Satan und das Glück

Kontrollverlust
Opulenz
Rausch
Einswerdung

1. Glück

Ich spanne im Folgenden einen großen Bogen. Dabei beginne ich mit einer einfachen Formel für das, was wir Glück nennen. Sicher hat der Begriff viele Bedeutungen – Ich meine hier nur den Zustand, in dem ein Mensch sich persönlich glücklich fühlt. Ich behaupte, dass dieses Glücksgefühl immer etwas mit dem Gefühl der Einswerdung zu tun hat.
Das ist eine alte Idee, die im buddhistischen und teilweise im esoterischen Kontext als eine Form des Solipsismus kursiert: die Vorstellung, die Welt bestehe eigentlich aus einem einzigen Wesen. In den Momenten, so das Konzept, in denen ich als Mensch dies verspüre (und nicht der Täuschung erliege, ein Individuum zu sein), empfinde ich echtes Glück. In der monotheistischen Mythologie findet sich ein ähnliches Konzept in der Verstoßung aus dem Paradies: das Unglück des Menschen besteht vereinfacht gedacht im Bewusstsein, das den Menschen von der Natur trennt.
An vielen anderen Beispielen lässt sich darstellen, wie die Auflösung des individuellen Bewusstseins – z.B. im Drogenrausch – oder zumindest das Bauen von Brücken zwischen Individuen, wie in der Liebe, zu Glücksempfindungen führt. Nicht umsonst gibt es im religiösen Kontext häufig neben der Ablehnung von Sex und Drogen die Ablehnung von Kunst und Musik, weil sie zwar durchaus als Wege zu Gott gedeutet werden, aber eben zum falschen Gott: ein Götzendienst.

2. Einswerdung und Musik

Musik spielt in dieser Gemengelage dann auch eine wichtige Rolle. Sie dient an unterschiedlichsten Stellen dazu, die Trennung des Individuums von der Einheit der Welt abzumildern, bis hin zu seiner scheinbaren Aufhebung.
Zwei Punkte erscheinen mir dabei besonders zentral:
1) Musik vermittelt Gefühle ohne Worte, wir haben es also mit einer direkteren Verbindung zwischen Menschen zu tun, als sie in der sprachlichen Vermittlung möglich ist, wenn auch die Mittel der Kommunikation vergleichsweise begrenzt sind. Es ist so, als wäre die babylonische Sprachverwirrung aufgehoben und die Menschheit spräche eine Sprache (bei genauerer Betrachtung der „Sprache“ der Musik muss man das freilich relativieren).
2) allein der Rhythmus hat über seine schiere Körperlichkeit etwas Verbindendes, und zwar in zweierlei Hinsicht: im Tanz ist es sowohl einzelnen Menschen möglich, in einen Zustand der Trance zu geraten, der im Grunde eine Einswerdung mit der Welt durch die Musik bedeutet als auch Gruppen von Menschen, zu einer Einheit zu verschmelzen.
Musik hat nun, wie ja Kunst im Allgemeinen, nicht immer die Absicht, ein Glücksgefühl zu erzeugen, sondern kann als verstörendes Element eingesetzt werden (und das ist ein wichtiger und spannender Teil von Kultur), aber der unter dieser Haube liegende Motor, der dieses Element antreibt, ist immer noch die verbindende Kraft der Musik, dann sozusagen im Rückwärtsgang.
Die grundlegende gesellschaftliche Funktion von Musik besteht im Bau von Brücken und letztlich, wenn wir der obigen Idee folgen:
in der Erzeugung von Glück.

Damit haben wir jetzt ein weites Feld, aber noch keinen großen Bogen. Der folgt sogleich.

3. Paradies vs. Zivilisation

Ein unsere Kultur grundsätzlich bestimmendes Spannungsfeld besteht zwischen dem, was wir als natürlich und dem was wir als künstlich empfinden. Das steht in direktem Zusammenhang mit dem Konzept der Trennung von Mensch und Natur. In der monotheistischen Mythologie steht zunächst einmal der Sündenfall als Auffassung, die Trennung von Mensch und Natur gelte es zu überwinden, im Leben nach dem Tode oder nach der messianischen Idee in einer künftigen paradiesischen Gesellschaft auf Erden.
Direkt dagegen steht gleichzeitig das Gebot der Beherrschung der Natur durch den Menschen, der Frau durch den Mann, des Körpers durch den Geist – ein Gebot der Trennung. In der Assoziation von Satan, Natur, Weiblichkeit, Versuchung im Gegensatz zu Gott, Kultur, Männlichkeit, Geist wird etwas deutlich, was sich auch in der Musikgeschichte stets ablesen lässt: die Angst des State of the Art vor dem Kontrollverlust.
Es liegt auf der Hand, dass die traditionelle Abwertung sogenannter primitiver Musik einher geht mit der Definition der Herrschaft des Geistes über den Körper als gottgefällig¹.

4. Kontrollverlust

Kontrollverlust liefert brave Männer der Versuchung aus, dem Weibe, dem Satan. Wir müssen standhaft bleiben. Negermusik gefährdet unsere Zivilisation. Dieser Begriff von Kultur ist sowohl sexistisch als auch rassistisch.

„Primitive“ Musik nun, die an unsere niederen Instinkte appelliert, birgt nicht nur die Gefahr des Kontrollverlustes in dem Sinne, dass sie durch ihre Unmittelbarkeit die Herrschaft des Geistes über den Körper infrage stellt.
Gerade in der nicht intellektualisierten Musik, die Menschen ohne entsprechende Vorbildung erreichen will, stoße ich immer wieder auf ein schwer zu greifendes Moment, das ich Genialität nennen würde, wäre dieser Begriff nicht aufgrund seiner genderbezüglichen Fragwürdigkeit unbrauchbar (d.h. es gibt eine starke Tradition, genialität als männlich zu sehen²). Dieses „geniale“ Moment ist jedoch klar sichtbar, wenn wir uns zum Beispiel nach dem Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten DJane fragen. Eine gute DJane hat nicht nur die richtigen Songs im Gepäck, sie hat auch ein gutes Gespür dafür, was in diesem Moment in der Luft liegt. Sozusagen eine intuitive Verbindung zur Masse. Diese Intuition, im Konzept der Inspiration ursprünglich nicht zu Unrecht als Nähe zu Gott interpretiert, ist nun ein Kontrollverlust für sich.
Elitäre Kreisen mögen nun die Nase rümpfen ob der Primitivität dieses Gefühls; Dem Bewusstsein, dass das ja keine große Kunst sei, folgt so gut wie nie der Beweis. Man kann in diesem Punkt „primitiv“ nicht mit „kann ich auch“ gleichsetzen: kein noch so ambitioniertes Studium der Theorie vermittelt die Fähigkeit, einen Dancefloor zum Kochen zu bringen.

5. Opulenz und Rausch

Wir haben es hier mit einem irrationalen Faktor zu tun, der mich schon immer fasziniert hat: Wenn ich als Musikschaffender nicht den Geist, sondern den Körper ansprechen will, bin ich zu einem großen Teil auf meine Fähigkeit angewiesen, den Kopf auszuschalten oder zumindest mit chaotischen Elementen zu hantieren. Das bedeutet, dass der teilweise Kontrollverlust nicht nur das Ziel ist, sondern auch der Weg.
Ich sehe kein Problem darin, die Popularität von Übersteuerung in der Popmusik in diesem Kontext zu sehen:
Technisch gesehen ist eine Verzerrung durch Übersteuerung ein nicht-linearer Vorgang, das heißt, dass er mathematisch irreversibel ist und das aus einem einfachen Grund: er ist irrational. Für eine Übersteuerung kann ich keine Rechenvorschrift entwickeln, die sich rückwärts abwickeln lässt. Die meisten klanglichen Veränderungen lassen sich rein und raus rechnen, so etwa Frequenzgang und Phasenlage, weil es greifbare Faktoren gibt. Bei einer Übersteuerung hingegen werden chaotische Obertöne erzeugt. Gedanklich gesehen ist eine Übersteuerung also ein absichtlicher Kontrollverlust auf technischer Ebene. Wer mit übersteuerten Signalen hantiert, begibt sich sozusagen ins Reich Satans.
Opulenz und Rausch stehen nicht ohne Grund in der europäischen Tradition in engem Zusammenhang mit der Versuchung: ein kalkulierter Kontrollverlust in der Erschaffung von Musik bewirkt in diesem Fall eine Opulenz, die am anderen Ende ein Gefühl von rauschhafter Verschmelzung erzeugt. Mit der Idee, dass die Askese, also die Vergeistigung den einzig gültigen Weg zur Einswerdung (oder auch zu Gott) darstellt – wie sie nicht nur im nahen und fernen Osten, sondern auch in der protestantischen Ethik eine Rolle spielt, hat das nicht viel zu tun.
Neben der Übersteuerung gäbe es andere Felder, anhand derer sich die tragende Bedeutung des Kontrollverlustes in der nicht intellektualisierten Musik illustrieren lässt, wie zum Beispiel Improvisation oder die positiven Effekte des schieren Unvermögens³.

Am Ende bleibt mir jedenfalls das sichere Gefühl, dass ein enger wechselseitiger Zusammenhang zwischen Askese, Sexismus, Rassismus, Gott und Glück einerseits und Opulenz, Kontrollverlust, Satan und Glück andererseits besteht. Das ist der große Bogen.

 

 

Anmerkungen:
(1) zum Thema der rhythmischen Wiederholung:
https://kunstproduktion.wordpress.com/2015/06/10/was-der-pachelbel-kanon-mit-rassismus-zu-tun-hat/
(2) Genialität:
https://kunstproduktion.wordpress.com/2015/05/10/authentizitat-und-genderklischees-in-der-popmusik/
(3) zum Unvermögen siehe auch:
https://kunstproduktion.wordpress.com/2016/04/16/warum-es-sich-lohnt-dinge-zu-tun-mit-denen-man-sich-nicht-auskennt/
https://kunstproduktion.wordpress.com/2016/04/05/unfaehigkeit-ist-lernbar/
https://kunstproduktion.wordpress.com/2015/05/10/kunstfertigkeit-und-dilletantismus/

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Egoismus überwinden?

Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, die Triebfeder des Kapitalismus sei der Egoismus.

Dabei ist eine mögliche Lesart, dass der Kapitalismus die Kräfte der Egoismen aller Beteiligten so bündele, dass dabei etwas Nützliches entsteht.
Die andere Sicht ist die, dass der Egoismus die dunkle Kraft des Kapitalismus sei, weil er Einsamkeit und Rücksichtslosigkeit fördere und so das Gute zerstöre.
Dieser doppelte Glaubenssatz ist so präsent, dass ich bis heute nicht auf die Idee gekommen bin, daran zu zweifeln. Und da meine ich nicht die müßige Frage, ob der Egoismus denn in der menschlichen Natur begründet läge¹, also ob der Kapitalismus denn dadurch überwunden werden könne, dass wir alle unsere Natur überwinden oder ob im Gegenteil der Kapitalismus widernatürlich sei.

Was mir wie Schuppen von Augen fiel, ist etwas viel Grundlegenderes.
Der Egoismus ist überhaupt nicht die Triebfeder des Kapitalismus, im Gegenteil.

Sprächen wir von einer Straße (einem Eimer etc.), wäre uns klar, dass die Eigenschaft der Straße darin besteht, fest zu sein (wasserdicht zu sein etc.), weil sie sonst ihre Funktion nicht erfüllen könnte, also Autos (Wasser etc.) zu tragen.
Die Festigkeit der Straße ist also ihre wesentliche Eigenschaft, nicht die Beweglichkeit der Autos.
Ich bin mir sicher, dass mir niemand widersprechen wird, wenn ich sage, dass der Kapitalismus darauf beruht, dass eine große Mehrheit Güter erwirtschaftet, gegen einen Lohn, der nicht den gesamten geschaffenen Wert abdeckt, wodurch ein Teil als Mehrwert dem sogenannten Arbeitgeber zufällt – der wiederum diesen teilweise investiert und teilweise als Gewinn anhäuft. Es liegt also auf der Hand, dass die grundlegende Eigenschaft dieses System darin bestehen muss, dass viele Menschen bereit sind, zu arbeiten und dabei den Gewinn dieser Arbeit ihren sogenannten Arbeitgebern zu überlassen².

– Wäre eine Straße beweglich, könnte man auf ihr nicht fahren.
– Wäre ein Eimer flüssig, könnte man kein Wasser hineinfüllen.
– Wäre Egoismus die Basis unserer Gesellschaft, wäre Ausbeutung nicht denkbar³

Die Eigenschaft, die es den Nutznießern dieses Systems ermöglichst, ihr eigenes Interesse (Gewinn zu erzielen) zu verfolgen, ist also keinesfalls deren Egoismus, sondern die Bereitschaft der absoluten Mehrheit der Menschheit, auf ihr eigenes Interesse zugunsten eines ideellen Vorteils verzichten.
Dass dieser ideelle Vorteil allzu häufig darin besteht, dass man stolz darauf ist, nicht so egoistisch zu sein wie die Anderen, ist nicht nur auf eine tragische Weise komisch, sondern könnte einen eigentlich auf den richtigen Gedanken bringen.

Anmerkungen:
(1) Wenn man sich ein bisschen bei dieser Frage aufhalten möchte, ist ein Versuch interessant, der mit Kleinkindern gemacht wurde:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/motivation-und-belohnung-geld-macht-faul-1.156184
Demnach ist es nicht nur so, dass Kleinkinder ohne Aufforderung Menschen helfen, sobald sie erkennen, dass dieser ein unverschuldetes Problem hat, sondern es ließ sich sogar erkennen, dass Kinder diese Hilfsbereitschaft verlieren, wenn sie dafür belohnt werden, während Kinder in einer Vergleichsgruppe, die nicht belohnt wurde, gleichbleibend hilfsbereit blieben.
Müßig ist die Frage nach der Natürlichkeit von Altruismaus meiner Auffassung nach allerdings deshalb, weil erstens ein soziales Wesen, das nur egoistisch handelt, ebenso wenig lebensfähig ist wie ein Wesen, das seine eigenen Interessen vollständig aufgibt. Ein soziales Wesen lebt also immer beide Prizipien.
Zweitens ist der Mensch kein triebgesteuertes Wesen, sondern vermag sich stets sehr effizient an die Gegebenheiten anzupassen, in denen er aufwächst. Die Erkenntnis, dass der Mensch mit einem gewissen Altruismus auf die Welt kommt, die zum Beispiel der beschriebene Versuch nahelegt, bedeutet also nicht, dass die kapitalistische Gesellschaft natürlicher oder unnatürlicher ist als irgendeine andere, weil Zivilisation per se ein Kunstprodukt ist. Den Unterschied machen immer die Menschen, die sich in Ihr bewegen: sind sie zufrieden, halten sie ihre Welt für natürlich.

(2) das ist bewusst theoretisch gehalten, mir geht es um die Idee. Wem das zu kalt oder schmucklos ist, der mag sich Beispiele ausdenken.
Nehmen wir die Arbeiterin in einer Textilfabrik in Asien. Wäre sie egoistisch, würde sie alles stehen und liegen lassen, vielleicht irgendwo Gemüse anbauen und meditieren – das kann nicht schlechter sein als der Zustand der Ausbeutung, in dem sie lebt. Das sie das nicht tut, liegt nicht an ihrem Egoismus, sondern daran, dass sie in einer Gesellschaft lebt, die ihr keine andere Möglichkeit lässt, ihre Familie entsprechend ihrer Moralvorstellungen zu ernähren.
Aber auch das andere Extrem ist ein aufschlussreiches Bild:
der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns beispielsweise häuft Reichtümer an, die sich unsere Arbeiterin nicht mal vorstellen kann, aber er tut dies im Dienst an seinem Konzern, der Gesellschaft und seiner Familie. Wäre dies nicht so, ließe sich nicht erklären, warum er bis zu Erschöpfung dafür arbeitet. Wäre unser Bonze ein waschechter Egoist, müsste er das, was er bisher angehäuft hat, schleunigst packen und sich irgendwo die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.

(3) Ja. Ich weiß. Der Kapitalismus ist auch ohne Egoismus nicht denkbar. Die Strasse wäre aber auch sinnlos, wollte man nicht darauf fahren. Oder der Eimer, wollte man nichts hinein füllen.

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Angst – ein paar Zahlen

Laut einer Studie haben 53% der Deutschen Angst, Opfer eines Terroranschlags zu werden.

Tatsächlich sind für die letzten drei Jahrzehnte 2 getötete US-Soldaten und 9 NSU-Mordopfer alles, was Google hergibt – das ergibt 0,27 Opfer pro Jahr. Für eine begründete Angst ist das recht mager.

Tatsächlich sinkt die Zahl der Terroropfer in Europa seit langer Zeit stark und konstant:
In den 80ern waren es noch durchschnittlich 200 Opfer pro Jahr, in den 90ern dann maximal 180, im Schnitt aber eher 50.
Nach der Jahrtausendwende sank der Jahresdurchschnitt auf etwa 30 Opfer, seit 2010 noch weiter auf unter 20.
Die meisten Opfer hat der Terrorismus in den Jahren 2001-2014 in folgenden Ländern gefordert:
Irak 42759
Afghanistan 16888
Pakistan 13524
Nigeria 11997
Indien 6999
Syrien 3592
Auf Platz 13 dieser Liste steht erst Westeuropa mit 420 Opfern.

Deutschland mit seinen offiziell 2 Opfern (weil die NSU-Morde erstaunlicherweise nicht als terroristisch gelten) taucht in der Liste natürlich nicht auf.

An zweiter Stelle nennt die Studie mit 52% die Angst, einer Naturkatastrophe zum Opfer zu fallen.

Naturkatastrophen hierzulande sind Überschwemmungen oder kalte Winter, die Opferzahl (meist erfrorene Obdachlose) hält sich seit zehn Jahren konstant bei etwa 15 Menschen pro Jahr. In ganz Deutschland.

Den dritten Platz (49%) belegt die Sorge, es könne wegen des Zuzugs von Ausländern zu Spannungen kommen.

Dem liegt vermutlich zwar der letztjährige Höchststand von knapp einer Million Asylsuchender zugrunde – da aber von denen laut offizieller Zahlen des Bundesamtes ohnehin nur rund die Hälfte bleiben wird, was gegenüber einer Bevölkerung von 80 Millionen Deutschen kaum zu Spannungen führen dürfte, basiert die Sorge offenbar eher auf der Annahme, dass es in Zukunft weit mehr würden, weil Kriege und Armut weltweit zunähmen.
Das allerdings stimmt nicht. Die Zahl der Kriege liegt weltweit seit einem halben Jahrhundert konstant bei ungefähr 5.
Die Zahl der Kriegstoten (hier gerechnet per 100.000 Menschen) weltweit ist in dieser Zeit allerdings drastisch gesunken:
1945 – 20
1970 – 10
1985 – 5
2015 – 2
So haben die Kriege des letzten Jahrhunderts noch jeweils 6, 20 oder gar 60 Millionen Tote gefordert, während der gesamte sogenannte „Krieg gegen den Terror“ laut Bundeswehr während seiner 15 Jahre Dauer 1,3 Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Ähnliches gilt für die weltweite Armut:
Zwar hungern derzeit weltweit 795 Millionen Menschen, die Zahl ist seit 1990 aber um ganze 216 Millionen zurückgegangen.
Im Jahr 1999 lebten nach Berechnungen der Weltbank noch 29 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut – 2012 waren es nur noch 13 Prozent.
Die Sorge, dass ganz Afrika demnächst an der Schwelle steht und Einlass begehrt ist also ebenso ins Reich der Phantasie einzuordnen wie die weiter oben platzierten Ängste. (Von allen Einwanderern, die nach Deutschland kommen, machen die Afrikaner derzeit denn auch nur 5% aus.)

Die Angst, dem Straßenverkehr zum Opfer zu fallen,

findet erstaunlicherweise gar keine Erwähnung in der Studie – dabei ist sie bei ca. 4000 Todesopfern pro Jahr wenigstens real.
Immerhin haben 21% der Befragten die ebenfalls realistische Sorge, ihre Beziehung könne zerbrechen.

Das ist bei einer Scheidungsrate von 40% Prozent geradezu erfreulich sorglos.

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Warum es sich lohnt, Dinge zu tun, mit denen man sich nicht auskennt

Es ist so eine Sache mit der künstlerischen Absicht. Ich würde es so beschreiben, dass das Wissen darum, was die ‚Botschaft‘ eines Werkes sein soll, den Künstler selbst zu Teilen daran hindern kann, zu beurteilen, ob diese Botschaft auch wirklich vermittelt wird.

Nehmen wir als einfaches Beispiel eine Sängerin, die einen emotional berührenden Text, sagen wir, über eine gescheiterte Liebe, schreiben will. Wenn diejenige nun nach der nahe liegenden Methode vorgeht, sich selbst in eine entsprechende Stimmung zu versetzen und die Inspiration dieses Moments zu nutzen, wird sie auch später die Worte, die ihr dann in den Sinn kommen, direkt mit dem Gefühl, das sie beim Finden dieser Worte hatte, assoziieren. Sie persönlich findet dann den Text allein schon deswegen emotional berührend, weil er sie an das Gefühl erinnert, das sie mit ihm ausdrücken wollte. Es besteht dann immer die Gefahr, dieses mittelbare Gefühl mit dem unmittelbaren ‚Gehalt‘ des Textes zu verwechseln.
Nehmen wir nun eine Hörerin an, die von diesem Vorhaben nichts ahnt. Die hört den Text dann zum ersten Mal und hat eben diese direkte Erinnerung an das beabsichtigte Gefühl nicht. Ob der Text sein Ziel (dieses Gefühl zu erzeugen) erreichen kann, zeigt sich erst an diesem Punkt.

Genannte Sängerin weiß natürlich darum und wird deswegen nach Formeln und Bildern suchen, die eine Brücke schlagen zwischen der eigenen Erfahrung und der Erfahrung anderer. Das Gelingen von Kommunikation hängt ja im Allgemeinen davon ab, ob es gelingt, diese Brücke zu schlagen.

So weit so gut und nichts Neues.

Was mich an der Geschichte interessiert, ist der Punkt, an dem die Unschärfe einsetzt: es gibt eben keinen klaren Gradmesser für ‚den eigentlichen Gehalt‘ des verfassten Textes außer eben dem Gefühl, das er hervorruft.
Das liegt natürlich daran, dass dieser ‚eigentliche Gehalt‘ nicht real dem Text innewohnt, sondern in ihm nur dargestellt wird, und das immer mit Hinweisen, Bezeichnungen, Symbolen, die die Hörerin erst dechiffrieren muss. Die Kunst der Verfasserin besteht darin, die Darstellung so zu wählen, das sie sich dechiffrieren lässt – beziehungsweise eine Unterscheidung zu treffen zwischen dem, was sie als Grundlage für den Text nimmt und dem, was diesem Text potentiell zu entnehmen ist, wenn man eben um diese Grundlage nicht weiß. Letzteres ist dann der ‚eigentliche Gehalt‘.

Es gibt einen ähnlichen Mechanismus, der mir häufig begegnet, wenn ich mit Musikern zu tun habe, die Songs schreiben und ausarbeiten.
Als einfaches Beispiel nehmen wir mal ein paar Jungs an, die sich zum Ziel gemacht haben, so geil zu rocken wie AC-DC. Was sie da eigentlich wollen, ist:
in ihren Hören das Gefühl erzeugen, das sie selbst haben, wenn sie AC-DC hören.

Wäre die Band in meinem Beispiel eine Coverband, wäre der Auftrag einfach auszuführen. Es ist nun aber so, dass die Musiker nicht AC-DC Songs spielen wollen, nein, sie wollen ja ihre eigene Musik schreiben, und die soll dann halt ’so geil sein‘ wie AC-DC.
Die Gefahr, die oben anhand der Texterin zwar sichtbar, aber harmlos war, nämlich, dass man die Absicht mit dem Produkt verwechseln könnte, ist hier deswegen sehr real:
Diese Musiker haben jeweils AC-DC in einer bestimmten Lebenssituation für sich entdeckt und eine Begeisterung verspürt, die viel mit der eigenen Situation und dem Status und Symbolwert von AC-DC selbst zu tun hat. Die unter Musikern weit verbreitete Hoffnung, es genüge, einem Idol nachzueifern, um auch nur annähernd dasselbe Gefühl zu erzeugen, das sie selbst bei dessen Entdeckung hatten, ist fatal.
Was bestenfalls dabei herauskommen kann, ist eine Reproduktion der Erinnerung: auch die nacheifernde Band kann in ihren Hörern das selige Gefühl erzeugen, an das ursprüngliche Gefühl erinnert zu werden. Das Gefühl heisst aber nicht, wie im Ursprung „boah geil, was ist das denn?“, sondern „hey super, erinnert mich an…“.

Wir haben also eine doppelte Chiffrierung:

Haben die eigentlichen AC-DC noch ein einfaches Chiffre benutzt, das in ihren Hörern eine bestimmtes Gefühl (sagen wir, von Jugendlichkeit und Kraft) direkt erzeugt, lösen die Epigonen lediglich eine Erinnerung an die Erzeugung dieses Gefühls aus. Wer AC-DC nicht kennt, wird dieser anderen Band, die so sein will, sicher irgendein Gefühl entnehmen können, aber eben nicht das beabsichtigte, weil ihm der Link fehlt.
Neben dem Punkt, den ich in meinem Blogbeitrag „Vorbilder“ schon herausgearbeitet habe (nämlich dass jede Kopie die wichtigste Eigenschaft des Originals, nämlich ein Original zu sein, niemals kopieren kann), kommt also bei den Epigonen meist eine weitere Eigenschaft zum Tragen – eine Art Verdünnung. Je nach dem, welchem Vorbild man da nacheifert, besteht die Musik dann in einem Verweis auf einen Verweis oder schlimmer.

Es gibt einen Weg da raus:

Entscheide ich mich absichtlich, Songs zu schreiben, die einem Genre angehören, in dem ich mich nicht auskenne, kann ich in gewissen Grenzen der Falle entgehen.

Weil ich dann, wenn ich die Verweise selbst nicht kenne, eher in der Lage bin, nachzuspüren, ob denn die Musik eine unmittelbare Botschaft trägt oder nicht.
Ich finde, genau das wird viel zu selten gemacht.

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Unfähigkeit ist lernbar!

Wenn man sich, wie nahezu alle Menschen, mit denen ich zu tun habe, regelmäßig mit Kunst in irgendeiner Form beschäftigt, mutet es zwar irgendwann langweilig an, sich mit der Frage auseinander zu setzen, was denn diese Kunst nun eigentlich zur Kunst macht.
Nichtsdestotrotz ist es mir immer wieder ein Rätsel, und ab und zu habe ich kurz eine Ahnung, wie ich diese Frage beantworten könnte.

Ich behaupte hier, dass die wesentliche künstlerische Leistung darin besteht, etwas zu unterlassen.

Gerade wenn ich versuche, für mich persönlich Relevanz von Banalität, Kunst von Handwerk zu unterscheiden fällt mir auf, dass es offenbar ein Merkmal der naiven Gestaltung ist, Dinge hauptsächlich deshalb zu tun, weil man dazu in der Lage ist.
Ich habe etwas gelernt und möchte nun zeigen, was ich kann.
Dass die ‚wahre‘ Kunst hinter dem bloßen Können liegt, ist freilich ein Gemeinplatz – man sagt, dass es nur nötig sei, die Kunstfertigkeit zur Perfektion zu treiben, um dann im nächsten Schritt dieses Können gezielt einzusetzen, auch und gerade indem man es über Bord wirft. Der wahre Künstler, so habe ich es in der Schule gelernt, ist derjenige, der über sein Können erhaben ist. Diese Logik hat eine einfache Formel:

– Ich lerne zunächst, wie man es ‚richtig‘ macht
– Ich emanzipiere mich davon
– Ich mache es absichtlich ‚falsch‘.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es überhaupt kein Problem darstellt, den ersten Schritt zu überspringen. Gerade die Möglichkeiten der heutigen Technik legen nahe, gar nicht erst all die Fähigkeiten zu erlernen, die man letztendlich dann bewusst brachliegen zu lassen gedenkt. Mein Computer bietet mir viele Optionen, etwas perfekt zu machen, die ich zwangsläufig ignorieren muss: nutze ich sie alle, öffne ich der Beliebigkeit Tür und Tor.

Ich schlage also vor, das oben vorgestellte Konzept zu überdenken und die Reihenfolge zu ändern:

– Ich sehe mir genau an, was es für Mittel gibt, etwas gestalten
– Ich wähle einige davon bewusst aus und lege damit auch gleich fest, was ich nicht tun will.
– Ich lerne nur diese Mittel zu gebrauchen

Ich bin der Ansicht, dass dieser Weg zeitgemäßer ist als die alte Schule, die uns noch nahelegte, erst so viel wie möglich zu lernen und sich dann davon zu befreien. Und ich bin der Ansicht, dass es für alle, die in irgendeiner Weise gestalterisch tätig sein wollen, eine sehr gute Leitlinie darstellt:
von der Idee auszugehen und die Mittel sich anhand dieser Idee anzueignen.
Mache ich es andersherum (ich lerne eine bestimmte Technik und überlege mir dann, was ich damit anfangen kann), heisst das zwar nicht, dass dabei nichts Spannendes herauskommen kann.
Aber ich mache es mir unnötig schwer, wenn es gilt, sich nicht zur Marionette der Möglichkeiten zu machen.

Wir erwarten ja von einer Künstlerpersönlichkeit vor allem eines:
eine Handschrift.

Unabhängigkeit, Individualität.
Und gerade diese wird in der Abgrenzung deutlich. Etwas zu lernen und daraufhin zu tun ist noch keine Botschaft an die Welt.
Etwas absichtlich nicht zu tun, obwohl man es tun könnte, oder es hätte lernen können, das bedeutet Abgrenzung.
In einem Interview mit der Band OMD habe ich vor Jahren das Statement gelesen, dass ein eigener Stil durch Unfähigkeit definiert wird. Ich fand immer, dass dieser Satz wahr ist. Eine solche Unfähigkeit kann bewusst gewählt werden.
Und ich fand immer, dass diese Sichtweise, Künstler eben nicht darin zu erkennen, was sie können (bzw. tun), sondern in dem, was sie nicht können (bzw. tun), der Realität sehr nahe kommt.

Kunst ist das, was sie nicht ist.

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Opferrolle vorwärts

Offenbar sucht die ganze Republik derzeit fieberhaft nach den Schuldigen.
Die Flüchtlinge sind schuld. Die Griechen. Merkel. Die USA. Die Lügenpresse.
Schuld woran überhaupt?
Die Frage scheint da schon fast überflüssig.

Und wie funktioniert die Sache mit der Schuld eigentlich?
Trage ich Schuld, wenn ich ohne Not Kleidung kaufe, die in sklavenartigen Beschäftigungsverhältnissen produziert wird?
Bin ich Täter, wenn ich in einer Stadt wohne, deren Wohlstand seit jeher auf der Produktion von Waffen beruht?
Bin ich dafür verantwortlich, dass die Regierung des Landes, in dem ich lebe, jahrzehntelang den europäischen Wirtschaftsraum geschädigt hat, indem sie als Einzige die Binnennachfrage weit unter den Richtlinien hielt und gleichzeitig eine Finanzpolitik durchsetzte, die allen Ländern schadet, die das nicht tun?

Das ist relativ leicht beantwortet:
Nein. Ich bin ja nicht derjenige, der das tut.

Wie gehen wir nun aber mit der Tatsache um, dass die Näherin in Bangladesh durchaus unter einer Situation leidet, von der ich profitiere?
Was bedeutet es, dass so viele der Dinge (Infrastruktur, Bildung, die Verfügbarkeit von Gütern), die mir im praktischen Leben von Nutzen sind, auf massenhafter Ausbeutung beruhen und dass dafür Kriege mit Millionen von Toten riskiert, angezettelt oder unterstützt werden?
Sind dann nicht wenigstens die anderen die Opfer?

Wenn das so leicht zu sagen wäre. Offenbar ist die Menschheit eine ziemlich komplizierte Anhäufung von Opfern. Die Einen sind die Opfer der Anderen, die Anderen sind die Opfer ihrer selbst, die Allermeisten sind beides. Nicht ganz ohne System freilich, aber das ist ein anderes Lied.

Auf alle Fälle gibt es auch ein paar klare Sachverhalte.
Zum Beispiel Gewalt und Ausbeutung: da ist dann immerhin klar, wer nicht die Täter und wer nicht die Opfer sind.
Wenn im Nahen Osten macht- und wirtschaftspolitische Interessen unserer Verbündeten dazu geführt haben, dass dort ein Krieg herrscht, vor dem die Zivilbevölkerung fliehen muss, sollte eigentlich erkennbar sein, dass ebendiese Zivilbevölkerung nicht zu den Tätern zählt und wir nicht zu den Opfern.

Und hier setzt nun eine geradezu magische Verwandlung ein.
Deutschland ist zum Beispiel das einzige Land, das von der Eurokrise profitiert hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist es die deutsche Wirtschaftspolitik, die überhaupt erst die Eurokrise heraufbeschworen hat. Trotzdem findet das deutsche Gemüt wohl nichts geiler, als darüber zu jammern, wenn die Länder, die am meisten unter der deutschen Wirtschaftspolitik gelitten haben, dann Unterstützung brauchen. Man besteht nun mal darauf, sich ausgebeutet und übervorteilt zu fühlen.
Man möchte Deutschland so gerne unten sehen.
Oder – anders Beispiel – anstatt das Geschehen im Nahen Osten als das zu begreifen, was es ist (da ist ein Krieg, da sind Leute, die davor fliehen), wird lieber der Wahn gesponnen, dass es uns, den Deutschen an den Kragen gehe.
Allen Ernstes kursiert die „Sichtweise“, dass hier die USA hier eigentlich einen Krieg gegen die Deutschen führe und die Kriegsflüchtlinge eine Waffe gegen uns seien.
Und das ist ja nur ein Beispiel. Die Niederungen des Netzes sind voll von Theorien, die das deutsche Volk als die eigentlichen Opfer eines Weltkrieges sehen möchten, mit dem die Wehrmacht damals ziemlich eindeutig nicht Deutschland, sondern den Rest Europas überzogen hat. Antisemiten halten sich für die eigentlichen Opfer des Holocaust, Empfänger von staatlichen Geldern leben im Wahn, ihnen würde etwas weg genommen.
Da leiden seit Generationen ganze Weltgegenden massiv unter derselben Politik, die Deutschland nur immer noch reicher macht, und wir tun so, als würde uns ein Schaden zugefügt?

Was ist das für eine seltsame Sehnsucht danach, zu den Verlierern zu gehören?
Wenn man sich so sehr wünscht, Opfer zu sein, müsste man nicht zumindest prüfen, ob es in einem Bürgerkriegsgebiet oder in einer Textilfabrik in Bangladesh nicht viel besser gelingt, dieses Ideal zu leben?

Ich leiste mir an dieser Stelle den Luxus, diese Frage nicht zu beantworten, sondern nur zu stellen.

P.S. ich gehe, das gebe ich zu, hier etwas schlampig mit dem Begriff „wir“ um. Zu klären, ob das Interesse, das hinter der Politik steht, die diese Verwüstungen anrichtet, unter denen so viele Menschen außerhalb Deutschlands leiden, wirklich unser Interesse sein kann, und inwieweit wir trotz unseres Wohlstandes auch darunter leiden, steht allerdings auf einem anderen Blatt, dass dann doch etwas länger wäre als dieser Blogeintrag.

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Wir aber hätten dann verloren

Ich bin ein großer Freund davon, Vorgänge in logischen Zusammenhängen zu sehen.
Und wenn ich versuche, die Logik eines bestimmten Ereignisses zu verstehen, hilft es mir ungemein, moralische Gesichtspunkte zunächst einmal auszuklammern, auch wenn ich zugeben muss, dass Moral bei dem, was Menschen tun, meist eine Rolle spielt.

Was ergibt sich also für ein Bild, wenn wir die Moral erst einmal nicht beachten?

Wir haben – ich nenne es hier mal „Gruppe A“ – einen Teil der Welt, der es für selbstverständlich hält, dass die innerhalb dieses Teils entwickelten Normen und Werte verbindlich weltweit gelten sollten. Der Export dieser Werte geht gut voran, nicht zuletzt, weil sie eine gewisse Anziehungskraft besitzen. Man ist aber durchaus etwas indigniert, wenn es mal nicht so glatt läuft und in Einzelfällen wird auch mit Maßnahmen gedroht, für den Fall, dass die Werte in eklatanter Weise verletzt werden.
Auch kommt es vor, dass die Werte als Grund dafür genannt werden, ganze Länder in Schutt und Asche zu legen oder zu destabilisieren, auch wenn es am Ende nicht danach aussieht, als ginge es darum, die Werte dort tatsächlich durchzusetzen.

Wir haben auf der anderen Seite eine „Gruppe B“ von Menschen, die ebenfalls davon überzeugt ist, dass ihre Normen und Werte weltweit gelten sollten. Man kann nicht übersehen, dass auch die Werte und Normen dieser Gruppe eine gewisse Anziehungskraft besitzen, trotzdem kostet es einige Mühe, Gruppe A daran zu hindern, die verbindliche Einführung ihrer Werte, die teilweise den eigenen widersprechen, zu erzwingen.
Auch hier werden die Werte als Grund dafür genannt, Regionen in Schutt und Asche zu legen, außerdem unternimmt man den Versuch, Gruppe A zu destabilisieren. Und es sieht dann meist nicht so aus, als wären die Werte der wahre Grund.

Ihr habt vielleicht schon erraten, wer Gruppe A ist und wer Gruppe B.

Wir könnten jetzt also dazu übergehen, klarzustellen, dass natürlich „unsere“ Werte die Besseren sind. Das würde dann darauf hinauslaufen, dass man argumentiert, das Interesse (Durchsetzung der eigenen Ideale) und die Mittel (Gewalt) seien zwar vergleichbar, aber es müsse doch wohl klar sein, dass wir selbstverständlich das Recht dazu haben und die nicht.
Ich möchte nicht einmal behaupten, dass es für solch eine Haltung keine plausiblen Gründe gäbe.
Die Überlegung, wer da im Recht ist, rückt aber etwas in den Hintergrund, wenn man bedenkt, dass in beiden Fällen nicht die Werte selbst das Unheil anrichten, sondern die Kriege, die in ihrem Namen geführt werden.

Aber erstaunlicherweise lässt sich die Sache auch zu Ende denken, ohne dass man die Frage nach Recht oder Unrecht überhaupt streift.
Wir, damit meine ich jetzt das sogenannte Abendland, wir wollen ja nicht gezwungen werden, unsere Werte aufzugeben. Einfach weil es unsere sind. Wir sind uns nicht immer einig, worin diese Werte genau bestehen, aber irgendwie haben wir klar, dass in gewissen Grenzen freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung, Religionsfreiheit, Freizügigkeit, eine gewisse Form von Pluralismus und das Recht auf Privateigentum dazu gehören.

Selbst wenn man den Umstand beachtet, dass es den Politikern unsere Hemisphäre durchaus gelungen ist, die Welt von Gruppe B in Schutt und Asche zu legen und zu destabilisieren ist natürlich unser Interesse, dass die nicht dasselbe bei uns hinbekommen.
Wir sind jetzt zum Glück noch nicht so weit, dass es um Schutt und Asche geht. Aber es droht eine andere Gefahr:
Wenn es dem IS gelingen sollte, ein solches Klima der Angst zu schüren, dass wir unsere Werte teilweise aufgeben, sei es dadurch, dass wir zu Rassisten werden – dann hätten die zwar noch lange nicht gewonnen.
Wir aber hätten dann verloren.

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