Über die begrenzte Rolle der Intuition bei der Komposition

Menschen, die nicht regelmäßig auf ihre eigene schöpferische Leistung angewiesen sind, neigen dazu, diesen Akt zu mystifizieren.

Das mag daran liegen, dass er im Verborgenen geschieht – gesehen wird meist nur das Ergebnis, in Form einer „Idee“. Es liegt mit Sicherheit auch daran, dass wir zwar alle die Fähigkeit haben, schöpferisch zu wirken, aber nicht alle dies auch oft tun.
Bei denjenigen, die wenig Übung darin haben, fühlt sich das dann so an wie eine Eingebung – da taucht in meinem Bewusstsein etwas auf, als sei es ohne mein Zutun entstanden.

Ich selbst habe so meine ersten Songs geschrieben: ich versuchte mich in eine Stimmung zu versetzen, die meine Kreativität beflügelt und habe dann gewissermaßen die Ideen „geerntet“, ohne eine Kontrolle darüber zu haben, ob Ideen kommen würden und welche.
Das hat in der Tat etwas Geheimnisvolles.
Aus dieser Erfahrung hatte sich bei mir schnell die Auffassung gebildet, dass es zweierlei Ideen gibt, die „inspirierten“ und die „konstruierten“ – erstere schienen mir weit überlegen. Ein nahe liegender Schluss, da doch das Konstruieren einer Tonfolge so viel handwerklicher aussieht als man die hehre Kunst gern sähe.
So ist es dann auch nicht weit zur Vermutung, dass die eigenen Ideen aus einem Gefühl heraus geboren werden (gut), die Ideen anderer Leute jedoch konstruiert seien (schlecht).

Heute ist mir klar, dass ich in diesem Punkt irrte.
Der Irrtum ist sicher darin begründet, dass ich die Rolle, die meine Intuition spielt, zwar wahrgenommen, aber falsch eingeschätzt hatte.

Ich sehe heute den Vorgang, der sich abgespielt hat, wann immer ich mich als Teenager ans Klavier gesetzt habe, in etwa so:
in Momenten, in denen es mir gelang, einen Zugang zu meinem Gefühl zu finden, war es mir möglich, Musik zu erfinden, die diesem Gefühl entsprach. Dabei spielte sich in mir ein komplexer Vorgang des Abwägens, Erinnerns und Urteilens ab, der weitgehend unbewusst geschah, wie es bei Intuition üblich ist. Bewusst war mir das Ergebnis dieser Arbeit: ein Gefühl dafür, wie der nächste Ton, der nächste Akkord klingen soll. Ich musste ihn dann nur auf dem Klavier finden.
Diesen inneren Entwurf des nächsten Akkords habe ich nun nicht erfunden, ich habe ihn irgendwo in meiner Erinnerung entdeckt und als meinem Gefühl entsprechend ausgewählt.

Entgegen meiner ursprünglichen Befürchtung, dass zu viel Wissen über das, was ich da tue meiner Inspiration abträglich sein könnte (es besteht ja die Gefahr der „Konstruiertheit“) habe ich mir inzwischen ein Basiswissen über Komposition angeeignet und festgestellt, dass die Intuition beim Finden von Ideen überhaupt nicht gebraucht wird.
Ich brauche die Intuition bei der Bewertung der Ideen.
So kann ich den kreativen Prozess in zwei Phasen aufteilen:

1) ich entwickle eine oder mehrere mögliche Lösungen für die gestellte Frage, etwa die nach dem nächsten Akkord. Das kann ich tun, indem ich auf eine Eingebung warte, der Harmonielehre folge, einen zufälligen Akkord anschlage oder meine Großmutter um Rat frage.
2) Ich entscheide, welche der in Frage kommenden Lösungen dem Gefühl entspricht, das ich anstrebe.

Dabei können Hindernisse auftreten. Ich kann beispielsweise in eine Situation geraten, in der mir nichts Passendes gelingt, weil ich zu wenige Möglichkeiten habe. Das ist eher selten.
Häufiger kann es vorkommen, dass ich so viele Optionen habe, dass es schwer fällt, sich für eine zu entscheiden.
Die häufigste Ursache für das Scheitern meiner Bemühungen wird aber sein, dass es mir nicht gelingt, das richtige Gefühl zu finden. Insofern sind wir am Ende der Betrachtung doch wieder beim Gefühl, aber mit einem wesentlichen Unterschied:
Das Gefühl bringt nicht die Idee hervor – es lässt mich aber die gute Idee erkennen.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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3 Antworten zu Über die begrenzte Rolle der Intuition bei der Komposition

  1. Pingback: Komponieren und Konstruieren | Analysehose aus, Melancholiehose an.

  2. TheGurkenkaiser schreibt:

    Der hat mich inspiriert zu einem eigenen Artikel: https://zweitgurk.wordpress.com/2017/05/03/komponieren-und-konstruieren/

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  3. celiana schreibt:

    Dass Gefühl in seltenen Fällen selbst die Idee findet, und viel öfter über die aus dem Erfahrungsschatz kommenden Ideen entscheidet, kann ich nur bestätigen. Insofern: Es gibt meinem Empfinden nach durchaus „inspirierte“ und „weniger inspirierte“ Stücke, und bei meinen eigenen Sachen weiß ich ganz genau bei welchen ich sozusagen ‚innerlich gebrannt‘ habe, eine gewisse Zeit darauf verwendet habe, zu suchen, zu erkunden, zu verwerfen und zu entscheiden, und bei welchen es eher so ‚meh‘ war und ich einfach nur fertig werden wollte – und nicht selten stimmt dieser innere Eindruck durchaus auch mit dem Ergebnis und dem Feedback des mehr oder weniger geneigten Publikums überein, weil ich bei ‚uninspirierteren‘ Sachen eben auch einfach meist liebloser arbeite, schneller entscheide („passt schon irgendwie“) und mich noch mehr durchschludere als sonst schon, um irgendwie zum Ende zu kommen.

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