Die Physik von Aufnahmeräumen (4):

Diffusion oder warum Größe doch zählt.

Zum Thema Schalldämmung und Raumakustik kursieren ein paar Missverständnisse. Wer einen Aufnahmeraum oder eine Aufnahme in einem bestehenden Raum plant, tut aber gut daran, zu begreifen, was mit Schall in Räumen geschieht. Diese Reihe von Texten ist ein Versuch, dabei zu helfen.
Im vierten Abschnitt geht es um Diffusion und Raumgröße.

Schallwiderstand an Grenzflächen ist Akustik.

Eine Welt ohne diesen Schallwiderstand wäre zwar eine Welt mit Klang, aber ohne Akustik.
In den letzten drei Abschnitten (1)(2)(3) habe ich erklärt, wie der Schallwiderstand, den die Wände eines Raums darstellen den Klang eines Raums erzeugt. Dabei ist der wichtigste Faktor der Raum selbst: ein mehr oder weniger geschlossenes System, das durch Wände begrenzt wird. Der Schall, der an diesen Wänden auf Widerstand stößt, wird zu einem großen Teil in den Raum zurückgeworfen und erzeugt durch mehrfache Reflexionen, die wiederum später und anderswo erneut auf die Wand treffen, den Charakter des Raums. Dabei leiten sich aus den Ausmaßen des Raums bestimmte Überlagerungen von Wellenfeldern ab, die als „stehende Wellen“ im unteren Frequenzbereich hörbar werden. Töne oberhalb einer von Raumgröße und Nachhallzeit abhängigen Frequenz (der „Großraumfrequenz“) werden dagegen diffus reflektiert.
Wir wissen, dass tiefe Frequenzen relativ ungerichtet reflektiert werden, so dass es im Bassbereich nur eine geringe Rolle spielt, ob Wände parallel sind oder nicht. Je höher eine Frequenz ist, desto genauer entspricht der Aufprallwinkel dem Abprallwinkel, so wie bei einem Ball. Bei sehr glatten Wänden, seien sie poliert oder mit Kacheln oder Spiegeln versehen, ist dieser Wert zumindest im Hochtonbereich recht exakt, so dass sich eine Art Abbild der Schallquelle ergibt, das einer echten Schallquelle zum Verwechseln ähnlich ist. Aufgrund der Schallgeschwindigkeit trifft dieses Bild mit einer Verzögerung an unseren Ohren ein, die Schallkennimpedanz der Luft bewirkt, dass es leiser ist: ein Echo. In kleinen Räumen wird dieses Echo jedoch häufig nicht als vom eigentlichen Schallimpuls getrenntes Ereignis wahrgenommen. Wenn ein Echo sehr schnell auf den Impuls folgt und leiser als dieser ist, wird es als Teil des Impulses wahrgenommen (Haas-Effekt). Unser Gehör ist sehr geschult darin, ein solches „Spiegelbild“ nicht mit der eigentlichen Schallquelle zu verwechseln und ortet die Herkunft des Schalls automatisch dort, wo der erste und lautere Impuls her stammt.

Die ursprünglichste Funktion unseres Gehörs ist nicht das eigentliche Hören von z.B. Sprache oder Musik.

Von Natur aus ist unser Gehör in erster Linie dazu gedacht, die Orientierung im Raum zu ermöglichen. Es ist unser Radarsystem. Deswegen reagieren wir sehr sensibel auf alles, was uns eine Information über Form, Größe und Beschaffenheit des Raums bietet, in dem wir uns aufhalten.

Mikrofone „denken“ freilich anders als unsere Ohren. Sie wandeln einfach nur den Schalldruck, der an einer bestimmten Stelle des Raums besteht, in Strom um. Bei einer sehr glatten Wandgestaltung entstehen Reflexionen, die der eigentlichen Klangquelle sehr ähnlich sind, also ergeben sich je nach Position Auslöschungen oder Betonungen (Kammfilter-Effekte), die wegen ihrer Regelmäßigkeit deutlich wahrnehmbar sind. Man kann sich das ähnlich wie einen Moiré-Effekt vorstellen: durch die Ähnlichkeit zweier versetzt überlagerter Muster ergibt sich ein neues Muster, das unnatürlich wirkt und deshalb besonders auffällt. Wenn eine Wand den Schall chaotisch in verschiedene Richtungen reflektiert, ergibt sich eine solche Regelmäßigkeit nicht, weil verschiedene Frequenzbereiche zu unterschiedlicher Zeit beim Mikrofon eintreffen. Wir erinnern uns, dass die Richtung der Reflexion frequenzabhängig ist. Ein Bücherregal diffundiert Frequenzen mit einer Wellenlänge, die ihm entspricht – bei einer Tiefe von 40cm sind das in etwa 900Hz. Das ist dann also schon einmal ein Anteil des Klangs, der eine Umleitung nimmt und nicht gleichzeitig mit dem Rest am Mikrofon eintrifft. Auslöschungen und Betonungen entstehen deswegen zwar nicht weniger, sie sind aber weniger regelmäßig und daher weniger auffällig.
Wir nehmen Räume als angenehmer wahr, wenn sie natürlich wirken, also ein hohes Maß an chaotischen Strukturen aufweisen. Diese chaotischen Strukturen entstehen durch Diffusion, also die Streuung der Reflexion in unterschiedliche Richtungen. Räume mit sehr glatten Wänden erscheinen uns wegen der geringen Diffusion als unangenehm deutlich, weil es in der Natur keine derart klaren Reflexionen gibt. Räume mit sehr wenig Reflexion dagegen machen uns tendenziell orientierungslos.

Daraus, und aus der Tatsache, dass störende Raummoden deutlicher werden, je kürzer die Nachhallzeit eines Raums ist, folgt, dass es nicht der Königsweg für einen Aufnahmeraum sein kann, ihn möglichst stark zu bedämpfen. Im Gegenteil: je chaotischer sich Schall in einem Raum ausbreiten kann, desto schöner klingt er. Diffusion ist tatsächlich mit Abstand das wichtigste Werkzeug, mit dem Innenakustik gestaltet werden kann.

Schön wäre die Welt freilich, wenn alles immer einfach wäre.

Leider muss ich einschränken, dass das Konzept der Diffusion am besten in großen Räumen greift, weil es bei einer Aufnahme ja meist darum geht, ein relativ klares Bild des Klangkörpers einzufangen. Es gibt nämlich grundsätzlich zwei Kategorien der Platzierung eines Mikrofons – es kann im Nahfeld stehen oder im Diffusfeld. Das Nahfeld ist der Bereich, innerhalb dessen der ursprüngliche Impuls lauter ist als die Reflexion der umgebenden Wände. Im Diffusfeld befinden wir uns, wenn wir die Reflexionen lauter hören als die Klangquelle selbst. Logischerweise ist die Größe des Nahfelds von der Kraft der Reflexionen und der Raumgröße abhängig. In einem Badezimmer sind schon in relativ geringem Abstand zur Schallquelle die Reflexionen vergleichsweise laut. Es gibt viele Gründe, sich ein großes Nahfeld zu wünschen – beispielsweise wenn wir den Nahbesprechungseffekt (von Mikrofonen mit Richtcharakteristik) vermeiden wollen und deswegen mit einem gewissen Abstand mikrofonieren oder wenn wir planen, mit einem Mikrofon mehrere Schallquellen gleichzeitig einzufangen. Wenn ich ein Drumset mit nur einem Mikrofon ausgewogen aufnehmen möchte, brauche ich einen gleichmäßigen Abstand zu allen Trommeln. Es wäre nicht gut, wenn dort schon das Diffusfeld anfinge.
Wir müssen also, wenn wir einen kleinen Raum gestalten, abwägen. Je trockener ich den Raum baue, desto stärker stechen stehende Wellen hervor und desto künstlicher klingt das Diffusfeld. Je „nasser“ der Raum wiederum ist, desto kleiner gerät mir das Nahfeld, in dem ich ein definiertes Signal bekomme.
Hier kommen wir zu einer ganz wesentlichen Eigenschaft von großen Räumen, die sehr häufig übersehen wird.

Das wesentliche Merkmal eines großen Raums ist nicht, dass er mehr Reflexionsfläche bietet.

Das tut er. Ein anderer Faktor ist aber viel entscheidender: die Wände sind relativ weit entfernt. Das bedeutet, dass ein großer Raum grundsätzlich trockener klingt als ein kleiner Raum.
Dass das unserer subjektiven Erfahrung krass widerspricht, hat einen einfachen Grund: Um die Akustik eines Raums wahrnehmbar zu beeinflussen, muss etwa ein Drittel der Gesamtoberfläche umgestaltet werden. Wenn ich einen nackten Raum mit Teppich auslege, bedeutet das faktisch nur die Umgestaltung eines ziemlich geringen Anteils der Oberfläche, der Raum wird in den meisten Fällen erst dann spürbar trockener klingen, wenn ich auch ein oder zwei Wände einbeziehe. In einem Raum befindliche Möbel streuen die Reflexion auch nur dann effektiv, wenn sie einen nennenswerten Anteil der Wandfläche abdecken. Um also den Schall in einem großen Saal effektiv zu kontrollieren, brauche ich wesentlich mehr Absorption und Diffusion als in den meisten Kirchen und Turnhallen (gemessen an qm Wandfläche) vorkommt. Ich müsste sozusagen meine Wohnzimmermöbel auf die Größe der Turnhalle skalieren. Sobald wir das tun – also einen großen Raum hinreichend „bekleiden“ – ist der Hall, den er erzeugt zwar länger. Dafür sorgen die längeren Laufzeiten zwischen den Wänden. Der Hall ist in diesem Raum dann aber nicht mehr lauter als in kleineren Räumen.
Daraus ergibt sich, dass es in einem großen Raum besser gelingt, den Eindruck von „Trockenheit“ einer Aufnahme zu erzeugen, als in kleinen Räumen, auch wenn diese stark bedämpft sind.
Nehme ich zum Beispiel Gesang in einer Gesangskabine auf, klingt er zwar scheinbar trocken. Das hat damit zu tun, dass die Wände sehr nah sind – also wird das, was sie zurückwerfen, mit der eigentlichen Schallquelle verwechselt.

Eine Gesangskabine hat einen dreifach verfälschenden Einfluss auf den Klang.

1) Sehr kurze Echos werden als Bestandteil des Ursprungsimpulses wahrgenommen. Das bedeutet nicht, dass sie keinen Einfluss auf den Klang der Stimme haben. Hier kommt der Überlagerungseffekt ins Spiel, den ich vorhin mit Moiré verglichen habe.
2) Außerdem befindet sich das Mikrofon zwar eigentlich im Nahfeld, aber nur aufgrund der starken Bedämpfung der Kabinenwand. Wenn wir bedenken, dass die Bedämpfung einer Wand ungleich aufwändiger und platzraubender gerät, je tiefer die zu absorbierende Frequenz ist (Die Materialdicke muss etwa der Wellenlänge der Frequenz entsprechen) stellt sich heraus, dass das Mikrofon nur die Präsenzen betreffend (4-6kHz) wirklich im Nahfeld steht, den tonalen Kern der Stimme nimmt es schon dann im Diffusfeld wahr, wenn der Mund eine mehr als minimale Entfernung zur Mebran hat.
3) Wenn ich die Großraumfrequnez einer Gesangskabine bestimme, die um so höher liegt, je kleiner und je trockener ein Raum ist, fällt sie geradezu unanständig hoch aus. Das heißt, dass in der Kabine stehende Wellen exponiert sind, die im Grundtonbereich der Stimme und darüber liegen. Wir bekommen also ein Gedröhne, das in größeren Räumen nicht auftritt.

Das alles spricht dafür, sich auch für Gesangsaufnahmen stets den größten Raum zu suchen, der verfügbar ist – vorausgesetzt, ich kann diesen Raum so gestalten, dass der Hallanteil gering genug ist. Sobald ich über ein hinreichend großes Nahfeld verfüge, spielen Reflexionen eine geringe Rolle und können bei Bedarf durch Vorhänge und Stellwände gesteuert werden.

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Liebe Maskulinisten (3)

Vielen Dank für die vielen an mich gerichteten Kommentare zu meinen Beiträgen (1), (2) und den Blogeinträgen auf „geschlechterallerlei“ und „alles evolution“. Ich glaube, ich sehe Euren Gedankenhorizont jetzt tatsächlich ein wenig klarer.
Natürlich gibt es da sicherlich einige individuelle Abweichungen, aber ich meine, ein gewisses Schema zu erkennen.

1) offenbar empfindet Ihr es als „feministisch“, wenn Frauen ein Interesse verfolgen oder etwas tun, das sich gegen Männer richtet. Das schließt offenbar Situationen ein, in den eine einzelne Frau etwas tut, das sich gegen einen einzelnen Mann richtet.
2) bei der Betrachtung einer Situation, in der die Einzelinteressen einer Frau und eines Mannes kollidieren (und die nicht zugunsten des Mannes entschieden wird), ist Euch also der Schluss geläufig, dass hier „Feminismus“ am Werk sei. Dabei stört es Euch nicht, wenn feministisch motivierte Handlungen in dieser Situation nirgends erkenbar sind. Denn dann
3) ist das für Euch der Beleg, dass der Feminismus auf einer Lüge beruht. Einer Propagandalüge, denn die Darstellung, der Kampf gegen traditionelle Rollenbilder sei ein Kernanliegen des Feminismus eine „Progagandalüge“ sei falsch.

Ich möchte das an dem Beispiel illustrieren, das für Eure Argumentation zentral ist.

Wenn zwei Menschen ein Kind haben, handelt es sich traditionell um einen Mann und eine Frau. Trennen sich diese Menschen, geht das meist mit aggressiven Haltungen beider Seiten einher. Es gibt also Streit zwischen einer Frau und einem Mann. Geht es um das Sorgerecht beziehungsweise die Frage, in welchem Hause das Kind aufwachsen soll, kommt meist die Jutiz ins Spiel.
Es gibt nun einen einfachen Grund, weshalb das Richteramt inzwischen häufig von Frauen bekleidet wird: da die Perspektiven, mit einem Jura-Studium sehr viel Geld zu verdienen (also beispielsweise die Verpartnerung in einer größeren Kanzlei), mit der Bereitschaft verbunden sind, sehr viel und auch am Wochenende zu arbeiten, ist dies eine Option für Menschen, die Partner haben, die sich um Heim und Kind kümmern können und wollen. Diese Partner sind für Juristinnen schwerer zu finden als für Juristen. Deswegen ist es für Juristinnen naheligend, einen sicheren Job mit geregelten Arbeitszeiten zu suchen, auch wenn das bedeutet, dass die Gehaltsmöglichkeiten vergleichsweise begrenzt sind. Eine Ausgangssituation, die sich aus traditionellen Rollenbildern ableitet bewirkt also, dass Frauen, nachdem sie ein Jurastudium absolviert haben, häufiger als Männer Richterinnen werden, aus ganz ähnlichen Gründen liegt ihnen das Familienrecht besonders nahe. Es gibt erst einmal keinen Grund anzunehmen, dass diese Richterinnen irgendwie einem gängigen Rollenbild widersprechen wollen. Wenn dann eine Familienrichterin im Sinne der Mutter entscheidet, kann man das als zwar politische Agenda verstehen. Wesentlich naheliegender wäre für mich aber, eine gewisse Empathie zu vermuten, da die Richterinnen in vielen Fällen selbst Mütter sind (dafür brauchen sie ja ihre geregenlten Arbeitszeiten.)
In den Augen der Maskulinisten muss eine Frau aber offenbar, sobald sie einen Mann zum Gegner hat, eine Feministin sein.
Da hilft es auch nicht, dass die Auffassung, Frauen seien besser als Männer geeignet, Kinder großzuziehen, ja eigentlich kein feministischer Standpunkt ist. In den Augen der Maskulinisten muss es wohl einer sein, da er sich gegen einen Mann richtet. Scheint ja auch logisch.
Wenn man feministische Positionen ansieht und feststellt, dass der Standpunkt, Erziehung sei Frauensache, dort tatsächlich nur eine, sagen wir, marginale Rolle spielt, könnte das nun Fragen aufwerfen.
Euch gilt es nur als Beweis, dass also alles gelogen ist – Feminismus als „Propagandalüge“.
Ich halte das für eine, nun ja, etwas eingeschränkte Sichtweise.

Maskulinisten, Maskulisten, Männerrechtler und alle, die ich jetzt vergessen haben könnte, korrekt zu bezeichnen,

ich würde Euch gerne vorschlagen, einmal darüber nachzudenken, ob es sein könnte, dass viele Frauen, auch und gerade die, die in irgendeiner konkreten Gegnerschaft zu einem Mann stehen, gar keine Feministinnen sind. Das wäre ja immmerhin möglich. Vielleicht könnte das Euch dazu bringen, zu sehen, dass andererseits innerhalb des feministischen Spektrum kaum noch eine die Auffassung vertritt, man müsse „gegen Männer kämpfen“. Die Annahme, es handele sich um einen Kampf Geschlecht gegen Geschlecht, das ist Eure.

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Liebe Maskulinisten (2)

Ich dachte neulich, ich könnte in einem Text kurz und bündig etwas über die Logik des Sexismus schreiben, ohne dass Ihr es komplett falsch versteht.

Das hat nicht geklappt. Ich möchte hier also gerne auf die eklatantesten Missverständnisse eingehen, auch wenn das bedeutet, dass ich weite Teile dieses Textes noch einmal inhaltlich wiedergeben muss.

Wenn ich schreibe, dass zwei Vorgänge dem gleichen Schema folgen, dann meine ich das. Beispiel: nehmen wir an, ich würde hier schreiben, das Naturgesetz, das bewirkt, dass Steine zu Boden fallen, sei dasselbe Gesetz, das Regentropfen in Richtung Erde bewegt. Dann meine ich damit nicht, dass es Steine regnet.
Wenn ich also schreibe, dass Sexismus einem ähnlichen Muster folgt wie Rassismus, habe ich damit nicht behauptet, alle Sexisten seien weiß. Nein, wirklich nicht, da hilft auch kein viermaliges Nachfragen (oder waren es fünfmal? Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen). Nun aber zu der Logik, über die ich eigentlich schrieb.

Die Logik des Sexismus hat ihre gedankliche Wurzel in der Vorstellung des Menschen als Mann.

Diese Vorstellung ist historisch belegbar und zum Beispiel auch in vielen Sprachen erkennbar: Männer sind normale Menschen, Frauen sind weibliche Menschen.
Dem Sinn dieser Logik folgt eine zweite grundsätzliche Annahme, die unsere Gesellschaft in der Vergangenheit geprägt hat. Nämlich, dass Frauen Menschen zweiter Ordnung sind, also Wesen, die nicht alle Eigenschaften des Menschen tragen. So ist in patriarchalen Gesellschaften der Vergangenheit und in manchen patriarchalen Denkmodellen der Gegenwart verbreitet, Frauen als Wesen ohne Geist und in Extremfällen als Wesen ohne Seele zu sehen, was sie im Grunde (also der Idee nach) auf die Stufe von Tieren stellt.

Dieser Auffassung (die in patriarchalen Gesellschaften der Vergangenheit und einigen patriarchalen Denkmustern der Gegenwart verbreitet war und ist), folgt eine Einordnung in Subjekt und Objekt.
Dem entspricht wiederum logisch betrachtet eine Einordnung in die Kategorien Täter und Opfer.
Männer = Subjekte
Frauen = Objekte.
Männer = Täter
Frauen = Opfer.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Maskulinisten generell schwerfällt, zwischen der Beschreibung eines logischen Prinzips und einer Schuldzuweisung zu unterscheiden.
Also gerne noch einmal: diese Sätze bedeuten keine Schuldzuweisung. Wirklich nicht. Ich will deutlich machen, wie Sexismus logisch betrachtet funktioniert. Wer ihn in die Welt gesetzt hat und aufrecht erhält, ist eine sehr, sehr lange Geschichte, in der Männer, Frauen und Kinder aller Hautfarben vorkommen.
Sicherlich ist es aber für die Entstehung der Vorstellung des Subjektes als männlich und des Objektes als weiblich nicht ganz unerheblich, dass der Teil der Geschichte, in dem diese Vorstellungen entstanden, politisch von Männern dominiert wurde.

Ich spreche hier übrigens von der Vergangenheit.
Es kann also zwar durchaus einem Maskulinisten wie ein unschlagbares Argument vorkommen, wenn er nun alle möglichen Bereiche aufzählt, in denen Männer inzwischen nicht mehr dominieren, und das tut es offenbar. Es ist aber keins.
Es ist für das Verständnis des obigen Abschnittes nötig, zwischen Idee und Materie zu trennen, das muss ich Euch leider zumuten. Man nennt das „abstrahieren“. Wenn also die logische Wurzel des Sexismus die Vorstellung einer Norm ist, also die Vorstellung „des“ Menschen als männlich, so bedeutet das nicht, dass dies der historische Grund für Sexismus ist.
Es ist in der Tat anders herum. Das Patriarchat war die Gesellschaftsform, die diese Vorstellung erzeugte. In ungefähr dieser Reihenfolge:

1) das Patriarchat:

entstand aus verschiedenen politischen und auch biologischen Faktoren.

2) die Sexistische Logik:

entstand während des Patriarchats.

3) das Patriarchat:

ist inzwischen hierzulande (grundsätzlich rechtlich) abgeschafft.

4) die Sexistische Logik:

steckt aber noch in den Köpfen, auch bei uns.

Nur nebenbei: Auch ich finde es etwas unbefriedigend, dass mich die Umstände zwingen, derart einfach zu formulieren. Natürlich wäre es unbedingt nötig, auf die Faktoren, die zur Entstehung des Patriarchats beigetragen haben, näher einzugehen. Das kann ich nicht erschöpfend tun. Als kleiner Hinweis mag reichen, dass es sich bei den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau mindestens darum handelt, dass Frauen Kinder zur Welt bringen, die aus von Männern befruchteten Eizellen hervorgehen. Weitere biologische Unterschiede sind zumindest umstritten. Schon aus dem Umstand aber, dass Frauen Kinder bekommen deren Vätern an einer Garantie auf ihre Vaterschaft gelegen ist, ergibt sich für Männer eine grundsätzliche Motivation, eine Gesellschaft zu errichten, die mindestens die Sexualität der Frauen kontrolliert.

Zurück zum Thema. Da ich hoffe, die Logik (also nicht die historische Entstehung) des Sexismus ein weiteres Mal so einfach und klar es mir möglich ist beschrieben zu haben, möchte ich gern ein paar Dinge betonen:

Hinweise darauf, das es auch Männern schlecht ergeht, sind kein Gegenargument.

Nein, auch wenn ich jetzt arrogant wirken mag, das sind sie nicht. Sexismus ist nämlich nicht einfach, dass es Frauen schlechter geht als Männern.
Sexismus bedeutet, dass wir in einer Gesellschaft leben, die aus einer langen Tradition hervorgegangen ist, die Frauen als Menschen anderer Art bzw. Objekte, ansah und deren Denkmodelle noch wirken. Das kann im Einzelfall bedeuten, dass gerade Frauen davon profitieren.

Nun schrieb mir jemand zu Recht, dass das alles nichts Neues sei. Und es stimmt. Eigentlich ist das ein alter Hut. Ich finde es aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kampf gegen sexistische Denkmodelle nicht darin besteht, sich darüber zu streiten, ob es Männern besser geht als Frauen oder Frauen besser als Männer, wer vor Gericht härter bestraft wir, wer mehr verdient etc.

Ich finde es wichtig, Folgendes festzustellen,

Dass Männer vor Gericht für ähnliche Straftaten statistisch gesehen härter bestraft werden lässt sich als Folge der sexistischen Logik sehen.
(Männer = Subjekte = Täter. Frauen = Objekte = Opfer.)

Wenn Frauen eher in Notsituationen geholfen wird, hängt das vermutlich mit einer Sichtweise zusammen, die Frauen eher als Männern Hilflosigkeit unterstellt. (Männer = Subjekte = Täter. Frauen = Objekte = Opfer.)

Dass die Selbstmordrate bei Männern höher liegt, lässt sich als Folge dessen sehen, dass das Ideal des Mannes als Herr seines Schicksals und Ernährer der Familie zu einer größeren Frustration führt, als mit Überbleibseln eines passiven Weiblichkeitsmodells aufzuwachsen.

(undsoweiter – nennt mir weitere maskulinistische „Argumente“ und ich formuliere gern weitere ähnliche Sätze.)

Maskulinisten bekämpfen alles, was als Gender-Studies-Kram oder gar Feminismus durchgehen kann mit einer Wut, die sie am Denken hindert,

was ein bisschen schade ist, weil das Denken sie eventuell dahin bringen könnte, zu erkennen, dass Feministinnen sich (aus anderen Gründen freilich) gegen genau die Logik wenden, die all das hervorbringt, unter dem die Maskulinisten zu leiden vorgeben.
Ich bitte um Verzeihung, das war ein komplizierter Satz. Also:
Sexismus bringt das hervor, worunter Ihr zu leiden vorgebt. Sexismus-Kritik anzugreifen bestärkt also das, worunter Ihr zu leiden vorgebt. Einfach genug?

Was soll‘s, eigentlich rechne ich aus Erfahrung schon nicht mehr damit, dass hier noch ein Maskulinist mitliest. War ja relativ viel Text und auch viel Logik – und irgendwie habe ich den Eindruck gewonnen, dass Denken jenseits des linksversifft grünen Spektrums nicht so hoch im Kurs steht.
Also Tschüß, Männerrechtler. Es war schön mit Euch. Ich habe mich mal mit ein paar Salafisten unterhalten und ich muss sagen, die waren zwar noch etwas verbohrter, aber ich hatte halb so viel Spaß mit ihnen. Danke also.

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Liebe Maskulinisten,

Ihr seid offenbar der Meinung, dass ihr dem Kampf, den Frauen weltweit seit einiger Zeit gegen patriarchale Strukturen führen, etwas entgegensetzen müsst.

Schließlich, so sagt Ihr, haben es nicht nur Frauen mit Problemen zu tun, die direkt mit ihrer Weiblichkeit zu tun haben, auch Männer haben mit Nachteilen zu kämpfen, die direkt in ihrer Männlichkeit begründet liegen. Ihr führt an, dass Männer härtere Strafen vor Gericht erhalten und dass sie gefährlichere Berufe ausüben. Und ihr findet, dass der Kampf der Frauen gegen Sexismus und Euer Ärger über die Nachteile der Männlichkeit im Grunde das selbe ist.
Ihr irrt Euch.

Das ist freilich noch kein Grund, diesen Text zu Ende zu lesen oder sich irgendwie anderweitig über die Logik des Sexismus schlau zu machen, es steht Euch natürlich frei, mich mit scheinbar unschlagbaren „Gegenargumenten“ wie z.B. Nazivergleichen zu konfrontieren, bevor Ihr begriffen habt, worum überhaupt geht. Das bringt aber niemanden weiter. Ich versuche also mal, Eure Geduld nicht übermäßig zu strapazieren und schnell und grob zusammenzufassen, weshalb ich Euren Standpunkt für falsch halte.

Sexismus in a Nutshell.

Ich bin noch nicht einmal Experte auf diesem Gebiet, aber eine grundlegende Kenntnis reicht schon, um eines zu wissen: Sexismus ist nicht einfach immer dann, wenn Menschen benachteiligt sind, die ein Geschlecht haben. Sexismus ist ein Konzept mit historischen und philosophischen Dimensionen, die miteinander verwoben sind.
Ich versuche es so einfach wie möglich zu formulieren.

Wie auch beim Rassismus fängt es mit der Vorstellung an, was normal ist.

Normal ist der (weiße) Mann, das ist ein Narrativ, der sich aus einer langen Geschichtsschreibung ergeben hat, die von (weißen) Männern dominiert wurde und in vielen Teilen der Welt immer noch wird. Der Mann ist demnach das handelnde Subjekt der Weltgeschichte und das Maß aller Dinge. In patriarchalen Gesellschaften hatten (und haben) die Männer Namen, Frauen sind „die Frau von“. Männer machten Politik und prägten die Geisteswissenschaften. So entstand ein Kreislauf, in dem Frauen nicht die Möglichkeit hatten, etwas zur Geschichte beizutragen und deswegen Männer sich darin bestätigt fühlen konnten, dass Frauen dazu auch gar nicht imstande sind. Mitunter ging (bzw. geht) man so weit, Frauen überhaupt einen Intellekt oder gar eine Seele abzusprechen, was sie im Grunde auf die Stufe von Tieren stellt. Ein Mensch, so ist es auch in vielen Sprachen zu erkennen, ist erst einmal ein Mann. Mann ist gleich Mensch. Eine Frau ist ein weiblicher Mensch, also eine Abweichung der Norm.
Aus der Dominanz der Männlichkeit ergibt sich außerdem ein Konzept von Besitz und Besitztum, sowie von Subjekt und Objekt: Männer sind Subjekte und werden als diejenigen wahrgenommen, die etwas leisten und etwas erschaffen. Sogar die Kraft der Schöpfung wird der Männlichkeit beigeordnet (ungeachtet dessen, dass Kinder schon immer von Frauen geboren wurden). Auch Simone de Beauvoir sieht die schöpferische Transzendenz noch als männlich an, die in sich ruhende Immanenz dagegen als weiblich. Frauen sind Objekte. Sie machen nicht, sie sind. Männer treffen in patriarchalen Gesellschaften Entscheidungen, über Frauen wird verfügt.

Soviel in aller gebotenen Kürze zum Thema Sexismus und Patriarchat.
Zum Glück sind viele Teile davon in vielen Ländern seit kurzem überwunden.

Das heißt aber nicht, dass sein Prinzip nicht mehr wirkt. Ein relativ harmloses, aber plakatives Beispiel ist Kleidung. Männer kleiden sich so, wie sie auf andere Männer wirken wollen. Frauen kleiden sich so, wie sie auf Männer wirken wollen. Da macht es keinen so großen Unterschied, ob dabei am Ende High Heels oder Gesichtsschleier herauskommen. Uns scheint es normal, dass Frauen sich gerne sexuell attraktiv kleiden, auch wenn das manchmal unbequem ist – andererseits finden wir es (zu recht) sexistisch, wenn Frauen sich aus religiösen Gründen keusch kleiden, wenn das für sie unbequem ist. Dabei übersehen wir, dass die Motivation dieselbe ist: die Wirkung des Outfits auf Männer.
Der Sexismus unserer heutigen Gesellschaft ist also nicht mehr immer messbar in Statistiken konkreter Benachteiligung. Das muss er auch nicht sein. Weil Sexismus nicht dasselbe ist wie Benachteiligung. Wenn Frauen von einer sexistischen Denkweise profitieren, beispielsweise, weil ihnen weniger Bösartigkeit unterstellt wird und sie deswegen weniger hart bestraft werden, dann ist das – auch wenn es für manche schwer zu begreifen sein mag – einem Sexismus geschuldet, der sich gegen Frauen richtet. Wenn man Frauen aus dem Mantel hilft und den Stuhl zurecht schiebt ist das eine harmlose Geste, aber eine Geste der Entmündigung, auch wenn es in diesem Fall bequem für die jeweilige Frau ist. Dieselbe Entmündigung in weniger harmloser Form ist am Werke, wenn Frauen verboten wird, Fußballspiele anzusehen – die Absicht ist auch hier eigentlich, den Frauen zu helfen, sie zu schützen, in der Annahme, dass sie es selbst nicht können.

Ich habe ein bisschen was von dem gelesen, was Ihr – die Maskulinisten – so von Euch gebt, also möchte ich Euch gerne auffordern, den vorangegangenen Abschnitt ruhig noch einmal zu lesen. Lasst Euch Zeit, schlagt vielleicht noch mal was nach, wenn ihr es erst einmal unsinnig finden solltet.
Noch einmal ganz kurz:
Sexismus ist nicht gleich Benachteiligung. Sexismus ist eine Struktur, die unter anderem verschiedene Formen der Benachteiligung bewirkt. Lassen wir die Frage nach der Verhältnismäßigkeit ruhig mal außen vor: der Sexismus, unter dem Männer leiden ist im Prinzip derselbe Sexismus, unter dem die Frauen leiden. Wenn wir gegen den Sexismus kämpfen, dem die Frauen ausgesetzt sind, kämpfen wir ebenso für die Befreiung der Männer von diesem Sexismus. Es gibt nicht den einen und den anderen Sexismus. Ihr müsst Euch nicht gegen Feminismus stellen, es sei denn, Ihr wollt genau den Sexismus, unter dem ihr zu leiden vorgebt, stärken.
Vermutlich wollt Ihr das.

In der Hoffnung, dass meine Worte klar genug waren, um auch in ein maskulinistisches Hirn vorzudringen, hier also noch ein kurzer Satz über Euch:

Ja, es stimmt, Männer haben ein Problem mit ihrer Männlichkeit. Und es stimmt, die Emanzipation der Frau hat die Gesellschaft nicht in allen Bereichen des Lebens zum Guten verändert. Zum Beispiel gilt es inzwischen als normal für Frauen, genau so zu arbeiten wie Männer. Leider bedeutet das nicht, dass Mann und Frau jeweils halb so viel arbeiten, worüber sich zwar die sogenannten „Arbeitgeber“ freuen, nicht aber die „Arbeitnehmer“ und ihre Kinder. Das größte Problem aber, das Männer mit der Emanzipation der Frau haben ist, dass Frauen mittlerweile ein besser an die heutige Gesellschaft angepasstes Bild von Weiblichkeit entwickelt haben als die Männer, die immer noch häufig Ansprüche an sich stellen, die unerfüllbar sind. Zum Beispiel steht ungeachtet der eben erwähnten Beschäftigungssituation bei vielen Männern immer noch das Ideal hoch im Kurs, eine Familie ernähren zu können. Es ließen sich viele weitere Beispiele dafür finden, dass das Konzept „Männlichkeit“ modernisiert werden müsste. Also ist es verständlich, dass Ihr – die Maskulinisten – irgendwie unzufrieden seid und etwas tun wollt. Also tut in Gottes Namen was, und bitte: denkt vorher ein kleines bisschen nach. Ich verspreche euch, dass auch Euch das am Ende viel mehr bringt eine permanente Klage darüber, wie benachteiligt Männer sind.

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Die Physik von Aufnahmeräumen (3):

Moden oder: weniger ist mehr

Zum Thema Schalldämmung und Raumakustik kursieren ein paar Missverständnisse. Wer einen Aufnahmeraum oder eine Aufnahme in einem bestehenden Raum plant, tut aber gut daran, zu begreifen, was mit Schall in Räumen geschieht. Diese Reihe von Texten ist ein Versuch, dabei zu helfen.
Im dritten Abschnitt geht es um die sogenannten stehenden Wellen.

Ich habe in den letzten beiden Folgen den Schallwiderstand von Wänden und die daraus entstehende Reflektion betrachtet. Kurz zusammengefasst können wir sagen, dass Wände, die einen Raum begrenzen, einen Schallwiderstand bilden, der sich daraus erklärt, dass sie schwer in Schwingung zu versetzen sind. Das bedeutet, dass Schall, der auf diesen Widerstand trifft, dort abprallt und in den Raum zurück geworfen wird. Die Reflektion wird wesentlich durch den Widerstand bestimmt, den die Wand den Schallwellen entgegensetzt, wobei die Gestaltung der Wandoberflächee einen starken Einfluss darauf hat, wie sich diese Reflektion in der Praxis auswirkt. Textilien zum Beispiel können eingesetzt werden, um einen Teil der Schallenergie direkt an der reflektierenden Wand zu schlucken, wobei die Dicke der Textilschicht etwa der Wellenlänge der zu schluckenden Schallwellen entsprechen sollte. Tiefe Frequenzen bleiben also meist weitgehend unbeeindruckt.

Wir haben es bei den meisten Aufnahmeräumen mit Dimensionen von 20-100 qm zu tun.

Das bedeutet Wandabstände, die mitunter der Länge von Schallwellen im hörbaren Bereich entsprechen Ein Raum, in dem ich viele Alben aufgenommen habe, hat beispielsweise die Maße 4×8 Meter – ein Seitenverhältnis, anhand dessen man sehr gut den Begriff der „stehenden Welle“ erklären kann. Schall mit einer Frequenz von etwa 86Hz hat eine Wellenlänge von 4m, was ungefähr einem tiefen F entspricht. Das bedeutet, dass das wellenartige Feld aus Überdruck und Unterdruck, dass den Schall physikalisch ausmacht, sich alle 4 Meter wiederholt. wenn diese Frequenz (86Hz) nun von zwei gegenüberliegenden Wänden reflektiert wird, die 4 Meter entfernt voneinander stehen, überlagert es sich ziemlich passgenau mit sich selbst, was eine Verstärkung der Frequenzen 86Hz, 172Hz, 258Hz etc. ergibt (Vielfache von 86Hz passen ja ebenso passgenau, eben mehrmals, in einen Abstand von 4m). Die andere Dimension des Raums (8m) war nun denkbar ungünstig, weil sie dieselben Frequenzen begünstigt: 43Hz, 86Hz, 172Hz, etc.
Je nachdem, wo ich eine Schallquelle im Raum positioniere und wo das Mikrofon aufgestellt ist, überlagern sich Schallreflektionen entweder gleichphasig oder gegenphasig. Gleichphasig bedeutet in diesem Fall, dass z.B. ein Feld mit erhöhtem Luftdruck auf ein vorhandenes Feld mit ebenfalls erhöhtem Luftdruck trifft, was einer Verstärkung der Schallenergie gleichkommt. Gegenphasige Überlagerung ist die Überschneidung eines Hochdruckfeldes mit einem Tiefdruckfeld, was einen Druckausgleich ergibt, die Felder heben sich also gegenseitig auf.
Diese sozusagen im Raum festgewachsenen Hoch- und Tiefdruckgebiete nennt man „stehende Wellen“ bzw. Raum-Moden.
Wenn ich einen Basslauf aufnehme, in dem ein F vorkommt, wird dieser Ton meinen Raum besonders anregen, es wirkt lauter als die anderen Töne und schwingt länger nach, weil die Wellenlänge des F ziemlich genau den Raumabmessungen entspricht. Schon ein G klingt deutlich unbetonter, weil es nicht so stark mit dem Wandabstand korreliert. Wie wir wissen, kann auch eine schräge Wand nicht viel daran ändern, solange der Abstand zwischen den Wänden weiterhin ungefähr der Wellenlänge entspricht. Der Abstand zwischen der Mode erster Ordnung (43Hz) und der Mode zweiter Ordnung (86Hz) ist nun relativ groß, es liegt eine ganze Oktave dazwischen. Mit steigender Frequenz veringern sich einerseits die Abstände der Moden, hinzu kommen verschiedene diffus in den Raum gestreute Reflektionen, so dass sich in zunehmendem Maße Schwingungen überlagern, die sich gegenseitig so chaotisch stützen oder aufheben.
Das Besondere bei den Moden eines Raums ist also, dass ihre Dichte mit steigender Frequenz zunimmt, so dass sich im oberen Frequenzbereich so viele Moden überlagern, dass sie nicht mehr als getrennt wahrgenommen werden.
Die Moden, die wir als „stehende Wellen“ wahrnehmen, sind meist die exponierten Moden erster, zweiter und dritter Ordnung. Der genaue Wert, ab dem Moden nicht mehr einzeln wahrgenommen werden, leitet sich aus der Nachhallzeit eines Raums und seinem Volumen ab, heißt Großraum- oder Schröderfrequenz und ist bei unserem Beispielraum etwa 300Hz.

Wenn man diese Voraussetzung bedenkt, ergibt sich ein genauer Fahrplan für Gestaltung eines Raums. Falls es möglich ist, alle Faktoren zu kontrollieren, ist es sinnvoll, bei den Ausmaßen des Raums anzufangen. Hier ist es nicht unbedingt wichtig, auf rechte Winkel zu verzichten, allerdings sollten die Abmessungsn so gewählt werden, dass die Wandabstände möglichst wenig mathematischen Bezug zueinander aufweisen. Das heißt, die Länge des Raums sollte möglichst in keiner Weise ein Vielfaches der Breite sein. Dadurch bewirken wir, dass sich einzelne Moden schon mal nicht gegenseitig verstärken. Das Ziel ist nicht etwa, einen Raum mit wenig Moden zu bauen, sondern einen Raum mit möglichst unterschiedlichen Moden. Dann ist es sinnvoll, den Raum möglichst groß zu gestalten. Wie wir gesehen haben, hängt die Großraumfrequenz, ab der Moden nicht mehr einzeln wahrnehmbar sind, von der Raumgröße ab: je größer der Raum, desto tiefer liegt diese Schwelle.

Sobald die Form und Größe des Raums feststeht, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, einen Raum zu gestalten.

1) Wir können uns entscheiden, einfach alle unerwünschten Eigenschaften des Raums auf ein Minimum zu zu reduzieren. Zur Abschwächung der tiefen Moden kämen Bassfallen in Frage, zur Begrenzung der Nachhallzeit und zur Bekämpfung eventueller Flatterechos könnten wir Textilien oder spezielle Absorber anbringen, je nach zu domestizierender Frequenz. Wir arbeiten also mit Subtraktion: wir ziehen bestimmte Eigenschaften von der Summe des Raums ab und erhalten als Ergebnis das, was übrigbleibt. Es ist ein bisschen wie bei der Arbeit mit einem Equalizer. Auch hier kann ich mich entscheiden, ihn als reinen Filter zu verwenden und richte dabei mein Augenmerk auf alles, was ich entfernen möchte. Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen der verbleibende Rest eben nicht einer positiv gewollten Eigenschaft entspricht, sondern einfach nur das ist, was meinen Kahlschlag überstanden hat. Nicht selten stellt sich heraus, dass genau das, was ich soeben entfernt habe, etwas anderes verdeckt hatte, was mir jetzt unangenehm auffällt.
Bringe ich Textilien an die Wände, verliert der Raum Höhen, was unter Umständen den Bassbereich mit seinen stehenden Wellen betont. Das gezielte Bekämpfen einzelner Moden durch Bassfallen wiederum kann andere Moden exponieren, die vorher noch unauffällig waren.
Bei der Arbeit mit EQs gibt es eine gute Regel. Wenn das Herausfiltern unerwünschter Anteile nicht mit wenigen Handgriffen zu einem schönen Ergebnis führt, sollte man unbedingt den additiven Weg versuchen – also alles zu betonen, was man gerne hören möchte. In vielen Fällen wird durch eine solche Betonung der schönen Anteile das Unerwünschte zwar nicht verschwinden, es wird aber aus dem Fokus gerückt und stört nicht weiter.

So können wir auch mit einem Raum verfahren. So ist es ein weit verbreiteter Ansatz, einen Raumklang zwar erst einmal pauschal sehr stark zu domestizieren, indem man so viel absorbierendens Material wie überhaupt möglich anbringt. Diesen grundsätzlich sehr trockenen Raum können (und sollten) wir dann aber mit der gewünschten Menge reflektiernder Flächen ausstatten, um ihn zu der Art von Leben zu erwecken, die erwünscht ist. Das verschafft uns sehr viel Kontrolle über die Eigenschaften des Raums, ohne dass wir uns in der Schadensbegrenzung verlieren.
Ein Problem dieses Ansatzes stellt dar, dass die Reflektoren, die man zur Gestaltung des Klangs hängen muss, recht viel Platz einnehmen.
Der Saal im Studio Nord in Bremen zum Beispiel ist auf diese Weise gestaltet und klingt hervorragend – er misst aber auch 120qm.
Ein anderer Weg, mit dem ich den 4x8m Raum aus dem obigen Beispiel zu einem sehr geeigneten Aufnahmeraum gemacht habe, ist freilich sehr viel simpler und auch sehr effektiv. Ich habe den Raum schon in der Bauphase mit so vielen reflektierenden Flächen gestaltet, wie es mir möglich war. So gab es eine Vielzahl von Fenstern (die noch dazu Tageslicht einließen), Kalksandsteinwände und einen harten Estrichboden. Das hatte zur Folge, dass Raummoden schon wegen der schieren Menge reflektierten Schalls nicht mehr einzeln auffielen. Der Raum klang dadurch zwar laut, aber gerade in seiner chaotischen Art wiederum ausgewogen.
Hier kommt die oben erwähnte Schröderfrequenz zum tragen. Für die Bestimmung dieses Wertes ist ja neben der Raumgröße die Stärke der Reflektion maßgeblich. Je mehr ich einen Raum bedämpfe, desto ungünstiger fällt die Schröderfrequenz aus. Manchmal ist also auch bei der Gestaltung eines Raums weniger mehr.

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Unterwegs durch Iran (Teil 3)

Es ist nicht schwer, mit Iranern ins Gespräch zu kommen. Ich würde sogar sagen, es bedarf einiger Anstrengung, mit ihnen nicht ins Gespräch zu kommen.

Das ist dann manchmal eine oberflächliche Angelegenheit, oft geht es aber auch im Handumdrehen um Politik, Religion, Verbotenes, Erlaubtes.

Massoumeh arbeitet für ein Hostel in Isfahan. Sie ist ein bisschen amüsiert, als wir uns die Moschee nebenan ansehen wollen, kommt aber neugierig mit, sie war selbst noch nie dort. Sie hat einen etwas schiefen Gang und wirkt im Gebetsraum wie ein Fremdkörper – als mir auffällt, dass wir einfach zu dritt in den Frauenbereich gelatscht sind, den ich natürlich nicht betreten darf, macht sie nur eine abfällige Handbewegung.

Milad treffen wir in Tabriz. Er sagt, er sei früher sehr religiös gewesen, bis er gemerkt habe, dass das System der islamischen Republik selbst gegen den Gedanken des Koran verstößt. Die Regierung sei nur gierig und korrupt, sagt er.

Anita ist Webdesignerin und lebt in Teheran. Als wir mit ihr an einem der Stände vorbei gehen, an denen wegen des bevorstehenden Aschura-Festes Tee ausgeschenkt wird, wird sie von einer Frau in schwarzem Tschador angesprochen. Die Frau spricht Farsi und lächelt, Anita lächelt zurück. Als wir fragen, worum es ging, sagt sie, die Frau habe gesagt, Anita sei ein schlechter Mensch, weil sie zu viel Haar zeige und solle sich schämen.

Am Azadi Monument in Teheran läuft uns Reza über den Weg. Er ist vielleicht etwa Mitte 50 und bietet uns Trauben an, die wir ablehnen, weil wir nicht einschätzen können, ob er sie uns eigentlich verkaufen will. Als er hört, dass ich Musiker bin, sagt er zunächst, dass er Jazz mag, schiebt dann aber schnell und entschieden nach, dass er die iranische Regierung mag, weil sie verhindert, dass es so viele “bad women” wie in Deutschland gibt.

Elham aus Shiraz sitzt in einem Lokal in der Mitte des Dorfes Masouleh mit ihrer Mutter und ihrem Bruder am Nebentisch und spricht uns an. Sie findet, dass Problem des Landes sei, dass die Regierung nicht den Geboten Allahs folge. Im Gegensatz zu den einfachen Menschen, die fromm und gut seien, seien die Politiker nur am eigenen Profit interessiert. Außerdem glaubt sie, der Revolutionsführer vertrete nicht die Interessen Irans, sondern die des Auslands. Erstaunlicherweise meint sie damit ausgerechnet den Libanon. Als sie hört, dass wir beide nicht an Gott glauben, unternimmt sie einen ernsthaften Versuch, uns zumindest von der Existenz Jesu Christi zu überzeugen und ist sichtlich enttäuscht, dass ihr das nicht gelingt.

Kourosh aus Esfahan studiert Physik und ist begeisterter Hobbymusiker. Er sagt, dass Problem sei wie überall auf der Welt nicht die Religion, sondern die Politik.

Fatemeh macht mit ihrer ganzen Familie im Keller des “museum of islamic defense” Selfies vor einem Schrein. Sie zeigt uns Fotos eines toten Soldaten mit einer Schusswunde mitten im Gesicht. My brother, sagt sie, ihre Mutter steht neben ihr, deutet auf das Bild und zeigt auf die entsprechende Stelle ihres Kopfes, als wäre es möglich zu übersehen, dass der Mann auf dem Bild ein Loch im Gesicht hat. Wir schauen etwas betreten drein. Die Schwester des Toten bemerkt das und beeilt sich zu bekräftigen, sie sei very happy, ihr Bruder sei ja jetzt in the arms of Imam. Sie hat dabei einen verklärten, sanft seligen Ausdruck.

Hamed begegnet uns in Kashan. Er macht in Finanzen und spielt mit dem Gedanken, ein Haus zu kaufen und zu einem Hostel umzubauen. Er reagiert ein bisschen belustigt auf unser Interesse an religiösen Fragen und macht unverhohlen deutlich, dass er alles, was damit zu tun hat, albern findet. Hamed hat ein paar Jahre im Ausland gelebt und spricht ein lupenreines Englisch.

Eine Gruppe, die uns auf dem Meydan von Esfahan zum Picknick einlädt, besteht aus zwei Schwestern, Sohn der einen und Tochter der anderen. Die Tochter ist ein hinreißendes Energiebündel von 12 Jahren und macht unentwegt Fotos von und mit allen. Ursprünglich waren Jule und ich auf den Meydan gekommen, um das große Freitagsgebet zu sehen – zu unserer Überraschung hatten daran aber nur etwa 50 Männer und 30 Frauen teilgenommen, obwohl Esfahan 2 Millionen Einwohner hat. Als die Kleine kurz Selfie-Pause macht, fragen wir nach und bekommen erklärt, dass das Freitagsgebet eine Regierungsveranstaltung sei. Aus Protest zögen es die Menschen vor, zuhause zu beten.

Ein junger Mann in Yasd fragt uns nebenbei, ob wir wissen, dass Jesus eigentlich gläubiger Muslim gewesen sei.

Vor dem Zarathustra – Tempel in Shiraz sehen wir zwei Frauen in bunten Kleidern und Jule fragt, ob sie Fotos machen kann. Da geschieht es das erste Mal auf der Reise, dass diese Frage verneint wird. Ein wenig später stellt sich mir ein Mann als Ali aus der Provinz Balutschistan vor. Er bietet an, dass wir seine beiden Ehefrauen fotografieren können – es sind die beiden von zuvor.

Mit Akbar gehen wir am Rand des Tajrish – Bazars in Tehran entlang, auf dem Weg zu einem Café. Wir unterhalten uns angeregt – er spielt in einer Death Metal Band, was in Iran eine relativ heikle Angelegenheit ist. Das finde ich natürlich spannend. Uns kommt ein Mann mit 5-Tage-Bart und abgetragenem Anzug entgegen, ohne Schlips – das übliche Outfit regimetreuer Männer. Akbar und er wechseln ein paar Worte, dann verschwindet der Mann eben so zügig, wie er gekommen ist. Akbar sagt, der Mann habe gefragt, wer wir seien, ob wir etwa aus den USA oder Großbritannien kommen. Akbar habe ihm erzählt, dass er uns nicht kennt und unsere Sprache nicht versteht. Er will keine Scherereien.

Zaynab ist die Schwiegermutter von Shanaz. Gemeinsam mit den beiden und zwei Kindern gehen wir abends zur Muharram Zeremonie in die Moschee eines Dorfes im Alamut Valley. Auf dem Weg dorthin fragt Shanaz, ob wir religiös seien und ich erkläre ein bisschen ausweichend, dass Religiosität in Deutschland schwer zu greifen ist, weil viele Menschen zwar an irgend etwas glauben, aber dabei keiner Kirche folgen. Ich frage im Gegenzug, ob es in Iran viele Ungläubige gebe. Sie sagt, es seien so gut wie alle gläubig und die paar, die es nicht seien, würden es wegen der hohen Strafen verheimlichen. Ihre Schwiegermutter wird drastischer und vergleicht Staatsreligion mit Faschismus. Zunächst möchte sie die Moschee nicht betreten, weil sie den vorgeschriebenen Tschador nicht anlegen will und entscheidet dann kurzerhand, dass ein einfaches Kopftuch reichen muss. Als sie und ihre Schwiegermutter mit den anderen Frauen beten, sieht es so aus, als täten beide das nicht sehr oft.

Als unser Flugzeug in Teheran zum Rückflug ansetzt, haben bereits alle Frauen ihr Kopftuch abgesetzt. In einem Buch lese ich den Satz, dass nichts dem Islam in Iran so geschadet habe wie die Revolution.

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Unterwegs durch Iran (Teil 2)

Einer der Gründe, weshalb Jule und ich durch Iran reisen: wir wollen verstehen, was das ist. Achse des Bösen, Wiege Der abendländischen Kultur, Heimat so vieler liebenswerter Menschen. Was geht da vor sich?

Wir merken bald, wer Iran verstehen will, sollte versuchen, das schiitische Drama zu verstehen. Es fängt vor anderthalbtausend Jahren an, mit dem Tod des Propheten. Arabische Machthaber, die noch zu Lebzeiten Mohammeds den Islam bekämpft haben, rufen ihren Kalifen als Nachfolger aus. Einige Muslime sind jedoch der Auffassung, dass der Prophet seinen Schwiegersohn Ali zu seinem Nachfolger ernannt habe, sie bilden die “Partei Alis”, arabisch “Schiat Ali”. Die Schiiten sind überzeugt, dass die Machthaber eine entsprechende Sure aus dem Koran entfernt haben. Ali fällt einem Attentat zum Opfer und hinterlässt Hossein, den Enkel des Propheten.

Wir begegnen Ali und Hossein bei unserer Reise auf Schritt und Tritt: sie sind Popstars in der islamischen Republik und prangen bunt und sexy wie eine Boygroup von Plakaten und Shirts. Echte Underdogs, rechtmäßige Erben des Propheten, von der Welt betrogen und von Arabern ermordet.

Hossein, der Enkel Mohammeds, zieht in die Schlacht, wird von seinen eigenen Leuten im Stich gelassen und geht bei Kerbela jämmerlich zu Grunde. Diese seine eigenen Leute, so sehen es die Iraner, sind ihre Vorfahren. Ein Volk von Verrätern an der eigenen Sache, mit Sünde beladen büßen sie jedes Jahr im Trauermonat Muharram. Es ist beeindruckend, wie stark die Niederlage Hosseins die gesamte Gesellschaft prägt und wie groß die Kraft ist, die von dieser Erzählung ausgeht. Niemals soll sich derartiges wiederholen. Nie wieder soll die Partei Alis von unrechtmäßigen Usurpatoren um das gebracht werden, was ihr zusteht.

Der erste Golfkrieg beginnt als Angriffskrieg. Der arabische Machthaber Saddam Hussein hofft, die Wirren der iranischen Revolution nutzen zu können, um sich die Ölregion Khuzestan zu greifen. Irak erhält die Unterstützung sämtlicher Nachbarn und aller Akteure der Weltpolitik mit Ausnahme Syriens, Iran bleibt mit ein paar Restbeständen der Armee des Schah auf sich gestellt. Die Uno lässt die junge Republik abblitzen, als Saddam international geächtete Chemiewaffen im großen Stil einsetzt. Die Zahl der iranischen Chemiewaffenopfer wird am Ende so hoch sein wie die während des ersten Weltkrieges in ganz Europa.

Und erneut verraten Schiiten ihre eigenen Leute. Als nach zwei Jahren Krieg ein Waffenstillstand ohne Gebietsverlust möglich wäre, entscheidet Khomeini sich dagegen und schickt weitere sechs Jahre lang die männliche Jugend in den Tod. Hossein lässt grüßen.

Kerbela, der heilige Ort der Schiiten, liegt im Irak.

Das Atomprogramm, das Iran von den USA großzügig spendiert bekommen hatte, stellt der Revolutionsführer zunächst ein. Die Erfahrung, mit dem Rücken zur Wand der geballten Kraft aller Welt gegenüber zu stehen, bewegt die Regierung später dazu, das Programm wieder zu beleben. Nie wieder sollten die Söhne Alis um das gebracht werden, was ihnen zusteht.

Eine der ungelösten Fragen, die wir im Gepäck haben, als wir iranischen Boden betreten – was will Iran mit der Bombe? – lässt sich vermutlich leichter beantworten, wenn wir uns die iranische Außenpolitik nicht von Hass getrieben vorstellen, sondern von dem Bedürfnis nach Schutz.

Ich sehe eine direkte Verbindung zwischen dem Drama von Kerbela und den unzähligen Märtyrerporträts am Straßenrand. Junge Männer, verblichene Fotos, Achtziger-Jahre-Frisuren, hoffnungsvolle Blicke. Alle seit dreißig Jahren tot.

Das “museum of islamic defense” ist ein topmoderner gigantischer Komplex mitten in Teheran, vollgestopft mit modernster Technik und fast menschenleer – die meisten Teheraner interessiert der Bohei nicht besonders . Als Museum durchaus beeindruckend und auf der Höhe der Zeit – inhaltlich eher einseitig. Es geht um den glorreichen Sieg über den Irak und die Opfer dieses Krieges. In der Mitte des Spektakels steht eine symbolische Brücke des Martyriums, verziert mit animierten Darstellungen Gefallener, die vor unseren Augen zu Sternschnuppen werden. Geht man über diese Brücke, gelangt man in eine Art Lichttempel aus weißen Stoffbahnen, dahinter liegt eine Nachbildung eines Hossein-Schreins.

Der Grund weshalb Khomeini weiter kämpfen ließ, erzählt man uns später am Abend, ist, dass er Kerbela erobern wollte.

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