Einspruch Euer Ehren

Peter Schneider hat in der „Welt“ einen Text veröffentlicht, dessen Inhalt ich für grundfalsch halte.
Dass ich mich trotzdem damit befasse, hat damit zu tun, dass ein paar Leute, an deren Meinung mir etwas liegt, mich darum gebeten haben, meine bisher auf Facebook rudimentär geäußerte Kritik näher zu erläutern.

Mir geht es dabei hauptsächlich darum zu zeigen, warum ich die Position von Schneider (und vielen anderen) inhaltlich und logisch für schwach halte. Ich beziehe mich hier also direkt auf seinen Text, das bedeutet, dass ich mich bemühe, alles, was er nicht selbst anspricht, unberücksichtigt zu lassen. Stellen, an denen ich über Schneiders Text hinaus gehe, habe ich eingerückt.

Ich möchte als Erstes auf den meiner Meinung nach grundlegenden Denkfehler des Textes zu sprechen kommen:

Schneiders Argumentation stützt sich auf die Annahme, die Leute, die beim G20 Autos angezündet haben, seien von einer politischen Ideologie getrieben, das mache sie ungleich gefährlicher als gewöhnliche Kriminelle. Klingt plausibel, lässt sich aber bestreiten.
Das tut Schneider weiteren Verlauf des Textes sogar selbst – der besteht nämlich überwiegend aus Hinweisen darauf, dass von einer politischen Agenda bei den Vandalen nicht die Rede sein kann.
Es lohnt sich also, denke ich, das nachzuholen, was Schneider versäumt hat: sich seine Grundannahme einmal genauer anzusehen.
Das Anzünden eines Autos bringe dem Anzünder keinen unmittelbaren Nutzen. Leute, die es trotzdem tun, können „also“, so meint er, keine gewöhnlichen Kriminellen, sondern nur politische Fanatiker sein.
Da er nun aber weder bei der Suche nach einem direkten Nutzen noch bei der nach einer politischen Agenda fündig wird, wäre der nächste logische Schritt sicher die Frage gewesen, welche weitere Formen der Kriminalität es gibt außer
1) Diebstahl
2) Politik
Die Frage vermeidet Schneider – weil er die Antwort nicht geben möchte:
3) Vandalismus
Um diese Erkenntnis, die aus seiner eigenen Darstellung hervorgeht, drückt er sich den ganzen Text lang, was verständlich ist – weil es ihm ja seine ganze Standpauke verhagelt.


* Dass es tatsächlich so sein könnte, zeigen Beobachtungen von Anwohnern der Schanze.
Die Frankfurter Rundschau schreibt:
„Überhaupt seien an dem Abend die meisten Randalierer „erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk“ gewesen, denen man eher auf dem Schlagermove oder einem Bushido-Konzert begegnen würde als auf einer linken Demo. (…) die meisten Randalierer waren Kids, 15 bis 20 Jahre alt vielleicht, viele alkoholisiert. Man hat gemerkt, dass sie nicht organisiert und nicht vorbereitet waren, manche waren mit ihrem T-Shirt vermummt. Die haben sich gegenseitig beim Randalieren gefilmt und bei Nachbarn gefragt, ob man hier irgendwo Speed kaufen kann.“

Anfangs stellt Schneider also seine These vor: Kriminalität, die kein Diebstahl ist, sei nicht gewöhnlich, also politisch.
Anders als der gewöhnliche Kriminelle schlage der politische „ja nicht ein Autofenster ein, um das Auto zu stehlen. Er bricht nicht in ein Geschäft ein, um ein paar Weinflaschen nach Hause zu tragen. Er erlebt durch seine Tat keine direkte Befriedigung eines unmittelbaren Bedürfnisses.“

Dabei wundert es ihn zwar, dass es „keine Stimme aus der Gruppe der Autonomen gab, die die Exzesse in der Stadt verteidigt oder wenigstens erklärt hätte“, es wird aber nicht klar, ob er daraus Schlüsse zieht und wenn ja, welche.


* Ein naheliegender Schluss hätte sein können, dass die Randale im Schanzenviertel nicht von Autonomen geplant und auch nicht von ihnen angezettelt wurde. Was die angeblich fehlende Stellungnahme angeht, irrt Schneider sich ebenfalls.

Emily Laquer, Sprecherin der interventionistischen Linken, sagt gegenüber der Taz:
„Nein, wir distanzieren uns nicht. Aber wir kritisieren Aktionen, die sich nicht gegen den Gipfel, sondern gegen die Menschen dieser Stadt gerichtet haben. Wir dürfen nicht vergessen, auf welcher Seite wir stehen – auf der Seite der Anwohner und der Opposition. Wir haben gesagt, von uns geht keine Eskalation aus, und haben unser Wort gehalten. Noch mal: Die Verantwortung dafür, was passiert ist, trägt die Polizei. Und wir haben die Polizei immer wieder davor gewarnt, dass es ihr um die Ohren fliegen wird, wenn sie auf Eskalation setzt. (…) was Freitagnacht passiert ist, waren ja nur zum geringen Teil organisierte Aktionen, sondern vielfach Ausdruck von Wut über das Erlebte. Das läuft dann nicht so ab, wie es sich irgendwer vorher überlegt hat. Wir führen keine Truppen in die Schlacht und haben keinen Befehl und Gehorsam.“

der Spiegel schreibt:
Auch Andreas Beuth (…) übernahm später eine politische Mitverantwortung für die Krawalle. Die alleinige Schuld trage aber nicht die Rote Flora: „Wir haben diese Menschen nicht eingeladen. Die Gruppen, die wir kontaktiert haben, sind keineswegs mit dem Vorsatz gekommen, hier zu brandschatzen und schwere Gewalt zu verüben. Das lehnen wir generell ab“


Seinen Begriff des „gewöhnlichen Kriminellen“ legt Peter Schneider „Politikern aller Fraktionen“ in den Mund und möchte damit, seiner Ursprungsthese entsprechend, gleichsam gemeint sehen, die Autonomen würden damit von den Politikern als so etwas wie Ladendiebe bezeichnet. Der Beweis, dass diese Politiker irren fällt ihm erwartungsgemäß leicht. Die Folgerung scheint ein weiteres Mal zwingend: da die Randaliere also keine Ladendiebe sind, müssen sie politische Fanatiker sein.

„Vor diesem Hintergrund“ sei es völlig lächerlich, wenn „abonnierte Verharmloser linker Gewalt“ die „Hamburger Polizei für die Gewalteskalation im Schanzenviertel verantwortlich machen“, schreibt Schneider.


* der NDR schreibt:
„Belege auf den von der Polizei beschriebenen Hinterhalt gibt es bislang nicht. Die Polizei sagt, sie habe entsprechende Warnungen von mehreren zivilen Beamten vor Ort bekommen. Fotos oder Videos, die Molotow-Cocktails oder Gehwegplatten auf Dächern zeigen, hat sie jedoch offenbar nicht – obwohl die Einheiten ausdrücklich angewiesen worden waren, Beweise zu sichern. Die Suche dauere noch an, heißt es bei der Polizei. Auf einer Pressekonferenz zwei Tage nach den Krawallen hatte sie Aufnahmen aus einem Hubschrauber gezeigt, die einen Bewurf mit Steinen und einem angeblichen Molotow-Cocktail zeigen. Jedoch ist unklar, ob es nicht ein Böller gewesen sein könnte. Auch sind diese Bilder erst nach 23.40 Uhr entstanden, als die Polizei schon die Räumung begonnen hatte.“

ebenfalls NDR:
„Mehrere NDR Reporter vor Ort berichten übereinstimmend, dass von den Demonstranten zunächst keine Gewalt ausgegangen sei.“

Die Tagesschau:
„Laut Polizeiangaben wurden bei dem Großeinsatz zwischen dem 22. Juni und dem 9. Juli insgesamt 476 Polizisten verletzt. Viele von ihnen wurden wegen Dehydrierung oder Kreislaufproblemen als verletzt gemeldet. Aber es gibt auch Verletzungen durch Stein- und Flaschenwürfe und Einsatz von Pyrotechnik. „Mehrere“ Polizisten seien zudem durch Zwillengeschosse verletzt worden, wie die Polizei via Twitter meldet.
Laut Recherchen von Buzzfeed sind in der „heißen Einsatzphase“ – von Donnerstag bis Sonntag – 231 Polizisten verletzt worden, 21 von ihnen so schwer, dass sie auch noch am Folgetag oder länger nicht einsatztauglich waren. Offiziell als schwer verletzt gelten demnach zwei Beamte der Bundespolizei.“

der Spiegel:
„Viele hier im Viertel hatten das Gefühl, die Schanze wurde geopfert, damit der Gipfel ruhig ablaufen kann.“

Ebenfalls aus dem Spiegel stammt folgende Interview-Frage, die der Polizeipräsident zwar verneint, die aber zumindest zu Denken gibt:
„Wir haben einen Hinweis bekommen von einem Polizisten, der sagt, es habe die Anordnung gegeben, wir ziehen uns zurück und lassen die Autonomen in ihrem Wohnzimmer randalieren. Stimmt das?“

Frank Schneider, Chefreporter der Bild, twitterte:
„Polizei geht bei Ausschreitungen der Welcome to hell auch aggressiv gegen Journalisten vor, völlige Eskalation“

Der Deutschlandfunk schreibt:
„nach Einschätzung unseres Landeskorrespondenten Axel Schröder ging die Gewalt von der Polizei aus“


Dieses „die Polizei verantwortlich machen“ meint er nicht weiter erläutern zu müssen, dabei hätte ein kurzer Blick auf das, was Linke der Polizei vorwerfen, unter Umständen gezeigt, dass keiner glaubt, die Polizei selbst habe die Brände gelegt.
Die von vielen Linken vertretene Ansicht, die Polizei habe die Lage zunächst bewusst eskaliert und dann ebenso bewusst die absehbare Randale ohne Einschreiten laufen lassen, bedeutet ja nicht, dass diese Linken der Polizei als Verursacher der Plünderungen bezeichnen. Verantwortung trägt sie nach Ansicht der Linken nur durch die Eskalation und Inkaufnahme der Gewalt.

„Natürlich“, schreibt er, sei es „bei einer Konfrontation dieser Dimension fast ein Naturgesetz“, dass sich „einzelne Polizeiführer und Polizeieinheiten Provokationen und Übergriffe gegen Demonstranten zuschulden kommen lassen“. Der Gedanke, es könnte „bei einer Konfrontation dieser Dimension fast ein Naturgesetz“ sein, dass sich einzelne Randalierer Übergriffe gegen Gegenstände zuschulden kommen lassen, scheint ihm dagegen abwegig zu sein. Peter Schneider möchte den geplünderten Rewe lieber als Folge einer politischen Ideologie sehen.

Auf halber Strecke seiner Ausführungen findet sich nun ein Absatz darüber, dass es unbestreitbar der erklärte Wille einiger Gipfelgegner war, Gewalt als Mittel der Politik einzusetzen, gekoppelt mit dem Vorwurf an prominente Grüne, das zu befürworten.

Und zum ersten Mal bei der Lektüre stimme ich ihm zu. Anders als er bin ich aber nicht entsetzt darüber, dass Gewalt ein Mittel der Politik ist. Der Rechtsstaat basiert ja nicht darauf, dass Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele verboten wäre – die Polizei wäre dann illegal. Der Rechtsstaat legt fest, das diese Gewalt nur vom Staat ausgeübt werden darf.
Dass das gut ist, weil es die Zivilgesellschaft ermöglicht – darüber sind sich die Grünen mit der restlichen Linken übrigens einig.
Einig sind sie sich auch, dass einerseits die staatliche Gewaltausübung Grenzen haben muss und es andererseits Situationen gibt, in denen ziviler Ungehorsam auch dann legitim ist, wenn er ein vertretbares Maß an Gewalt beinhaltet.
Es lässt sich nicht abstreiten, dass es in der Linken die Tendenz gibt, Gewalt gegen Dinge – in gewissen Grenzen – als Mittel des Widerstandes zu betrachten.
So findet mancher es in Einzelfällen durchaus legitim, zum Beispiel Gewalt gegen einen Zaun anzuwenden, wenn dahinter Tiere sind, die er befreien möchte.
Ich gebe zu, da hat der Herr Schneider einen Punkt angeschnitten, über den es sich zu streiten lohnt.


* Ich finde allerdings, man sollte das Thema wesentlich differenzierter angehen, als Schneider es hier tut. Berichte aus den verschiedenen Teilen Hamburgs lassen inzwischen ja ein ziemlich präzises Bild der Vorgänge zu.

An der Elbchaussee war eine große Gruppe Vermummter unterwegs, die eine Vielzahl geparkter PKWs in Brand gesteckt hat. Ich bin sicher, dass diese Gruppe irgendeine Art von politischer Agenda hatte – auf Fragen äußern sich verschiedene Autonome unterschiedlich darüber, was diese Agenda sein könnte. Der Tenor ist meist ungefähr: „G20 bedeutet globale Gewalt und wir wollen anhand der Autos aufzeigen, dass diese Gewalt von hier (z.B. Elbchaussee) ausgeht.“ Das ist also, um im Schneiderschen Kosmos zu bleiben, kein Diebstahl, sondern eine politische Aktion. Der verbohrte Fanatismus, der nach Schneiders Heine-Logik dann zwangsläufig zu Gulag oder Holocaust führt, ist hier allerdings zwar theoretisch denkbar, aber nicht erkennbar.

in Altona hat eine kleine Gruppe Vermummter versucht, Ikea in Brand zu setzen. Bei dieser Gruppe ist es eine Frage der Spekulation, ob sie politisch motiviert war oder einfach Bock auf die Zerstörung hatte.

• am Vorabend der Nacht, an dem das SEK mit Schnellfeuerwaffen aufmarschierte, war es einer gut organisierten Gruppe laut Augenzeugenberichten zunächst gelungen, die Polizei an einer Räumung des Viertels zu hindern. Offenbar handelte es sich um politische Aktivisten. Die viel zitierten Gehwegplatten oder Brandsätze wurden hier aber mit großer Sicherheit nicht eingesetzt – Belege für solche Behauptungen fehlen komplett.

die anschließende Zerstörerungswut im Schanzenviertel wird von Augenzeugen übereinstimmend als das Ergebnis der Ansammlung von sogenannten erlebnisorientierten Jugendlichen in Kombination mit der Abwesenheit der Polizei beschrieben. Wenn Autonome in den Beschreibung der Anwohner eine Rolle spielen, dann in der Rolle derjenigen, die versuchen, die Randale zu begrenzen.

Hier sind also sehr unterschiedliche Dinge passiert, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass Schneider bei der Suche nach den geistigen Brandstiftern scheitert. Keiner der beschriebenen Vorgänge hat indes auch nur Ähnlichkeit zu der Art von Gewalt, die z.B. von den Grünen als legitimes Mittel des Widerstands erachtet wird.


Schade finde ich allerdings, dass er nicht vorhat, das ernsthaft zu thematisieren. Er möchte diesen Punkt lieber verwenden, um seine Behauptung zu illustrieren, die linke Szene hätte mehr oder weniger geschlossen dazu aufgerufen, private PKWs anzuzünden.
Wenn man sehr stark pauschalisiert und verkürzt, kann man Frau Ditfurth unterstellen, sie würde, wenn sie die Sabotage eines Castortransportes für legitim hält, auch der Plünderung von Budni das Wort reden. Das tut sie aber nicht, wenn man sie fragt.

Peter Schneider möchte es sich natürlich auch nicht nehmen lassen, den wohl mit Abstand dümmsten Spruch eines autonomen Gipfelgegners im Kontext des gesamten G20 zu zitieren – so etwas wie „Maos Kulturrevolution“ sei erstrebenswert. Ob er damit allen Autonomen Maoismus unterstellen möchte, wird dabei nicht so recht klar.
Immerhin dichtet er der interventionistischen Linken (vielleicht vom Chinabeispiel beflügelt) eine strikte Kaderstruktur an und deutet die Aussage, dass ein einzelner Autonomer nicht für eine Gruppe sprechen könne nicht etwa als Hinweis auf Diversität (was naheliegend wäre), sondern als Hinweis auf auf eine besonders strikte Konformität.


* zur Frage, wer der schwarze Block ist und was er eigentlich will, hätte sich Schneider informieren können, und zwar bei seriösen Quellen:

Die Zeit schreibt:
„Der schwarze Block ist weder Gruppe noch Bündnis, sondern eine Demonstrationstaktik. (…) „Es ist die Möglichkeit, Militanz darzustellen, ohne sie tatsächlich ausüben zu müssen“, sagt Sebastian Haunss, der an der Universität Bremen zu Protesten und sozialen Bewegungen forscht und zur Autonomenbewegung promoviert hat.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, was Margarete Stokowski im Spiegel schreibt:
„Anarchie ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Nur wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, ist Anarchie Unordnung. Ansonsten ist es eine ziemlich klare, auf Abmachungen beruhende Sache. Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos vorkämen. Für den sozialen Zustand, in dem keine Ordnung mehr vorhanden ist, gibt es auch einen Begriff: Anomie. Kennt aber keine Sau.“

Das bereits verlinkte Interview mit Emily Laquer in der Taz hätte auch einen Hinweis auf Diversität liefern können:
„Wir führen keine Truppen in die Schlacht und haben keinen Befehl und Gehorsam.“


Mit dem Vorwurf, „gegen die Zumutung, verstehen zu wollen, was sie eigentlich anstreben“ schützten die Autonomen sich mit der „Auskunft, sie folgten keiner kohärenten Strategie“ macht Schneider selbst ein paar Zeilen später deutlich, wie sehr er sich in der Annahme einer Kaderstruktur irrt. Einig, so moniert er, seien sich die verschiedenen autonomen Gruppierungen nur in „der Ablehnung des Bestehenden“.
Hier wäre spätestens der Punkt gekommen, darüber nachzudenken, ob denn die Randalierer überhaupt eine politische Ideologie haben. Schneider zieht es offenbar vor, diese Klippe zu umschiffen.

Stattdessen sieht er hier ein starkes Argument, und zwar den Vorwurf, dass die Gegen-G20-Demonstranten sich ja lediglich einig seien, wogegen sie demonstrieren, nicht aber, wofür.

Dieses Argument ist nun so stark nicht – schließlich ist es nicht weiter verwunderlich, dass eine Demo gegen etwas sich über ein Dagegen-Sein definiert.
G20 ist ein Symbol.
Der Protest richtet sich nicht gegen die Tatsache, dass sich da Leute treffen, sondern gegen den Kapitalismus und gegen damit verbundene globale – manche sagen imperialistische – Machtpolitik, die natürlich auch und gerade außerhalb solcher Treffen stattfindet.
Nun ist ja tatsächlich so, dass der Kapitalismus samt der damit verknüpften Politik so viel Unheil anrichtet und so viele Menschenleben kostet, dass es mich persönlich nicht wundern würde, wenn er in fernen Zeiten, falls wir ihn überhaupt überleben, in einem Atemzug mit der Kulturrevolution genannt würde. Differenziert, versteht sich.

„Die Verbrechen und Delirien des Finanzkapitals, die obszöne Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in immer weniger Händen“ schreibt Schneider, würde „nur ein Idiot bestreiten“ (Die hier unter der Hand vorgenommene Trennung des bösen Finanzkapitals vom guten produktiven Kapital nehme ich mal unkommentiert zur Kenntnis).

Das große Drama unserer Zeit also, unser aller Ahnung, dass der Kapitalismus die Welt zugrunde richtet, und das Problem, dass sich ebendieser Kapitalismus inzwischen als so alternativlos inszeniert, dass eine allgemeine Ratlosigkeit herrscht, wie er zu überwinden sei, möchte er allerdings gerne denen in die Schuhe schieben, die am wenigsten dafür können, nämlich den Kapitalismuskritikern.

Ich nehme durchaus an, dass Peter Schneider ein intelligenter Mann ist. Angesichts der Tatsache, dass sein Text so viele Schwachstellen hat, muss dann aber die Frage angebracht sein, ob er sich absichtlich dumm stellt.
Das ergäbe ein verheerendes Bild unserer geistigen Elite.

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G20

Ich finde, es reicht jetzt mal.

Die verbale Eskalation, die hier im Netz seit Tagen betrieben wird ist weder tragbar noch gerechtfertigt und dient ganz offenbar dem Ziel, die Sachbeschädigung, die in Hamburg geschehen ist, mit menschenfeindlichem und tödlichem Terrorismus gleichzusetzen. Das Wort der „Brandschatzung“ macht die Runde, von „Bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ ist die Rede, man gewinnt den Eindruck, hier sei eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt worden.

Freilich ist es verständlich, wenn man aufgrund der reißerischen Bilder, die im Netz kursieren, diesen Eindruck hat. Ich habe – gerade aufgrund dieser Bilder – sogar Verständnis dafür, dass man mir Verharmlosung vorwerfen wird, wenn ich jetzt Folgendes schreibe:

Nein. Es wurde in der Schanze nicht gebrandschatzt. Es gab Feuer auf der Straße, die Plünderung mehrerer Läden und etliche brennende Autos. Das ist je nach Standpunkt des Betrachters sinnlos, schlimm oder verheerend, aber es ist nicht einmal annähernd vergleichbar mit dem Anstecken von Häusern, in denen sich Menschen befinden oder dem Zünden einer Bombe auf einem Konzert.
Situationen wie am Wochenende in der Schanze sind bei Anlässen wie dem Schanzenfest oder dem 1. Mai in Berlin seit Jahrzehnten Tradition. Es handelt sich mitnichten um eine neue oder bisher unbekannte Stufe der Gewalt. Der Polizeiführung musste klar sein, dass im Zuge des G20 solche Dinge passieren werden und es war ganz offenbar ihre Entscheidung, zunächst zu provozieren und dann die Dinge laufen zu lassen. Dadurch wurden die Bilder möglich, mit denen alles was Rechts ist jetzt Werbung für den Polizeistaat macht.

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Ich zeige hier einen willkürlichen Schnappschuss von dem, was die „Welt“ gerade eine „Kathedrale der Angst“ genannt hat.

Man kann auf dem Bild eine große Ansammlung von friedlichen Menschen sehen, die sich weder aggressiv noch kriminell verhalten. Darunter befinden sich, wie der weitere Verlauf des Abends zeigte, offenbar einige mit kriminellen Absichten, unter denen wiederum ganz sicher auch etliche Linke. Rechts im Bild das Baugerüst – der „Hinterhalt“, der der Polizei später als Begründung dafür dient, etwa vier Stunden lang überhaupt nicht einzuschreiten, obwohl Einbruchsdiebstähle und Sachbeschädigungen verübt werden. Man kann auf dem Bild auch sehr gut erkennen, dass dieses Baugerüst an einer sehr breiten Kreuzung steht, auf der man problemlos in großem Abstand an der „Falle“ einfach hätte vorbeifahren können.

Ich will hier weder den Einbruchsdiebstählen noch dem Vandalismus das Wort reden, die hier stattgefunden haben. Aber mehr als das ist eben auch nicht passiert. Ich sehe nicht ein, dass „die Linke“ jetzt plötzlich das Problem angehängt bekommt, sich von dieser Sachbeschädigung distanzieren zu müssen, während die Rechten weiter so tun können, als seien tödliche Angriffe auf Menschen, die im Namen ihrer Ideen verübt werden, irgend so ein Problem anderer Leute.
Ich habe in meinem Leben noch nie ein Auto angezündet und ich muss mich dafür nicht entschuldigen, wenn es andere tun, selbst dann, wenn ich sie *nicht* dazu aufgefordert habe, es *nicht* zu tun.

Die Polizei trage, so steht es zu lesen, selbstverständlich keinerlei Schuld an der Eskalation. Ok. Sie habe zwar – soweit lässt es sich ja kaum bestreiten – einige friedliche Versammlungen gewaltsam aufgelöst, aber das entschuldige noch nicht die Gewalt, die dann eskaliert sei. Geschenkt. Es entschuldigt tatsächlich nichts. Man *kann* ja auch, wenn man mehrmals provoziert wird, friedlich bleiben.
Dagegen sei die gesamte Linke schuld an der Eskalation, weil sie sich nicht genügend distanziert habe.
Was für eine Logik ist da am Werke?
Da hat eine Provokation mit einem darauffolgenden Gewaltausbruch rein gar nichts zu tun, eine unterlassene Distanzierung soll aber ursächlich sein? Meint im Ernst irgendjemand, die Leute hätten Autos angezündet, weil ihnen der Sprecher der Roten Flora vorher halt nicht gesagt hat, dass sie das lassen sollen?
Ich bin entschieden dafür, die Kirche im Dorf zu lassen.

Weder die Presse noch die Politik ist oder war jemals auf dem linken Auge blind.

Im Verfassungsschutzbericht finden fünf Beobachtungsobjekte von Rechtsextremen Erwähnung – im linksextremen Spektrum sind es elf.
2015 nannte das BKA 75 Tote durch rechtsextreme Gewalt, die Amadeu Antonio Stiftung zählt 178 Todesopfer und elf Verdachtsfälle. Von linker Seite kamen laut Verfassungsschutz 7 versuchte Delikte, gestorben ist dabei niemand.

Ich möchte es noch einmal in aller Deutlichkeit schreiben: ich verharmlose hier keine Gewalt. Alle, die Sachbeschädigung mit terroristischen Anschlägen und rassistisch motivierten Morden auf einer Stufe sehen, verharmlosen Gewalt. Punkt.

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Trumpen (4) – passives Trumpen

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“
Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Eine sehr interessante Variante des Trumpens ist das, was ich hier als passives Trumpen bezeichnen möchte. Häufig geschieht es sogar unabsichtlich.
Ein guten Beispiel ist die passionierte Fleischesserin. Menschen, die gerne Fleisch essen – so wie z.B. ich – können sich sicher gut in diesen Typus einfühlen. Das isst eine so gerne Fleisch, dass es sie einerseits wundert, wie andere darauf verzichten können, andererseits ist es schwer, den Hinweisen darauf, dass man damit Tieren, das Klima und unter Umständen sich selbst erhebliche Schäden zufügt, zu entgehen – so dass ein schlechtes Gewissen ständig an der Türschwelle lauert.

Was geschieht nun, wenn diese Fleischesserin einer Vegetarierin begegnet? Während die meisten Vegetarier, die ich kenne, das Thema meist nicht mehr so spannend finden, ist es natürlich gerade für diejenigen unter den Carnivoren, die selten eine solche Begegnung haben, naheliegend, ein paar Fragen zu stellen. Fehlt Dir das nicht, das Fleisch? Muss man da nicht aufpassen, wegen der Nährstoffe? Außerdem stellt sich fast von selbst eine Art Rechtfertigungsdruck ein. Man sieht es sozusagen nicht ein, das da jemand eine vegetarische Lebensweise einfach so unverschämt vorlebt, bedeutet das ja den unausgesprochenen und schwer zu widerlegenden Vorwurf, dass man selbst Tiere und Klima mehr schädigt als diese Person.
Die Sprache kommt also unweigerlich auf das Thema. Und es sind in allen Fällen, die ich bisher beobachten konnte, die Fleischesser, die das Thema ansprechen. Leser, die dem hier widersprechen wollen, haben freilich die Wahl, das zu tun oder eine Weile lang solche Zusammentreffen zu beobachten und genau drauf zu achten, wer eigentlich mit der Thematik anfängt. Ich empfehle Letzteres.
Die Motivation, aus der heraus unsere passionierte Carnivorin nun mit unserer Beispielvegetarierin über das Fleischessen spricht, könnte unschuldiger kaum sein. sie ist neugierig und möchte ihr Fleischessen gern auch irgendwie entschuldigt sehen.

Es liegt allerdings auf der Hand, dass in ihr der Eindruck entsteht, Vegetarier würden immerzu missionieren wollen. Die reden ja immer, wenn man sie trifft, nur darüber. Unerträglich ist das. So wahr dieser subjektive Eindruck sein mag, so getrumpt ist er. Es sind gar nicht die Vegetarier, die immerzu davon reden.

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Trumpen (3) – getrumpter Relativierungsvorwurf

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“
Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Ein Derivat des Verbs „trumpen“ ist das Adjektiv „getrumpt“. So zum Beispiel in einer getrumpten Relativierung.
Das erste oder zweite Mal, als mir eine solche begegnete, hielt ich es noch für einen Einzelfall.
Da schrieb ich (in Bezugnahme auf ein von Alice Schwarzer herausgegebenes Buch, das einige sehr krasse Einblicke in den Alltag von Prostituierten erlaubt), dass ich die Ansicht, Prostitution sei ein normaler Beruf, für Quatsch halte.
Sofort meldeten sich welche, die unbedingt verlangten, zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch Männer gebe, denen es ganz fürchterlich geht. Konkret waren das in einer Art Sklaverei gehaltene Bauarbeiter. Ich war da noch etwas verdutzt, wie gesagt, es war das erste Mal, dass ich einem getrumpten Relativierungsvorwurf begegnete.
Dachte, ja nun, was soll ich jetzt damit anfangen, ich hatte ja nicht behauptet, dass es den Bauarbeitern gut gehe, von denen da die Rede war. Beziehungsweise, die Rede war ja gar nicht von Bauarbeitern gewesen. Bis jetzt. Aber, soviel dämmerte mir schon, genau darauf kam es an. Also nicht darauf, was ich geschrieben hatte, sondern darauf, dass die Rede nun von Bauarbeitern war. Und das Wort Relativierung fällt. Und zwar so:

Ich möge doch bitte, wenn ich schon das Leid von Zwangsprostituierten thematisieren muss, brav erwähnen, dass es auch männliche Zwangsarbeiter gibt, auf Baustellen. Sonst wäre das Relativierung.

Das fühlt sich erst einmal ein bisschen so an, als würde ich auf die Aussage, dass ich Zitroneneis mag, erwidert bekommen, ich könne doch wohl jetzt nicht im Ernst verschweigen wollen, dass jemand anders anderntags ein Käsebrot als lecker bezeichnet habe.
Als gäbe es einen Anspruch auf Vollständigkeit.
Dadurch, dass ich Zitroneneis als lecker beschreibe, relativiere ich den Genuss von Käsebrot und das soll ich nicht tun.
Wenn ich die Diskriminierung von Frauen thematisiere, relativiere ich angeblich jegliche Diskriminierung, der Männer ausgesetzt sind. Hinweise auf Rassismus sind nach dieser Logik eine einzige Relativierung jeglicher Benachteiligung, die hellhäutige Menschen jemals erfahren haben. Wer sagt, dass es ein schweres Schicksal sei, in Palästina aufzuwachsen, versündigt sich durch Nichterwähnung des Terrorismus im gleichen Atemzug schon an der israelischen Geschichte.
Indem ich darauf aufmerksam mache, welches Leid Frauen in deutschen Bordellen zugefügt wird, relativiere ich schon das Leid versklavter Bauarbeiter.

Natürlich sind alle diese Vorwürfe getrumpt.

In Wirklichkeit ist ja das Gegenteil der Fall. Es geht nicht um die Bauarbeiter. Es geht um die Prostituierten. Also, genauer gesagt: es geht gegen die Prostituierten. Deren Leid wird genau mit dem Hinweis auf die männlichen Zwangsarbeiter (deren Leid ja niemand bestritten hatte) relativiert, gekoppelt mit dem Vorwurf, man versuche das Leid männlicher Zwangsarbeiter zu bestreiten oder mindestens:
zu relativieren.

Nebelkerzen.

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Trumpen (2) – nachträgliches Trumpen

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“

Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Eine artverwandte Tätigkeit ist das nachträgliche Trumpen. Der Effekt des Trumpens ist zwar am größten, wenn man der Erste ist, der überhaupt einen Vorwurf formuliert. So ist es besonders effektiv, wenn man eine dreiste und offensichtliche Lüge schon bevor man sie ausspricht, mit der Behauptung verknüpft, deren Gegenteil sei eine Lüge, die interessierte Kreise zu verbreiten gedenken.
Aber auch, wenn bereits eine Erkenntnis die Runde gemacht hat, kann man sie nachträglich noch zu übertrumpen versuchen.

Ein schönes Beispiel ist der Umgang der sogenannten Maskulinisten mit dem Begriff „gender pay gap“.

Als gender pay gap wird die Tatsache bezeichnet, dass Frauen statistisch gesehen für gleichwertige Arbeit geringer entlohnt werden. Diese geringere Bezahlung hat faktisch den Grund, dass Frauen – zum Beispiel weil sie sich mehr um ihre Kinder kümmern als die Väter – in der Hierarchie der Beschäftigungsverhältnisse häufig nicht so weit aufsteigen wie Männer. Das heißt dann nicht, dass sie weniger qualifizierte Arbeit leisten, sondern dass ihnen Posten verwehrt bleiben, in denen dieselbe Arbeit reichhaltiger entlohnt wird. Das ist zwar wegen der vielfältigen und nicht immer stringenten Verflechtung von Bezahlung, Karriereleiter und Arbeitsleistung schwer, auf das Komma exakt zu berechnen, aber durchaus gut erforscht.
Die Maskulinisten nun wenden einen so einfachen wie dreisten Zahlentrick an: sie rechnen den Umstand, dass Frauen häufig Posten bekleiden, in denen gleiche Arbeit weniger Geld bringt, einfach aus ihrer Statistik heraus und bestehen darauf, nur jeweils gleiche Gehaltsstufen zu vergleichen. Damit haben sie dann jeglichen pay gap aus der Rechnung gekürzt und verweisen stolz darauf, dass er – wen wundert’s – in ihrer Rechnung nicht mehr vorkommt.

Das ist zwar ein billiger Trick, macht aber allein noch kein Getrumpe.

Das Getrumpe besteht dann darin, dass die Zahlenspielerei der Maskulinisten sich so geriert, als würde man hier ein Blendwerk der Feministinnen entlarven. Auch hier kann, obwohl es sich um nachträgliches – also kein echtes – Getrumpe handelt, die Karte voll ausgespielt werden, dass jede Erwiderung, die den Rechentrick der Maskulinisten zum Gegenstand erhebt, wie eine billige Retourkutsche wirkt.

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Trumpen (1)

Ich trumpe, Du trumpst, er sie es trumpt.
Bedeutung:
„Jemandem etwas unterstellen, was man selbst gerade tut, und zwar so schnell und so dreist, dass der Betroffene so aussieht, als würde er seinerseits trumpen.“

Um den namensgebenden Potus angemessen zu würdigen, schlage ich die Ausführung des Begriffs als starkes Verb vor. Vergangenheit: Ich tromp, Ich habe getrompen, Konjunktiv: Ich trömpe.

Beispiel: auf frei erfundene Meldungen gestützte Öffentlichkeitsarbeit (z.B. während eines Wahlkampfes) mit dem Vorwurf zu garnieren, die Gegner würden Fake News verbreiten. Diese Vorgehensweise hat den entscheidenden Vorteil, dass jeder Fake News Vorwurf, den man zurecht an den Trumpenden richten könnte, gleich als billige Replik von beleidigten Leberwürsten dasteht. Da tut also jemand etwas, das Empörung auslöst, nimmt Wind genau dieser Empörung aber aus den Segeln seiner Gegner und fährt selbst damit ein gutes Stück.

Gerade, weil es für ein erfolgreiches Getrumpe darauf ankommt, mit dem Vorwurf als Erster zur Stelle zu sein, ist Twitter ein nahezu perfektes Medium, weil es erlaubt, in Sekundenschnelle eine große Zahl von Leuten zu erreichen.
Man könnte Trumpen auch als Unterrichtseinheit für angehende Führungskräfte einführen, in seiner Effizienz ist es schwer zu übertreffen.

Natürlich hat Donald T. den vorauseilenden Gegenvorwurf nicht erfunden.

Im der Kriegsführung gehört es seit je her zum guten Ton, Angriffe als Verteidigung zu deklarieren. Man könnte also die Bush-Doktrin von der Achse des Bösen auch als eine einfache Form des Trumpens betrachten: Da wird öffentlich verlautbart, dass man gedenke, bestimmte Länder zeitnah mit Krieg zu überziehen, um genau diesen Ländern dann – nämlich sobald sie sich aufgrund dieser Drohung bewaffnen – Kriegstreiberei zu unterstellen.

Sehr beliebt ist diese Technik auch in ideologisch aufgeladenen Diskussionen.

So trägt zum Beispiel der selbsternannte (deutsche) Kämpfer für die Sache Israels wie selbstverständlich den Vorwurf auf den Lippen, jemand betreibe „einseitige Stimmungsmache“ – und zwar immer dann, wenn ihm ein Standpunkt einmal zu ausgewogen ist. Er verlangt nach einseitiger Stimmungsmache gegen alles, was muslimischem oder gar palästinensischem Ursprungs ist und ist ein wahrer Meister darin, allen, die diesem Wunsch nicht entsprechen, zu unterstellen, sie seien parteiisch.

Zum waschechten Trumpen gehört allerdings eine weitere wesentliche Eigenschaft:

der Vorwurf muss so absurd sein, dass eine Art Überrumpelungseffekt einsetzt. Den Betrumpten steht aus reiner Verblüffung über so viel Dreistigkeit buchstäblich der Mund offen, was sie weniger souverän wirken lässt als den in der Pose des Überlegenen gelassen lächelnden Trumper.

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Erkenntnistheorie für Musiker

Ich habe in meiner Eigenschaft als Musikproduzent viel mit Künstlern zu tun gehabt, die von dem Willen getrieben sind, ein Vorbild zu erreichen.
Daran ist nichts Ungewöhnliches und schon gar nicht Verwerfliches. Unsere Vorbilder inspirieren und motivieren uns, sie können uns Wege zeigen, die wir alleine nicht entdeckt hätten und obendrein geben sie uns eine gemeinsame Sprache – einen Horizont an Kontexten und Assoziationen, die uns und unser Publikum verbinden.
Gerade im Bereich der Popmusik halte ich es für Quatsch, den Begriff des Plagiats als Vorwurf herumzuschleudern. Popmusik ist ein Plagiat per se, sie will und soll es auch sein.

Einen Haken sehe ich an der Sache allerdings:
Es ist eine Binsenweisheit der Erkenntnistheorie, dass die Wirklichkeit mit Sicherheit vielfältiger ist als das, was wir von ihr wahrnehmen. So ist es natürlich auch mit, sagen wir, Bob Dylan. Oder Slayer. Oder Kraftwerk. Wenn ich nun das, was ich von Kraftwerk wahrnehme als Grundlage dessen verwende, wie ich meine eigene Musik gestalte, habe ich es zwangsläufig mit einem kleinen Ausschnitt zu tun. Je mehr ich mich also bemühe, meinem Vorbild möglichst genau zu entsprechen, desto sicherer ist, dass meine künstlerische Aussage kleiner ausfällt als die des Originals.

So theoretisch das zunächst daher kommt, so wahr erweist es sich in der Realität der Musikproduktion. So kommt es zu der scheinbar paradoxen Tatsache, dass Dilettantismus eine Musik bereichern kann, Virtuosität dagegen manchmal von Nachteil ist. Nämlich überall dort, wo die Vorbilder sehr klar sind. Je besser eine Band nun die Mittel beherrscht, dem Ausschnitt, den sie von ihrem Vorbild sehen, exakt zu entsprechen, desto ärmer wird die Musik.
Der Dilettant hingegen kann das unverdiente Glück haben, durch reines Verfehlen des Ziels Ergebnisse zu erzielen, die selbst wiederum größer sind als das, was wir wahrnehmen.
Das kann, so er will, natürlich auch der Virtuose. Aber dann muss er halt auf Vorbilder auch ein bisschen scheißen.

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