Erkenntnistheorie für Musiker

Ich habe in meiner Eigenschaft als Musikproduzent viel mit Künstlern zu tun gehabt, die von dem Willen getrieben sind, ein Vorbild zu erreichen.
Daran ist nichts Ungewöhnliches und schon gar nicht Verwerfliches. Unsere Vorbilder inspirieren und motivieren uns, sie können uns Wege zeigen, die wir alleine nicht entdeckt hätten und obendrein geben sie uns eine gemeinsame Sprache – einen Horizont an Kontexten und Assoziationen, die uns und unser Publikum verbinden.
Gerade im Bereich der Popmusik halte ich es für Quatsch, den Begriff des Plagiats als Vorwurf herumzuschleudern. Popmusik ist ein Plagiat per se, sie will und soll es auch sein.

Einen Haken sehe ich an der Sache allerdings:
Es ist eine Binsenweisheit der Erkenntnistheorie, dass die Wirklichkeit mit Sicherheit vielfältiger ist als das, was wir von ihr wahrnehmen. So ist es natürlich auch mit, sagen wir, Bob Dylan. Oder Slayer. Oder Kraftwerk. Wenn ich nun das, was ich von Kraftwerk wahrnehme als Grundlage dessen verwende, wie ich meine eigene Musik gestalte, habe ich es zwangsläufig mit einem kleinen Ausschnitt zu tun. Je mehr ich mich also bemühe, meinem Vorbild möglichst genau zu entsprechen, desto sicherer ist, dass meine künstlerische Aussage kleiner ausfällt als die des Originals.

So theoretisch das zunächst daher kommt, so wahr erweist es sich in der Realität der Musikproduktion. So kommt es zu der scheinbar paradoxen Tatsache, dass Dilettantismus eine Musik bereichern kann, Virtuosität dagegen manchmal von Nachteil ist. Nämlich überall dort, wo die Vorbilder sehr klar sind. Je besser eine Band nun die Mittel beherrscht, dem Ausschnitt, den sie von ihrem Vorbild sehen, exakt zu entsprechen, desto ärmer wird die Musik.
Der Dilettant hingegen kann das unverdiente Glück haben, durch reines Verfehlen des Ziels Ergebnisse zu erzielen, die selbst wiederum größer sind als das, was wir wahrnehmen.
Das kann, so er will, natürlich auch der Virtuose. Aber dann muss er halt auf Vorbilder auch ein bisschen scheißen.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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Eine Antwort zu Erkenntnistheorie für Musiker

  1. endolex schreibt:

    Kann ich für mich nur bestätigen. Das Nacheifern oder Inspirieren-Lassen von geliebten (oder zumindest gut gekannten Vorbildern) ist für mich der Ausgangspunkt, aber nie das Ziel jedweder Ton- und Soundsetzerei.

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