über falsche Meinungen

Ich finde es extrem wichtig, den Begriff „Meinung“ einmal genauer zu beleuchten.

Wenn ich zum Beispiel meine, es sei überaus wichtig, Künstler zu subventionieren, weil sie für die Gesellschaft unverzichtbar seien (eine Ansicht, die unter Künstlern weit verbreitet ist), dann lässt sich hier ein Für und Wider diskutieren. Man kann diesen Standpunkt teilen oder nicht. Die Wörter „Meinung“, „Ansicht“ und „Standpunkt“ beschreiben hier mit nur minimal unterschiedlichen Konnotationen in etwa dasselbe: Wir sind uns relativ einig über gewisse Grundannahmen, die sich beweisen lassen. Zum Beispiel die, dass Künstler Menschen sind. Wir haben aber eventuell abweichende Sichtweisen auf die Unverzichtbarkeit der Künstler, die sich eben nicht beweisen lassen. Wir hantieren also mit mehreren möglichen Interpretationen derselben Wirklichkeit. Andere Menschen können eine andere Sichtweise haben, ohne dass die Wirklichkeit selbst dadurch eine andere wäre. Deswegen ist es kein Problem, wenn zwei Meinungen zu einem Thema existieren und deswegen ist eine Meinung auch niemals falsch. Dass eine Meinung immer eine Meinung über etwas ist, bedeutet aber auch, dass eine Meinung zu einem Thema, mit dem man sich überhaupt nicht auskennt, zwar erlaubt, aber nicht besonders nützlich ist.

Wenn ich allerdings behaupte, die Künstler seien in Wirklichkeit Reptilienwesen, handelt es sich dabei nicht um eine Ansicht, sondern um eine Annahme. Das ist ein wesentlicher Unterschied, weil eine Annahme eine These über die Beschaffenheit der Wirklichkeit selbst ist. Diese These kann im Unterschied zu einer Meinung unter Umständen auch dann nützlich sein, wenn ich nicht die leiseste Ahnung habe, wovon ich spreche. Nur kann sie dann schnell widerlegt werden. Sie schließt nämlich andere Möglichkeiten aus und wird von anderen Möglichkeiten ausgeschlossen. Die Künstler sind keine Menschen, sondern Reptilienwesen (Das bedeutet noch keinen Dogmatismus. Ich kann ja eine These aufstellen und gleichzeitig Zweifel daran haben, ob sie zutrifft). Sie kann und sollte bewiesen oder widerlegt werden, weil sie eine Annahme über den Zustand der Wirklichkeit ist, von der wir wiederum annehmen, dass sie keine zwei Zustände gleichzeitig hat.

Wenn ich nun Meinung und Behauptung munter verwechsele und mich dabei nicht ganz blöd anstelle, kann ich damit beeindruckende Erfolge erzielen.

Es braucht nur eine Behauptung, die einer gängigen These widerspricht. Die Behauptung „widerlegt“ nun mit ihrer Absolutheit die These und sobald sie angegriffen wird, kann ich sie als Meinung verteidigen, die ja wohl erlaubt sein muss. Damit entfällt dann praktischerweise die Notwendigkeit, sie zu begründen. Die Künstler sind also Reptilienwesen, „deswegen“ sind sie keine Menschen. Jeden Hinweis darauf, dass sie ziemlich offenbar Menschen sind, kann ich mit dem Verweis auf „nun mal meine Meinung“ wirksam entkräften.
Damit habe ich dann eine Allmacht erzeugt, in deren Genuss sonst nur Kinder beim Spielen mit Erwachsenen kommen.
Der zweite Vorteil dieser Technik besteht darin, dass alle, die nicht meiner als „Meinung“ getarnten Behauptung folgen, ja keine Meinung vertreten, sondern eine Hypothese. Die ist als solche unpersönlich. Jaja, Menschen. Das denkt Ihr nur, weil das alle denken, ihr Schafe. Es sieht dann so aus, als hätte niemand eine eigene Meinung außer mir. Was leicht den Fehlschluss nahelegen kann, dass ich der Einzige bin, der überhaupt denkt, während alle anderen nur blöd irgendwas nachblöken.
Vielleicht sind deswegen die erfolgreichsten als Meinung getarnten Behauptungen so besonders obskur – weil die dadurch noch persönlicher sind.

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Engelwesen und Echsenwesen

Nehmen wir an, ich könnte durch die Zeit reisen, weit zurück.

Ich wäre dann umgeben von Leuten, darunter auch Experten, die es selbstverständlich finden, dass die Erde flach ist. Klare Sache, natürlich ist sie das. Lässt sich sogar beweisen – mit den damaligen Theorien und Kenntnissen.
Dann reise ich wieder zurück ins Heute und treffe auf ein paar Spinner, die das immer noch glauben. Haha, okay, leichtes Spiel mit denen.
Ich stelle mir nun aber vor, ebenso weit in die Zukunft zu reisen und wüsste nicht, warum mich dort nicht irgend etwas Ähnliches erwarten solle: Eine absolute Gewissheit von heute, die längst widerlegt ist und nachgerade lächerlich erscheint.

Es gibt nun aber bei den meisten Ideen, die heutzutage darüber kursieren, wie die Menschheit sich wohl aktuell irren könnte, eine Gemeinsamkeit, die ich schon immer erstaunlich fand. So obskur das auch scheinen mag, was jemand da versucht zu verbreiten, so sehr es auch allem widerspricht, was der aktuelle Stand der Naturwissenschaft plausibel erscheinen lässt, am Ende kommt dann irgendeine Theorie aus genau dieser aktuellen Naturwissenschaft oder irgendein mit Doktor- oder Professortitel ausgestatteter Repräsentant derselben um die Ecke und soll als unwiderlegbares Argument herhalten.
Es ist mir nie klar geworden, weshalb ich gleichzeitig tausenden von Menschen, die sich mit einem Thema ein Leben lang intensiv beschäftigen, misstrauen sollte, nur um dann einem versprengten Häufchen unbedingt zu glauben, nur weil die auch Wissenschaftler sind oder mit einer selbstgebackenen Version der Quantenphysik hantieren.

Da kommen wir zu einem Punkt, den ich so verstörend wie interessant finde.

Wir lesen dieser Tage viele Texte von schlauen Menschen, die uns das Phänomen „Verschwörungstheorie“ erklären wollen. Da ist die Rede davon, dass Menschen die Tatsache, dass die Welt komplex und zu großen Teilen unerforscht ist, Angst mache und sie davor in einfache Erklärungsmuster flüchten.
Es erschließt sich mir nicht, inwieweit zum Beispiel die etwas zu oft zitierte Auffassung, Bill Gates und Angela Merkel seien Echsenwesen, die in dunkeln Kellern Kinderblut trinken, eine einfache Erklärung sein soll.
Auch weniger absurden Ideen wie dem Glauben an Engelwesen oder daran, dass die ganze Welt eine Matrix aus Informationen sei, wird man mit Bezeichnung „einfache Erklärung“ nicht gerecht, im Gegenteil. Viel einfacher ist es doch, zu meinen, dass es das alles nicht gibt, „weil“ es Quatsch ist. Im Grunde ist das die einfachste aller Formeln, in die sich Menschen flüchten können, die Angst vor einer komplexen und zu großen Teilen unerforschten Welt haben. „Das gibt‘s nicht, das ist Unsinn“ – nichts ist noch einfacher als das.

Und deswegen werde ich empfindlich und auch ziemlich nachdenklich, wenn ich beobachte, wie Leute, die davon überzeugt sind, dass die Wissenschaft sich irrt, mit lauter „wissenschaftlichen Beweisen“ um die Ecke kommen und dabei auf Leute treffen, die behaupten, sie könnten als Einzige die Komplexität der Welt ertragen und dabei das Einfachste tun, was denkbar ist: alles als Quatsch bezeichnen, was ihnen über den Horizont geht.

Ihr denkt, glaube ich, nicht so unterschiedlich, wie ihr denkt.

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Gott und die Gleichheit

Antje Schrupp stellt die Frage, wie man an die Gleichheit aller Menschen glauben kann, ohne an Gott zu glauben.

Ich finde die Frage sehr interessant, so wie ich viele Fragen und Aussagen von Frau Schrupp interessant finde, aber auch, weil sie mich schon länger beschäftigt. Es fällt mir leichter, diese Frage zu denken, wenn ich „Gleichheit“ durch das übergeordenete Prinzip der Menschenrechte ersetze und hoffe, ich bleibe damit im Sinne der Frage.
Nach meinem Dafürhalten spielt sich sowohl der Glaube an die Menschenrechte als auch der Glaube an Gott prinzipiell zwischen den beiden Polen „romantisch“ und „sachlich“ ab.

Ein romantischer Gottesglaube wäre der Glaube, dass es eine Person namens Gott wirklich gibt, und dass diese Person all das getan und gesagt hat, was geschrieben steht.
Die sachliche Vorstellung wäre, dass es zwar eine universelle Energie oder Präsenz gibt, die eine religiöse Erzählung notwendig macht, dass die Erzählung selbst als von Menschen entwickeltes Konstrukt allerdings nicht in der Lage ist, dieses unerklärliche Etwas zu fassen. Das Gebot der großen monotheistischen Religionen, Gott keiner Logik zu unterwerfen, folgt ja im Grunde diesem Gedanken.

Eine romantische Vorstellung der Menschenrechte wäre die, dass die Menschenrechte den Menschen gegeben sind, eben weil sie Menschen sind. Diese Ansicht erfordert in der Tat das Konzept eines dem Menschen übergeordneten Willens, der den Menschen diese Privilegien durch ihre Geburt verleiht, also Gott.
Bekanntlich stellt es aber kein Problem dar, die Menschenrechte außer Kraft zu setzen, ohne dass der Kosmos aus den Fugen gerät.
Die sachliche Sicht auf das Konzept der Menschenrechte ähnelt der sachlichen Sicht auf Gott. So kann man annehmen, dass die Menschenrechte notwendig sind, um eine Lücke zu füllen, die eine Welt ohne sie hinterlassen würde. Man kann also den absoluten Glauben daran, dass Menschenrechte für ein Zusammenleben nötig sind von der Vorstellung trennen, dass die Menschenrechte in ihrer Gestalt selbst absolut sind.

Ebenso, wie es möglich ist, eine Religion als menschengemacht zu begreifen, ohne damit zu sagen „also gibt es Gott nicht“, können die Menschenrechte als menschengemacht akzeptiert werden, ohne dass man ihre Notwendigkeit relativieren muss.
So wie wir Religion als Versuch betrachten können, die Vorstellung einer allumfassenden Instanz in unser Denken zu integrieren, können wir den Katalog der Menschenrechte als Versuch betrachten, ein universelles Gerechtigkeitsempfinden zu denken. Die Gerechtigkeit entzieht sich dabei in ihrer wahren Gestalt ebenso wie Gott der Erkenntnis, kann und muss aber trotzdem formuliert werden. So ist es möglich, an sie zu glauben, ohne an Gott zu glauben.

Einen herzlichen Dank an Frau Schrupp für die Anregung.

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Luzie (3)

Liebe Genossinnen, liebe Mitläufer (Männer),

hier meldet sich Luzie endlich mal wieder. Ich bin jetzt ein Jahr alt und beobachte fleißig, was um mich herum so los ist. Es ist Einiges im Argen! Heute, am Weltfrauentag, streiken Mama und ich und ich möchte euch mal wieder auf den neusten Stand meiner Erkenntnisse über die Mißstände meiner kleinen Welt bringen.

Wir haben die letzten Monate damit verbracht, uns die Krippen der Bremer Neustadt anzugucken. Das war anstrengend, weil keiner so richtig kapiert hat, wie das Verfahren genau läuft, und in den meisten Einrichtungen nur 2 bis 3 freie Plätze auf 30 – 40 Bewerberinnen kommen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, was Konkurrenz bedeutet und glaube, dass es überhaupt nichts belebt, sondern nur die häßlichen Seiten der Leute hervorbringt. Zum Bespiel haben wir viele tolle Eltern und Kinder kennengelernt und uns mit ihnen unterhalten, welche Krippen super sind oder Plätze frei haben. Dabei haben wir immer mal überlegt, ob wir alle Infos teilen, die wir uns so mühsam erkämpft haben oder ob wir die besten für uns behalten, damit die anderen uns die Plätze nicht wegschnappen. Wir haben die Infos schließlich doch geteilt, weil wir es wichtiger finden, nette Menschen zu sein.

Was auch doof war: dass mir vorher niemand gesagt hat, dass man als Baby ständig krank sein muss. Ich habe alle Viren, die da so unterwegs waren, mitgenommen und so weiterentwickelt, dass wir 6 Wochen lang ständig krank waren. Und jetzt haben uns auch noch andere Eltern darüber aufgeklärt, dass das noch ewig so weiter geht. Auch keine tollen Aussichten. Aber das nur nebenbei.

Vorgestern kam dann die Info, dass wir keinen Krippenplatz bekommen haben. Der Elternverein unseres Vertrauens ist voll und nimmt uns trotz aller Empfehlungen nicht. Wie ich recherchiert habe, fehlen in Bremen 1000 Plätze in Krippe und Kita – mir fehlt jetzt einer davon. Es ist schon schwer, das nicht persönlich zu nehmen. Okay, es war nicht die erste Absage meines Lebens. Die erste Absage kam vom Geburtshaus, die zweite vom Yogakurs für Mama, die dritte vom Krankenhaus, wo ich eigentlich zur Welt kommen wollte, aber ich bin trotzdem irgendwie zur Welt gekommen. Die Absage der Krabbelgruppe war allerdings die erste, die sich wohl länger auswirkt und mir jetzt schon das Gefühl gibt, dass es so weitergehen wird in meinem Leben. Zwar erzählen alle meiner Mama ständig und schon seit 20 Jahren, sie soll endlich möglichst viele Kinder kriegen, aber eigentlich will diese Gesellschaft keine Kinder und auch nichts für sie tun. Darüber dass Hebammen und ErzieherInnen viel zu schlecht bezahlt werden und die wichtige Rolle, die sie haben, gesellschaftlich nicht anerkannt wird, hab ich mich ja in meinen letzten Mails ausführlich ausgelassen. Aber dass die Gesellschaft es nicht schafft, Betreuungsplätze für uns alle zu schaffen, in denen wir uns gut entwickeln können, haut mich jetzt echt um. Dazu kommt, dass andere Eltern uns erzählt haben, dass das sich auch nicht ändert, sondern mit jedem Entwicklungsschritt von mir so weitergeht. Es gibt auch keine Kitaplätze (auch wenn sie jetzt in Bremen umsonst sind, sind sie noch nicht geschaffen!) und Schulen gibt es auch nicht genug. Bei letzteren finde ich, dass der Staat sich lächerlich macht, sich Schulpflicht zu leisten, aber keine Plätze.

Mein Fazit: es ist alles sehr widerspüchlich hier organisiert und ich frage mich, wie schlimm es anderswo sein muss – hier haben wir doch so viel Geld, was in anderen Ländern fehlt. Und noch nicht mal hier kriegen wir es hin bzw. IHR kriegt es nicht hin und versucht, eure schlechte Organisiation zu vertuschen und die Mütter (und Väter) alleine zu lassen. Soll Mama noch länger nicht arbeiten gehen und sich um mich kümmern? Abgesehen von der Frage, wer das bezahlen soll, frage ich mich auch, wie Mama das nervlich aushalten soll. Aber das sind nur die kleinen Probleme einer verwöhnten Einjährigen in Europa. Meine Mama hat in den Nachrichten gesehen, dass es manchen Menschen viel schlechter geht und gerade täglich Kinder in den syrischen Bergen erfrieren und Menschen an der Grenze zu Europa sterben. Das macht mich richtig sauer und ich würde denen gerne alle meine Sachen geben, damit sie es ein bißchen schöner und wärmer haben, weiß aber nicht wie. Kann jemand bitte schnell einen Beamertransport erfinden, über den ich meine warme Winterkleidung in die Kälte beamen kann? Oder kennt jemand einen anderen Weg? Es kann doch nicht sein, dass ich nicht weiß, wohin ich all die Sachen bringen soll, die ich nicht mehr brauche, während andere Kinder gar nichts haben und erfrieren. Diese Welt ist ein großer Misthaufen und für Frauen und Kinder ist es am schlimmsten. Lasst uns das bitte ändern. Ich bin jetzt Dauerspenderin bei Ärzte ohne Grenzen. Mein kleiner Beitrag, damit ich mich nicht so schlecht fühle, weil ich mehr Ressourcen verbrauche als mir zustehen würden, wenn die Welt gerecht wäre.

Auch wenn ich mich eigentlich nicht beschweren kann, hätte ich trotzdem gerne einen Krippenplatz. Hat irgendwer eine Idee, was man da machen kann?

Geht fleißig auf die Straße und macht das Patriarchat platt. Es ist Zeit.
Solidarische Grüße
Eure Revo-Luzie

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Das politische Hufeisen

Neulich ist mir etwas überaus Erstaunliches passiert. Ich habe einen Text von Margarete Stokowski gelesen, dem ich nicht zustimme. Das ist wirklich bemerkenswert, weil ich bisher dachte, das könne nicht geschehen.

Nun, das wäre noch keine Wortmeldung meinerseits wert, wenn mir anhand dieses Textes nicht etwas aufgefallen wäre, das tiefer geht und weite Teile der öffentlichen Meinung betrifft. Worum ging es? Grob zusammengefasst, darum, dass die Hufeisentheorie Quatsch ist. Das sie das ist, steht für mich außer Frage. Wenn ich das richtig verstanden habe, behauptet die Hufeisentheorie, dass der linke und rechte Rand des politischen Spektrums jeweils einander näher sind als der Mitte, halt so wie bei einem Hufeisen. Das sind sie selbstverständlich ganz und gar nicht.
Wenn man nun, so wie Stokowski, als links Haltungen definiert, die egalitär, emanzipatorisch und integrativ sind, während als rechts Ausgrenzung, Diskriminierung und so gelten, kann man zwar sagen, dass dazwischen keine Mitte existieren kann, aber schon das ist ja nicht einleuchtend. Wir wissen alle, dass es durchaus so etwas gibt wie „ein bisschen rassistisch“ oder „ein bisschen homophob“ und dass es genau das ist, was in der Regel in der Mitte unserer Gesellschaft stattfindet.
Aber das ist auch noch nicht der springende Punkt. Es lohnt sich nämlich durchaus, die Begriffe linksextrem und rechtsextrem so zu verstehen, wie es zum Beispiel der Verfassungsschutz tut. Für den Verfassungsschutz, der ja ein Staatsschutz ist, ist es schnurz, ob da eine Haltung zum Beispiel extrem egalitär oder extrem menschenfeindlich ist – er folgt in seiner Einstufung als „extrem“ einfach der simplen Richtlinie, ob diese Haltung denn auch staatsfeindlich ist.

Da finde ich ein paar Worte zum bürgerlichen Staat durchaus angebracht.

Es ist nicht erst seit George Bush Senior klar, dass ein demokratischer Staat im bürgerlichen Sinne erst dann vorliegt, wenn er eine freie Marktwirtschaft vorsieht, Bush hat es nur im Rahmen seiner „New World Order“ so schön deutlich definiert. Das heißt, dass es aus Sicht des Bürgertums bei der Neugestaltung der Welt im Zuge der bürgerlichen Revolutionen kein Problem darstellte, wenn das gemeine Volk eine Regierung wählt, die es dann vertritt, solange diese Regierung sich aus den Belangen der Wirtschaft raus hält. Die Marktwirtschaft ist ja nicht frei von Zwang oder so. Sie ist frei von staatlicher Einmischung. Der Staat soll nur die Bedingungen für die Marktwirtschaft garantieren, abgesehen davon kann er seinen Bürgern eine Sphäre abstrakter Freiheit gewähren, die ihnen ermöglicht, je nach Geschmack die Ehe für alle oder ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen zu diskutieren, wenn sie nur nicht vorhaben, den Kapitalismus abzuschaffen. Eine Meinung darf man dazu haben, ob zum Beispiel der Wohlstand sinnvoll verteilt ist, wenn dieser Meinung keine Taten folgen. Der bürgerliche Staat, wobei Stokowski pikanterweise gerade das Wort bürgerlich als leere Worthülse verstanden wissen will, ist natürlich nicht mehr im klassischen Sinne bürgerlich, weil es nicht mehr „das Bürgertum“ ist, das die Wirtschaft lenkt, aber der Staat tut es eben auch nicht und das ist es, worauf es bei diesem Modell ankommt.

Links, rechts, das sage nichts mehr aus, so liest man an anderer Stelle immer wieder. So ein Quatsch.

Stokowski kritisiert das zurecht. Dann stellt sie aber eine Definition der politischen Spektren in den Raum, die meiner Meinung nach auf verheerende Weise zu kurz greift. Die extreme Rechte lässt sich problemlos als die Fraktion beschreiben, die die bürgerliche Demokratie abschaffen möchte, jene abstrakte Sphäre der Freiheit, die es allen Staatsbürgern gleichermaßen ermöglicht, Politik zu gestalten, solange es nicht ans Eingemachte geht, also an so altmodischen Kram wie Produktionsmittel oder Kapital. Extrem links wäre dagegen das Vorhaben, den Kapitalismus zu überwinden und mit ihm logischerweise den bürgerlichen Staat in seiner Funktion als Wächter und Beschützer des Kapitals. Nebenbei fällt auf, dass sich daraus mühelos die Frage beantworten lässt, wieso der Staatsschutz ein so viel schärferes Auge auf das linke Spektrum wirft – dies ist ja das eigentlich staatsfeindliche Spektrum.
So wie die Rechte das Interesse verfolgt, den Staat als Mittel einzusetzen, die Bevölkerung im Sinne einer effizienten Wirtschaft zu „gestalten“, hat die Linke schon immer die Agenda, der Staat solle im Interesse der Bevölkerung die Wirtschaft kontrollieren. Dazwischen gibt es durchaus eine Mitte. Die findet dann den Kapitalismus schon irgendwie doof, hat sich aber an die Behauptung gewöhnt, dass er alternativlos sei, genauso wie man Transsexuelle irgendwie eklig findet, sich aber damit arrangiert hat, dass die auch leben dürfen. Das, was diese Haltung zur „Mitte“ macht, ist nicht ihr Inhalt, sondern ihre Beschränkung auf Gelaber. Dadurch stützt die Mitte den Status Quo.

Auffallend bleibt, dass die öffentliche Meinung zur Zeit so einen Bogen um den rosa Elefanten namens Wirtschaftssystem macht, der ja riesengroß mitten im Raum steht.

Es ist ja nicht so, dass die Zerstörung der Welt oder die Verelendung ganzer Kontinente zufällig geschieht oder aufgrund irgendeines Naturphänomens. Es ist das Streben nach Profit, das diese Dinge hervorbringt. Wir alle wissen, dass die Menschheit am ewigen Wachstum der Ausbeutung von Mensch und Natur zugrunde gehen wird. Dies zu verhindern, ist schon immer ein zentrales Anliegen der Linken gewesen. Wir tun der Linken unrecht und der Welt keinen Gefallen, wenn wir so tun, als ginge es nur um so hübsche Nebenschauplätze wie die Homo-Ehe. Es ist nicht die Welthandelsorganisation, die die Welt vor den Verheerungen eines global durchgesetzten Kapitalismus schützen kann, die WTO möchte im Gegenteil helfen, ihn noch rigoroser durchzusetzen. Es sind und waren schon immer Linksradikale, die das wollten.
Von daher ist es, nebenbei bemerkt auch totaler Quatsch, irgendeine in der Öffentlichkeit vernehmbare Position als linksextrem zu bezeichnen, weil im Gegensatz zu den menschenfeindlichen Positionen der Rechten, die überall und ständig reproduziert werden, dieses einzige wirklich radikale Anliegen der Linken in der Debatte zuverlässig nicht vorkommt.

Die Hufeisenbehauptung, also die, dass sich linker und rechter Rand gleichen, ist inhaltlich gesehen tatsächlich völliger Humbug. Noch unterschiedlicher könnte eine Zielsetzung beim besten Willen nicht sein. Aber natürlich gleichen die „Ränder“ sich darin, dass sie grundlegende Veränderungen anstreben. So sind sie ja definiert.

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Wir sollten unsere Kinder zu Verlierern erziehen

Ich bin kein Soziologe oder sowas.

Also vermute ich, dass einiges von dem, was ich denke, schon mal besser gedacht worden ist. Außerdem macht es bestimmt keinen Sinn, einfach jetzt anzufangen, irgendwelchen Kindern das Verlieren beizubringen, sie werden dann nichts in diesem System, in dem wir drin stecken und das will ja keiner. Aber ich finde, das ändert nichts daran, dass wir es tun sollten, eigentlich. Alle. Warum?

Wie gesagt, ich habe nicht genug Soziologie studiert, um sicher zu sein, wie das im Einzelnen funktioniert, aber im großen und ganzen besteht eine Gesellschaft ja fast ausschließlich aus Leuten, die nichts zu melden haben. Wenn so eine Gesellschaft sehr klein ist, also – sagen wir – aus drei Leuten besteht, dann ist es manchmal schon nicht einfach, dafür zu sorgen, dass alle zu Wort kommen. Bei etwas größeren Zusammenhängen, also zum Beispiel 90 Millionen Menschen, ist es für die Einzelnen auf jeden Fall frustrierend, wenn sie hoffen, ihre ganz persönlichen Interessen würden von der Allgemeinheit wahrgenommen. Das wäre an und für sich schon nervig, aber lässt sich ganz gut aushalten, weil ja zum Glück genügend andere Menschen jeweils dasselbe Interesse haben.
Schön wär’s also, wenn das schon das ganze Problem wäre. Das eigentliche Problem ist aber das Konzept des Erfolges. Solange es als Erfolg gilt, sich gegen möglichst viele andere Menschen durchzusetzen, haben wir ein mathematisches Problem. Und ein psychologisches. Die Zahl der Menschen, die sich gegen das Gros der Anderen durchsetzen kann, ist ja immer geringer als das Gros der Anderen.

Der reichste Mensch der Welt ist eine einzelne Person. Die anderen 10 Milliarden Menschen haben es, daran gemessen, nicht geschafft.

Uns wurde beigebracht, dass das ein unerschöpflicher Quell der Motivation sei: auch Du kannst es schaffen! Auch Du kannst besser sein als der Durchschnitt!
Dabei ist das rechnerisch totaler Humbug. Es können nämlich nicht alle überdurchschnittlich sein. Es liegt in der Natur des Durchschnitts, dass er dann steigt. Es muss, damit sich überhaupt jemand halbwegs als Gewinner fühlen kann, eine Reihe von Verlierern geben, und diese müssen möglichst zahlreich sein, sonst funktioniert der ganze Kram nicht.
Wir können zwar, so ganz theoretisch, allen eine reelle Chance geben und uns dabei so richtig egalitär fühlen, es hilft nichts: am anderen Ende der Konkurrenz sind nicht mehr alle gleich. Am anderen Ende der Konkurrenz haben wir ein paar Gewinner, die sich stolz gegenseitig loben können und viele Verlierer, denen nichts anderes übrig bleibt als neidisch zu werden oder depressiv oder sich halt nächstes Mal so sehr anzustrengen, dass ihnen das Glück zuteil wird, ihrerseits eine Reihe von Verlierern zu produzieren.

Es wird auf keinen Fall irgendwann passieren, dass alle zu den Gewinnern gehören.

Und doch leben wir in einer Welt, in der das gesamte Wohlbefinden jedes Einzelnen nur davon abzuhängen scheint, dass er sich über die Masse erhebt. Dementsprechend strampeln sich alle ab, ruinieren sich selbst und ihre Umwelt in dem Bestreben, immer noch besser, noch effizienter, noch erfolgreicher zu sein. Immer ist uns jemand voraus oder droht, uns abzuhängen. Wenn es nicht mein Nachbar ist, sind es die Chinesen.

Wenn alle sich nur dann wohl fühlen, wenn sie möglichst vielen anderen ein gutes Stück voraus sind, passieren zwei Dinge:

alle arbeiten mehr als sie müssen und verbrauchen dabei mehr Ressourcen als nachwachsen und die meisten sind am Ende kreuzunglücklich oder resigniert, weil sie das Spiel eben doch nicht gewonnen haben. Wie viel schöner wäre es, wenn es als erstrebenswert gälte, nicht besonders erfolgreich zu sein! Das wäre für alle leicht zu schaffen, ressourcensparend und menschenfreundlich. Darum sollten wir, eigentlich, unsere Kinder zu Verlierern erziehen. Wenn das wirklich alle täten, wäre die Welt ein besserer Ort.

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Wunst

Moin Moin,

hier nur ein kleiner Hinweis auf einen Text von mir an anderer Stelle:
https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/studiomythen-widerlegt-kunst-kommt-von-koennen.html

liebe Grüße,
Euer Gregor

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