Studiomythen, Teil2: der First Take

Der erste Aufnahmevorgang habe eine Qualität, die einzigartig sei, sagt man.

Das ist so eine Binsenweisheit, die man mal irgendwo gelesen hat, eine Weile lang nachplappert und irgendwann fühlt es sich dann so an, als ob sie stimmt. Sogar Leute, die noch nie in ihrem Leben einer Aufnahme auch nur zugesehen haben, wissen:
first take best take.

Ich finde, da ist es an der Zeit mal etwas klarzustellen. Ich habe ein bisschen Erfahrung damit – tatsächlich habe ich in den letzten 25 Jahren fast nichts anderes getan, als ziemlich viel Musik aufzunehmen. Der erste Take ist so gut wie nie der beste Take.

Ich habe ja eine Ahnung, woher der Glaube kommt. Wenn eine Band ein Konzert spielt, erfordert es die Situation, gut vorbereitet und konzentriert alles zu geben, weil man ja für jeden der Songs nur einen Versuch hat. Häufig mündet das darin, dass nach so einer Darbietung ein bisschen die Luft raus ist und man sich schwer vorstellen kann, die selben Songs sofort noch einmal, geschweige denn besser zu spielen. Wenn wir eine solche Situation (in der alle gut vorbereitet warmgespielt ihr Bestes geben) auf das Studio übertragen, dann wäre rein theoretisch vorstellbar, dass es einen ersten Versuch gibt, der zumindest schwer zu überteffen ist. Es ist also gut vorstellbar, dass zu Zeiten, in denen Alben innerhalb weniger Stunden aufgenommen wurden, der jeweils erste Take besser war als der jeweils zweite (und für einen dritten Versuch fehlte dann die Zeit).
Diese Zeiten sind aber vorbei.

Wir genießen ja seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert die Vorzüge der Mehrspurtechnik. Nehmen wir Gesangsaufnahmen als Beispiel:
Der erste Versuch dient in der Regel dazu, mit dem Song erst einmal überhaupt eine Verbindung aufzunehmen. Wenn eine Sängerin dann sehr gut ist, ist es keine Seltenheit, dass sich innerhalb der ersten vier Aufnahmevorgänge einer findet, aus dem man zumindest das meiste verwenden kann. Meist ist das der dritte oder vierte, manche Passagen sind vieleicht auch schon vorher optimal. Sehr viel häufiger kommt es allerdings vor, dass man erst einmal vier oder fünf Takes aufnimmt, die Ergebnisse dann in Ruhe durchhört, sich dabei einig wird, wie es eigentlich werden soll und danach noch drei bis sechs Takes macht. Nicht selten ist es dann einer der letzen Takes, der das Rennen macht, sehr selten übrigens komplett ungeschnitten. In den allermeisten Fällen landet auf dem Album dann eine Zusammenschnitt der letzten vier bis fünf Takes.

Das versteht sich eigentlich von selbst: Wenn ich mich als aufnehmender Techniker nicht darauf beschränke, die Musiker einfach irgendwie spielen zu lassen, sondern ein kleines bisschen Ehrgeiz darauf verwende, das Bestmögliche herauszuholen, arbeite ich so lange an der Aufnahme, bis klar wird, dass keiner der folgenden Versuche besser werden kann und wird als das, was bereits gespielt wurde. Das ist nur in absoluten Ausnahmefällen nach den ersten zwei Takes der Fall. Fast immer gibt es eine Anfangsphase, in der jede Aufnahme jeweils besser wird als die vorherige, dann stellt sich manchmal eine kurze Durststrecke ein, die sich überwinden lässt. Die besten Takes kommen häufig danach. Erst dann wird meist klar, dass es nicht mehr besser wird, zumindest nicht am selben Tag. Dann sind aber häufig schon 20 Versionen im Kasten.

Soviel dazu.

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DIY Grundkurs Feminismusgeschichte

Das Thema Gleichberechtigung hat ja zur Zeit, wo man sich so gern der Vorstellung hingibt, sie sei ein fester Bestandteil der abendländischen Tradition, eine mitunter fragwürdige Konjunktur.

Es ist ein Irrtum, dass die Gleichberechtigung im Abendland selbstverständlich sei. Sie ist hart erkämpft worden, und das nicht lang vor unserer Zeit, sondern in jüngster Vergangenheit und Gegenwart. Und sie ist nicht von Männern erkämpft worden, sondern von Frauen (das nur nebenbei angesichts dessen, dass die aktuelle Diskussion über Emanzipation in Bezug auf den Islam – siehe Kopftuchdebatte – fast nur von Männern geführt wird).
Und dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen.

Ich habe mir in den letzten paar Jahren einen kleinen Grundkurs in Sachen Geschichte der Frauenbewegung erlesen und möchte an dieser Stelle dazu einladen, mir zu folgen. Es lohnt sich. Folgende Bücher kann ich empfehlen, die teilweise zu lächerlichen Preisen auf dem Gebrauchtmarkt zu finden sind:

Simone de Bauvoir – das andere Geschlecht

Ich finde es für das Verständnis dieses Buches sehr wichtig, es als philosophisches Werk zu lesen. Als solches steht es im Kontext seiner Zeit. Simone de Beauvoir kommt das Verdienst zu, sich als Erste des Themas der Stellung der Frau mit philosophischer Klarheit angenommen zu haben und es ist in der Tat weniger ein agitatorisches, sondern ein kontemplatives Werk. Dabei ist es aber, ähnlich wie das zum Beispiel bei Marx zu sein pflegt, ziemlich praktisch orientiert.
De Beauvoirs Standpunkt kann aus heutiger Sicht als überholt gelten. Zwar deutet sie im Titel eine der wichtigsten Thesen des Feminismus an, nämlich die Sache mit der Norm: Männer sind das Menschengeschlecht, Frauen „das andere“. Sie bleibt aber dennoch in dieser Sichtweise stecken: als Erstrebenswert steht während des ganzen Textes im Raum, dass auch Frauen sich eine (mit Transzendenz assoziierte) „männliche“ Haltung aneignen. Im Grunde überhöht sie damit das „männliche“ Prinzip und übernimmt unhinterfragt den weit verbreiteten Irrglauben, dass es dem „weiblchen“ an schöpferischer Kraft überlegen sei.
Die für uns heute naheliegende Frage, ob denn diese Prinzipien überhaupt gelten und wenn ja, ob es sinnvoll sei, das eine Prinzip zugunsten des anderen aufzugeben, stellt sie nicht.
Davon ab ist es ein lesenswertes Buch, das einen tiefen Einblick in die Geschichte des Feminismus erlaubt und vor allem ein Standardwerk, auf das sich unzählige folgende Denkerinnen beziehen. Und: wer würde schon, sagen wir, Descartes, vorwerfen, dass man ihn im Kontext seiner Zeit lesen muss?

Betty Friedan – Der Weiblichkeitswahn

Ein Buch, das sich sehr locker liest und mir vor allem in Zusammenhang mit Susan Faludis „Backlash“ (s.u.) wichtig erscheint, weil es ein gutes Gefühl für das Vorfeld der US-amerikanischen Frauenbewegung der 70er Jahre vermittelt. Hier ist ist das Werk nützlich, weil es die Haltung dieser Epoche auf den Punkt bringt und die spezifische Unzufriedenheit von Frauen mit dem klassischen Hausfrauen-Ideal der 50er beschreibt, die als Wendepunkt der zweiten Welle der Frauenbewegung in den USA gesehen werden kann. Eine während des Krieges umständehalber hart arbeitende Generation von Frauen wurde in den Fünfzigern wieder in eine brave Muterrolle gepresst. Dieses Spannungsverhältnis ist maßgeblich für den Feminismus der 70er.
Die aus meiner Sicht wesentliche These des Buches ist, dass all das, was gemeinhin als das Glück der Frauen gehandelt wird – Kinder, Häuslichkeit, Schönheit – sie im Gegenteil unglücklich macht. Ich finde, dass man diese These sehr gut aus dem Kontext der Zeit lösen kann. Auch heutzutage lohnt es sich, die Frage zu stellen, ob „wie Frauen nun mal sind“ nicht vielmehr das Produkt einer geschickten Propaganda darstellt. Friedan schreibt wenig akademisch, sondern recht subjektiv und ein bisschen ratgeberhaft. Ich empfehle das Buch unbedingt.

Alice Schwarzer – der kleine Unterschied und seine großen Folgen

Alles, was Alice Schwarzer schreibt oder veröffentlicht, ist eine Lektüre wert. Kein Witz.
Schwarzer ist gehört zu den scharfsinnigsten Beobachtern des Zeitgeschehens, die Deutschland zu bieten hat (ich verwende ausgerechnet hier das generische Maskulinum und bitte darum es mir nachzusehen: es ist die billigste Möglichkeit, klarzustellen, dass ich sie geschlechterübergreifend als herausragend ansehe.)
Dabei gibt es zwar einige Positionen Schwarzers, die ich persönlich nicht teile, jede dieser Positionen ist allerdings außergewöhnlich gut begründet.
Der „kleine Unterschied“ ist vor allem als Dokument unschätzbar. Der größte Teil des Buches besteht aus Zusammenfassungen von Interviews mit Frauen aus den 70ern, in denen sie ihr Leben beschreiben, wobei natürlich ein Schwerpunkt auf Frauenrollen und der Beziehung zu Männern liegt. Man sollte nicht erwarten, hier ein repräsentatives Bild der Stellung der Frau zu finden, einige der Schilderungen sind allerdings augenöffnend. Beispielsweise in der Beschreibung der Frau, die von ihrem Psychotherapeuten mit dem Ziel, sie von ihren homosexuellen Neigungen zu befreien, vergewaltigt wird und die sich zunächst nicht mal sicher ist, ob das denn in Ordnung sei, wird deutlich, wie weit weg von gut und böse Deutschland vor wenigen Jahrzehnten noch war
Insgesamt gibt das Buch einen seltenen und sehr ehrlichen Einblick in die Lebensrealität von Frauen im Deutschland der 70er – was etwas spannender ist als das anschließende Kapitel, in dem Schwarzer die Interviews analysiert und eine allgemeine Agenda der Frauenbewegung formuliert.
(Ich empfehle wie gesagt alles, was Schwarzer veröffentlicht. So ist die „Emma“ eine wesentlich erhellendere Reiselektüre als fast alle anderen Zeitschriften, die der Kiosk hergibt und auch die aktuell von ihr herausgegebenen Bücher muss man zwar nicht ausnahmslos feiern oder glauben, lesen sollte man sie schon. Gerade das vor ein paar Jahren zum Thema Prosttitution erschienene Buch hat meine Sicht auf das Thema entscheidend geändert.)

Susan Faludi – Backlash

Für meine Begriffe ist dieses Buch ein absolutes Muss. Faludi schreibt im Gestus einer Journalistin: das, was das Buch an theoretischen Erkenntnis enthält, ist stets gut mit Fakten unterfüttert und wird anhand von detailliert recherchierten Beispielen lebendig.
Faludi bietet mit „Backlash“ eine umfassende Beschreibung der Wellen des Feminismus. Wie der Titel andeutet liegt ihr Augenmerk dabei auf den Techniken der entsprechenden reaktionären Kräfte, mittels derer Errungenschaften der Frauenbewegung  diffamiert, angegriffen und zurückgedreht werden. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Faludi die Erfindung der „biologischen Uhr“ nachzeichnet, oder die gezielte Errichtung des Klischees der „unglücklichen Karrierefrau“. Auch scheinbar unpolitische Alltäglichkeiten wie den Reizwäscheboom der 90er Jahre beschreibt Faludi absolut glaubwürdig als Teil eines gesteuerten Gegentrends zur Emanzipation. Parallel mit Friedan gelesen legt das Buch die Vermutung nahe, dass viele der Urteile, die wir alle über das Frau-Sein im Kopf haben, mit Naturgegebenheit sehr viel weniger zu tun haben, als wir denken – sondern zumeist das Produkt einer geschickten Agitation sind. Das könnte tedenziös und ein bisschen verschwörungtheoretisch geraten, wenn Faludis Thesen nicht so gut durchdacht und durch intensive Recherche fundiert wären.
In einer anderen Beziehung ist Faludis Werk ebenfalls zeitlos: indem sie beschreibt, wie sich sowohl emanzipatorische Schübe als auch ein entsprechender Backlash in der Geschichte bereits mehrmals nach sehr ähnlichen Mustern wiederholt haben, gibt sie uns ein Mittel in die Hand, den nächsten Backlash zu erkennen.

Natürlich ist das nur die absolute Grundlage

Ich finde, dass es zwar sehr wichtig ist, diesen groben Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung im Westen erst einmal zu haben. Was die Bücher allerdings nicht vermitteln, ist ein Begriff von der aktuellen Diskussion. Im Bereich der Gender Studies gibt es einen bunten Strauß neuer Ansätze und Thesen, die einen oder zwei Blicke wert sind (Im Gegensatz zu manchen Teilen der Öffentlichkeit sehe ich Gender Studies als essentiell wichtig und förderungswürdig an).
Auch die Entwicklung in anderen Teilen der Erde wird nicht klar, gerade aus der muslimischen Welt gibt es mehr über Feminismus zu berichten, als zur Zeit offenbar angenommen wird.
Ich halte es daher natürlich für unbedingt erforderlich, sich von dem obigen Grundkurs ausgehend mit dem Thema weiter zu beschäftigen, denn die Emanzipation der Frau wurde bisher weder im Westen noch in irgend einem anderen Teil der Welt zufriedenstellend verwirklicht.

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neue Impulse

Heute gibt es für meine Kollegen mal was Technisches:

Ich habe zusammen mit meinen Praktikanten Lea Neumann und Saeed Mohammadi Impulsantworten von meinem AC30 und zwei London City Amps gemacht:
http://www.grgr.de/IR/
Die Files lassen sich mit allen üblichen Faltungsplugins verwenden. Zum Beispiel dem Boogex, der nicht mal was kostet.

Weiter unten auf der verlinkten Site finden sich weitere, ältere IR-Files von mir.
Liebe Grüße, Euer Gregor

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die Scharia ist kein Gesetz

Ich nehme in der letzten Zeit mit Sorge zur Kenntnis, dass der mediale Dauerbeschuss, unter dem Muslime zur Zeit stehen, offenbar Früchte trägt und sich ein paar Vorurteile auch in meinem Bekanntenkreis festsetzen.

Deswegen möchte ich hier mal ein paar Informationen über den Islam zusammentragen, die sich leicht aus öffentlich zugänglichen Quellen gewinnen lassen. Geht in Bücherläden oder Büchereien und holt Euch einfach mal zum Einstieg so etwas wie „Der Islam für Dummies“ oder, wer es intellektueller mag, halt irgendeine andere Einführung in das Thema. Wer faul ist, nutzt Wikipedia.

1) der Koran lässt sich auslegen.

Zwar gilt er als von Gott wortwörtlich prophezeit, ist aber in vielen Fragen unscharf genug, um wandelbar zu sein. Die richtige Auslegung des Koran obliegt theoretisch den Muslimen persönlich. Es gibt keine Festlegung auf eine oberste Instanz, die vorschreibt, wie die oder der einzelne Gläubige den Koran auszulegen hat.
Da nun nicht jede/r Gläubige das nötige theologisches Studium absolvieren will oder kann, wird die Auslegung in der Praxis Experten überlassen: je nach islamischer Richtung sind das Muftis, Mullahs, Ayatollahs und so weiter. Niemand muss nach dem Willen Allahs einer bestimmten Auslegung folgen, die Verpflichtung besteht nur darin, gottgefällig zu sein.
Als Beispiel kann man die Diskussion darüber betrachten, wie der Ramadan im skandinavischen Sommer zu begehen sei, wenn die Sonne nicht untergeht.

2) die Scharia ist kein Gesetz.

Der Begriff Scharia bezeichnet eine Methode der Rechtsschöpfung. Das bedeutet, dass man versucht, Gesetze zu entwerfen, die dem mutmaßlichen Willen Allahs entsprechen, vergleichbar mit dem Gebot westlicher Gesetzgeber, der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu folgen. Nun ist der Wortlaut des Koran in Fragen der Rechtsprechung meist sehr unklar. Die Rechtsgelehrten interpretieren erstens den Koran und ziehen zweitens bei Unklarheit alles heran, was über Leben und Wirken Mohammeds überliefert ist, weil dessen Lebenswandel als vorbildlich gilt. So ein nach dem Prinzip der Scharia gestaltetes Gesetz gilt ausdrücklich nicht als gottgegeben, sondern als menschengemacht. Wenn zu anderer Zeit oder an einem anderen Ort Rechtsgelehrte zu einer anderen Auffassung gelangen, werden (und wurden) diese Gesetze anders gestaltet.

3) die aggressive Verbreitung des Islam in Nahem Osten und Maghreb fing Mitte des 7. Jahrhunderts an und dauerte etwa 200 Jahre.

Danach folgten über tausend Jahre, in denen keine religiösen Kriege mehr im Namen des Islam geführt wurden. (Die Versuche, das Osmanische Reich zu vergrößern sehe ich nicht als missionarischen Krieg an).
Das aktuelle Kriegsgeschehen im nahen Osten lässt sich in keinem der Fälle auch nicht mit noch so gutem Willen als Aggression des Islam bezeichnen. Die Liste der Interventionen sogenannter christlicher Länder im Nahen Osten ist lang, die Liste der Angriffe islamisch geprägter Länder gegen den Westen eher nicht. Der Zustand der islamischen Welt ist eine Folge globaler Machtpolitik. Kein arabisches Land hat den Krieg, der aktuell dort herrscht, selbst angefangen, geschweige denn je ein westliches Land angegriffen.

4) der politische Islam ist eine moderne Entwicklung.

Der Begriff „modern“ ist hier durchaus nicht positiv besetzt: auch die NSDAP war in den 30er Jahren eine moderne Partei. Der politische Islam ist eine Entwicklung des 20ten Jahrhunderts.
Er ist kein Überbleibsel aus dem Mittelalter.
Was das aktuelle Erstarken des politischen Islam bewirkt hat, lässt sich nur behaupten, sehr wahrscheinlich ist, dass die Methode der USA, im Nahen Osten religiöse Gruppen als Bollwerk gegen den Kommunismus zu unterstützen (z.B. Afghanistan), eine große Rolle spielt, sowie einige Dinge, die seit der Gründung des Staates Israel ungünstig verlaufen sind.
Der Keim für die aktuelle Aggressivität einiger islamistischer Gruppen, liegt nicht im Wortlaut des Koran. Die Ideologie des IS lässt sich aus dem Koran heraus theologisch widerlegen. Wer versucht, den politischen Islam mit der kriegerischen Ausbreitung des Islam im 7ten Jahrhundert in direkter Linie zu sehen, müsste überdies erklären, dass (und warum) mehr als tausend Jahre muslimischer Geschichte nicht der Rede wert seien.

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Schachmatt?

Reclaim Discrimination.
Das ist ein richtiger Ansatz. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, das Thema Diskriminierung nicht den Intelektuellen zu überlassen. Ich unterstütze das.
Diskriminierung lässt sich nicht dadurch aufheben, dass ein paar Studierte den Benachteiligten die Welt erklären. Das ist nämlich ein paradoxer Vorgang: dadurch werden diejenigen, die eben nicht die Möglichkeit hatten zu studieren, als ahnungslos diffamiert.
Wir werden die Welt nicht verbessern, wenn wir diejenigen, die unter ihrem Zustand am meisten leiden, einfach bevormunden.

Es kommt mir allerdings ein bisschen überflüssig vor, diese Thesen zu formulieren, weil die Spatzen sie ja von den Dächern pfeifen. Und das ist dann durchaus etwas, was mich stutzig macht.

Ich habe das letzte Jahr als einen leider erfolgreichen Versuch erlebt, die Benachteiligten und ihre traditionellen Verbündeten zu spalten.
Wenn wir von dem spezifischen logischen Problemchen, dass eine intellektuelle Kritik an Diskriminierung elitär (und damit per se diskriminierend) ist, einen Schritt zurück treten und die Lage mit etwas mehr Abstand betrachten, sehen wir nämlich noch weitere Akteure – vereinfacht gedacht vier Gruppen:

1) Die erste Gruppe – nennen wir sie die Hausbewohner – ist benachteiligt aufgewachsen und muss damit leben, dass sie es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bleibt.
2) Die zweite Gruppe – die Hauseigentümer – ist privilegiert aufgewachsen oder hat sich Privilegien angeeignet und setzt nun alles daran, ihre Privilegien zu erhalten. Im Interesse dieser Gruppe ist es, die Benachteiligung festzuschreiben, weil das die eigenen Privilegien schützt. Diese Gruppe diskriminiert aktiv.
3) die dritte Gruppe gehört ebenfalls zu den Privilegierten: es sind die Brandstifter. Sie legen einen Brand, der davon ablenken soll, wie privilegiert sie und die Hauseigentümer sind. Diese Gruppe sucht und erfindet Sündenböcke.
4) Die vierte Gruppe könnte eine Feuerwehr sein. Privilegiert aufgewachsen, jedoch der Meinung, dass Privilegien falsch sind. Diese Gruppe ist sich darüber bewusst, dass es nichts grundsätzlich ändert, wenn sie einfach auf ihre eigenen Privilegien verzichtet, sondern findet es vielmehr sinnvoll, Privilegien wie z.B. Bildung zu nutzen, um die Hausbewohner gegen Eigentümer und Brandstifter zu unterstützen.

Meine Beobachtung ist nun die, dass die Brandstifter versuchen, die Behauptung zu lancieren, dass die Privilegien der Feuerwehr das eigentliche Problem seien. Und der Feuerwehr, wahlweise als „linker Mainstream“, „Elfenbeinturm“ und „Besserwisser“ diffamiert, fällt nichts Besseres ein, als in dieses Lied einzustimmen. Die Intellektuellen hätten die Benachteiligten „abgehängt“, stand es zu lesen, als seien es nicht wirtschaftliche Faktoren, die diese Benachteiligung erzeugen und zementieren. So oft habe ich im letzten Jahr lesen müssen, dass wir den Rechtsruck, der zur Zeit geschieht, dem Umstand zu verdanken haben, dass „der Elfenbeinturm“ zu weltfremd sei, dass ich kotzen könnte.
Das Problem bei dieser Behauptung ist ja, dass sie stimmt. Also, die Behauptung, die political correctness, die intellektuelle Linke etc. sei weltfremd, stimmt. Was nicht stimmt, ist die geräuschlos und heimlich damit verknüpfte These, dass darin die Ursache des Rechtsruckes läge.
Sicherlich ist – um im Bild zu bleiben – die elitäre Ausrüstung der Feuerwehr ein Privileg, das man auch den Brandopfern wünscht. Aber es wäre keine gute Idee, die Feuerwehr deshalb vor die Tür zu setzen.
Nun ist diese Einordnung in drei Gruppen sehr schematisch und in Wirklichkeit überschneiden sich die Rollen Brandopfer, Feuerwehr und Brandstifter oft in einer Person. Es war allerdings noch nie ein gutes Argument gegen eine Abstraktion, dass sie in Wirklichkeit nicht exisitert. Abstraktionen existieren nie, helfen aber, die komplexere Wirklichkeit zu verstehen.

Was will ich also sagen?
Ich stelle zuerst fest: der Ansatz, sich das Thema der Diskriminierung nicht aus der Hand nehmen zu lassen, ist richtig. Niemand, der nicht selbst benachteiligt wird, weiß besser, wie das ist, als die Benachteiligten selbst. Verstanden.
Die Folgerung, die offenbar zur Zeit en Vogue ist, zu sagen: die linken Intellektuellen sollen über diese Themen also schweigen, ist von daher zwar nachvollziehbar, aber falsch und gefährlich. Wir alle wissen doch, wem diese Forderung nützt. Diejenigen, die ihre Privilegien schützen wollen, haben das größte Interesse daran, den Benachteiligten ihre eigenen Verbündeten madig zu machen. Niemand sonst.
Ich stehe also zunächst ein bisschen ratlos herum.
Ich bin männlich, weiß, sozial einigermaßen abgesichert, weit weg von den „bildungsfernen Schichten“ sozialisiert.
Ich bin schachmatt.
Weil ich die Wahl habe, entweder ein arroganter Besserwisser zu sein, oder aber zu allem, was ungerecht ist, zu schweigen – was zur Folge hätte, dass ich es mittrage.
Geauso schachmatt wollen mich die Rechten gerne sehen. Oder?

Ich entscheide mich also gern, lieber ein arroganter Besserwisser zu sein. Nichts für ungut.

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Rhonda, Smile and Burn, Klangstof, Oh!chestra

„Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen“

schreibt Freitagsmedien 🙂 Gemeint ist hier fälschlicherweise Hamburg, das Studio Nord Bremen befindet sich aber ja, wie der Name sagt, in Bremen.
Außerdem ist „fälschlicherweise“ ein tolles Wort.

freitagsmedien

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Wenn es aus den Boxen klingt, als würden Henry Mancini und Amy Winehouse gemeinsam mit Shirley Bassey und Robin Williams einen Bond-Film der frühen Sechziger nachvertonen, landet man dieser Tage nicht in London oder Las Vegas, sondern im nasskalten Hamburg. Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen: Rhonda sind zurück! Und Wire ist nochmals besser als ihr gefeiertes Debütalbum Raw Love vor knapp drei Jahren.

War die kratzbürstige Grandezza der raumgreifenden Sängerin Milo Milone im Kreise ihrer exzellenten Band damals noch voll und ganz auf den hedonistischen Frohsinn des klassischen Heist Movies gepolt, verleiht ihr das deutsche Filmorchester Babelsberg diesmal die düstere, nie schwermütige Tiefe des Film Noir. Wire ist so gesehen ein…

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Musiktipp: RHONDA veröffentlichen ihr zweites Album „Wire“ auf [PIAS] Germany! (Album Review, Verlosung)

Zweieinhalb Jahre nach Rhondas Debütalbum „Raw Love“ erscheint diesen Freitag der Nachfolger auf [PIAS] Germany. Das Quintett hat ihre Mischung aus groovigen Beats, lässigem Soul mit Sixties-Vibe u…

Quelle: Musiktipp: RHONDA veröffentlichen ihr zweites Album „Wire“ auf [PIAS] Germany! (Album Review, Verlosung)

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