die Scharia ist kein Gesetz

Ich nehme in der letzten Zeit mit Sorge zur Kenntnis, dass der mediale Dauerbeschuss, unter dem Muslime zur Zeit stehen, offenbar Früchte trägt und sich ein paar Vorurteile auch in meinem Bekanntenkreis festsetzen.

Deswegen möchte ich hier mal ein paar Informationen über den Islam zusammentragen, die sich leicht aus öffentlich zugänglichen Quellen gewinnen lassen. Geht in Bücherläden oder Büchereien und holt Euch einfach mal zum Einstieg so etwas wie „Der Islam für Dummies“ oder, wer es intellektueller mag, halt irgendeine andere Einführung in das Thema. Wer faul ist, nutzt Wikipedia.

1) der Koran lässt sich auslegen.

Zwar gilt er als von Gott wortwörtlich prophezeit, ist aber in vielen Fragen unscharf genug, um wandelbar zu sein. Die richtige Auslegung des Koran obliegt theoretisch den Muslimen persönlich. Es gibt keine Festlegung auf eine oberste Instanz, die vorschreibt, wie die oder der einzelne Gläubige den Koran auszulegen hat.
Da nun nicht jede/r Gläubige das nötige theologisches Studium absolvieren will oder kann, wird die Auslegung in der Praxis Experten überlassen: je nach islamischer Richtung sind das Muftis, Mullahs, Ayatollahs und so weiter. Niemand muss nach dem Willen Allahs einer bestimmten Auslegung folgen, die Verpflichtung besteht nur darin, gottgefällig zu sein.
Als Beispiel kann man die Diskussion darüber betrachten, wie der Ramadan im skandinavischen Sommer zu begehen sei, wenn die Sonne nicht untergeht.

2) die Scharia ist kein Gesetz.

Der Begriff Scharia bezeichnet eine Methode der Rechtsschöpfung. Das bedeutet, dass man versucht, Gesetze zu entwerfen, die dem mutmaßlichen Willen Allahs entsprechen, vergleichbar mit dem Gebot westlicher Gesetzgeber, der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu folgen. Nun ist der Wortlaut des Koran in Fragen der Rechtsprechung meist sehr unklar. Die Rechtsgelehrten interpretieren erstens den Koran und ziehen zweitens bei Unklarheit alles heran, was über Leben und Wirken Mohammeds überliefert ist, weil dessen Lebenswandel als vorbildlich gilt. So ein nach dem Prinzip der Scharia gestaltetes Gesetz gilt ausdrücklich nicht als gottgegeben, sondern als menschengemacht. Wenn zu anderer Zeit oder an einem anderen Ort Rechtsgelehrte zu einer anderen Auffassung gelangen, werden (und wurden) diese Gesetze anders gestaltet.

3) die aggressive Verbreitung des Islam in Nahem Osten und Maghreb fing Mitte des 7. Jahrhunderts an und dauerte etwa 200 Jahre.

Danach folgten über tausend Jahre, in denen keine religiösen Kriege mehr im Namen des Islam geführt wurden. (Die Versuche, das Osmanische Reich zu vergrößern sehe ich nicht als missionarischen Krieg an).
Das aktuelle Kriegsgeschehen im nahen Osten lässt sich in keinem der Fälle auch nicht mit noch so gutem Willen als Aggression des Islam bezeichnen. Die Liste der Interventionen sogenannter christlicher Länder im Nahen Osten ist lang, die Liste der Angriffe islamisch geprägter Länder gegen den Westen eher nicht. Der Zustand der islamischen Welt ist eine Folge globaler Machtpolitik. Kein arabisches Land hat den Krieg, der aktuell dort herrscht, selbst angefangen, geschweige denn je ein westliches Land angegriffen.

4) der politische Islam ist eine moderne Entwicklung.

Der Begriff „modern“ ist hier durchaus nicht positiv besetzt: auch die NSDAP war in den 30er Jahren eine moderne Partei. Der politische Islam ist eine Entwicklung des 20ten Jahrhunderts.
Er ist kein Überbleibsel aus dem Mittelalter.
Was das aktuelle Erstarken des politischen Islam bewirkt hat, lässt sich nur behaupten, sehr wahrscheinlich ist, dass die Methode der USA, im Nahen Osten religiöse Gruppen als Bollwerk gegen den Kommunismus zu unterstützen (z.B. Afghanistan), eine große Rolle spielt, sowie einige Dinge, die seit der Gründung des Staates Israel ungünstig verlaufen sind.
Der Keim für die aktuelle Aggressivität einiger islamistischer Gruppen, liegt nicht im Wortlaut des Koran. Die Ideologie des IS lässt sich aus dem Koran heraus theologisch widerlegen. Wer versucht, den politischen Islam mit der kriegerischen Ausbreitung des Islam im 7ten Jahrhundert in direkter Linie zu sehen, müsste überdies erklären, dass (und warum) mehr als tausend Jahre muslimischer Geschichte nicht der Rede wert seien.

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Schachmatt?

Reclaim Discrimination.
Das ist ein richtiger Ansatz. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es darum, das Thema Diskriminierung nicht den Intelektuellen zu überlassen. Ich unterstütze das.
Diskriminierung lässt sich nicht dadurch aufheben, dass ein paar Studierte den Benachteiligten die Welt erklären. Das ist nämlich ein paradoxer Vorgang: dadurch werden diejenigen, die eben nicht die Möglichkeit hatten zu studieren, als ahnungslos diffamiert.
Wir werden die Welt nicht verbessern, wenn wir diejenigen, die unter ihrem Zustand am meisten leiden, einfach bevormunden.

Es kommt mir allerdings ein bisschen überflüssig vor, diese Thesen zu formulieren, weil die Spatzen sie ja von den Dächern pfeifen. Und das ist dann durchaus etwas, was mich stutzig macht.

Ich habe das letzte Jahr als einen leider erfolgreichen Versuch erlebt, die Benachteiligten und ihre traditionellen Verbündeten zu spalten.
Wenn wir von dem spezifischen logischen Problemchen, dass eine intellektuelle Kritik an Diskriminierung elitär (und damit per se diskriminierend) ist, einen Schritt zurück treten und die Lage mit etwas mehr Abstand betrachten, sehen wir nämlich noch weitere Akteure – vereinfacht gedacht vier Gruppen:

1) Die erste Gruppe – nennen wir sie die Hausbewohner – ist benachteiligt aufgewachsen und muss damit leben, dass sie es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bleibt.
2) Die zweite Gruppe – die Hauseigentümer – ist privilegiert aufgewachsen oder hat sich Privilegien angeeignet und setzt nun alles daran, ihre Privilegien zu erhalten. Im Interesse dieser Gruppe ist es, die Benachteiligung festzuschreiben, weil das die eigenen Privilegien schützt. Diese Gruppe diskriminiert aktiv.
3) die dritte Gruppe gehört ebenfalls zu den Privilegierten: es sind die Brandstifter. Sie legen einen Brand, der davon ablenken soll, wie privilegiert sie und die Hauseigentümer sind. Diese Gruppe sucht und erfindet Sündenböcke.
4) Die vierte Gruppe könnte eine Feuerwehr sein. Privilegiert aufgewachsen, jedoch der Meinung, dass Privilegien falsch sind. Diese Gruppe ist sich darüber bewusst, dass es nichts grundsätzlich ändert, wenn sie einfach auf ihre eigenen Privilegien verzichtet, sondern findet es vielmehr sinnvoll, Privilegien wie z.B. Bildung zu nutzen, um die Hausbewohner gegen Eigentümer und Brandstifter zu unterstützen.

Meine Beobachtung ist nun die, dass die Brandstifter versuchen, die Behauptung zu lancieren, dass die Privilegien der Feuerwehr das eigentliche Problem seien. Und der Feuerwehr, wahlweise als „linker Mainstream“, „Elfenbeinturm“ und „Besserwisser“ diffamiert, fällt nichts Besseres ein, als in dieses Lied einzustimmen. Die Intellektuellen hätten die Benachteiligten „abgehängt“, stand es zu lesen, als seien es nicht wirtschaftliche Faktoren, die diese Benachteiligung erzeugen und zementieren. So oft habe ich im letzten Jahr lesen müssen, dass wir den Rechtsruck, der zur Zeit geschieht, dem Umstand zu verdanken haben, dass „der Elfenbeinturm“ zu weltfremd sei, dass ich kotzen könnte.
Das Problem bei dieser Behauptung ist ja, dass sie stimmt. Also, die Behauptung, die political correctness, die intellektuelle Linke etc. sei weltfremd, stimmt. Was nicht stimmt, ist die geräuschlos und heimlich damit verknüpfte These, dass darin die Ursache des Rechtsruckes läge.
Sicherlich ist – um im Bild zu bleiben – die elitäre Ausrüstung der Feuerwehr ein Privileg, das man auch den Brandopfern wünscht. Aber es wäre keine gute Idee, die Feuerwehr deshalb vor die Tür zu setzen.
Nun ist diese Einordnung in drei Gruppen sehr schematisch und in Wirklichkeit überschneiden sich die Rollen Brandopfer, Feuerwehr und Brandstifter oft in einer Person. Es war allerdings noch nie ein gutes Argument gegen eine Abstraktion, dass sie in Wirklichkeit nicht exisitert. Abstraktionen existieren nie, helfen aber, die komplexere Wirklichkeit zu verstehen.

Was will ich also sagen?
Ich stelle zuerst fest: der Ansatz, sich das Thema der Diskriminierung nicht aus der Hand nehmen zu lassen, ist richtig. Niemand, der nicht selbst benachteiligt wird, weiß besser, wie das ist, als die Benachteiligten selbst. Verstanden.
Die Folgerung, die offenbar zur Zeit en Vogue ist, zu sagen: die linken Intellektuellen sollen über diese Themen also schweigen, ist von daher zwar nachvollziehbar, aber falsch und gefährlich. Wir alle wissen doch, wem diese Forderung nützt. Diejenigen, die ihre Privilegien schützen wollen, haben das größte Interesse daran, den Benachteiligten ihre eigenen Verbündeten madig zu machen. Niemand sonst.
Ich stehe also zunächst ein bisschen ratlos herum.
Ich bin männlich, weiß, sozial einigermaßen abgesichert, weit weg von den „bildungsfernen Schichten“ sozialisiert.
Ich bin schachmatt.
Weil ich die Wahl habe, entweder ein arroganter Besserwisser zu sein, oder aber zu allem, was ungerecht ist, zu schweigen – was zur Folge hätte, dass ich es mittrage.
Geauso schachmatt wollen mich die Rechten gerne sehen. Oder?

Ich entscheide mich also gern, lieber ein arroganter Besserwisser zu sein. Nichts für ungut.

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Rhonda, Smile and Burn, Klangstof, Oh!chestra

„Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen“

schreibt Freitagsmedien 🙂 Gemeint ist hier fälschlicherweise Hamburg, das Studio Nord Bremen befindet sich aber ja, wie der Name sagt, in Bremen.
Außerdem ist „fälschlicherweise“ ein tolles Wort.

freitagsmedien

tt17-rhondaRhonda

Wenn es aus den Boxen klingt, als würden Henry Mancini und Amy Winehouse gemeinsam mit Shirley Bassey und Robin Williams einen Bond-Film der frühen Sechziger nachvertonen, landet man dieser Tage nicht in London oder Las Vegas, sondern im nasskalten Hamburg. Hier, wo das Erdbeben des Pop vor Jahrzehnten mal kurz, sehr kurz ein Epizentrum hatte, ist gerade eines jener Alben entstanden, die der spröden Hansestadt und dem ähnlich nüchternen Land ringsum kurz mal das Gefühl geben, auch hier können aus Studios Funken sprühen: Rhonda sind zurück! Und Wire ist nochmals besser als ihr gefeiertes Debütalbum Raw Love vor knapp drei Jahren.

War die kratzbürstige Grandezza der raumgreifenden Sängerin Milo Milone im Kreise ihrer exzellenten Band damals noch voll und ganz auf den hedonistischen Frohsinn des klassischen Heist Movies gepolt, verleiht ihr das deutsche Filmorchester Babelsberg diesmal die düstere, nie schwermütige Tiefe des Film Noir. Wire ist so gesehen ein…

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Musiktipp: RHONDA veröffentlichen ihr zweites Album „Wire“ auf [PIAS] Germany! (Album Review, Verlosung)

Zweieinhalb Jahre nach Rhondas Debütalbum „Raw Love“ erscheint diesen Freitag der Nachfolger auf [PIAS] Germany. Das Quintett hat ihre Mischung aus groovigen Beats, lässigem Soul mit Sixties-Vibe u…

Quelle: Musiktipp: RHONDA veröffentlichen ihr zweites Album „Wire“ auf [PIAS] Germany! (Album Review, Verlosung)

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ein kurzes Wort über ein harmloses Vorurteil, Musikproduktion betreffend

Die Annahme, dass man beim Mischen einer Aufnahme dazu neigt, die Eigenschaften des Raums zu kompensieren ist naheliegend und weit verbreitet. Zum Beispiel mag es einleuchtend klingen, dass man in trockenen Räumen zu räumlich mischt, in Räumen mit langer Nachhallzeit dagegen eher unnatürlich trockene Mixe bekommt.

Meiner persönlichen Erfahrung nach ist allerdings ist das genaue Gegenteil der Fall.

Meine Erfahrung hat mir stets gezeigt, dass ich eher dazu neige, die Eigenschaften des Raums zu antizipieren und abzubilden, als dagegen zu arbeiten.
Es ist ja allgemein so, dass Menschen sich anpassen. Sei es, dass man in einem wirtschaftlichen System aufwächst, das auf Konkurrenz und Ausbeutung beruht – wie wir sehen, passt sich der Mensch so gut daran an, dass er am Ende glaubt, das System sei ihm auf den Leib geschneidert und nicht anders herum.
Aber auch schon der Umgang mit anderen stabilen Zuständen zeigt das: wenn wir an einer lauten Straße wohnen, gilt für uns der Lärm als relative Stille. Auch hier versuchen wir den Lärm nicht dadurch zu kompensieren, dass wir etwa besonders leise sind. Wir passen unsere Wahrnehmung an.

Das hat auch eine gewisse Anziehungskraft. Wer liebt es schon, Dinge zu tun, die sich nicht gut anfühlen?
Wenn ich einen Raum habe, der im Bassbereich ordentlich rockt, aber in den Höhen eher schlapp ist, muss ich mich schon disziplinieren, um nicht genau dort reinzudrehen, wo es am meisten Spaß macht.
Wenn der Raum von selbst eine gewisse Nachhallzeit mitbringt, werde ich schwerlich auf den Geschmack kommen, eine extrem trockene Mischung zu machen, wenn ich sie gar nicht im Prozess genießen kann. Ich kann in einem halligen Raum einen trockenen Mix ja nicht einmal als trocken wahrnehmen.
Ein sehr trockener Raum wiederum verleitet mich eher dazu, den Hall, den ich erzeuge, als besonders künstlich wahrzunehmen, weil er nicht in die Situation passt, in der ich mich befinde.

Der Mix ist ein kreativer Vorgang.
Das bedeutet, dass ich eine Situation schaffe, die etwas Inspirierendes in sich birgt, damit diese Inspiration sozusagen den Treibstoff für alles Weitere liefert. Es ist nur natürlich, wenn der Raum, der ein Teil dieser inspiriendenden Grundsituation ist, mich positiv anregt. Der Raum, in dem ich arbeite, ist mein Freund, nicht mein Gegner.

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in eigener Sache:

weil es so schön ist, dieses Video.

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Über die begrenzte Rolle der Intuition bei der Komposition

Menschen, die nicht regelmäßig auf ihre eigene schöpferische Leistung angewiesen sind, neigen dazu, diesen Akt zu mystifizieren.

Das mag daran liegen, dass er im Verborgenen geschieht – gesehen wird meist nur das Ergebnis, in Form einer „Idee“. Es liegt mit Sicherheit auch daran, dass wir zwar alle die Fähigkeit haben, schöpferisch zu wirken, aber nicht alle dies auch oft tun.
Bei denjenigen, die wenig Übung darin haben, fühlt sich das dann so an wie eine Eingebung – da taucht in meinem Bewusstsein etwas auf, als sei es ohne mein Zutun entstanden.

Ich selbst habe so meine ersten Songs geschrieben: ich versuchte mich in eine Stimmung zu versetzen, die meine Kreativität beflügelt und habe dann gewissermaßen die Ideen „geerntet“, ohne eine Kontrolle darüber zu haben, ob Ideen kommen würden und welche.
Das hat in der Tat etwas Geheimnisvolles.
Aus dieser Erfahrung hatte sich bei mir schnell die Auffassung gebildet, dass es zweierlei Ideen gibt, die „inspirierten“ und die „konstruierten“ – erstere schienen mir weit überlegen. Ein nahe liegender Schluss, da doch das Konstruieren einer Tonfolge so viel handwerklicher aussieht als man die hehre Kunst gern sähe.
So ist es dann auch nicht weit zur Vermutung, dass die eigenen Ideen aus einem Gefühl heraus geboren werden (gut), die Ideen anderer Leute jedoch konstruiert seien (schlecht).

Heute ist mir klar, dass ich in diesem Punkt irrte.
Der Irrtum ist sicher darin begründet, dass ich die Rolle, die meine Intuition spielt, zwar wahrgenommen, aber falsch eingeschätzt hatte.

Ich sehe heute den Vorgang, der sich abgespielt hat, wann immer ich mich als Teenager ans Klavier gesetzt habe, in etwa so:
in Momenten, in denen es mir gelang, einen Zugang zu meinem Gefühl zu finden, war es mir möglich, Musik zu erfinden, die diesem Gefühl entsprach. Dabei spielte sich in mir ein komplexer Vorgang des Abwägens, Erinnerns und Urteilens ab, der weitgehend unbewusst geschah, wie es bei Intuition üblich ist. Bewusst war mir das Ergebnis dieser Arbeit: ein Gefühl dafür, wie der nächste Ton, der nächste Akkord klingen soll. Ich musste ihn dann nur auf dem Klavier finden.
Diesen inneren Entwurf des nächsten Akkords habe ich nun nicht erfunden, ich habe ihn irgendwo in meiner Erinnerung entdeckt und als meinem Gefühl entsprechend ausgewählt.

Entgegen meiner ursprünglichen Befürchtung, dass zu viel Wissen über das, was ich da tue meiner Inspiration abträglich sein könnte (es besteht ja die Gefahr der „Konstruiertheit“) habe ich mir inzwischen ein Basiswissen über Komposition angeeignet und festgestellt, dass die Intuition beim Finden von Ideen überhaupt nicht gebraucht wird.
Ich brauche die Intuition bei der Bewertung der Ideen.
So kann ich den kreativen Prozess in zwei Phasen aufteilen:

1) ich entwickle eine oder mehrere mögliche Lösungen für die gestellte Frage, etwa die nach dem nächsten Akkord. Das kann ich tun, indem ich auf eine Eingebung warte, der Harmonielehre folge, einen zufälligen Akkord anschlage oder meine Großmutter um Rat frage.
2) Ich entscheide, welche der in Frage kommenden Lösungen dem Gefühl entspricht, das ich anstrebe.

Dabei können Hindernisse auftreten. Ich kann beispielsweise in eine Situation geraten, in der mir nichts Passendes gelingt, weil ich zu wenige Möglichkeiten habe. Das ist eher selten.
Häufiger kann es vorkommen, dass ich so viele Optionen habe, dass es schwer fällt, sich für eine zu entscheiden.
Die häufigste Ursache für das Scheitern meiner Bemühungen wird aber sein, dass es mir nicht gelingt, das richtige Gefühl zu finden. Insofern sind wir am Ende der Betrachtung doch wieder beim Gefühl, aber mit einem wesentlichen Unterschied:
Das Gefühl bringt nicht die Idee hervor – es lässt mich aber die gute Idee erkennen.

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