Die Physik von Aufnahmeräumen (2):

Reflexion oder warum die Oberfläche täuscht

Zum Thema Schalldämmung und Raumakustik kursieren ein paar Missverständnisse. Wer einen Aufnahmeraum oder eine Aufnahme in einem bestehenden Raum plant, tut aber gut daran, zu begreifen, was mit Schall in Räumen geschieht. Diese Reihe von Texten ist ein Versuch, dabei zu helfen.
Im zweiten Abschnitt geht es um Reflexion.

In Abschnitt (1) habe ich den Schallwiderstand an Grenzflächen erklärt.

Die Reflexion von Schall ist eine direkte Folge dieses Schallwiderstandes – sie entsteht also, indem Schall beim Übergang zwischen zwei Materialien einem Widerstand begegnet, an dem er buchstäblich abprallt. Der Widerstand ist dabei umso größer, je größer der Unterschied der Masse der Materialien ist.

Dabei spielt der innere Schallwiderstand, den das Material selbst aufweist, die sogenannte Schallkennimpedanz, überhaupt keine Rolle. Tatsächlich ist der innere Schallwiderstand von Beton erheblich geringer als der von Luft.
Der Übergang von Luft in Beton bedeutet also einen wesentlich größeren Widerstand als z.B. ein Übergang von Gipskarton in Stein. Umgekehrt ist der Widerstand beim Übergang von Beton in die Luft größer als beim Übergang von Stein in Gipskarton.

Dort, wo ein Widerstand vorliegt, wird der Schall reflektiert. Das Ausmaß der Reflexion hängt in erster Linie davon ab, aus welchem Material die Wand im Kern besteht und wird tatsächlich nur minimal davon beeinflusst, wie die Oberfläche der Wand gestaltet ist. Warum wir subjektiv den Eindruck haben, dass die Oberfläche die Hauptrolle spielt, liegt daran, dass die Oberfläche den Charakter der Reflexion bestimmt.
Zunächst ist es wichtig, zu verstehen, dass eine leichte Wand einen geringeren Schallwiderstand bietet als eine schwere Wand. In Tonstudios spielt der Faktor der Reflexion eine besonders wichtige Rolle, weil der Schallwiderstand, den die Wände darstellen, aufgrund der Schalldämmung meist besonders hoch ist. Eine effektive Schalldämmung bedeutet, dass ein sehr großer Teil der Schallenergie daran gehindert wird, den Raum zu verlassen – sie wird reflektiert und schwirrt im Raum umher. Wäre es möglich, einen Raum mit Wänden zu versehen, die einen unendlichen Schallwiderstand bieten, würde die Energie nur durch die Schallkennimpedanz der Luft verringert, bliebe also sehr lange im Raum.

Nun ist es wahr, dass man den Klang der Reflexionen, die an einer Wand stattfinden, sehr stark beeinflussen kann, indem man zum Beispiel einen Teppich an ihr befestigt.

Absorber wie Teppich, Mineralwolle oder Resonatoren sind in der Lage, Schallenergie in Wärme umzuwandeln, also zu „schlucken“. Für den Erhalt der Schallenergie in einem Raum hat ein Absorber dabei subjektiv die selbe Wirkung wie ein offenes Fenster.
Ein Teppich zum Beispiel ist wie alle Textilien oder auch Mineralwolle eine Struktur, die feine Fasern aufweist, so dass sich innerhalb des Teppichs auf kleinstem Raum Luft und feste Materie abwechseln. Die Schwingung der Luft versetzt die Fasern in Schwingung, wodurch Wärme entsteht, die Schallenergie wird umgewandelt. Bei sehr feinen Fasern spielt darüber hinaus eine Rolle, dass bei einer Schallwelle Hochdruck- und Tiefdruckzonen direkt nebeneinander auftreten – die Fasern von Mineralwolle sind so fein, dass sie in der Lage sind, die Wärme, die in einer Hochdruckzone existiert, in das kühlere Tiefdruckgebiet abzuleiten, so dass der Schwingung Energie entzogen wird.

Der Stoff selbst reflektiert den Schall nahezu gar nicht, weil er der Schallenergie erlaubt, einzudringen. Ist der Schall erst einmal im Teppich, ist es ein bisschen so, als würde ein Teil davon sich in einem Labyrinth verlaufen. Das geschieht bei einem Teppich, der an einer Wand hängt, zweimal: erst bevor der Schall die Wand erreicht und danach ein weiteres Mal, wenn der von der Wand reflektierte Schall den Weg zurück durch den Teppich in die Luft nimmt. Dabei bestimmt die Dicke des Teppichs, welche Frequenzen absorbiert werden. Tiefe Frequenzen weisen eine höhere Wellenlänge auf als hohe und man kann sagen, dass die Schallwelle einmal in ihrer Länge in den Teppich passen muss, um effektiv geschluckt zu werden. Ist die Welle länger, als der Teppich dick ist, wird der Schall einfach von der Wand zurückgeworfen. Eine Schallwelle von 100Hz misst 3,4 Meter.

Praktisch fühlt es sich so an, als würde ein Teppich den Schall anders zurückwerfen als eine nackte Wand, es ist für das Verständnis des Vorgangs aber äußerst erhellend, wenn man sich vor Augen führt, dass (außer für sehr hohe Frequenzen) nicht der Teppich der reflektierende Widerstand ist, sondern die dahinter liegende Wand. Der Teppich modifiziert den Schall nur vor und nach der Reflexion.

Hätten wir nur einen Teppich und keinen Raum, also keinerlei reflektierende Masse (man könnte sich eine Schallquelle am wolkenlosen Himmel vorstellen, daneben einen fliegenden Teppich), so hätte der Teppich keine klangformende Wirkung.

Ein idealer schalltoter Raum wäre ein Raum ganz ohne Wände. Die Vorstellung, die wir von einem schalltoten Raum als einen Raum mit besonders effektiv absorbierenden Wänden haben, liegt nur daran, dass dies die einzige Möglichkeit darstellt, in der Realität die Abwesenheit von Wänden, also das Ausbleiben jeglicher Reflexion zu simulieren.

Gestalten wir eine Wand nun mit Kacheln, ändert sich der Klang des Raumes ebenfalls drastisch.

Hier ist es nun zwar so, dass subjektiv wichtige Teile des Schalls tatsächlich durch die Keramik reflektiert werden, weil die Kacheln mehr Masse mitbringen ist als Luft. Kacheln ohne Wand dahinter wären freilich so dünn, dass sie einen großen Teil der Schallenergie durchlassen würden, weil sie leicht in Schwingung zu versetzen sind. In einem Gewächshaus klingt es deutlich anders als in einem Steinraum, auch wenn dessen Wände verspiegelt sind. Da Kacheln eine ähnliche Dichte haben wie die dahinter liegende Wand und obendrein fest mir ihr verbunden sind, spielt es für den Schallwiderstand, also auch für das Ausmaß der Reflexion keine Rolle, ob man eine Steinwand kachelt oder einfach nur sehr glatt poliert. Der Schall wird eigentlich von der Steinwand zurückgeworfen, wobei die Kacheln sozusagen den verlängerten Arm der Wand darstellen. Je nachdem, ob man Kacheln auf einer Wand aus Holz, Gipskarton oder Beton anbringt, variiert die Eigenschwingung der Wand und der Anteil der Energie, die den Raum verlassen kann, weil sie durch die Wand dringt und also nicht reflektiert wird. Der Effekt, den Kacheln auf den Klang eines Raums haben, erklärt sich also nicht aus dem „Sound“ der Kacheln, sondern aus der ausbleibenden Diffusion. Diesen Thema widme ich mich im nächsten Beitrag.

Wir merken uns für den Moment nur, dass Diffusion eine sehr wichtige Rolle bei der Verteilung von reflektiertem Schall in einem Raum spielt und schauen uns erst einmal die Reflexion als solche an.

Die hat nämlich eine wesentliche Eigenschaft, die häufig übersehen wird, wenn es um die Gestaltung von Aufnahmeräumen geht. Grundsätzlich gilt zwar, dass der Reflexionswinkel des Schalls gleich dem Winkel ist, in dem er auf die Wand trifft, so wie bei einem Ball. Diese Gleichung ist aber nur bei hohen Frequenzen halbwegs exakt.

Die weit verbreitete Auffassung, dass es nötig sei, einen Aufnahmeraum mit schrägen Wänden auszustatten, trifft also nur sehr eingeschränkt zu,

weil mittlere und hohe Frequenzen meist sowieso durch Gegenstände im Raum diffundiert werden. Wäre nun der Reflexionswinkel der tiefen bzw. langen Schallwellen so exakt, wie das zum Beispiel in der Optik mit ihren extrem kurzen Wellenlängen der Fall ist, könnte man ohne weiteres mit einer schrägen Wand verhindern, dass eine Frequenz in Ping-Pong-Art hin und her geschleudert wird und sich dadurch selbst überlagert. Sie würde einfach an der Wand entlang wandern und dabei kein kurzes sich wiederholendes Muster bilden. Schallwellen sind aber dafür schlicht zu groß. Da man bei tiefen Frequenzen davon ausgehen muss, dass der Austrittswinkel nur sehr ungefähr dem Eintrittswinkel entspricht, ergibt sich im Umkehrschluss, dass diese Frequenzen – auch wenn sie schräg auftreffen – auch ungefähr gerade zurückgeworfen werden. Die Wand muss also sehr schräg stehen, damit sich überhaupt ein Effekt erzielen lässt. Als Faustregel kann man sagen, dass sich eine Wand mit einem Winkel unter 30 Grad sich in normalen Räumen wie eine gerade Wand verhält.

Folgendes sollten wir also im Kopf behalten, wenn wir eine Aufnahme oder einen Aufnahmeraum planen:
1) Absorber (z.B. Textilien oder Mineralwolle) verhindern die eigentliche Reflexion nicht. Bringt man sie direkt an einer reflektierenden Fläche an, wandeln sie aber einen Teil der Energie dort in Wärme um.
2) Kacheln oder andere glatte Oberflächen reflektieren nicht stärker, sondern gerichteter. Die eigentliche Stärke der Reflexion wird durch die Masse der Wand bestimmt.
3) Diese Gerichtetheit ist relativ. Der Einfallswinkel der Schallreflexion an einer glatten Fläche entspricht nur bei hohen Frequenzen dem Ausfallswinkel. Für den größten und am schwersten zum bändigenden Teil der Schallenergie sind leicht schiefe Wände also wirkungslos.

Eine weitere Faustregel ist nützlich:
Soll der akustische Charakter eines Raumes merklich verändert werden, sollte mindestens ein Drittel der Oberfläche umgestaltet werden. Teppich auf dem Boden reicht also in meisten Fällen nicht, sobald mindestens eine Wand ebenfalls mit Teppich bedeckt wird, ist ein Unterschied in der Regel spürbar.

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Die Physik von Aufnahmeräumen (1):

Schallwiderstand oder warum Substanz doch zählt.

Zum Thema Schalldämmung und Raumakustik kursieren ein paar Missverständnisse. Wer einen Aufnahmeraum oder auch nur eine Aufnahme in einem bestehenden Raum plant, tut aber gut daran, zu begreifen, was mit Schall in Räumen geschieht. Diese Reihe von Texten ist ein Versuch, dabei zu helfen.
Im ersten Abschnitt geht es um Wände.

Zunächst sollten wir uns klar machen, dass das Bild, das wir uns im Alltag von Schallwiderstand machen, uns leicht auf die falsche Fährte bringen kann. Wir denken nämlich zuerst an die Schallkennimpedanz – also den Widerstand, dem Schall innerhalb eines Materials, also z.B. in der Luft, begegnet. Für die Raumakustik ist allerdings der Widerstand wesentlich entscheidender, dem Schall an einer Grenzfläche, also während des Übergangs von einem ins andere Material ausgesetzt ist.

In allen Stoffen breitet sich Schall nach den jeweiligen Gesetzen der Materie aus. Bei der Schallausbreitung in der Luft nimmt die Lautstärke schon bei relativ geringem Abstand zur Schallquelle spürbar ab. Im Freien, beispielsweise bei einem Open Air Konzert hängt diese Abschwächung von verschiedenen Faktoren (Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Frequenz) ab, in geschlossenen Räumen verändern die Effekte von Reflexion und Resonanz diesen Wert extrem. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Ausbreitung in festen Stoffen, die häufig als „Körperschall“ bezeichnet wird.

Ein weit verbreitetes Missverständnis liegt in der Unterscheidung von „Luftschall“ und „Körperschall“. Die gibt es eigentlich nicht.

Der Vorgang ist in beiden Fällen derselbe (eine periodische Druckveränderung breitet sich aus und ihre Kraft nimmt mit zunehmendem Abstand von der Schallquelle ab). Schall breitet sich ebenso in Luft wie in festen Körpern aus.

Die prinzipielle Unterscheidung zwischen Luftschall und Körperschall liegt nicht in der Eigenschaft des Schalls begründet, sondern in uns selbst: wir halten uns in der Luft auf, der Schall dagegen ist überall zu Hause. Da wir uns selten in festen Körpern aufhalten, neigen wir dazu, zu übersehen, dass Schallübertragung auch dort stattfindet. Stahl, Holz und Beton sind sogar besonders gute Schallleiter.

Einem besonders großen Widerstand ist eine Schall immer dort ausgesetzt, wo er auf eine andere Materialdichte trifft – der wichtigste Faktor, um den Schallwiderstand zu bestimmen ist der Unterschied in der Masse, also dem Gewicht des jeweiligen Materials.

Um durch schiere Luftschwingung eine massive Steinmauer in Schwingung zu versetzen, braucht es offensichtlich viel Energie. Ein Großteil der Energie prallt am Widerstand der Mauer ab und wird reflektiert. Eine Betonmauer stellt also zunächst einen sehr effektiven Schallwiderstand dar. Tatsächlich ist aber die Schallkennimpedanz von Beton erheblich geringer als die von Luft. Der hohe Widerstandswert entsteht nur im Übergang.
Sobald die Schwingung erst einmal in der Mauer ist, spielt es keine große Rolle mehr, wie viel Strecke sie innerhalb der Mauer zurücklegen muss. Eine Betonwand von einem halben Meter Dicke hat einen ähnlichen Schallwiderstand wie eine Betonwand von 20 Metern. Der Schallpegel wird zwar auch innerhalb einer festen Materie schwächer, allerdings – je nach Material – unter Umständen nur minimal. Wenn man das Ohr auf eine Eisenbahnschiene legt, kann man weit entfernte Züge hören. Schall also, der in Luft schon verflogen ist.

Wir haben also einen Energieverlust beim Übergang von Luft in Beton, weil Luft kein besonders geeigneter Motor ist, um Beton in Schwingung zu versetzen. Wird der Beton nun fest mit einem Material verbunden, das eine ähnliche Dichte aufweist, kann der Schall mühelos ins nächste Material wechseln, ohne nennenswert an Kraft einzubüßen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn wir eine Gipsplatte fest mit einer Wand verschrauben. Der Beton kann fast verlustfrei den Gips in Schwingung versetzen.
Erinnern wir uns an das, was ich eben über den Übergang geschrieben habe und die Rolle, die der Masse-Unterschied dabei spielt. Wenn wir ein Ohr an eine Wand halten, ermöglichen wir es der Schwingung, direkt auf unseren Schädel einzuwirken, so dass wir hören, was nebenan vor sich geht. Die Luft hingegen bietet allein aufgrund der Tatsache, dass sie viel weniger Dichte aufweist als die Wand, einen relativ großen Widerstand. Lösen wir den Schädel von der Wand, hören wir nichts mehr. Beim Übergang von Schall aus einer Betonwand in die Luft ergeben sich tatsächlich ebenso Reflexionen innerhalb des Betons wie im umgekehrten Fall Reflexion innerhalb des Luftraums entstehen. Schall prallt innerhalb des Betons am Widerstand ab, den die Luft ihm entgegensetzt.
Um ein Gefühl dafür zu bekommen, kann man sich das Vorhaben vorstellen, eine Membran aus Beton herzustellen, die wie ein Lautsprecher Luft in Schwingung versetzt. Das wäre absurd – man verwendet für so etwas nicht ohne Grund leichte Materialien.

Ein Blick hinter die Tapete lohnt sich also.

Ich habe viel in Räumen gearbeitet, die mit fast ausschließlichem Augenmerk auf die Gestaltung der Oberfläche der Wände gestaltet wurden. Sicher bestimmen Reflexionen das, was ein Mikrofon aufzeichnet, ganz wesentlich. Meiner Erfahrung nach lässt sich aus der Gestaltung der Oberfläche aber nicht ableiten, ob ein Instrument in einem Raum gut klingt. Erst wenn wir verstehen, dass die Reflexion sozusagen nur ein Nebenprodukt des Schallwiderstandes der Wände ist und dass eine Wand einen Klangraum nicht absolut begrenzt, sondern nur den Übergang in einen anderen Klangraum darstellt (der sich innerhalb der Wand befindet) bekommen wir ein Bewusstsein dafür, warum Räume klingen, wie sie klingen.
Wir wissen es eigentlich längst.
Eine Tiefgarage klingt anders als ein Holzhaus und das bleibt so, auch wenn wir die Wandfläche mit Spiegeln oder mit Teppichen versehen. Dann klingt eben die verspiegelte Tiefgarage anders als das verspiegelte Holzhaus.

Der Schall wird nicht nur von dem geprägt, was wir sehen können!

Neben der Reflexionseigenschaft der Oberfläche spielen drei Faktoren eine Hauptrolle.
Erst einmal ist das der Grad des Schallwiderstandes, der an den Wänden auftritt. Eine schwere Wand hindert mehr Energie daran, den Luftraum, den sie umschließt, zu verlassen, als eine leichte Wand. Daran ändert eine Gestaltung der Wandoberfläche nichts (Freilich ist es möglich, einen Teil der Energie mit Absorbern in Wärme umzuwandeln, dazu in einem der späteren Beiträge mehr). Der Raum ist und bleibt laut, zumeist besonders im Bassbereich. Wäre es möglich einen Raum aus Wänden zu bauen, die dem Schall einen unendlichen Widerstand entgegensetzen, bliebe dieser Schall sehr, sehr lange im Raum. Ein Raum mit offenen Fenstern klingt anders als ein geschlossener Raum.

Der zweite wichtige Faktor ist frequenzabhängig. Jedes feste Material hat eine Eigenfrequenz, was bedeutet, dass es Schwingungen in dieser Frequenz besonders leicht aufnimmt. Diese Schwingungen werden also nicht so stark reflektiert, weil sie in das Material eindringen. Wenn wir uns Schall als eine Druckwelle vorstellen, wird klar, dass ein Raum aus sehr festem Material diese Energie anders hält als ein Raum, dessen Wände auch nur minimal nachgeben. Wir haben also bei Räumen aus schwingenden Platten den Effekt, dass Transienten (also die charakteristische erste Einschwingphase eines Tons) schwächer reflektiert werden und zusätzlich ein System in Schwingung versetzen, das sie verlängert.

Denn drittens spielt nicht nur der eigentliche Schallwiderstand an den Wänden, sondern auch die Resonanz des Baumaterials selbst eine Rolle. Wenn ein Impuls eine Wand in Schwingung versetzt, bleibt diese Schwingung für einen Moment im Material bestehen, auch wenn der Impuls schon vorüber ist. Klangkörper aus Holz klingen anders als Klangkörper aus Gipskarton. Das wird deutlich, wenn wir uns den Aufnahmeraum wie das Innere einer Bassdrum vorstellen: relativ ungeachtet dessen, wie viele Kissen und Decken ich in den Kessel lege, um die Reflexion innerhalb der Trommel zu steuern, bleibt ihr Grundcharakter bestehen. Das merken wir deutlich, wenn wir versuchen, mit denselben Kissen in einer anderen Bassdrum einen ähnlichen Klang zu erreichen.

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Die Idee klingt schön:

Sie lautet, dass durch die Digitalisierung der Arbeitswelt und die Entwicklung von digitalen, unabhängigen Währungen eine neue, gerechtere Welt entstehe.

Die Wirtschaft werde einerseits dem Menschen dienen, weil weniger menschliche Arbeitskraft nötig ist und andererseits werde die Mitbestimmung jedes Einzelnen dadurch gestärkt, dass alles, was zwischen Produzenten und Konsumenten steht, überflüssig wird. Das werde die Macht der Monopole schwächen und insbesondere die des Staates, der dann weniger Möglichkeiten hat, Handel und Wirtschaft zu kontrollieren.

Nun, wie das tatsächlich verlaufen könnte und wie es dann real verlaufen wird, lässt sich schwer voraussagen. Es lohnt sich aber sicher, sich die Spieler auf diesem Feld einmal genau anzusehen.

Digitalisierung

Das meint im Wesentlichen die schrittweise Ablösung menschlicher Arbeitsleistung durch Maschinen, die in Zukunft „intelligenter“ werden und so auch komplexe Aufgaben übernehmen können.
Das marktwirtschaftliche System – in dem diese Digitalisierung ja stattfinden wird –  basiert (vereinfacht dargestellt) darauf, dass eine Arbeitskraft nicht nach dem Wert bezahlt wird, den sie erschafft, sondern nach dem, was der Mensch zum Leben braucht. Dieser Wert kann je nach Branche und Position sehr unterschiedlich ausfallen. Klar ist in jedem Fall, dass das, was der Arbeitgeber durch die Arbeit des Arbeitnehmers real einnimmt, mehr ist als der gezahlte Lohn. Die Differenz gehört dem Arbeitgeber, der es an seine Aktionäre ausschütten oder investieren kann.
Übernehmen nun Maschinen einen Teil der Arbeit, wird diese Rechnung für den Arbeitgeber lukrativer. Es wird möglich sein, mit weniger menschlicher Arbeit die selben Werte zu schaffen. Da der Arbeitgeber seine Leute wie gesagt nicht nach dem bezahlt, was sie erarbeiten, wird die Produktion nur dann billiger, wenn er weniger Leute beschäftigt. Es liegt also nicht im eigentlichen Interesse des einzelnen Arbeitgebers, weniger Arbeit auf gleich viele Menschen zu verteilen, weil dadurch der Gewinn nicht steigen wird. Der Gewinn eines Unternehmens lässt sich im Zuge der Digitalisierung nur durch Entlassungen steigern. Kein Unternehmer wird sich indes leisten können, auf diesen Mehrwert zu verzichten, solange es Konkurrenten gibt, die ihn damit überholen können. Es kann sich also nur eine Entwicklung ergeben:
weniger Leute arbeiten in ähnlichen Arbeitsverhältnissen wie vorher, die anderen sind auf Hilfe angewiesen.
Das Interesse der Gesellschaft wäre natürlich, diese Entwicklung zu beeinflussen. Vertreten wird dieses Interesse durch den Staat.

Der Staat

taucht in der Fantasie der digitalen Zukunft möglichst nicht auf. Er ist irgendwie unsexy, gilt als Synonym für Knebelung. Es herrscht offenbar die Meinung, dass Einflussnahme schädlich sei und die Welt eine bessere, wenn der freie Markt der Waren und der freie Markt der Arbeitskräfte unkontrolliert regiert.
Ich finde an dieser Stelle einen kurzen Blick darauf sinnvoll, wer dieser Staat eigentlich ist und wo er herkommt.
Der bürgerliche Staat lässt sich meiner Ansicht nach grob zusammenfassen als ein Instrument der bürgerlichen Gesellschaft, die Gewalt, die nötig ist, um sie stabil zu halten, zu delegieren. Es ist eine Art Outsourcing. Haben früher die Besitzenden, also Könige, Fürsten, Warlords undsoweiter selbst eine Privatarmee unterhalten müssen und ihre jeweilige Privatwährung und selbstgebackene Gerichtsbarkeit gepflegt, entspricht die Konstruktion des bürgerlichen Staates einer Professionalisierung. Hier übernehmen drei unabhängige Instanzen die Aufgabe, das Interesse derer, die die wirtschaftliche Macht haben, in allgemeiner Form zu vertreten.
Nicht umsonst ist der bürgerliche Staat durchgesetzt worden, als die Macht des Adels verfiel während das Bürgertum nach politischem Einfluss strebte.
Eine wesentliche Funktion des bürgerlichen Staates besteht also darin, den neuen Besitzenden, den Bürgern, die lästige Verteidigung der eigenen Besitzstände abzunehmen. Das Gewaltmonopol sorgt zusammen mit der als Grundrecht formulierten Verpflichtung des Staates auf den Schutz des Eigentums für eine dementsprechende Garantie.

Der Wunsch, der Staat möge sich aus der Wirtschaft heraus halten betrifft selbstverständlich nicht diese Aufgabe des Staates, sondern eine andere, die ihm erst später zufiel. Die Erkenntnis nämlich, dass eine entfesselte Wirtschaft mitunter Dynamiken entwickelt, die ihr selbst schaden, hat dazu geführt, dass der bürgerliche Staat im Laufe der Geschichte die Aufgabe übernommen hat, die Wirtschaft in bestimmten Fällen vor sich selbst zu schützen. Klassisches Beispiel: die Sozialgesetzgebung des deutschen Reiches unter Bismarck, die zwar einen regelnden Eingriff in den Arbeitsmarkt bedeutet, aber nötig wurde, um eine Verelendung des Proletariats zu begrenzen – also einem revolutionären Umsturz vorzubeugen.
Moderne bürgerliche Staaten verstehen sich weniger als Instrumente des Bürgertums, sondern im Sinne der sozialen Marktwirtschaft als Repräsentanten der gesamten Gesellschaft. In dem Maße, in dem der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeiterschaft innerhalb der Industriestaaten verschwimmt (sei es, weil er tatsächlich im Zuge der Beteiligung Vieler an Aktiengesellschaften undurchschaubar wird oder weil er einfach nicht als solcher wahrgenommen wird) fühlt sich auch der Teil der Bevölkerung, der über keinerlei wirtschaftliche Macht verfügt ebenfalls mehr oder weniger vom Staat vertreten. Die Ausbeutung – also das Erwirtschaften eines Profits auf Kosten anderer – wird nur noch in der Nutzung billiger Arbeitskräfte im Ausland deutlich sichtbar, so wie auch die staatliche Gewalt hauptsächlich dort sichtbar wird.

Wir können also den Eindruck haben, dass der Staat für die Wirtschaft eigentlich nicht nötig sei. Es ist aber gerade im Interesse der freien Wirtschaft ebenso nötig, dass der Staat mit seiner Gewalt für den Schutz des Eigentums garantiert wie dass er die (für die Gesamtwirtschaft) schädlichen Folgen der Interessen einzelner Unternehmer begrenzt. Eine dieser schädlichen Folgen ist:

das Monopol.

Solange eine Volkswirtschaft auf Konkurrenz beruht ist das wichtigste Kriterium für den Einzelnen, effektiver zu wirtschaften, als es potentiell andere könnten. Diejenigen, die sich in diesem Wettbewerb durchsetzen, wachsen, was ihnen mehr Möglichkeiten verschafft, weitere Konkurrenten auszubooten. Dieser Prozess, der in der Realwirtschaft schon zu wirtschaftsbedrohenden Monopolen geführt hat, gewinnt an Schärfe, sobald es um die Macht über eine Infrastruktur geht – wie beispielsweise bei einem Betriebssystem. Hier bietet das mächtigste Betriebssystem, die mächtigste Suchmaschine, das größte soziale Netzwerk eine Qualität, die allein aus ihrer Größe hervorgeht. Wenn ich einen Kopfsalat beim Bauern kaufe, anstatt ihn bei Rewe zu bestellen, ist der mit ziemlicher Sicherheit sogar leckerer. Wenn ich anstelle von Android lieber Linux auf meinem Smartphone installiere, bedeutet das hingegen einen Verlust an Komfort. Das Monopol hat eine größere Sogwirkung als je zuvor.
Warum ein solches Monopol, das in der Herrschaft über eine Schnittstelle besteht, einen Schaden daran nehmen sollte, dass bestehende Zwischenhändlerstrukturen zusammen brechen, erschließt sich mir überhaupt nicht.

Ein Monopol bedeutet allerdings, logisch betrachtet, zweierlei: es befreit den Monopolisten vom Druck der Konkurrenz, bessere Waren oder Dienstleistungen günstiger anzubieten, was die Möglichkeit eröffnet, sehr viel höhere Gewinne zu erwirtschaften als zuvor. Andererseits ergibt sich daraus auch theoretisch die Möglichkeit, Entscheidungen an anderen Maßstäben als an der reinen Wirtschaftlichkeit auszurichten. Der unter Konkurrenzdruck stehende Unternehmer kann es sich nur dann leisten, nach moralischen oder politischen Kriterien zu handeln, wenn das ihm keinen wirtschaftlichen Nachteil verschafft – der Monopolist kann das unabhängig tun, solange die Gefahr, durch aufstrebende Mitstreiter seines Monopols beraubt zu werden, gebannt ist. Rein theoretisch ist das Staatsmonopol die Konstruktion, die die meisten Möglichkeiten bietet, im Interesse der Allgemeinheit zu handeln, weil dem Staat keine Konkurrenz droht.
Die Tatsache, dass sich etliche Beispiele dafür finden lassen, wie so ein Staatsmonopol zur Bereicherung Einzelner missbraucht wurde, könnte den Blick darauf verdecken, dass privatwirtschaftliche Monopole nur deswegen nicht zur Bereicherung „missbraucht“ werden können, weil eben diese Bereicherung ihr eigentlicher Zweck ist. Das macht sie freilich nicht besser.

Ich bleibe also ein bisschen ratlos zurück.

Einerseits wünsche ich mir, ich könnte einfach an die positive Kraft der Entwicklungen glauben, die sich da abzeichnen. Ich bin da aber irgendwie einfach gestrickt. Ich brauche, um an etwas zu glauben, einen Grund, irgend etwas, das mir plausibel erscheinen lässt, dass es auch so ist, sein wird oder sein könnte.
Und diesen Grund sehe ich nicht, ich sehe nur den frommen Wunsch.

Ich weiß, dass man mir vorwerfen wird, ich hinge in einer altmodischen Denkweise fest. Mir ist klar, dass sich die Begriffe, mit denen ich hier umgehe, seit vielen hundert Jahren nicht essentiell geändert haben. Ich glaube aber eben nicht, dass sich die Realität verändert, wenn man sich einfach neue Namen für sie ausdenkt. Ob das Zeug, mit dem wir bezahlen Bitcoin, Euro oder Mark heißt, ändert nichts daran, dass unser Wirtschafts- Staats- und Rechtssystem auf der Idee von Konkurrenz, Ausbeutung und Mehrwert basiert – oder eben Wettbewerb, Globalisierung und Dividende. Oder wie man das übermorgen nennen mag. Das sind nur andere Worte.
Sicher können wir mit so einer neu gestrichenen Fassade noch einige Zeit weiter machen. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass wir für eine längere Perspektive nicht umhin können, auch das zu ändern, was sich hinter der Fassade verbirgt. Irgendjemand wird irgendwann den Kapitalismus irgendwie überwinden müssen.

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Einspruch Euer Ehren

Peter Schneider hat in der „Welt“ einen Text veröffentlicht, dessen Inhalt ich für grundfalsch halte.
Dass ich mich trotzdem damit befasse, hat damit zu tun, dass ein paar Leute, an deren Meinung mir etwas liegt, mich darum gebeten haben, meine bisher auf Facebook rudimentär geäußerte Kritik näher zu erläutern.

Mir geht es dabei hauptsächlich darum zu zeigen, warum ich die Position von Schneider (und vielen anderen) inhaltlich und logisch für schwach halte. Ich beziehe mich hier also direkt auf seinen Text, das bedeutet, dass ich mich bemühe, alles, was er nicht selbst anspricht, unberücksichtigt zu lassen. Stellen, an denen ich über Schneiders Text hinaus gehe, habe ich eingerückt.

Ich möchte als Erstes auf den meiner Meinung nach grundlegenden Denkfehler des Textes zu sprechen kommen:

Schneiders Argumentation stützt sich auf die Annahme, die Leute, die beim G20 Autos angezündet haben, seien von einer politischen Ideologie getrieben, das mache sie ungleich gefährlicher als gewöhnliche Kriminelle. Klingt plausibel, lässt sich aber bestreiten.
Das tut Schneider weiteren Verlauf des Textes sogar selbst – der besteht nämlich überwiegend aus Hinweisen darauf, dass von einer politischen Agenda bei den Vandalen nicht die Rede sein kann.
Es lohnt sich also, denke ich, das nachzuholen, was Schneider versäumt hat: sich seine Grundannahme einmal genauer anzusehen.
Das Anzünden eines Autos bringe dem Anzünder keinen unmittelbaren Nutzen. Leute, die es trotzdem tun, können „also“, so meint er, keine gewöhnlichen Kriminellen, sondern nur politische Fanatiker sein.
Da er nun aber weder bei der Suche nach einem direkten Nutzen noch bei der nach einer politischen Agenda fündig wird, wäre der nächste logische Schritt sicher die Frage gewesen, welche weitere Formen der Kriminalität es gibt außer
1) Diebstahl
2) Politik
Die Frage vermeidet Schneider – weil er die Antwort nicht geben möchte:
3) Vandalismus
Um diese Erkenntnis, die aus seiner eigenen Darstellung hervorgeht, drückt er sich den ganzen Text lang, was verständlich ist – weil es ihm ja seine ganze Standpauke verhagelt.


* Dass es tatsächlich so sein könnte, zeigen Beobachtungen von Anwohnern der Schanze.
Die Frankfurter Rundschau schreibt:
„Überhaupt seien an dem Abend die meisten Randalierer „erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk“ gewesen, denen man eher auf dem Schlagermove oder einem Bushido-Konzert begegnen würde als auf einer linken Demo. (…) die meisten Randalierer waren Kids, 15 bis 20 Jahre alt vielleicht, viele alkoholisiert. Man hat gemerkt, dass sie nicht organisiert und nicht vorbereitet waren, manche waren mit ihrem T-Shirt vermummt. Die haben sich gegenseitig beim Randalieren gefilmt und bei Nachbarn gefragt, ob man hier irgendwo Speed kaufen kann.“

Anfangs stellt Schneider also seine These vor: Kriminalität, die kein Diebstahl ist, sei nicht gewöhnlich, also politisch.
Anders als der gewöhnliche Kriminelle schlage der politische „ja nicht ein Autofenster ein, um das Auto zu stehlen. Er bricht nicht in ein Geschäft ein, um ein paar Weinflaschen nach Hause zu tragen. Er erlebt durch seine Tat keine direkte Befriedigung eines unmittelbaren Bedürfnisses.“

Dabei wundert es ihn zwar, dass es „keine Stimme aus der Gruppe der Autonomen gab, die die Exzesse in der Stadt verteidigt oder wenigstens erklärt hätte“, es wird aber nicht klar, ob er daraus Schlüsse zieht und wenn ja, welche.


* Ein naheliegender Schluss hätte sein können, dass die Randale im Schanzenviertel nicht von Autonomen geplant und auch nicht von ihnen angezettelt wurde. Was die angeblich fehlende Stellungnahme angeht, irrt Schneider sich ebenfalls.

Emily Laquer, Sprecherin der interventionistischen Linken, sagt gegenüber der Taz:
„Nein, wir distanzieren uns nicht. Aber wir kritisieren Aktionen, die sich nicht gegen den Gipfel, sondern gegen die Menschen dieser Stadt gerichtet haben. Wir dürfen nicht vergessen, auf welcher Seite wir stehen – auf der Seite der Anwohner und der Opposition. Wir haben gesagt, von uns geht keine Eskalation aus, und haben unser Wort gehalten. Noch mal: Die Verantwortung dafür, was passiert ist, trägt die Polizei. Und wir haben die Polizei immer wieder davor gewarnt, dass es ihr um die Ohren fliegen wird, wenn sie auf Eskalation setzt. (…) was Freitagnacht passiert ist, waren ja nur zum geringen Teil organisierte Aktionen, sondern vielfach Ausdruck von Wut über das Erlebte. Das läuft dann nicht so ab, wie es sich irgendwer vorher überlegt hat. Wir führen keine Truppen in die Schlacht und haben keinen Befehl und Gehorsam.“

der Spiegel schreibt:
Auch Andreas Beuth (…) übernahm später eine politische Mitverantwortung für die Krawalle. Die alleinige Schuld trage aber nicht die Rote Flora: „Wir haben diese Menschen nicht eingeladen. Die Gruppen, die wir kontaktiert haben, sind keineswegs mit dem Vorsatz gekommen, hier zu brandschatzen und schwere Gewalt zu verüben. Das lehnen wir generell ab“


Seinen Begriff des „gewöhnlichen Kriminellen“ legt Peter Schneider „Politikern aller Fraktionen“ in den Mund und möchte damit, seiner Ursprungsthese entsprechend, gleichsam gemeint sehen, die Autonomen würden damit von den Politikern als so etwas wie Ladendiebe bezeichnet. Der Beweis, dass diese Politiker irren fällt ihm erwartungsgemäß leicht. Die Folgerung scheint ein weiteres Mal zwingend: da die Randaliere also keine Ladendiebe sind, müssen sie politische Fanatiker sein.

„Vor diesem Hintergrund“ sei es völlig lächerlich, wenn „abonnierte Verharmloser linker Gewalt“ die „Hamburger Polizei für die Gewalteskalation im Schanzenviertel verantwortlich machen“, schreibt Schneider.


* der NDR schreibt:
„Belege auf den von der Polizei beschriebenen Hinterhalt gibt es bislang nicht. Die Polizei sagt, sie habe entsprechende Warnungen von mehreren zivilen Beamten vor Ort bekommen. Fotos oder Videos, die Molotow-Cocktails oder Gehwegplatten auf Dächern zeigen, hat sie jedoch offenbar nicht – obwohl die Einheiten ausdrücklich angewiesen worden waren, Beweise zu sichern. Die Suche dauere noch an, heißt es bei der Polizei. Auf einer Pressekonferenz zwei Tage nach den Krawallen hatte sie Aufnahmen aus einem Hubschrauber gezeigt, die einen Bewurf mit Steinen und einem angeblichen Molotow-Cocktail zeigen. Jedoch ist unklar, ob es nicht ein Böller gewesen sein könnte. Auch sind diese Bilder erst nach 23.40 Uhr entstanden, als die Polizei schon die Räumung begonnen hatte.“

ebenfalls NDR:
„Mehrere NDR Reporter vor Ort berichten übereinstimmend, dass von den Demonstranten zunächst keine Gewalt ausgegangen sei.“

Die Tagesschau:
„Laut Polizeiangaben wurden bei dem Großeinsatz zwischen dem 22. Juni und dem 9. Juli insgesamt 476 Polizisten verletzt. Viele von ihnen wurden wegen Dehydrierung oder Kreislaufproblemen als verletzt gemeldet. Aber es gibt auch Verletzungen durch Stein- und Flaschenwürfe und Einsatz von Pyrotechnik. „Mehrere“ Polizisten seien zudem durch Zwillengeschosse verletzt worden, wie die Polizei via Twitter meldet.
Laut Recherchen von Buzzfeed sind in der „heißen Einsatzphase“ – von Donnerstag bis Sonntag – 231 Polizisten verletzt worden, 21 von ihnen so schwer, dass sie auch noch am Folgetag oder länger nicht einsatztauglich waren. Offiziell als schwer verletzt gelten demnach zwei Beamte der Bundespolizei.“

der Spiegel:
„Viele hier im Viertel hatten das Gefühl, die Schanze wurde geopfert, damit der Gipfel ruhig ablaufen kann.“

Ebenfalls aus dem Spiegel stammt folgende Interview-Frage, die der Polizeipräsident zwar verneint, die aber zumindest zu Denken gibt:
„Wir haben einen Hinweis bekommen von einem Polizisten, der sagt, es habe die Anordnung gegeben, wir ziehen uns zurück und lassen die Autonomen in ihrem Wohnzimmer randalieren. Stimmt das?“

Frank Schneider, Chefreporter der Bild, twitterte:
„Polizei geht bei Ausschreitungen der Welcome to hell auch aggressiv gegen Journalisten vor, völlige Eskalation“

Der Deutschlandfunk schreibt:
„nach Einschätzung unseres Landeskorrespondenten Axel Schröder ging die Gewalt von der Polizei aus“


Dieses „die Polizei verantwortlich machen“ meint er nicht weiter erläutern zu müssen, dabei hätte ein kurzer Blick auf das, was Linke der Polizei vorwerfen, unter Umständen gezeigt, dass keiner glaubt, die Polizei selbst habe die Brände gelegt.
Die von vielen Linken vertretene Ansicht, die Polizei habe die Lage zunächst bewusst eskaliert und dann ebenso bewusst die absehbare Randale ohne Einschreiten laufen lassen, bedeutet ja nicht, dass diese Linken der Polizei als Verursacher der Plünderungen bezeichnen. Verantwortung trägt sie nach Ansicht der Linken nur durch die Eskalation und Inkaufnahme der Gewalt.

„Natürlich“, schreibt er, sei es „bei einer Konfrontation dieser Dimension fast ein Naturgesetz“, dass sich „einzelne Polizeiführer und Polizeieinheiten Provokationen und Übergriffe gegen Demonstranten zuschulden kommen lassen“. Der Gedanke, es könnte „bei einer Konfrontation dieser Dimension fast ein Naturgesetz“ sein, dass sich einzelne Randalierer Übergriffe gegen Gegenstände zuschulden kommen lassen, scheint ihm dagegen abwegig zu sein. Peter Schneider möchte den geplünderten Rewe lieber als Folge einer politischen Ideologie sehen.

Auf halber Strecke seiner Ausführungen findet sich nun ein Absatz darüber, dass es unbestreitbar der erklärte Wille einiger Gipfelgegner war, Gewalt als Mittel der Politik einzusetzen, gekoppelt mit dem Vorwurf an prominente Grüne, das zu befürworten.

Und zum ersten Mal bei der Lektüre stimme ich ihm zu. Anders als er bin ich aber nicht entsetzt darüber, dass Gewalt ein Mittel der Politik ist. Der Rechtsstaat basiert ja nicht darauf, dass Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele verboten wäre – die Polizei wäre dann illegal. Der Rechtsstaat legt fest, das diese Gewalt nur vom Staat ausgeübt werden darf.
Dass das gut ist, weil es die Zivilgesellschaft ermöglicht – darüber sind sich die Grünen mit der restlichen Linken übrigens einig.
Einig sind sie sich auch, dass einerseits die staatliche Gewaltausübung Grenzen haben muss und es andererseits Situationen gibt, in denen ziviler Ungehorsam auch dann legitim ist, wenn er ein vertretbares Maß an Gewalt beinhaltet.
Es lässt sich nicht abstreiten, dass es in der Linken die Tendenz gibt, Gewalt gegen Dinge – in gewissen Grenzen – als Mittel des Widerstandes zu betrachten.
So findet mancher es in Einzelfällen durchaus legitim, zum Beispiel Gewalt gegen einen Zaun anzuwenden, wenn dahinter Tiere sind, die er befreien möchte.
Ich gebe zu, da hat der Herr Schneider einen Punkt angeschnitten, über den es sich zu streiten lohnt.


* Ich finde allerdings, man sollte das Thema wesentlich differenzierter angehen, als Schneider es hier tut. Berichte aus den verschiedenen Teilen Hamburgs lassen inzwischen ja ein ziemlich präzises Bild der Vorgänge zu.

An der Elbchaussee war eine große Gruppe Vermummter unterwegs, die eine Vielzahl geparkter PKWs in Brand gesteckt hat. Ich bin sicher, dass diese Gruppe irgendeine Art von politischer Agenda hatte – auf Fragen äußern sich verschiedene Autonome unterschiedlich darüber, was diese Agenda sein könnte. Der Tenor ist meist ungefähr: „G20 bedeutet globale Gewalt und wir wollen anhand der Autos aufzeigen, dass diese Gewalt von hier (z.B. Elbchaussee) ausgeht.“ Das ist also, um im Schneiderschen Kosmos zu bleiben, kein Diebstahl, sondern eine politische Aktion. Der verbohrte Fanatismus, der nach Schneiders Heine-Logik dann zwangsläufig zu Gulag oder Holocaust führt, ist hier allerdings zwar theoretisch denkbar, aber nicht erkennbar.

in Altona hat eine kleine Gruppe Vermummter versucht, Ikea in Brand zu setzen. Bei dieser Gruppe ist es eine Frage der Spekulation, ob sie politisch motiviert war oder einfach Bock auf die Zerstörung hatte.

• am Vorabend der Nacht, an dem das SEK mit Schnellfeuerwaffen aufmarschierte, war es einer gut organisierten Gruppe laut Augenzeugenberichten zunächst gelungen, die Polizei an einer Räumung des Viertels zu hindern. Offenbar handelte es sich um politische Aktivisten. Die viel zitierten Gehwegplatten oder Brandsätze wurden hier aber mit großer Sicherheit nicht eingesetzt – Belege für solche Behauptungen fehlen komplett.

die anschließende Zerstörerungswut im Schanzenviertel wird von Augenzeugen übereinstimmend als das Ergebnis der Ansammlung von sogenannten erlebnisorientierten Jugendlichen in Kombination mit der Abwesenheit der Polizei beschrieben. Wenn Autonome in den Beschreibung der Anwohner eine Rolle spielen, dann in der Rolle derjenigen, die versuchen, die Randale zu begrenzen.

Hier sind also sehr unterschiedliche Dinge passiert, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass Schneider bei der Suche nach den geistigen Brandstiftern scheitert. Keiner der beschriebenen Vorgänge hat indes auch nur Ähnlichkeit zu der Art von Gewalt, die z.B. von den Grünen als legitimes Mittel des Widerstands erachtet wird.


Schade finde ich allerdings, dass er nicht vorhat, das ernsthaft zu thematisieren. Er möchte diesen Punkt lieber verwenden, um seine Behauptung zu illustrieren, die linke Szene hätte mehr oder weniger geschlossen dazu aufgerufen, private PKWs anzuzünden.
Wenn man sehr stark pauschalisiert und verkürzt, kann man Frau Ditfurth unterstellen, sie würde, wenn sie die Sabotage eines Castortransportes für legitim hält, auch der Plünderung von Budni das Wort reden. Das tut sie aber nicht, wenn man sie fragt.

Peter Schneider möchte es sich natürlich auch nicht nehmen lassen, den wohl mit Abstand dümmsten Spruch eines autonomen Gipfelgegners im Kontext des gesamten G20 zu zitieren – so etwas wie „Maos Kulturrevolution“ sei erstrebenswert. Ob er damit allen Autonomen Maoismus unterstellen möchte, wird dabei nicht so recht klar.
Immerhin dichtet er der interventionistischen Linken (vielleicht vom Chinabeispiel beflügelt) eine strikte Kaderstruktur an und deutet die Aussage, dass ein einzelner Autonomer nicht für eine Gruppe sprechen könne nicht etwa als Hinweis auf Diversität (was naheliegend wäre), sondern als Hinweis auf auf eine besonders strikte Konformität.


* zur Frage, wer der schwarze Block ist und was er eigentlich will, hätte sich Schneider informieren können, und zwar bei seriösen Quellen:

Die Zeit schreibt:
„Der schwarze Block ist weder Gruppe noch Bündnis, sondern eine Demonstrationstaktik. (…) „Es ist die Möglichkeit, Militanz darzustellen, ohne sie tatsächlich ausüben zu müssen“, sagt Sebastian Haunss, der an der Universität Bremen zu Protesten und sozialen Bewegungen forscht und zur Autonomenbewegung promoviert hat.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Margarete Stokowski im Spiegel schreibt:
„Anarchie ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Nur wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, ist Anarchie Unordnung. Ansonsten ist es eine ziemlich klare, auf Abmachungen beruhende Sache. Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos vorkämen. Für den sozialen Zustand, in dem keine Ordnung mehr vorhanden ist, gibt es auch einen Begriff: Anomie. Kennt aber keine Sau.“

Das bereits verlinkte Interview mit Emily Laquer in der Taz hätte auch einen Hinweis auf Diversität liefern können:
„Wir führen keine Truppen in die Schlacht und haben keinen Befehl und Gehorsam.“


Mit dem Vorwurf, „gegen die Zumutung, verstehen zu wollen, was sie eigentlich anstreben“ schützten die Autonomen sich mit der „Auskunft, sie folgten keiner kohärenten Strategie“ macht Schneider selbst ein paar Zeilen später deutlich, wie sehr er sich in der Annahme einer Kaderstruktur irrt. Einig, so moniert er, seien sich die verschiedenen autonomen Gruppierungen nur in „der Ablehnung des Bestehenden“.
Hier wäre spätestens der Punkt gekommen, darüber nachzudenken, ob denn die Randalierer überhaupt eine politische Ideologie haben. Schneider zieht es offenbar vor, diese Klippe zu umschiffen.

Stattdessen sieht er hier ein starkes Argument, und zwar den Vorwurf, dass die Gegen-G20-Demonstranten sich ja lediglich einig seien, wogegen sie demonstrieren, nicht aber, wofür.

Dieses Argument ist nun so stark nicht – schließlich ist es nicht weiter verwunderlich, dass eine Demo gegen etwas sich über ein Dagegen-Sein definiert.
G20 ist ein Symbol.
Der Protest richtet sich nicht gegen die Tatsache, dass sich da Leute treffen, sondern gegen den Kapitalismus und gegen damit verbundene globale – manche sagen imperialistische – Machtpolitik, die natürlich auch und gerade außerhalb solcher Treffen stattfindet.
Nun ist ja tatsächlich so, dass der Kapitalismus samt der damit verknüpften Politik so viel Unheil anrichtet und so viele Menschenleben kostet, dass es mich persönlich nicht wundern würde, wenn er in fernen Zeiten, falls wir ihn überhaupt überleben, in einem Atemzug mit der Kulturrevolution genannt würde. Differenziert, versteht sich.

„Die Verbrechen und Delirien des Finanzkapitals, die obszöne Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in immer weniger Händen“ schreibt Schneider, würde „nur ein Idiot bestreiten“ (Die hier unter der Hand vorgenommene Trennung des bösen Finanzkapitals vom guten produktiven Kapital nehme ich mal unkommentiert zur Kenntnis).

Das große Drama unserer Zeit also, unser aller Ahnung, dass der Kapitalismus die Welt zugrunde richtet, und das Problem, dass sich ebendieser Kapitalismus inzwischen als so alternativlos inszeniert, dass eine allgemeine Ratlosigkeit herrscht, wie er zu überwinden sei, möchte er allerdings gerne denen in die Schuhe schieben, die am wenigsten dafür können, nämlich den Kapitalismuskritikern.

Ich nehme durchaus an, dass Peter Schneider ein intelligenter Mann ist. Angesichts der Tatsache, dass sein Text so viele Schwachstellen hat, muss dann aber die Frage angebracht sein, ob er sich absichtlich dumm stellt.
Das ergäbe ein verheerendes Bild unserer geistigen Elite.

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G20

Ich finde, es reicht jetzt mal.

Die verbale Eskalation, die hier im Netz seit Tagen betrieben wird ist weder tragbar noch gerechtfertigt und dient ganz offenbar dem Ziel, die Sachbeschädigung, die in Hamburg geschehen ist, mit menschenfeindlichem und tödlichem Terrorismus gleichzusetzen. Das Wort der „Brandschatzung“ macht die Runde, von „Bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ ist die Rede, man gewinnt den Eindruck, hier sei eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt worden.

Freilich ist es verständlich, wenn man aufgrund der reißerischen Bilder, die im Netz kursieren, diesen Eindruck hat. Ich habe – gerade aufgrund dieser Bilder – sogar Verständnis dafür, dass man mir Verharmlosung vorwerfen wird, wenn ich jetzt Folgendes schreibe:

Nein. Es wurde in der Schanze nicht gebrandschatzt. Es gab Feuer auf der Straße, die Plünderung mehrerer Läden und etliche brennende Autos. Das ist je nach Standpunkt des Betrachters sinnlos, schlimm oder verheerend, aber es ist nicht einmal annähernd vergleichbar mit dem Anstecken von Häusern, in denen sich Menschen befinden oder dem Zünden einer Bombe auf einem Konzert.
Situationen wie am Wochenende in der Schanze sind bei Anlässen wie dem Schanzenfest oder dem 1. Mai in Berlin seit Jahrzehnten Tradition. Es handelt sich mitnichten um eine neue oder bisher unbekannte Stufe der Gewalt. Der Polizeiführung musste klar sein, dass im Zuge des G20 solche Dinge passieren werden und es war ganz offenbar ihre Entscheidung, zunächst zu provozieren und dann die Dinge laufen zu lassen. Dadurch wurden die Bilder möglich, mit denen alles was Rechts ist jetzt Werbung für den Polizeistaat macht.

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Ich zeige hier einen willkürlichen Schnappschuss von dem, was die „Welt“ gerade eine „Kathedrale der Angst“ genannt hat.

Man kann auf dem Bild eine große Ansammlung von friedlichen Menschen sehen, die sich weder aggressiv noch kriminell verhalten. Darunter befinden sich, wie der weitere Verlauf des Abends zeigte, offenbar einige mit kriminellen Absichten, unter denen wiederum ganz sicher auch etliche Linke. Rechts im Bild das Baugerüst – der „Hinterhalt“, der der Polizei später als Begründung dafür dient, etwa vier Stunden lang überhaupt nicht einzuschreiten, obwohl Einbruchsdiebstähle und Sachbeschädigungen verübt werden. Man kann auf dem Bild auch sehr gut erkennen, dass dieses Baugerüst an einer sehr breiten Kreuzung steht, auf der man problemlos in großem Abstand an der „Falle“ einfach hätte vorbeifahren können.

Ich will hier weder den Einbruchsdiebstählen noch dem Vandalismus das Wort reden, die hier stattgefunden haben. Aber mehr als das ist eben auch nicht passiert. Ich sehe nicht ein, dass „die Linke“ jetzt plötzlich das Problem angehängt bekommt, sich von dieser Sachbeschädigung distanzieren zu müssen, während die Rechten weiter so tun können, als seien tödliche Angriffe auf Menschen, die im Namen ihrer Ideen verübt werden, irgend so ein Problem anderer Leute.
Ich habe in meinem Leben noch nie ein Auto angezündet und ich muss mich dafür nicht entschuldigen, wenn es andere tun, selbst dann, wenn ich sie *nicht* dazu aufgefordert habe, es *nicht* zu tun.

Die Polizei trage, so steht es zu lesen, selbstverständlich keinerlei Schuld an der Eskalation. Ok. Sie habe zwar – soweit lässt es sich ja kaum bestreiten – einige friedliche Versammlungen gewaltsam aufgelöst, aber das entschuldige noch nicht die Gewalt, die dann eskaliert sei. Geschenkt. Es entschuldigt tatsächlich nichts. Man *kann* ja auch, wenn man mehrmals provoziert wird, friedlich bleiben.
Dagegen sei die gesamte Linke schuld an der Eskalation, weil sie sich nicht genügend distanziert habe.
Was für eine Logik ist da am Werke?
Da hat eine Provokation mit einem darauffolgenden Gewaltausbruch rein gar nichts zu tun, eine unterlassene Distanzierung soll aber ursächlich sein? Meint im Ernst irgendjemand, die Leute hätten Autos angezündet, weil ihnen der Sprecher der Roten Flora vorher halt nicht gesagt hat, dass sie das lassen sollen?
Ich bin entschieden dafür, die Kirche im Dorf zu lassen.

Weder die Presse noch die Politik ist oder war jemals auf dem linken Auge blind.

Im Verfassungsschutzbericht finden fünf Beobachtungsobjekte von Rechtsextremen Erwähnung – im linksextremen Spektrum sind es elf.
2015 nannte das BKA 75 Tote durch rechtsextreme Gewalt, die Amadeu Antonio Stiftung zählt 178 Todesopfer und elf Verdachtsfälle. Von linker Seite kamen laut Verfassungsschutz 7 versuchte Delikte, gestorben ist dabei niemand.

Ich möchte es noch einmal in aller Deutlichkeit schreiben: ich verharmlose hier keine Gewalt. Alle, die Sachbeschädigung mit terroristischen Anschlägen und rassistisch motivierten Morden auf einer Stufe sehen, verharmlosen Gewalt. Punkt.

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Trumpen (4) – passives Trumpen

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“
Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Eine sehr interessante Variante des Trumpens ist das, was ich hier als passives Trumpen bezeichnen möchte. Häufig geschieht es sogar unabsichtlich.
Ein guten Beispiel ist die passionierte Fleischesserin. Menschen, die gerne Fleisch essen – so wie z.B. ich – können sich sicher gut in diesen Typus einfühlen. Das isst eine so gerne Fleisch, dass es sie einerseits wundert, wie andere darauf verzichten können, andererseits ist es schwer, den Hinweisen darauf, dass man damit Tieren, das Klima und unter Umständen sich selbst erhebliche Schäden zufügt, zu entgehen – so dass ein schlechtes Gewissen ständig an der Türschwelle lauert.

Was geschieht nun, wenn diese Fleischesserin einer Vegetarierin begegnet? Während die meisten Vegetarier, die ich kenne, das Thema meist nicht mehr so spannend finden, ist es natürlich gerade für diejenigen unter den Carnivoren, die selten eine solche Begegnung haben, naheliegend, ein paar Fragen zu stellen. Fehlt Dir das nicht, das Fleisch? Muss man da nicht aufpassen, wegen der Nährstoffe? Außerdem stellt sich fast von selbst eine Art Rechtfertigungsdruck ein. Man sieht es sozusagen nicht ein, das da jemand eine vegetarische Lebensweise einfach so unverschämt vorlebt, bedeutet das ja den unausgesprochenen und schwer zu widerlegenden Vorwurf, dass man selbst Tiere und Klima mehr schädigt als diese Person.
Die Sprache kommt also unweigerlich auf das Thema. Und es sind in allen Fällen, die ich bisher beobachten konnte, die Fleischesser, die das Thema ansprechen. Leser, die dem hier widersprechen wollen, haben freilich die Wahl, das zu tun oder eine Weile lang solche Zusammentreffen zu beobachten und genau drauf zu achten, wer eigentlich mit der Thematik anfängt. Ich empfehle Letzteres.
Die Motivation, aus der heraus unsere passionierte Carnivorin nun mit unserer Beispielvegetarierin über das Fleischessen spricht, könnte unschuldiger kaum sein. sie ist neugierig und möchte ihr Fleischessen gern auch irgendwie entschuldigt sehen.

Es liegt allerdings auf der Hand, dass in ihr der Eindruck entsteht, Vegetarier würden immerzu missionieren wollen. Die reden ja immer, wenn man sie trifft, nur darüber. Unerträglich ist das. So wahr dieser subjektive Eindruck sein mag, so getrumpt ist er. Es sind gar nicht die Vegetarier, die immerzu davon reden.

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Trumpen (3) – getrumpter Relativierungsvorwurf

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“
Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Ein Derivat des Verbs „trumpen“ ist das Adjektiv „getrumpt“. So zum Beispiel in einer getrumpten Relativierung.
Das erste oder zweite Mal, als mir eine solche begegnete, hielt ich es noch für einen Einzelfall.
Da schrieb ich (in Bezugnahme auf ein von Alice Schwarzer herausgegebenes Buch, das einige sehr krasse Einblicke in den Alltag von Prostituierten erlaubt), dass ich die Ansicht, Prostitution sei ein normaler Beruf, für Quatsch halte.
Sofort meldeten sich welche, die unbedingt verlangten, zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch Männer gebe, denen es ganz fürchterlich geht. Konkret waren das in einer Art Sklaverei gehaltene Bauarbeiter. Ich war da noch etwas verdutzt, wie gesagt, es war das erste Mal, dass ich einem getrumpten Relativierungsvorwurf begegnete.
Dachte, ja nun, was soll ich jetzt damit anfangen, ich hatte ja nicht behauptet, dass es den Bauarbeitern gut gehe, von denen da die Rede war. Beziehungsweise, die Rede war ja gar nicht von Bauarbeitern gewesen. Bis jetzt. Aber, soviel dämmerte mir schon, genau darauf kam es an. Also nicht darauf, was ich geschrieben hatte, sondern darauf, dass die Rede nun von Bauarbeitern war. Und das Wort Relativierung fällt. Und zwar so:

Ich möge doch bitte, wenn ich schon das Leid von Zwangsprostituierten thematisieren muss, brav erwähnen, dass es auch männliche Zwangsarbeiter gibt, auf Baustellen. Sonst wäre das Relativierung.

Das fühlt sich erst einmal ein bisschen so an, als würde ich auf die Aussage, dass ich Zitroneneis mag, erwidert bekommen, ich könne doch wohl jetzt nicht im Ernst verschweigen wollen, dass jemand anders anderntags ein Käsebrot als lecker bezeichnet habe.
Als gäbe es einen Anspruch auf Vollständigkeit.
Dadurch, dass ich Zitroneneis als lecker beschreibe, relativiere ich den Genuss von Käsebrot und das soll ich nicht tun.
Wenn ich die Diskriminierung von Frauen thematisiere, relativiere ich angeblich jegliche Diskriminierung, der Männer ausgesetzt sind. Hinweise auf Rassismus sind nach dieser Logik eine einzige Relativierung jeglicher Benachteiligung, die hellhäutige Menschen jemals erfahren haben. Wer sagt, dass es ein schweres Schicksal sei, in Palästina aufzuwachsen, versündigt sich durch Nichterwähnung des Terrorismus im gleichen Atemzug schon an der israelischen Geschichte.
Indem ich darauf aufmerksam mache, welches Leid Frauen in deutschen Bordellen zugefügt wird, relativiere ich schon das Leid versklavter Bauarbeiter.

Natürlich sind alle diese Vorwürfe getrumpt.

In Wirklichkeit ist ja das Gegenteil der Fall. Es geht nicht um die Bauarbeiter. Es geht um die Prostituierten. Also, genauer gesagt: es geht gegen die Prostituierten. Deren Leid wird genau mit dem Hinweis auf die männlichen Zwangsarbeiter (deren Leid ja niemand bestritten hatte) relativiert, gekoppelt mit dem Vorwurf, man versuche das Leid männlicher Zwangsarbeiter zu bestreiten oder mindestens:
zu relativieren.

Nebelkerzen.

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