Egoismus überwinden?

Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, die Triebfeder des Kapitalismus sei der Egoismus.

Dabei ist eine mögliche Lesart, dass der Kapitalismus die Kräfte der Egoismen aller Beteiligten so bündele, dass dabei etwas Nützliches entsteht.
Die andere Sicht ist die, dass der Egoismus die dunkle Kraft des Kapitalismus sei, weil er Einsamkeit und Rücksichtslosigkeit fördere und so das Gute zerstöre.
Dieser doppelte Glaubenssatz ist so präsent, dass ich bis heute nicht auf die Idee gekommen bin, daran zu zweifeln. Und da meine ich nicht die müßige Frage, ob der Egoismus denn in der menschlichen Natur begründet läge¹, also ob der Kapitalismus denn dadurch überwunden werden könne, dass wir alle unsere Natur überwinden oder ob im Gegenteil der Kapitalismus widernatürlich sei.

Was mir wie Schuppen von Augen fiel, ist etwas viel Grundlegenderes.
Der Egoismus ist überhaupt nicht die Triebfeder des Kapitalismus, im Gegenteil.

Sprächen wir von einer Straße (einem Eimer etc.), wäre uns klar, dass die Eigenschaft der Straße darin besteht, fest zu sein (wasserdicht zu sein etc.), weil sie sonst ihre Funktion nicht erfüllen könnte, also Autos (Wasser etc.) zu tragen.
Die Festigkeit der Straße ist also ihre wesentliche Eigenschaft, nicht die Beweglichkeit der Autos.
Ich bin mir sicher, dass mir niemand widersprechen wird, wenn ich sage, dass der Kapitalismus darauf beruht, dass eine große Mehrheit Güter erwirtschaftet, gegen einen Lohn, der nicht den gesamten geschaffenen Wert abdeckt, wodurch ein Teil als Mehrwert dem sogenannten Arbeitgeber zufällt – der wiederum diesen teilweise investiert und teilweise als Gewinn anhäuft. Es liegt also auf der Hand, dass die grundlegende Eigenschaft dieses System darin bestehen muss, dass viele Menschen bereit sind, zu arbeiten und dabei den Gewinn dieser Arbeit ihren sogenannten Arbeitgebern zu überlassen².

– Wäre eine Straße beweglich, könnte man auf ihr nicht fahren.
– Wäre ein Eimer flüssig, könnte man kein Wasser hinein füllen.
– Wäre Egoismus die Basis unserer Gesellschaft, wäre Ausbeutung nicht denkbar³

Die Eigenschaft, die es den Nutznießern dieses Systems ermöglichst, ihr eigenes Interesse (Gewinn zu erzielen) zu verfolgen, ist also keinesfalls deren Egoismus, sondern die Bereitschaft der absoluten Mehrheit der Menschheit, auf ihr eigenes Interesse zugunsten eines ideellen Vorteils verzichten.
Dass dieser ideelle Vorteil allzu häufig darin besteht, dass man stolz darauf ist, nicht so egoistisch zu sein wie die Anderen, ist nicht nur auf eine tragische Weise komisch, sondern könnte einen eigentlich auf den richtigen Gedanken bringen.

Anmerkungen:
(1) Wenn man sich ein bisschen bei dieser Frage aufhalten möchte, ist ein Versuch interessant, der mit Kleinkindern gemacht wurde:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/motivation-und-belohnung-geld-macht-faul-1.156184
Demnach ist es nicht nur so, dass Kleinkinder ohne Aufforderung Menschen helfen, sobald sie erkennen, dass dieser ein unverschuldetes Problem hat, sondern es ließ sich sogar erkennen, dass Kinder diese Hilfsbereitschaft verlieren, wenn sie dafür belohnt werden, während Kinder in einer Vergleichsgruppe, die nicht belohnt wurde, gleichbleibend hilfsbereit blieben.
Müßig ist die Frage nach der Natürlichkeit von Altruismaus meiner Auffassung nach allerdings deshalb, weil erstens ein soziales Wesen, das nur egoistisch handelt, ebenso wenig lebensfähig ist wie ein Wesen, das seine eigenen Interessen vollständig aufgibt. Ein soziales Wesen lebt also immer beide Prizipien.
Zweitens ist der Mensch kein triebgesteuertes Wesen, sondern vermag sich stets sehr effizient an die Gegebenheiten anzupassen, in denen er aufwächst. Die Erkenntnis, dass der Mensch mit einem gewissen Altruismus auf die Welt kommt, die zum Beispiel der beschriebene Versuch nahelegt, bedeutet also nicht, dass die kapitalistische Gesellschaft natürlicher oder unnatürlicher ist als irgendeine andere, weil Zivilisation per se ein Kunstprodukt ist. Den Unterschied machen immer die Menschen, die sich in Ihr bewegen: sind sie zufrieden, halten sie ihre Welt für natürlich.

(2) das ist bewusst theoretisch gehalten, mir geht es um die Idee. Wem das zu kalt oder schmucklos ist, der mag sich Beispiele ausdenken.
Nehmen wir die Arbeiterin in einer Textilfabrik in Asien. Wäre sie egoistisch, würde sie alles stehen und liegen lassen, vielleicht irgendwo Gemüse anbauen und meditieren – das kann nicht schlechter sein als der Zustand der Ausbeutung, in dem sie lebt. Das sie das nicht tut, liegt nicht an ihrem Egoismus, sondern daran, dass sie in einer Gesellschaft lebt, die ihr keine andere Möglichkeit lässt, ihre Familie entsprechend ihrer Moralvorstellungen zu ernähren.
Aber auch das andere Extrem ist ein aufschlussreiches Bild:
der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns beispielsweise häuft Reichtümer an, die sich unsere Arbeiterin nicht mal vorstellen kann, aber er tut dies im Dienst an seinem Konzern, der Gesellschaft und seiner Familie. Wäre dies nicht so, ließe sich nicht erklären, warum er bis zu Erschöpfung dafür arbeitet. Wäre unser Bonze ein waschechter Egoist, müsste er das, was er bisher angehäuft hat, schleunigst packen und sich irgendwo die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

(3) Ja. Ich weiß. Der Kapitalismus ist auch ohne Egoismus nicht denkbar. Die Straße wäre aber auch sinnlos, wollte man nicht darauf fahren. Oder der Eimer, wollte man nichts hinein füllen.

Advertisements

Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
Dieser Beitrag wurde unter Politik und Gesellschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Egoismus überwinden?

  1. Pingback: Habe ich eigentlich Angst vor der Zukunft? | musikproduktion, politik und gesellschaft

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s