Ich will hier weder den Einbruchsdiebstählen noch dem Vandalismus das Wort reden, die hier stattgefunden haben. Aber mehr als das ist eben auch nicht passiert. Ich sehe nicht ein, dass „die Linke“ jetzt plötzlich das Problem angehängt bekommt, sich von dieser Sachbeschädigung distanzieren zu müssen, während die Rechten weiter so tun können, als seien tödliche Angriffe auf Menschen, die im Namen ihrer Ideen verübt werden, irgend so ein Problem anderer Leute.
Ich habe in meinem Leben noch nie ein Auto angezündet und ich muss mich dafür nicht entschuldigen, wenn es andere tun, selbst dann, wenn ich sie *nicht* dazu aufgefordert habe, es *nicht* zu tun.

Die Polizei trage, so steht es zu lesen, selbstverständlich keinerlei Schuld an der Eskalation. Ok. Sie habe zwar – soweit lässt es sich ja kaum bestreiten – einige friedliche Versammlungen gewaltsam aufgelöst, aber das entschuldige noch nicht die Gewalt, die dann eskaliert sei. Geschenkt. Es entschuldigt tatsächlich nichts. Man *kann* ja auch, wenn man mehrmals provoziert wird, friedlich bleiben.
Dagegen sei die gesamte Linke schuld an der Eskalation, weil sie sich nicht genügend distanziert habe.
Was für eine Logik ist da am Werke?
Da hat eine Provokation mit einem darauffolgenden Gewaltausbruch rein gar nichts zu tun, eine unterlassene Distanzierung soll aber ursächlich sein? Meint im Ernst irgendjemand, die Leute hätten Autos angezündet, weil ihnen der Sprecher der Roten Flora vorher halt nicht gesagt hat, dass sie das lassen sollen?
Ich bin entschieden dafür, die Kirche im Dorf zu lassen.

Weder die Presse noch die Politik ist oder war jemals auf dem linken Auge blind.

Im Verfassungsschutzbericht finden fünf Beobachtungsobjekte von Rechtsextremen Erwähnung – im linksextremen Spektrum sind es elf.
2015 nannte das BKA 75 Tote durch rechtsextreme Gewalt, die Amadeu Antonio Stiftung zählt 178 Todesopfer und elf Verdachtsfälle. Von linker Seite kamen laut Verfassungsschutz 7 versuchte Delikte, gestorben ist dabei niemand.

Ich möchte es noch einmal in aller Deutlichkeit schreiben: ich verharmlose hier keine Gewalt. Alle, die Sachbeschädigung mit terroristischen Anschlägen und rassistisch motivierten Morden auf einer Stufe sehen, verharmlosen Gewalt. Punkt.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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Eine Antwort zu G20

  1. endolex schreibt:

    Hat dies auf endolex rebloggt.

    Gefällt mir

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