Warum ich nicht an Konkurrenz glaube

Wenn wir über Wettbewerb sprechen, dann tun wir das häufig mit dem Hintergedanken der anthropologischen Konstante.

Das Konzept der Horde, wie es bei Hunden und Primaten beobachtet werden kann, legt diese Natürlichkeit scheinbar nahe. Wir haben da zum Beispiel den Posten des Oberhauptes, den es zu besetzen gilt: als Ergebnis eines Wettbewerbes. Die Konkurrenz, so wird daraus nicht selten gefolgert, sei ein ganz grundsätzlicher und positiver Antrieb, sei das, wozu der Mensch berufen sei.
Nun ist über das Wesen der Konkurrenz bereits viel Sinn und Unsinn geschrieben worden, also will ich mich zunächst gern damit begnügen, ein paar Aspekte kurz zu nennen, die mir wichtig erscheinen:

1) Konkurrenz ist keine produktive Kraft. Sie erschafft nichts, sondern organisiert die Verteilung dessen, was da ist.

2) ein solcher Wettbewerb ist relativ: es ist faktisch nicht erheblich, ob ein Sieg durch eigene Leistung oder Blockade der Gegner erreicht wurde.

3) Das Hauptprodukt der Konkurrenz sind dementsprechend eben nicht Gewinner, sondern Verlierer, und das zwangsläufig in größerer Zahl.

4) Konkurrenz bedeutet, dass alles, was ich geniesse, anderen fehlt. Wäre dem nicht so, handelte es sich im Gegenteil um Wohlstand. Konkurrenz geschieht dort, wo Mangel herrscht. Ist dieser Mangel nicht naturgegeben, wird er künstlich herbeigeführt, indem entweder die Ressourcen begrenzt oder als Eigentum beschlagnahmt werden.

5) in losem Zusammenhang mit dem Konzept der Konkurrenz halte ich die Fähigkeit der Menschen für erwähnenswert, sich so weitgehend an Gegebenheiten anzupassen, dass es ununterscheidbar wird, ob sich das Individuum der Welt angepasst hat oder die Welt den Bedürfnissen der Individuen folgend eingerichtet ist. Wenn wir aber die realen Kräfteverhältnisse ins Blickfeld rücken (hier ein Individuum, dort die ganze restliche Welt) wird die Vorstellung, die Welt sei nach der Natur des Menschen geformt, grotesk. Ich ziehe daraus generell den Schluss, dass es außerordentlich unwahrscheinlich ist, dass irgendeine der Eigenschaften, die den Menschen als „natürlich“ nachgesagt wird, dies auch ist.

Dies waren zunächst die Punkte, über die ich mir schon länger im Klaren bin; daraus erklärt sich die bündige Aufzählung.
Überrascht war ich nun ein bisschen, in welchem Gewand ich diesen Gedanken an einer unvermuteten Ecke begegnet bin:

Susan Faludi entwickelt in ihrem Buch über die Krise der Männlichkeit, wenn ich sie richtig deute, die These, dass es sich bei dieser Krise im Kern um ein Dilemma handele, das alle Menschen betrifft – als logischer Ausgangspunkt dient ihr die Erkenntnis, dass die heutige Gesellschaft den meisten Männern die praktische Kontrolle über das eigene Geschick vorenthält, um sie ihnen auf dem Wege der Konkurrenz feilzubieten.
So entwirft Faludi das Bild einer Gesellschaft, in der sich nunmehr nicht nur die Frauen – für die sich in diesem Punkt seit Jahrhunderten nicht viel geändert hat – machtlos in eine totale Konkurrenz begeben müssen, sondern auch die Mehrzahl der Männer. Die sogenannte Krise der Männlichkeit sei also zu lesen als das Unvermögen der Männlichkeitskultur, darauf eine passende Antwort zu finden.
„Je mehr ich darüber nachdenke, was Männer verloren haben – eine sinnvolle Rolle im öffentlichen Leben, die Möglichkeit, genug und verlässlich Geld für ein anständiges Leben nach Hause zu bringen, Anerkennung in ihrer Familie und respektvolle Behandlung durch die Welt außen -, desto mehr scheint es, dass Männer Ende des zwanzigsten Jahrhunderts auf einen Staus abgerutscht sind, der dem gleicht, den Frauen Mitte des Jahrhunderts hatten.“ (ich fühle mich genötigt, einzuschieben, dass es Faludi hier keinesfalls um die Klärung einer Schuldfrage geht.)

Sehr eindrucksvoll ist in ihrem Buch die Beschreibung der Kindheit Sylvester Stallones, der nach ihrer Darstellung von einem Vater aufgezogen wurde, der seinem Sohn unverhohlen mit Neid und Missgunst begegnete.
Die dort beschriebene deplatzierte und destruktive Konkurrenz zwischen Vater und Sohn ist m.E. nicht unüblich als unterschwelliges Schema in der Beziehung zwischen Müttern und Töchtern: die Mutter kann sich in ihrem weiblichen Potential als gefährdet ansehen, weil das Hauptattribut, mit dem sie sich traditionell bewähren muss, ihre körperliche Attraktivität, von ihrer Tochter in Frage gestellt wird, einfach, weil diese jünger ist.
Eine Konkurrenz mag nun sinnvoll sein, wenn es tatsächlich darum geht, eine singuläre Position zu besetzen, als Motiv zwischen Eltern und ihren Kindern ist sie dagegen absurd.
(Die von Karl Held herausgegebene „Psychologie des bürgerlichen Individuums“ beschreibt die hier stattfindende Durchdringung des Lebens mit marktwirtschaftlichen Konzepten bis in Bereiche, wo sie gänzlich unangemessen sind, sehr anschaulich.)

Es wird klar, wie sehr die Unterdrückung der Frau seit je her mit dem Konzept der künstlichen Konkurrenz verwoben ist.
Frauen wurden und werden Möglichkeiten, sich selbstbestimmt zu entfalten, vorenthalten, worauf sie in eine Konkurrenz um die Möglichkeiten treten, die ihnen bleiben.
In dieser Logik ist auch die historische Schwierigkeit von Frauen mit der Bildung von Netzwerken erklärbar. Während der Mann einem anderen Mann durchaus eine Chance bieten kann, ist die Frau traditionell der anderen Frau bloße Gegnerin: sie kann keine Chance bieten, sie kann sie nur erhaschen.

Faludi bietet darüberhinaus zwischen den Zeilen eine Unterscheidung zwischen einer als traditionell männlich beschriebenen Haltung der Produktivität – ein Mann ist das, was er bewirkt – und dem, was sie in dem Buch mit dem Begriff der „ornamentale Kultur“ belegt.
Das beschreibt nach meinem Verständnis eine Welt der Werbung, in der niemand irgendeines Glückes Schmied ist, sondern jeder der Verkäufer seiner selbst – in der es wichtiger wird, sich gegenseitig zu auszustechen als sich zu stützen.
Ich empfinde die hier stattfindende Einordnung von Produktivität und Fürsorge ins Feld der spezifisch männlichen Eigenschaften in ihrer grundsätzlichen Bedeutung als ein bisschen problematisch, weil sie allzu sehr so wirkt, als entspränge sie einem simplem Gebärmutterneid des Mannes. Solange es nun aber nicht um Abgrenzung geht, sie also als prinzipiell menschliche Tugenden betrachtet werden, will ich das gern so stehen lassen. Den wichtigen Unterschied macht ja die Situation aus:
Produktivität und Fürsorge lassen sich nämlich nur aus einer souveränen Position heraus denken.
Machtlosigkeit und Mittellosigkeit dagegen machen mich zum Konkurrenten.

Es ist nun nicht so, dass ich glaube, der Konkurrenz einfach entfliehen zu können, wir sind ihr ja alle faktisch ausgesetzt. Außerdem neige ich nicht zu der Annahme, dass es an sich schon eine Veränderung der Gesellschaft bewirkt, wenn wir nur alle schön an unserer eigenen Haltung arbeiten.
Aber eines weiß ich:
ich glaube nicht an Konkurrenz.

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Über kunstproduktion

Musikproduzent, Studio Nord Bremen. geboren 1974, Studium der Kunst und Musik, zahlreiche Albumproduktionen in London, Hannover, Hamburg, Bremen.
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